Biographischer Snapshot
Wer spricht?
Andreas Bartels — Neurowissenschaftler an der Universität Tübingen, Leiter des Vision and Cognition Lab am Werner Reichardt Centre for Integrative Neuroscience (CIN). Promoviert hat er bei Semir Zeki am University College London zur Neurobiologie des Sehens. Berühmt wurde er als junger Forscher mit etwas, das gar nicht sein eigentliches Fach war: den ersten Hirnscan-Studien zur romantischen und mütterlichen Liebe (2000, 2004). Sein Lebensthema aber ist das visuelle System — wie das Gehirn Bewegung, Farbe und eine stabile Welt aus dem Strom der Netzhautbilder formt. Kernkonzepte: funktionelle Bildgebung (fMRT), neuronale Korrelate der Liebe, Bewegungssehen, visuelle Stabilität, natürliche Wahrnehmung.
Biografie
- Studium und Promotion in der Neurobiologie des Sehens am University College London (UCL), im Labor von Semir Zeki.
- Fellowship am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen.
- Heute Professor an der Universität Tübingen und Leiter des Vision and Cognition Lab am Werner Reichardt Centre for Integrative Neuroscience (CIN).
- Nationalität: Die englische Wikipedia führt ihn als Schweizer Neurowissenschaftler; gearbeitet und gelehrt hat er überwiegend in Großbritannien und Deutschland. (Geburtsjahr nicht zuverlässig belegt.)
Öffentliche Arbeit, Forschung & Engagement
Die Liebes-Studien (mit Semir Zeki, UCL) — die meistzitierten Arbeiten, obwohl visuelle Wahrnehmung sein eigentliches Feld ist:
- The Neural Basis of Romantic Love (Bartels & Zeki 2000), NeuroReport 11(17): 3829–3834 — doi:10.1097/00001756-200011270-00046. Der erste fMRT-Hirnscan-Versuch zur romantischen Liebe: Verliebte wurden beim Anblick des Partners gescannt.
- The neural correlates of maternal and romantic love (Bartels & Zeki 2004), NeuroImage 21(3): 1155–1166 — doi:10.1016/j.neuroimage.2003.11.003. Vergleich von romantischer und mütterlicher Liebe: überlappende Belohnungs- und Bindungsareale, dazu eine gemeinsame Deaktivierung von Regionen, die mit sozialem Urteil und negativen Emotionen verbunden sind.
Visuelle Neurowissenschaft (heutiger Schwerpunkt am Tübinger Lab):
- Bewegungssehen und die Integration von Bewegungssignalen.
- Wie das Gehirn aus instabilen Netzhautbildern eine stabile Wahrnehmung der Welt erzeugt (Augen- und Eigenbewegung herausrechnen).
- Funktionelle Bildgebung der visuellen Verarbeitung unter naturnahen Bedingungen, Farb- und Objektwahrnehmung, visuelles Arbeitsgedächtnis.
Profile: Vision and Cognition Lab, Universität Tübingen · Google Scholar · ResearchGate
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
(Keine prominenten Publikumsvorträge oder Interviews öffentlich auffindbar — Bartels ist Laborwissenschaftler, kein Bühnen-Erklärer. Die Liebes-Studien wurden seinerzeit breit in der Presse rezipiert, u.a. BBC News „How the brain registers love” (2000) und Forbes „The Science of Love” (2004).)
Kernthesen
- Liebe ist im Gehirn sichtbar — als Aktivierung umschriebener Belohnungs- und Bindungsareale, nicht als diffuses Ganzkörpergefühl.
- Romantische und mütterliche Liebe teilen ein neuronales Fundament — überlappende Belohnungsnetzwerke, dazu eine auffällige Deaktivierung kritisch-bewertender Hirnregionen. „Liebe macht blind” hat ein bildgebendes Korrelat.
- Das Gehirn ist kein passiver Kamerasensor: Wahrnehmung — besonders Bewegung und visuelle Stabilität — ist aktive Konstruktion, die Eigenbewegung und Erwartung einrechnet.
Wissenschaftliche Einordnung
Bartels gehört zur Tradition der funktionellen Bildgebung in der Nachfolge von Semir Zeki, der das Sehen in spezialisierte Verarbeitungszentren zerlegte. Die Liebes-Studien waren methodisch Pionierarbeit und medial ein Welterfolg — zugleich stehen frühe fMRT-Emotionsstudien heute unter dem Vorbehalt kleiner Stichproben und der allgemeinen Reproduzierbarkeitsdebatte der Neurobildgebung. Bartels’ anhaltender, weniger schlagzeilenträchtiger Beitrag liegt in der visuellen Neurowissenschaft: dem präzisen Studium, wie aus dem flüchtigen Reizstrom eine stabile, bewegte Welt wird.
Verbindungen zu anderen Denkern
(wird von Montaigne befüllt)









