Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Anja Dahlmann — Politikwissenschaftlerin und Rüstungskontrollexpertin am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH), wo sie das Berliner Büro des Transferprojekts Arms Control and Emerging Technologies leitet.

Ihr Feld ist die humanitäre Rüstungskontrolle an der vordersten technologischen Front: autonome Waffensysteme (LAWS) und militärische Anwendungen künstlicher Intelligenz. Zuvor leitete sie an der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) das International Panel on the Regulation of Autonomous Weapons (iPRAW) und beriet Bundestag und Bundesregierung. Sie verfolgt seit Jahren die internationalen Verhandlungen bei der UN-Waffenkonvention (CCW).

Kernkonzepte: menschliche Kontrolle über Waffengewalt, präventive Regulierung, feministische Rüstungskontrolle, die Hemmschwelle zum Krieg im Zeitalter der KI


Biografie

Anja Dahlmann studierte Politikwissenschaft mit dem Zusatz internationales und europäisches Recht an der Universität Göttingen (M.A. 2013). Ihre Doktorarbeit — betreut von Elvira Rosert — untersucht, wie im internationalen System überhaupt Normen für autonome Waffensysteme entstehen: der zähe, oft blockierte Prozess, mit dem die Staatengemeinschaft versucht, einer Technologie voraus zu sein, statt ihr hinterherzulaufen.

An der SWP leitete sie das Projekt iPRAW, ein internationales Expertengremium zur Regulierung autonomer Waffen. Seit Oktober 2021 ist sie am IFSH tätig und leitet dessen Berliner Büro. Sie berät regelmäßig Parlament und Regierung, tritt in den Medien (ZDF heute journal, Deutsche Welle) auf und begleitet die deutsche Debatte um bewaffnete Drohnen und das europäische Luftkampfsystem FCAS. Ihre Position ist die einer nüchternen Realistin: Ein umfassendes Verbot autonomer Waffen hält sie für Wunschdenken — deshalb konzentriert sie sich auf das durchsetzbar Wichtigste, die menschliche Kontrolle über die Entscheidung, Gewalt anzuwenden.


Publikationen & Studien

TitelJahrBeschreibung
Mind over Metal: Public Opinion on Autonomous Weapons in the US, Brazil, Germany, and China2026Vergleichende Studie zur öffentlichen Meinung über autonome Waffen (International Studies Quarterly)
Digital Battlefield: Concept, Technology and Prospects2024Kapitel im Research Handbook on Warfare and Artificial Intelligence (mit E. Hoffberger-Pippan)
Für eine gerechtere und friedlichere Welt: Warum Rüstungskontrolle konsequent feministisch sein muss2024IFSH Policy Brief 1/2024 (mit Sina Brauer)
Drones and Lethal Autonomous Weapon Systems2022Springer-Kapitel in Armament, Arms Control and Artificial Intelligence
Rüstungskontrolle in der Nationalen Sicherheitsstrategie2022IFSH Policy Brief 2/2022 (mit Ulrich Kühn)
Präventive Regulierung autonomer Waffensysteme2019SWP-Studie zur vorausschauenden Regulierung
Stellungnahme: Autonome Waffensysteme und menschliche Kontrolle2023Schriftliche Sachverständigen-Stellungnahme für den Bundestag

(Dahlmann publiziert wissenschaftlich und als Politikberaterin — keine Publikumsbücher, daher direkte Links statt Buchhandels-Suche.)


Empfehlenswerte Videos & Vorträge


Kernthesen

  • Ein Verbot autonomer Waffen ist unrealistisch — menschliche Kontrolle ist der erreichbare Hebel. Statt auf ein umfassendes LAWS-Verbot zu hoffen, das die Militärmächte blockieren, muss Regulierung sicherstellen, dass ein Mensch die Entscheidung über Leben und Tod trägt.
  • Präventive Regulierung schlägt nachträgliche Reue. Normen müssen entstehen, bevor eine Technologie flächendeckend eingesetzt wird — sonst schreibt die Praxis das Recht.
  • KI senkt die Hemmschwelle — technisch und psychologisch. Wenn Distanz, Geschwindigkeit und maschinelle Vermittlung wachsen, sinkt die gefühlte Verantwortung für den Gewaltakt. Das ist der Kern der Kriegs-Hemmschwellen-Frage.
  • Rüstungskontrolle muss feministisch gedacht werden. Wer Sicherheit definiert und wessen Verletzlichkeit zählt, ist keine neutrale, sondern eine machtdurchzogene Frage.
  • Der Mensch in der Schleife ist kein Feigenblatt. „Meaningful human control” verlangt mehr als einen Knopf — es braucht echte Verstehens- und Eingriffsmöglichkeit, nicht bloß nominelle Aufsicht.

Politische / ideologische Einordnung

Dahlmann argumentiert als wissenschaftliche Politikberaterin aus der Friedens- und Konfliktforschung — kein parteipolitisches Mandat, aber eine erkennbare normative Grundhaltung: humanitäre Rüstungskontrolle, Vorrang menschlicher Verantwortung vor technologischer Effizienz, feministische Sicherheitsperspektive. Zugleich betont sie die realpolitische Grenze des Machbaren und lehnt Verbotsromantik ab — eine Position zwischen ethischem Anspruch und diplomatischer Nüchternheit.


Verbindungen zu anderen Denkern


Cortex-Notes