Wer spricht?

Catrin Misselhorn (*1970 in Stuttgart) ist Philosophin und seit April 2019 Professorin an der Georg-August-Universität Göttingen. Sie gilt als Vordenkerin der Maschinen- und Roboterethik in Deutschland — die Disziplin, die fragt, ob und wie man Maschinen mit der Fähigkeit zu moralischem Entscheiden ausstatten kann und ob man es überhaupt sollte. Ihr philosophischer Grundansatz ist ein „gemäßigter Naturalismus”, der der Philosophie eigene Erkenntnisbereiche neben den Naturwissenschaften zuspricht; ihre Wurzeln liegen in Kants Erkenntnistheorie, der Wahrnehmungstheorie (Gareth Evans) und der Ästhetik.

Biografie

Aufgewachsen und geboren in Stuttgart, führte Misselhorns Weg zunächst tief in die klassische Philosophie: 2003 Promotion an der Universität Tübingen, 2010 dort die Habilitation als Assistentin am Lehrstuhl von Manfred Frank — einem der prägenden Vertreter der Frühromantik-Forschung und der Subjektivitätstheorie. Ihre frühen Arbeiten kreisen um Erkenntnistheorie, Wahrnehmung und Ästhetik, nicht um Technik.

Der Wendepunkt fällt in die Jahre 2007/2008. Als Feodor-Lynen-Stipendiatin der Alexander-von-Humboldt-Stiftung forscht sie am Center of Affective Sciences in Genf, am Collège de France und am Institut Jean Nicod für Kognitionswissenschaften in Paris. Dort entdeckt sie die Philosophie der Künstlichen Intelligenz und die Roboterethik als eigene Felder — und schlägt eine Brücke, die für ihr ganzes Werk charakteristisch bleibt: Sie überträgt ihre Arbeiten zur Ästhetik und zu Emotionen auf Maschinen. Ihre Deutung des „Uncanny Valley” (des unheimlichen Tals, in dem fast-menschliche Roboter Unbehagen auslösen) erklärt sie in Analogie zu unseren affektiven Reaktionen auf fiktive Personen im Film.

Von 2012 bis 2019 hält sie den Lehrstuhl für Wissenschaftstheorie und Technikphilosophie an der Universität Stuttgart, wo sie mehrere Drittmittelprojekte zur ethischen Bewertung von Assistenzsystemen in Pflege, Arbeitswelt und Bildung leitet. Seit April 2019 lehrt sie in Göttingen. 2024 wird sie ordentliches Mitglied der Niedersächsischen Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Zuvor forschte und lehrte sie unter anderem in Zürich, an der Humboldt-Universität Berlin und in Tübingen.

Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Grundfragen der Maschinenethik2018 (5. Aufl. 2019)Das Standardwerk zur jungen Disziplin an der Schnittstelle von Philosophie, Robotik und Informatik. Platz 3 der Sachbuch-Bestenliste von Deutschlandfunk Kultur / ZDF / ZEIT. Hier entwickelt sie ihre drei Grundsätze der Maschinenethik.
Künstliche Intelligenz und Empathie. Vom Leben mit Emotionserkennung, Sexrobotern & Co2021Die technischen und ethischen Aspekte emotionaler KI und sozialer Robotik — an Beispielen aus Pflege und Therapie. Kann man mit Robotern Freundschaft pflegen, sie lieben — und sollte man es?
Künstliche Intelligenz — das Ende der Kunst?2023Ob KI Kunst hervorbringen kann und was das für unseren Kunstbegriff bedeutet.

Wichtige Fachaufsätze: Empathy with Inanimate Objects and the Uncanny Valley (Minds and Machines, 2009, doi:10.1007/S11023-009-9158-2) · Artificial Morality. Concepts, Issues and Challenges (Society, 2018, doi:10.1007/s12115-018-0229-y) · Musil’s Metaphilosophical View (The Monist, 2014).

Empfehlenswerte Videos & Vorträge

Kernthesen

  1. Maschinenethik als eigene Disziplin. Weil Maschinen zunehmend Entscheidungen treffen, die uns moralisch betreffen (Pflegesysteme, autonomes Fahren, Kriegsroboter), muss neben der Artificial Intelligence eine Artificial Morality entwickelt werden. Die Frage ist doppelt: ob Maschinen moralisch handeln können — und ob sie es sollen.

  2. Drei Grundsätze für moralische Maschinen (und KI generell).

    • Künstliche Systeme sollen die Selbstbestimmung von Menschen fördern, nicht beeinträchtigen.
    • Sie sollen nicht über Leben und Tod von Menschen entscheiden — die klare Absage an autonome Waffensysteme.
    • Es muss sichergestellt sein, dass Menschen stets in einem substantiellen Sinn die Verantwortung übernehmen.
  3. Empathie ist eine moralische Quelle — auch gegenüber Robotern. Strukturanalog zu Kants Argument in der Tierethik entwickelt sie ein indirektes Argument: Weil menschenähnliche Roboter Empathie auslösen, ergeben sich moralische Einschränkungen unseres Verhaltens ihnen gegenüber — nicht um der Roboter willen, sondern weil unser Umgang mit ihnen auf uns zurückwirkt. Daraus folgt ihre Skepsis gegenüber humanoiden und androiden Robotern: Die moralpsychologischen Folgen werden zu wenig bedacht.

  4. Gemäßigter Naturalismus. Sie lehnt den Ausschließlichkeitsanspruch der Naturwissenschaften ab und spricht der Philosophie eigenständige Erkenntnisbereiche und -verfahren zu — hält aber daran fest, dass naturwissenschaftliche und technologische Entwicklungen für die philosophische Theoriebildung relevant sind. Ihre Theorie apriorischer Rechtfertigung als kontrafaktische Variation entfaltet sie im Anschluss an Kant.

  5. Ästhetische und literarische Erfahrung als Erkenntnisquelle. Kunst — besonders Literatur — ist für sie eine eigenständige Form begrifflicher Reflexion, die begriffliche Möglichkeiten jenseits unseres Standardgebrauchs auslotet. Robert Musil dient ihr als Kronzeuge einer Philosophie, die im Literarischen denkt.

Politische / ideologische Einordnung

Keine parteipolitische Verortung. Misselhorn argumentiert als akademische Ethikerin und Politikberaterin (u. a. Beiträge für die Konrad-Adenauer-Stiftung und Aus Politik und Zeitgeschichte). Ihre Haltung ist regulierungsfreundlich und technikkritisch im Sinne der Aufklärung: nicht technikfeindlich, aber nachdrücklich für menschliche Letztverantwortung, gegen autonome Tötungsentscheidungen und für eine reflektierte Grenzziehung beim Bau menschenähnlicher Maschinen.

Verbindungen zu anderen Denkern

Cortex-Notes