Wer spricht?

Gabriel Yoran (*1978, Frankfurt am Main) ist Unternehmer und Autor — ein seltener Doppelcharakter: In Philosophie promoviert (bei Graham Harman, dem Kopf der objektorientierten Ontologie) und zugleich Mitgründer mehrerer Digitalfirmen, darunter der Verschlüsselungsanbieter Steganos und die Steady-Plattform für unabhängige Kreative. Mit Die Verkrempelung der Welt (Suhrkamp, 2025) — einem Spiegel-Bestseller — hat er dem alltäglichen Verdruss einen Begriff gegeben: der Beobachtung, dass viele Dinge des Alltags nicht besser, sondern schlechter und komplizierter werden, während man sie als Fortschritt verkauft. Yoran verbindet das kühle Auge des Gründers, der Produkte von innen kennt, mit dem des Ontologen, der fragt, was ein Ding im Kern eigentlich sein soll.

Biografie

  • Beruf: Autor, Unternehmer, Unternehmensberater
  • Geboren: 1978 in Frankfurt am Main; lebt in Berlin
  • Ausbildung:
    • M.A. in Communications (Dipl.-Kommunikationswirt / Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation) an der Universität der Künste Berlin
    • Ph.D. in Philosophie (summa cum laude) an der European Graduate School (EGS) — Doktorvater: Graham Harman, Begründer der objektorientierten Ontologie (Spekulativer Realismus)
  • Unternehmer: Erste Firma mit achtzehn gegründet; über 25 Jahre Unternehmertum. Mitgründer von:
    • Steady — Plattform zur Unterstützung unabhängiger Kreativer (Paid-Content / Mitglieder-Finanzierung)
    • Steganos — Software zum Schutz sensibler Daten / Verschlüsselung
    • aka-aki — mobiles soziales Netzwerk, um Menschen in der Nähe zu entdecken (mehrfach ausgezeichnet: Webby, Lead Award Silver)
  • Beratung: Innovationsprojekte u.a. mit Roche, der BVG, Volkswagen, UBS, Wikimedia; Startup-Evaluation im Auftrag der Europäischen Kommission
  • Auszeichnungen: Grimme Online Award (Krautreporter, „Schleichwege zur Klassik”), WAN-IFRA European Digital Media Award (Finalist, für Steady), Webby People’s Choice (aka-aki)

Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Die Verkrempelung der Welt2025Sein Hauptwerk (Suhrkamp, Spiegel-Bestseller). Warum werden Alltagsdinge nicht besser, sondern schlechter? Yoran seziert „Krempel” — Produkte, die in wesentlichen Hinsichten schlechter sind als ihre Vorgänger, aber als Fortschritt vermarktet werden. Er sucht nach Ursachen und nach Kriterien für die Legitimität von Bedürfnissen.
Schleichwege zur Klassik2024Insel Verlag. Zugänge zur klassischen Musik ohne Bildungshürde — hervorgegangen aus seiner preisgekrönten Krautreporter-Kolumne.
Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach Dressing draus2022Krautreporter. Essayistische Alltagsbetrachtungen rund um Essen und Genuss.
The Interfact: On Structure and Compatibility in Object-Oriented Ontology2021Open Humanities Press (Open Access). Sein philosophisches Hauptwerk: eine Weiterentwicklung und Kritik der objektorientierten Ontologie (OOO). Yoran fragt, ob OOO Objekte zu sehr als in sich abgeschlossene Einheiten behandelt, und betont, wie Objekte einander stützen — eingebunden in ein Gewebe aus „fourfolds” und Bauteil-Verbund-Relationen.
Warum heißt es Traum und nicht Memoryschaum2021Frohmann Verlag, mit Illustrationen von Christoph Rauscher. Sprachspiel / Aphoristisches.
Klassik verstehen2020Krautreporter.

Auslandsausgaben der Verkrempelung erscheinen 2026 auf Italienisch (Che fastidio!, LUISS University Press) und Niederländisch (Atlas Contact).

Kolumnen (Krautreporter): Die Verkrempelung der Welt (2024) · Die bessere Frage (2022–2023) · Gönn dir! (2020–2022) · Klassik verstehen / Schleichwege zur Klassik (2018–2020).

Fachbeiträge zur Philosophie: „Applied Metaphysics — Objects in Object-Oriented Ontology and Object-Oriented Programming” (Interface Critique Journal, 2018); „Interface kaputt — Cyborgism and Object-Oriented Philosophy” (in: Interface Critique, Kadmos, 2014). Freier Autor u.a. für Zeit Online, Merkur und taz.

Empfehlenswerte Videos & Vorträge

Kernthesen

  • Verkrempelung. Dinge des Alltags werden nicht kontinuierlich besser — viele werden in wesentlichen Hinsichten schlechter, unnötig kompliziert und dennoch als Innovation verkauft. „Krempel” ist die Signatur dieses Rückschritts.
  • Scheininnovation statt Fortschritt. Wo früher ein Knopfdruck genügte (Kaffeemaschine, Waschmaschine, Fernseher), stehen heute App-Zwang, Nutzerkonten, Updates und Abos. Der Zugewinn an Funktion ist oft ein Verlust an Nutzbarkeit — Komplexität wird zur Ware.
  • Kriterien für legitime Bedürfnisse. Yoran belässt es nicht bei der Klage, sondern sucht nach einem Maßstab: Welche Bedürfnisse sind echt, welche werden erst durch Produkte erzeugt? Wann ist ein Ding gut — im Sinne dessen, wozu es da ist?
  • Der ontologische Blick auf Dinge. Aus seiner Philosophie (objektorientierte Ontologie) kommt die Grundfrage: Was ist ein Gegenstand, unabhängig davon, wie er uns gerade verkauft wird? Dinge stehen in Beziehungen, stützen einander — ihre Qualität misst sich an dieser Einbindung, nicht am Marketing.

Politische / ideologische Einordnung

Yoran ist kein Parteipolitiker, sondern Konsum- und Technikkritiker aus unternehmerischer Innensicht — seine Kritik zielt auf Wachstums- und Innovationsrhetorik, auf Plattform- und Abo-Ökonomie und auf einen Kapitalismus, der Komplexität und Verschleiß zu Geschäftsmodellen macht. Bemerkenswert unideologisch: Er argumentiert weniger aus antikapitalistischem Reflex als aus dem präzisen Blick eines Gründers, der die Mechaniken kennt. Anschlussfähig an Degrowth-, Reparatur- und Nachhaltigkeitsdebatten, ohne sich einem Lager zuzuordnen.

Verbindungen zu anderen Denkern

(wird von Montaigne befüllt)

Gedankenwelten-Notes