GedankenraumJulia Kloiber — DenkerVita
Wer baut die KI, und für wen? Julia Kloiber vom SUPERRR Lab macht die unsichtbare Arbeit hinter den Modellen sichtbar und streitet für eine feministische Technik.
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Risograph-Druck — Kräftige übereinandergedruckte Sonderfarben, körnige Textur: vielfältige Hände bauen gemeinsam aus modularen Code-Blöcken und Netzknoten eine offene digitale Zukunft, eine sprießende Pflanze zwischen Leiterbahnen, feministische Civic-Tech-Symbole. Der Riso-Stil trägt Kloibers Anliegen — die Strukturen zu ändern, wer Technik bauen darf.
Prompt: Risograph print style, bold overprinted spot colours, grainy texture, 1200x500 wide banner. Diverse hands together building an open digital future from modular code blocks and network nodes, a sprouting plant among circuit lines, feminist civic-tech symbols; changing who gets to build technology. Riso pink, blue, yellow overprint, cream paper, playful hopeful. No photorealism, no realistic faces.
Biographischer Snapshot
Julia Kloiber (geb. 1985, Deutschland) ist eine der einflussreichsten Aktivistinnen für digitale Gerechtigkeit und feministische Technologie-Politiken im deutschsprachigen Raum. Sie hat mit der Mozilla Foundation, der Open Knowledge Foundation und Ashoka zusammengearbeitet und ist Mitgründerin des Prototype Fund und Code for Germany. Seit 2019 leitet sie das SUPERRR Lab, das radikal diverse und inklusive digitale Zukünfte erforscht und gestaltet. Ihr zentraler Ansatz: Digitale Systeme werden nicht von irgendjemand gebaut — sie werden von spezifischen Menschen mit spezifischen Machtinteressen gestaltet. Technologie ist immer Politikgestaltung.
Biografie
Julia Kloiber ist eine Architektin des Widerstands gegen die technokratische Normalität. Ihre Karriere zeichnet sich durch einen klaren Bogen aus: von der Erkenntnis, dass offene Technologie ein Bürgerprivileg ist, zur radikalen Frage: Für wen wird Technologie gebaut?
Frühe Phase (2010er): Kloiber arbeitete mit der Mozilla Foundation — damals noch im Aufbruch der Open-Web-Bewegung — und dem Prototype Fund. Sie erkannte, dass es nicht genug ist, quelloffene Software zu bauen: Man muss Strukturen ändern, die entscheiden, wer überhaupt Software bauen darf und kann. Der Prototype Fund war ihre Antwort — ein Funding-Programm, das nicht Start-up-Gründer bevorzugt, sondern Civic Tech für Vereine, Aktivist:innen, Künstler:innen zugänglich macht.
Code for Germany (2014, co-founded) war die nächste Schicht: Dezentrale Hack-Gruppen in deutschen Städten, die für Bürger:innen und Verwaltungen arbeiten. Nicht aus Profitmotiv, sondern aus politischer Notwendigkeit.
Wendepunkt: SUPERRR Lab (2019–heute): Die Gründung von SUPERRR mit Elisa Lindinger markiert einen Paradigmenwechsel. Der Name ist Programm: Redundanz, Wiederholung, Rückhalt (Rrrr = Verlagerung auf Fehlertoleranz). Das Lab arbeitet nicht mit Technologie-Versprechen, sondern dekonstruiert die Mythen, die um KI und Digitalisierung gesponnen werden.
Aktuelle Phase (2024–2026): Ihre großen Projekte untersuchen die unsichtbare Arbeit hinter KI: In "KI: Macht, Mythen, Missverständnisse" (Bibliotheken, Berlin, 2025–2026) werden die Lügen offengelegt, auf denen KI-Narratives gebaut sind. Mit Joan Kinyua (Data Labeler Association Kenya) beleuchtet sie, was es kostet, wenn eine KI-Trainerin in Nairobi für wenig Geld Labels erstellt, damit ein Modell in San Francisco als „intelligent" gilt.
Sie publiziert regelmäßig in der MIT Technology Review Germany und berät Regierungen, Stiftungen und NGOs in digitalen Strategien — immer mit dem gleichen Kern: Technologie ist nicht neutral. Technologie ist Machtverhältnisse.
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| SUPERRR Lab Reports — feminstische Technologie-Analysen | 2019–2026 | Systematische Dekonstruktion von KI-, Daten- und Plattform-Mythen; kostenlos auf superrr.net |
| KI: Macht, Mythen, Missverständnisse — Begleitbuch zur Ausstellung | 2025–2026 | Partizipative Bibliotheks-Intervention in Berlin; Workshops, Vorträge, Essays zu AI Power Dynamics |
Kolumnen & Essays:
- MIT Technology Review Germany (monatliche Kolumne seit ~2020): "Die KI-Illusion", "Digitalisierung der Arbeit", "Sagt die Apokalypse ab"
- FAZ Feuilleton, Die Zeit, Wired, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung
- Ding Magazine — Editor-in-Chief 2019
Genialokal-Suche für weitere Veröffentlichungen: Julia Kloiber auf genialokal.de
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Inside AI's Human Assembly Line — re:publica 26, Mai 2026 — Live mit Joan Kinyua: Wer ist wirklich der „Arbeiter" in KI-Systemen? Data Labeling, Exploitation, Invisibility
- Feminist Tech Principles — Keynote — Wie eine feministische Perspektive Technologie-Entwicklung grundlegend umgestaltet
- Content Moderation: Exploitation as a Service — re:publica 2023 — Warum die Moderation von Instagram/Facebook/YouTube menschliche Ausbeutung ist
- Reclaiming Data Cities: Fighting for the Future We Really Want — Wie Städte ihre Datenhoheit zurückerobern
- Request for Optimism — Keynote Impakt Festival, Utrecht — Spekulative Philosophie über technologische Zukünfte, die noch möglich sind
Vollständige Vortragsliste: juliakloiber.com/talks
Kernthesen
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Technologie ist immer Politikgestaltung — es gibt keinen "neutralen" Code. Jede Designentscheidung, jede Algorithmusweise, jede API bevorzugt bestimmte Menschen und marginalisiert andere. Wer diese Entscheidungen trifft, entscheidet über zukünftige Machtverhältnisse.
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KI wird von unsichtbaren Menschen gebaut — und die Mythen um "KI-Intelligenz" verschleiern diese Arbeit. Ein "intelligentes" Sprachmodell ist in Wahrheit Tausende von Stunden Data-Labeling durch schlecht bezahlte Menschen (oft Frauen aus Global South). Ohne deren Arbeit = keine KI.
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Die Trennung von "Nutzung" und "Entwicklung" von Technologie ist politisch. Es geht nicht um bessere User Experience — es geht darum, wer bei der Gestaltung sitzt. Civic Tech, feministische Tech-Partizipation und dezentrale Strukturen sind nicht Niche, sondern demokratische Notwendigkeit.
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Feminist Tech ist nicht "Tech für Frauen" — es ist eine ganz andere Art zu bauen. Feminist principles bedeuten: Zugänglichkeit, Inklusivität, Nachhaltigkeit, Transparenz über Code hinaus. Es bedeutet, dass Technologie für Zerbrechlichkeit gebaut wird, nicht nur für Effizienz.
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Diversity ohne strukturelle Veränderung ist Greenwashing. Mehr Frauen in Tech ist gut — aber ohne Power-Redistribution bleibt die Technologie patriarchal geprägt. SUPERRR arbeitet nicht auf "mehr Frauen bei Google", sondern auf andere Technologie-Strukturen insgesamt.
Politische Einordnung
Kloiber spricht aus einer klaren feministisch-kritischen Position: Sie ist nicht gegen Technologie, sondern gegen die Lügen, mit denen Technologie als "objektiv", "neutral" oder "fortschrittsgerecht" verkauft wird.
Ihre Kritik speist sich aus:
- Klassischem Feminismus (Sichtbarkeit, Anerkennung von Care-Arbeit, Machtanalyse)
- Radikaler Kritischer Theorie (Adorno/Horkheimer Kulturindustrie, Marx'sche Ausbeutungslogik in der KI-Lieferkette)
- Postkolonialer Perspektive (Datenkolonialismus, Global-South-Unsichtbarkeit in Tech)
Sie ist nicht "gegen KI" oder "gegen Technologie" — sie ist für eine Technologie, die ganz andere Menschen einbezieht beim Bauen.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Joan Kinyua — DenkerVita — Die engste Verbindung: Mit der Datenarbeiterin aus Nairobi stand Kloiber auf der re:publica 26 und im Fachgespräch des Bundestags. Kloiber erklärt die Kette der Subunternehmer, Kinyua erzählt, was es heißt, darin achtzehn Stunden am Tag zu arbeiten; erst zusammen bekommt die gemachte Unsichtbarkeit ein Gesicht.
- Francesca Bria — DenkerVita — Bria kartiert die Machtarchitektur der Tech-Konzerne von oben, Kloiber zeigt, wen die Subunternehmerkette unten trifft. Für beide entscheidet die politische Architektur über die Technik, und Brias Daten-Commons in der demokratischen Stadt liegen nahe bei Kloibers Vortrag über die Rückeroberung der Datenstädte.
- Yanis Varoufakis — DenkerVita — Varoufakis nennt die Erträge der Plattformherren Cloud-Rente. Die Datenarbeiterinnen in Kenia, die für rund zwanzig Dollar die Woche Daten beschriften, sind die Stelle, an der dieser Tribut ganz unten eingesammelt wird; Kloiber liefert die Lieferkette zu seiner Theorie.
- Rainer Mühlhoff (Note, keine DenkerVita) — Mühlhoffs Kolonialismus-These, Extraktion ohne Ausgleich von Süd nach Nord, ist der theoretische Rahmen zu dem, was Kloiber mit Zahlen belegt: 150 bis 430 Millionen Datenarbeiter als Rohstoffbasis der KI.
- Achille Mbembe — DenkerVita — Mbembe beschreibt, wie koloniale Logiken in neue Technik wandern. Kloibers re:publica-Vortrag begann mit dem Beleg: Dem kenianischen Datenarbeiter Ephantus Kanyugi wurde das Visum verweigert; seine Arbeit ist in Europa willkommen, seine Stimme nicht.
- Dietmar Dath — DenkerVita — Dath nennt die KI ein „Massengrab der Arbeit", dessen Namen niemand kennt. Kloibers Arbeit ist die Antwort darauf: Die Unsichtbarkeit ist gemacht, also lässt sie sich rückgängig machen, und die Datenarbeiterinnen in Nairobi treten mit Namen auf. Daths Pessimismus wird dadurch kleiner, widerlegt ist er nicht.
- Pascal Kaufmann — DenkerVita — Die Gegenstimme von derselben re:publica: Für Kaufmann ist KI eine normale Technologie, „wie ein Mixer oder ein Hammer", und der EU AI Act der Versuch von Staaten, ein Rennen zu bremsen, das sie nicht gewinnen können. Für Kloiber ist kein Code neutral, und auf ihrem Podium wurde gefordert, den AI Act nicht zugunsten der Konzerne abzuschwächen; dass die Regulierung ihr Ziel verfehlt, sehen beide, aus entgegengesetzten Richtungen.
Gedankenwelten-Notes
Weiterdenken
- Wenn Technologie immer Politikgestaltung ist — wer hat das Recht, Technologie zu gestalten? Und wie unterscheidet sich das davon, wer es de facto tut?
- Kloiber sagt, dass Data-Labeler:innen die „unsichtbaren Arbeiter" von KI sind. Aber ist diese Unsichtbarkeit ein Fehler im System oder eine Absicht? Wenn sichtbar würde, dass jede ChatGPT-Antwort auf Ausbeutung basiert — würde sich etwas ändern?
- Sie fordert „feministische Technologie" — aber bedeutet das, dass alle Technologie-Entscheidungen vom dem feministischen Standpunkt aus getroffen werden müssen? Braucht gute Technologie mehrere Perspektiven, nicht nur eine?
- Was ist das radikalste Szenario einer „gerechten" digitalen Zukunft, die technisch möglich, aber politisch unmöglich ist?
- Können Strukturen wie SUPERRR Lab an der Macht-Asymmetrie etwas ändern, oder sind sie strukturell dazu verdammt, die Exceptions zu bleiben?
Im Bestand
acht gedachte Verweise