Wer spricht?
Katrin Eigendorf (1. Juli 1962 in Tönisvorst) ist ZDF-Sonderkorrespondentin für Krisenregionen und eine der wenigen deutschen Journalistinnen, die Russland aus seiner Gründungsphase kennen: Moskau 1993–1996 in der Jelzin-Ära und im Ersten Tschetschenienkrieg, Moskau erneut 2015–2018 während des Donbass-Krieges. Danach Afghanistan 2021, die Ukraine seit dem ersten Kriegstag, Israel seit Oktober 2023. Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis 2021, Grimme-Preis 2022, zweimal Journalistin des Jahres. Ihre Bücher — Putins Krieg (2022), Erzählen, was ist (2026) — führen dieselbe Linie fort wie ihre Reportagen: der Krieg vom Menschen her erzählt, nicht von der Frontlinie.
Biografie
Geboren am 1. Juli 1962 als Katrin Schut in Tönisvorst am Niederrhein, Abitur in Krefeld. Sie studierte Journalistik in Dortmund und ging dafür ans Institut français de presse nach Paris — eine frühe Entscheidung für das Ausland als Arbeitsplatz, nicht als Ausflug. Nach dem Volontariat beim WDR arbeitete sie im ARD-Studio Paris und bei den tagesthemen.
Moskau, 1993. Als RTL-Korrespondentin kommt sie in ein Land, das gerade auseinanderfällt und sich neu sortiert: Jelzins Russland, die entstehende Oligarchie, der Erste Tschetschenienkrieg. Aus diesen Jahren stammt ihr erstes Russland-Buch, gemeinsam mit ihrem Mann geschrieben — ein Porträt der neuen Wirtschaftselite, noch bevor klar war, wer von ihnen überleben würde. Diese drei Jahre sind der Grund, warum sie heute über Russland nicht als Beobachterin von außen spricht, sondern als jemand, die das System aus seiner Gründungsphase kennt.
Ab 1999 beim ZDF in Mainz, außenpolitische Reporterin mit den Schwerpunkten Russland, Kaukasus und Nahost. Ab 2001 moderiert sie das auslandsjournal extra und berichtet aus Georgien, Israel, Ägypten, der Türkei, dem Irak, dem Libanon, aus Afghanistan.
Moskau, zum zweiten Mal (2015–2018). Diesmal als ZDF-Korrespondentin, in einem Russland, das nach der Krim-Annexion bereits Krieg im Donbass führt und im Innern zumacht. Sie berichtet über einen Krieg, den Europa damals noch als regionale Störung behandelt.
Afghanistan, 2021. Ihre Reportagen über die Rückkehr der Taliban und über Frauen, die in Untergrundschulen weiterunterrichten, bringen ihr im selben Jahr den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis und ein Jahr später den Grimme-Preis ein. Die Jury lobt „authentische Empathie für die Opfer eines historischen Versagens” — eine Formulierung, an der sich bis heute die Debatte über ihren Journalismus entzündet.
Ukraine, ab dem 24. Februar 2022. Sie berichtet monatelang aus den Kriegsgebieten, begleitet Bataillone im Donbass, führt Exklusiv-Interviews mit Selenskyjs Berater Podoljak und mit Armeechef Syrskyj. 2022 wird sie zum zweiten Mal in Folge „Journalistin des Jahres”. Nach dem 7. Oktober 2023 berichtet sie aus Israel. Seit Oktober 2023 ist sie Internationale Sonderkorrespondentin des ZDF — eine Position, die eigens ihrem Arbeitsprofil folgt: dort sein, wo entschieden wird.
Privat trägt sie eine Erfahrung, die in ihrer Arbeit selten ausgesprochen wird und trotzdem hörbar ist: Ihr Sohn Philip Julius kam schwerbehindert zur Welt und starb mit 17 Jahren an einer Stoffwechselerkrankung. Mit ihrem Mann Jörg Eigendorf gründete sie in seinem Namen den Philip-Julius-Verein für schwerbehinderte Kinder und ihre Familien. Ihre Tochter Alexandra ist als Popsängerin Aly Ryan bekannt.
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Erzählen, was ist | 2026 | Ihr persönlichstes Buch: Gespräche mit den Taliban, Nächte an der ukrainischen Front, die Lehrerinnen der afghanischen Untergrundschulen — und die Frage, was dreißig Jahre Kriegsberichterstattung mit einem Menschen machen. Zugleich ein Plädoyer für einen Journalismus, der Nähe zulässt. |
| Putins Krieg — Wie die Menschen in der Ukraine für unsere Freiheit kämpfen | 2022 | SPIEGEL-Bestseller. Reportagen aus den ersten Kriegsmonaten, verbunden mit ihrer These, dass der Angriff auf die Ukraine ein Angriff auf die europäische Ordnung ist. |
| Die Macher von Moskau — Aufstieg und Macht der neuen Business-Elite Rußlands | 1994 | Mit Jörg Eigendorf, erschienen unter ihrem Geburtsnamen Katrin Schut. Frühporträt der postsowjetischen Wirtschaftselite — geschrieben, bevor der Begriff „Oligarch” seine heutige Bedeutung hatte. |
(Frühwerk: zwei Reisebücher unter dem Namen Katrin Schut — Bretagne, 1992, und 3 x Paris, 1999.)
Über sie: Rita Kohlmaier, Kriegsreporterinnen. Im Einsatz für Wahrheit und Frieden (Elisabeth Sandmann Verlag, 2022) — Porträtkapitel, S. 18–25.
Auszeichnungen
- 2021 Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis (Hauptpreis) — für „kenntnisreiche, ruhige Analysen live am Ort des Geschehens”
- 2021 & 2022 Journalistin des Jahres (medium magazin) — zweimal in Folge
- 2022 Grimme-Preis (besondere journalistische Leistung) — Reportagen zur Lage der Frauen in Afghanistan
- 2022 Deutscher Fernsehpreis, Kategorie „Beste persönliche Leistung Information”
- 2022 Robert-Geisendörfer-Preis (Sonderpreis der Jury), Werner-Holzer-Preis, Winfried-Preis der Stadt Fulda, Lübcke-Demokratie-Preis
- 2023 Augsburger Friedenspreis · Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien (Medienstiftung der Sparkasse Leipzig) · Martini-Preis
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Katrin Eigendorf über Israel, Ukraine und ihr Leben als Krisenreporterin — langes Interview (2026), das am nächsten an ihr Selbstverständnis heranführt: warum sie Nähe für eine Methode hält und nicht für einen Fehler
- Ukrainischer Armee-Chef Syrskyj im Exklusiv-Interview — auslandsjournal, Dezember 2025; eines der wenigen ausführlichen Gespräche mit dem Oberbefehlshaber
- Drohnen-Krieg: Ukrainische Soldaten geben seltene Einblicke — auslandsjournal frontlines, Reportage aus dem Donbass; zeigt ihre Arbeitsweise: mitgehen, nicht überfliegen
- Interview mit Selenskyj-Berater Mychajlo Podoljak — Kyjiw, September 2022
- Zwei Monate im Bunker — Anna Zaitseva und Katrin Eigendorf — maischberger; Gespräch mit einer Überlebenden aus dem Asowstal-Werk in Mariupol
- Mit Roderich Kiesewetter bei maischberger — Studio-Diskussion, gut geeignet, um ihre Position im deutschen Debattenraum zu verorten
- WDR 5 Tischgespräch mit Lothar Lenz — Oktober 2022, biografisches Radiogespräch (Audio)
Kernthesen
- Krieg lässt sich nur aus der Nähe erzählen. Aus der Distanz entsteht Lagebild, nicht Wirklichkeit. Wer wissen will, was ein Krieg ist, muss dort stehen, wo er stattfindet — und aushalten, dass einen das verletzbar macht.
- Empathie ist ein Erkenntnisinstrument, keine Parteinahme. Sie widerspricht der populären Lesart der Friedrichs-Maxime („sich mit keiner Sache gemein machen”) als Gebot zur Kühle. Mitgefühl ist für sie die Bedingung dafür, überhaupt zu verstehen, was man beschreibt — die Prüfung der Fakten bleibt davon unberührt.
- Der Krieg gegen die Ukraine ist ein Krieg gegen die europäische Ordnung. Die Ukraine kämpft stellvertretend; wer das für Rhetorik hält, hat den hybriden Teil des Krieges — Sabotage, Desinformation, Drohnen über europäischen Flughäfen — noch nicht als denselben Krieg erkannt.
- Putins Außenpolitik erklärt sich aus seiner Innenlage. Verluste, Kriegswirtschaft, Repression, das Zahlenwerk hinter der Fassade — der Druck, unter dem er handelt, entsteht im eigenen Land, nicht an der Front. Wer nur auf die Landkarte schaut, verpasst die Bewegung.
- Die Menschen zuerst, nicht die Frontlinie. Ihr wiederkehrendes Motiv über Afghanistan, den Libanon, Israel und die Ukraine hinweg: denen eine Stimme geben, die sonst nur als Zahl in einem Bericht vorkommen — besonders Frauen unter autoritären Regimen.
Politische / ideologische Einordnung
Eigendorf ist parteipolitisch ungebunden — ihre Preise kommen aus dem gesamten demokratischen Spektrum (Landesregierung Hessen, evangelische Kirche, SPD-Kreisverband, Medienstiftungen). Im Kern steht sie liberal-westlich: Sie hält die Ukraine für angegriffen, Russland für den Angreifer, und sie sagt das ohne rhetorische Absicherung.
Ihre Stärke ist zugleich ihre Bindung. Die Feldnähe verschafft ihr, was keine Analyse aus der Ferne hat: Erstzeugenschaft, Namen, Gesichter, dreißig Jahre Russland-Kenntnis aus zwei Moskauer Amtszeiten. Dieselbe Nähe legt aber auch fest, wo sie steht. Wer bei den Angegriffenen ist, sieht deren Wirklichkeit scharf und die Innensicht der anderen Seite nur vermittelt. Ein Buchtitel wie „Wie die Menschen in der Ukraine für unsere Freiheit kämpfen” ist keine Beobachtung, sondern eine These — sie kann richtig sein, aber sie ist bereits ein Urteil und muss als solches gelesen werden.
Kritik trifft sie entsprechend von zwei Seiten: aus dem verhandlungsorientierten Lager als zu eindeutig, aus dem Reinheitsgebot des Objektivitätsjournalismus als zu nah dran. Ihre Antwort auf beides ist dieselbe: Ausgewogenheit heißt nicht Symmetrie zwischen Angreifer und Angegriffenem, und Distanz zum Leid ist keine Neutralität, sondern nur eine andere Entscheidung. Man muss ihr darin nicht folgen — aber sie legt die Entscheidung offen, statt sie hinter einem neutralen Ton zu verbergen. Das ist der ehrlichere Umgang mit einer Position, die ohnehin niemand vermeiden kann.
Die zweiten Moskauer Jahre (2015–2018) und die frühe Arbeit über die russische Wirtschaftselite mildern die Perspektivbindung merklich: Sie kennt das System von innen und beschreibt Russland selten als Monolith, sondern als Gefüge aus Interessen, Angst und Ökonomie. Aufheben lässt sich die Bindung dadurch nicht — und sie behauptet das auch nicht.
Verbindungen zu anderen Denkern
(wird von Montaigne befüllt)












