Markus Reisner

Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Oberst des Generalstabs Dr. Markus Reisner (1978, Neunkirchen/Niederösterreich) — Militäranalyst, Historiker und Drohnenkrieg-Experte. Leiter des Instituts für Offiziersgrundausbildung an der Theresianischen Militärakademie, Wiener Neustadt (seit März 2024).

Zwei Doktorate: Dr. phil. (Geschichte, Uni Wien — Luftkrieg über Österreich 1943–45) und PhD (Rechtswiss., Uni Wien — bewaffnete Drohnen, Prüfer: Manfred Nowak). Neun Jahre beim Jagdkommando (Spezialkräfte), sechs Auslandseinsätze: Bosnien, Kosovo, Afghanistan, Tschad, Zentralafrikanische Republik, Mali. 2022 Special Award „Militär des Jahres”.

Seit 2022 einer der gefragtesten Militärexperten im deutschsprachigen Fernsehen (ntv, ZDF, ORF, Welt). Forschungsschwerpunkte: unbemannte Waffensysteme, Drohnenkrieg, asymmetrische Konflikte, Militärgeschichte.

Wichtigste Werke: Robotic Wars (2018), Die taktische Drohne (2022), Defense against Drones (2024) Kernkonzepte: Drohnentechnologie als Paradigmenwechsel, Asymmetrie moderner Kriegsführung, Lehren aus Afghanistan


Biografie

Markus Reisner wächst im niederösterreichischen Neunkirchen auf — rund dreißig Kilometer von jener Theresianischen Militärakademie entfernt, die später sein berufliches Zentrum wird. 1997, mit neunzehn, tritt er ins Österreichische Bundesheer ein. Die Ausbildung an der Militärakademie Wiener Neustadt (1998–2002) legt das Fundament, doch die prägende Phase beginnt danach: Nach einem Zwischenstopp beim Aufklärungsbataillon in Salzburg wechselt Reisner 2004 zum Jagdkommando — der Spezialkräfteeinheit des Bundesheers.

Neun Jahre beim Jagdkommando, sechs Auslandseinsätze. Bosnien und Kosovo als Nachkriegsstabilisierung. Afghanistan als Schlüsselerfahrung — hier erlebt Reisner aus erster Hand, was asymmetrische Kriegsführung bedeutet: ein technologisch überlegener Westen, der gegen Gegner kämpft, die mit improvisierten Sprengsätzen, Drohnen und Guerillataktik die Spielregeln verändern. Tschad, Zentralafrikanische Republik und Mali komplettieren das Bild eines Offiziers, der Konfliktzonen nicht vom Schreibtisch aus kennt.

Der akademische Parallelweg unterscheidet Reisner von den meisten Militäranalysten. Während der aktiven Dienstzeit promoviert er zweimal an der Universität Wien: Zunächst in Geschichte mit einer Arbeit über den alliierten Luftkrieg über Österreich 1943–45 — ein Thema, das direkt in seine Heimatstadt Wiener Neustadt führt, die als Rüstungsstandort 54 Mal bombardiert wurde. Die zweite Dissertation, in Rechtswissenschaften, widmet sich der juristischen und ethischen Dimension bewaffneter Drohnen. Prüfer ist der renommierte Menschenrechtler Manfred Nowak.

2014–2016: Der Generalstabslehrgang katapultiert Reisner in die strategische Ebene. Er wird Generalstabsoffizier — die höchste militärische Qualifikation, die das Bundesheer vergibt. 2019 führt er als Kontingentkommandant die österreichischen Kräfte in Mali. 2022–2024 kommandiert er die historische Garde in Wien, bevor er im März 2024 die Leitung des Instituts für Offiziersgrundausbildung übernimmt.

Der Wendepunkt 2022: Russlands Einmarsch in die Ukraine am 24. Februar 2022 macht Reisner schlagartig zum gefragtesten Militärexperten im deutschsprachigen Raum. Was ihn von anderen TV-Kommentatoren abhebt: Er kombiniert akademische Tiefe (zwei Doktorate), Kampferfahrung (sechs Einsätze) und die Fähigkeit, komplexe militärische Sachverhalte allgemeinverständlich zu erklären — ohne in Alarmismus oder Verharmlosung zu verfallen. ntv, ZDF, ORF und Welt buchen ihn als ständigen Analysten. Im selben Jahr erhält er den Special Award „Militär des Jahres”.

Parallel vernetzt sich Reisner international: Clausewitz Netzwerk für Strategische Studien (CNSS), International Institute for Strategic Studies (IISS London), Harvard Kennedy School, University of Leeds. Seit 2011 lehrt er an der FH Wiener Neustadt.


Bücher & Publikationen

  • Bomben auf Wiener Neustadt — Luftkrieg 1943–45 (2006, erweiterte Neuauflage 2014) — genialokal
  • Unter Rommels Kommando (2017, mit Hans Höller) — genialokal
  • Robotic Wars — Legitimität und Akzeptanz bewaffneter Drohnen (2018, Geleitwort: Herfried Münkler) — genialokal
  • Die Schlacht um Wien 1945 (2020) — genialokal
  • Die taktische Drohne — Unbemannte Systeme in der modernen Kriegsführung (2022, mit Christian Väth) — genialokal
  • Defense against Drones (2024, englisch, mit Nagy & Väth) — genialokal

Empfehlenswerte Videos & Vorträge


Kernthesen

  1. Die Drohne als Paradigmenwechsel: Unbemannte Systeme verändern die Kriegsführung fundamental — nicht als Ergänzung, sondern als eigenständiges Kampfmittel. Billige FPV-Drohnen für wenige hundert Euro können gepanzerte Fahrzeuge zerstören, die Millionen kosten. Das verschiebt das Kosten-Nutzen-Kalkül der Kriegsführung grundlegend.

  2. Asymmetrie als Normalfall: Konventionelle Streitkräfte sind auf symmetrische Konflikte (Panzer gegen Panzer) optimiert, doch die Realität moderner Kriege ist asymmetrisch. Afghanistan, die Ukraine und der Nahe Osten zeigen: Technologische Überlegenheit allein gewinnt keine Kriege. Anpassungsfähigkeit und taktische Innovation auf niedrigen Ebenen entscheiden.

  3. Afghanistan als ungelernter Lehrsatz: Der Westen hat in Afghanistan zwanzig Jahre gekämpft, ohne die grundlegenden Fehler asymmetrischer Kriegsführung zu verstehen. Die gleichen Muster wiederholen sich: Unterschätzung lokaler Akteure, Überschätzung technologischer Lösungen, fehlende politische Strategie.

  4. Drohnenabwehr als kritische Lücke: Während die Offensivfähigkeiten mit Drohnen exponentiell wachsen, hinkt die Abwehr hinterher. Die Kosten-Asymmetrie ist dramatisch: Eine 200€-Drohne mit einer Millionen-Euro-Rakete abzuschießen ist ökonomisch nicht tragbar. Neue Abwehrkonzepte (elektronische Kriegsführung, gerichtete Energie, Schwarm-Abwehr) sind existenziell.

  5. Die Straße von Hormus als neuralgischer Punkt: Rund ein Drittel des globalen Seetransports an Öl passiert die nur 34 Seemeilen breite Meerenge. Ein militärischer Konflikt dort hätte Auswirkungen, die weit über den Nahen Osten hinausreichen — Reisner warnt vor der „fragilen Stabilität” der globalen Versorgungsinfrastruktur.


Politische Einordnung

Reisner positioniert sich als analytisch-neutraler Militärexperte, der bewusst keine parteipolitischen Präferenzen erkennen lässt. Er argumentiert sicherheitspolitisch und pragmatisch: Europas Streitkräfte sind unterfinanziert, die Abhängigkeit von US-Sicherheitsgarantien ist riskant, konventionelle Verteidigungsfähigkeit muss wiederhergestellt werden. Das ist kein bellizistisches Programm, sondern nüchterner Realismus eines Praktikers, der Krisengebiete aus eigener Erfahrung kennt.

In der Drohnen-Debatte nimmt er eine differenzierte Position ein: Drohnen sind weder per se unethisch noch automatisch präziser als konventionelle Waffen — sie unterliegen denselben rechtlichen Schranken des humanitären Völkerrechts. Seine zweite Dissertation (bei Manfred Nowak) zeigt, dass er die juristische Dimension ernst nimmt.


Verbindungen zu anderen Denkern

  • Torsten Heinrich — Beide analysieren den Ukraine-Krieg aus militärischer Perspektive, allerdings aus unterschiedlichen Positionen: Reisner als aktiver Generalstabsoffizier mit institutionellem Blick, Heinrich als freier YouTuber mit populärwissenschaftlichem Ansatz. Beide betonen die Bedeutung von Drohnentechnologie.
  • Herfried Münkler — Der Berliner Politikwissenschaftler schrieb das Geleitwort zu Robotic Wars (2018). Münkler als Theoretiker der „neuen Kriege” und Reisner als Praktiker der asymmetrischen Kriegsführung ergänzen sich konzeptuell: Was Münkler abstrakt beschreibt (Entstaatlichung, Privatisierung, Asymmetrie), hat Reisner im Feld erlebt.
  • Nico Lange — Sicherheitsexperte und ehem. Leiter des Münchner Sicherheitskonferenz-Teams. Beide analysieren den Ukraine-Konflikt regelmäßig im deutschen Fernsehen. Lange fokussiert auf die politisch-strategische Ebene, Reisner auf die taktisch-operative.
  • Ruben Mawick — dieselbe Front von oben (Oberst, Aufklärung) und von innen (Sanitäter): Reisners Drohnenkrieg-Analyse trifft Mawicks gelebte Erfahrung des „abgeschafften Hinterlands“.

Gedankenwelten-Notes