Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Robert Musil (1880–1942), österreichischer Schriftsteller und Essayist — einer der großen Unvollendeten der Moderne. Ausgebildeter Maschinenbauingenieur, promovierter Ernst-Mach-Kenner, Erfinder eines nach ihm benannten Farbkreisels — und Autor zweier Romane, die den Riss zwischen Wissenschaft und Seele um 1900 vermessen: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß (1906) und das lebenslange Fragment Der Mann ohne Eigenschaften. Vom NS-Regime verboten, im Genfer Exil verarmt gestorben, erst posthum zum Weltautor erhoben.

Biografie

Musil kommt 1880 in Klagenfurt zur Welt, einziger Sohn eines Maschinenbauprofessors — die Welt der Technik, der Präzision, des Ingenieurdenkens ist ihm die erste Muttersprache. Sie prägt ihn ein Leben lang; sie wird ihm nie genügen.

Der biografische Kern, der die neue Denker-Note trägt: Von 1892 bis 1897 durchläuft Musil zwei Militär-Internate — die Militär-Unterrealschule in Eisenstadt und die Militär-Oberrealschule im mährischen Mährisch-Weißkirchen (heute Hranice). Ein „typisches Militärinternat”, schreibt die Biografik: eine geschlossene Anstalt, in der pensionierte Feldwebel die Zöglinge drillten und in der sich die Jungen vor allem untereinander unter Druck setzten — die Älteren gegen die Jüngeren, alle gegen den Außenseiter. Genau diese Erfahrungen — die Grausamkeit hinter der Ordnung, die Lust an der Erniedrigung, die moralische Haltlosigkeit heranwachsender Jungen — verarbeitet Musil ein Jahrzehnt später im Törleß. Die Kadettenanstalt ist die Vorlage.

Die Offizierslaufbahn bricht er nach einem Vierteljahr an der Technischen Militärakademie in Wien ab und studiert stattdessen Maschinenbau in Brünn, wo der Vater Rektor ist. 1901 legt er die zweite Ingenieurprüfung mit Auszeichnung ab. Doch Nietzsche, Emerson und Maeterlinck ziehen ihn fort von der reinen Technik: Musil holt das Abitur mit Griechisch und Latein nach und geht nach Berlin, um Philosophie und die neue Experimentalpsychologie zu studieren — bei Carl Stumpf, an dessen Institut auch die späteren Gestaltpsychologen Koffka und Köhler zu seinen Kommilitonen zählen. Prägend wird die Lektüre Ernst Machs, für den Physik und Psychologie zusammengehörten. 1908 wird Musil bei Stumpf mit einer Arbeit Beitrag zur Beurteilung der Lehren Machs promoviert — parallel entwickelt er den Musilschen Farbkreisel, ein bis heute nach ihm benanntes psychophysisches Gerät. Eine sichere akademische Laufbahn (Assistenz in Graz, Habilitation) schlägt er aus — zugunsten der ungesicherten Existenz als Schriftsteller.

1906 erscheint Die Verwirrungen des Zöglings Törleß und wird, auch dank der Fürsprache des Kritikers Alfred Kerr, ein Achtungserfolg. Die folgenden Werke — der Novellenband Vereinigungen (1911), die Erzählungen — finden weniger Widerhall. Am Ersten Weltkrieg nimmt Musil als Offizier an der Dolomiten- und Isonzofront teil. In den zwanziger Jahren beginnt das Werk, das sein Leben verschlingt: Der Mann ohne Eigenschaften, Band I 1930, Band II 1932 — und dann kein Ende. Musil ringt jahrelang um jede Fortsetzung, gequält von Schreibhemmungen, materieller Not und Zweifeln; private Mäzene halten ihn über eigens gegründete „Musil-Gesellschaften” über Wasser. „Zu intelligent für einen Dichter” soll es geheißen haben, als die Preußische Akademie ihn 1932 ablehnte.

Mit der NS-Herrschaft bricht auch das Wenige weg: Musils Nachlaß zu Lebzeiten wird vom Reichsführer SS verboten, seine Frau Martha ist Jüdin. Nach dem „Anschluss” Österreichs 1938 fliehen die Musils ins Schweizer Exil, über Zürich nach Chêne-Bougeries bei Genf. Sie leben in bitterer Armut, Musil kämpft „mit einer Flut von Bittbriefen” gegen das Verschwinden — als Schriftsteller nahezu vergessen. Am 15. April 1942 stirbt er in Genf an einem ischämischen Schlaganfall, mitten in der Arbeit am unvollendeten Roman. Nur acht Menschen kommen zur Trauerfeier.

Der Nachruhm setzt erst in den fünfziger Jahren ein: Adolf Frisés Werkausgabe ab 1952 macht Musil zugänglich, die Forschung entdeckt im Mann ohne Eigenschaften einen der Schlüsselromane der Moderne, gleichrangig neben Proust, Joyce und Kafka. Seither reißen die Werkdeutungen nicht ab — der zu Lebzeiten Verarmte gilt heute als Weltautor.

Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Die Verwirrungen des Zöglings Törleß1906Der Debütroman: Ein Internatszögling erlebt zwischen Mathematik, Sadismus und seelischer Verwirrung, dass die Welt zwei Sprachen spricht — die klare der Vernunft und eine „zweite, geheime”. Vorlage: Musils eigene Kadettenzeit.
Vereinigungen1911Zwei Novellen (Die Vollendung der Liebe, Die Versuchung der stillen Veronika) — extreme Innenraum-Prosa, minutiöse Analyse seelischer Grenzzustände.
Drei Frauen1924Novellenband (Grigia, Die Portugiesin, Tonka) — Musils zugänglichste, bildstärkste Prosa, von der Kritik als vollkommene Vereinigung von Bild- und Erzählebene gerühmt.
Nachlaß zu Lebzeiten1936Sammlung kleiner Prosastücke und Feuilletons (darunter Das Fliegenpapier, Die Amsel) — ironischer Titel über den Dichter, der sich „schon zu Lebzeiten überlebt” hat.
Der Mann ohne Eigenschaften1930–1943Das unvollendete Hauptwerk: Ulrich, der „Mann ohne Eigenschaften”, treibt durch das untergehende Habsburgerreich „Kakanien”. Ein Roman als Denklabor über Möglichkeit, Wirklichkeit und den „anderen Zustand”.

(Buchlinks: genialokal.de — regionaler Buchhandel statt Großkonzern)

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Kernthesen

  • Möglichkeitssinn vs. Wirklichkeitssinn. Musils berühmteste Denkfigur: Neben dem „Wirklichkeitssinn”, der nimmt was ist, steht der Möglichkeitssinn — die Fähigkeit, alles Bestehende auch anders zu denken. „Wenn es Wirklichkeitssinn gibt, muss es auch Möglichkeitssinn geben.” Wirklichkeit ist nur einer von unendlich vielen möglichen Zuständen; der Mensch könnte immer auch ein anderer sein.
  • Präzision UND Seele. Musils Lebensprogramm ist die Einheit dessen, was seine Zeit trennte: naturwissenschaftliche Exaktheit und mystische Innerlichkeit. Kein Werk der Moderne „beharrt so nachdrücklich auf der Einheit von Geistes- und Naturwissenschaften”. Der Ingenieur und der Mystiker sind bei ihm dieselbe Person.
  • Der „andere Zustand”. Ein zentrales Motiv: jener außeralltägliche, ekstatisch-kontemplative Bewusstseinszustand, in dem die Grenze zwischen Ich und Welt durchlässig wird — ein weltliches Erbe der Mystik, das Musil ohne Religion denken will.
  • Sprachskepsis und die Unbeschreibbarkeit des Inneren. Wie die Wiener Moderne um 1900 zweifelt Musil, ob Sprache das Seelische überhaupt fassen kann. Im Törleß erlebt der Held, dass die Dinge ein „zweites, geheimes Leben” führen, für das es keine Worte gibt — die klare Sprache der Vernunft greift ins Leere.
  • Der Mensch als gestaltlos und formbar. Der „Mann ohne Eigenschaften” ist kein Mangel, sondern eine Diagnose: Der moderne Mensch hat kein festes Wesen mehr, er wird „erst im Verband zu etwas Festem”. Diese Formbarkeit ist Freiheit und Gefahr zugleich — Musil sieht in ihr die psychologische Voraussetzung sowohl der Selbstgestaltung als auch des Kollektivismus, der seine Zeit erfasst.

Politische Einordnung

Musil war ein Anti-Ideologe — er schloss sich keiner Bewegung an und misstraute jeder Indienstnahme der Kultur durch die Politik. Auf dem Pariser Schriftstellerkongress 1935 enttäuschte er die mehrheitlich der Volksfront zugewandten Kollegen mit einer Absage an jede politische Vereinnahmung der Kunst — „sei es von Seiten des Staates, der Klasse, der Nation, der Rasse oder des Christentums”. Als literarischer Chronist verstand er sich als Beobachter des Zerfalls „Kakaniens” (des k.u.k.-Reichs), dessen inneren Widerspruch der Mann ohne Eigenschaften seziert. Vom Nationalsozialismus wurde er verboten; seine späte Rede Über die Dummheit (1937) zielte offen auf Politik und Faschismus. Sein Beharren auf Wahrheitsliebe, Freiheit und dem „persönlichen Selbst” gegen den aufkommenden Kollektivismus macht ihn zu einer unbequemen, unparteiischen Stimme der Zwischenkriegszeit.

Verbindungen zu anderen Denkern

(wird von Montaigne ergänzt — hier nur die offensichtlichen)

  • Ernst Mach — Musils Dissertationsgegenstand; Machs Einheit von Physik und Psychologie, die Auflösung des festen Ich, wird zum philosophischen Fundament des ganzen Werks.
  • Friedrich Nietzsche — früher, prägender Einfluss; die Umwertung fester Werte, der Mensch als Aufgabe statt Wesen.
  • Maurice Maeterlinck — neben Emerson wichtiger Anreger der jungen Jahre; Mystik und das Unsagbare hinter der Alltagssprache.

Cortex-Notes