Biografie
Ronnie Vuine ist Gründer und Geschäftsführer der micropsi industries GmbH in Berlin — einem Softwarehaus, das Industrierobotern beibringt, sich an dem zu orientieren, was sie sehen und fühlen, statt an einer einprogrammierten Bahn. Das Impressum der Firma weist ihn im Jahr 2026 als alleinigen Vertreter aus; Sitz ist die Lise-Meitner-Straße 39–41 in Berlin-Moabit, Handelsregister Berlin HRB 161886 B.
Ausgebildet ist er als Informatiker und Philosoph — die Firma beschreibt ihn selbst als „a philosopher and computer scientist by training”. Der Ort, an dem beides zusammenkam, war die Humboldt-Universität zu Berlin Anfang der 2000er Jahre. Vuine über den eigenen Ursprung:
„Micropsi Industries comes out of a group that got interested in cognitive architectures in the early 2000s at Humboldt University in Berlin. We started to work on a framework for deploying software agents in dynamic environments called ‚Micropsi’ back then. When Deep Learning enabled us to move out of toy environments with that framework in the mid-2010s, I said: Let’s do it properly, let’s create a company.” — AiThority-Interview, 2019
Das ist der eigentliche Wendepunkt, und er ist kein Bruch, sondern eine Fortsetzung mit anderen Mitteln. Die Gruppe an der Humboldt-Universität arbeitete an MicroPsi, der kognitiven Architektur von Joscha Bach — einem Versuch, Wahrnehmung, Motivation und Emotion in einem Modell zusammenzuhalten, statt Intelligenz auf Symbolverarbeitung zu verkürzen. Vuine war daran von Anfang an beteiligt (siehe Publikationen unten). Ein Vorläuferprojekt trug den Namen Artificial Emotion Project (AEP); Vuine ist Erstautor des zugehörigen Handbuchs von 2003.
Was dann geschah, ist die interessante Bewegung: Statt das große Ziel — eine allgemeine kognitive Architektur — weiterzuverfolgen, nahm Vuine 2014 den kleinsten Teil davon, der in der Welt tatsächlich funktionierte, und baute eine Firma darum. Aus der Frage „wie entsteht ein Geist?” wurde die Frage „wie greift ein Arm zuverlässig in ein Loch, das nie ganz an derselben Stelle ist?“. Kein Abstieg vom Anspruch, sondern seine Erdung: Die Hand-Auge-Koordination, die Micropsi verkauft, ist genau die Schicht kognitiver Architektur, die man nicht simulieren kann, ohne dass echte Materie widerspricht.
Persönliche Notiz: Seine private Website vuine.de besteht aus einem einzigen Satz — „ronnie vuine — you will find me if you want me in the garden.”
Micropsi Industries
Gegründet 2014 in Berlin, benannt nach Bachs Architektur. Produkt ist MIRAI: ein Steuerungs-Aufsatz, der bestehende Industrieroboter (Universal Robots, ABB, später KUKA und FANUC) um sensorgetriebene Bewegung erweitert. Neuronale Netze treffen 15–30 Entscheidungen pro Sekunde aus Kamera- und Kraftsensordaten. Trainiert wird nicht programmiert: Ein Mensch führt den Roboterarm wiederholt am Handgelenk durch die Aufgabe, das System verallgemeinert daraus.
Vuines eigene Formulierung dafür ist bemerkenswert unmystisch:
„MIRAI skills aren’t programs, they are more like collected intuitions on how a good movement looks. We humans don’t execute a sequence of explicit, discrete, named movement commands when we screw in a light bulb. We know how it looks and feels to do it, moment to moment.” — The Robot Report, 2018
| Gegründet | 2014, Berlin |
| Series A | 6,08 Mio. USD (Okt. 2018) — Gesamtfinanzierung damals 9 Mio. USD über sechs Runden, 15 Mitarbeitende |
| Series B | 30 Mio. USD (14.02.2022) — Co-Lead: Metaplanet, VSquared, Ahren Innovation Capital; Bestandsinvestoren: Project A Ventures, M Ventures |
| Dokumentierte Kunden | Siemens Energy, ZF Group, BSH (Bosch Siemens Hausgeräte) |
| Partner | ABB, NVIDIA, OnRobot, Universal Robots, KUKA, FANUC, Fraunhofer IFF |
| Auszeichnungen | Vision Systems Design Innovators Award 2024; Product of the Year, The Assembly Show |
Die Schleife über San Francisco
Zwei öffentlich dokumentierte Schritte, die zusammen eine Geschichte ergeben:
- 14.12.2023 — Micropsi beruft Gary Jackson zum CEO, einen US-B2B-Software-Manager (zuvor Drishti, Vantive, Ounce Labs). Vuine tritt als Gründer zurück und bleibt „responsible for the product”.
- 25.09.2024 — Micropsi wird eine US-Firma: Muttergesellschaft ist ab sofort Micropsi Industries USA, Inc. mit Sitz in San Francisco (300 Brannan St.), die deutsche Gesellschaft wird Tochter und behält Forschung und Entwicklung.
Das Impressum von 2026 zeigt die Bewegung zurück: Die Berliner GmbH wird wieder durch Vuine selbst vertreten. Seine Begründung im Everlast-AI-Interview (Juli 2026) — Break-Even statt weiterer VC-Runde, Verkleinerung, das US-Büro zu teuer — ist bislang nur durch seine eigene Aussage belegt, passt aber lückenlos zur dokumentierten Chronologie.
Öffentliche Arbeit, Essays & Vorträge
Wissenschaftliche Publikationen (mit Joscha Bach)
| Titel | Jahr | Ko-Autoren | DOI |
|---|---|---|---|
| The Artificial Emotion Project Handbook Rev. 0.5b | 2003 | Vuine (Erstautor), Bach | — |
| Designing Agents with MicroPsi Node Nets | 2003 | Bach, Vuine | 10.1007/978-3-540-39451-8_13 |
| The AEP Toolkit for Agent Design and Simulation | 2003 | Bach, Vuine | 10.1007/978-3-540-39869-1_4 |
| MicroPsi: Contributions to a Broad Architecture of Cognition | 2007 | Bach, Bauer, Vuine | 10.1007/978-3-540-69912-5_2 |
| The MicroPsi Architecture for Cognitive Agents | 2019 | Bach, Vuine | 10.4324/9781315782362-73 |
Kanäle & Firma
- micropsi-industries.com — Firma, Produkt, Blog
- vuine.de — private Seite (ein Satz)
- LinkedIn — Micropsi Industries führt Teamprofile dort
Interviews (Text)
- AiThority Interview Series with Ronnie Vuine (2019) — Ursprung an der Humboldt-Universität, Skepsis gegen „AI in everything”, Dateneigentum
- Q&A: Micropsi Industries CEO Ronnie Vuine (The Robot Report, 2018) — technische Grundlagen von MIRAI, „collected intuitions”
Nicht auffindbar: der Essay „Do Not Align" (2023)
Vuine nennt im Everlast-AI-Interview einen eigenen Text mit diesem Titel, eine Kritik an der Alignment-Debatte. Gesucht wurde auf micropsi-industries.com/blog, Substack, Medium, LessWrong, vuine.de und über mehrere Suchmaschinen — ohne Treffer. Entweder steht der Text hinter einer Plattform, die sich nicht durchsuchen lässt (LinkedIn-Artikel, geschlossene Liste), oder er trägt öffentlich einen anderen Titel. Der Inhalt ist hier bewusst nicht zusammengefasst, weil er nicht geprüft werden konnte.
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Robotiker packt aus: Optimus wird KRACHEND scheitern — Everlast AI mit Leonard Schmedding, 14.07.2026. Das ausführlichste deutschsprachige Gespräch: Humanoide, Imitation Learning, AI Safety, Europa.
- AGI-14 MicroPsi Tutorial by Joscha Bach and Ronnie Vuine — die kognitive Architektur, von beiden gemeinsam erklärt. Der beste Beleg für das gemeinsame Werk.
- RONNIE VUINE — Micropsi Industries: AI for industrial robots — Rise of AI Conference 2019, Berlin.
- Ronnie Vuine — Automatisierung mit Robotern (DE) — kurze deutschsprachige Einführung in den Ansatz.
- Meet Ronnie Vuine, Founder and CEO of Micropsi Industries — German Accelerator, Class of Winter 2018. Frühe Selbstdarstellung.
- German Thought Leaders on AI — micropsi industries — appliedAI Initiative.
- Industrial robot software: Interview with CEO of Micropsi — Robotics and Automation News.
Kernthesen
- Roboter lernen durch Vormachen, nicht durch Programmieren. Eine Fähigkeit ist kein Programm, sondern eine gesammelte Intuition darüber, wie eine gute Bewegung aussieht. Wer eine Glühbirne eindreht, führt keine benannte Befehlsfolge aus.
- Die harte Frage ist nicht das Lernen aus Daten, sondern das Lernen aus der unaufgeräumten Wirklichkeit — aus der Umgebung, in der das System später arbeiten muss, nicht aus einem von Forschern kuratierten Datensatz. So formuliert es auch die Firma über sich selbst.
- KI ist Statistik im Abendkleid. „It’s just statistics in a fancy gown. You still need a statistician who knows the math.” Und: Man solle niemandem trauen, der behauptet, neuronale Netze funktionierten wie das menschliche Gehirn.
- Teile und herrsche statt Allzweck-Roboter. MIRAI ist ausdrücklich nicht fürs Schlussfolgern oder für große Entscheidungen gebaut. Sensorbasiert nur dort, wo es fummelig wird — der Rest bleibt klassische Punkt-zu-Punkt-Steuerung. Diese Bescheidenheit im Anspruch ist die Grundlage seiner Skepsis gegenüber Humanoiden.
- Benutzbarkeit entscheidet über Verbreitung, nicht Fähigkeit. Auch gute Ingenieure greifen zur einfacheren Alternative, sobald sie dieselbe Zuverlässigkeit liefert.
- Dateneigentum wandert zurück zu den Datenerzeugern. Er erwartet, dass Machine-Learning-Ergebnisse künftig gegen Datenzugang getauscht werden — statt in zentralen Datenbanken der Internetkonzerne zu liegen.
Politische / weltanschauliche Einordnung
Vorsicht ist geboten: Vuine ist ein Praktiker, kein Kommentator, und dokumentiert sich politisch kaum.
Was sich belegen lässt, ist eine durchgehende Entzauberungs-Haltung gegenüber dem KI-Diskurs — von 2019 („weder Wundermittel noch magische Blackbox”, „traut niemandem, der sagt, neuronale Netze arbeiten wie das Gehirn”) bis zu seiner Skepsis gegenüber humanoiden Robotern 2026. Er argumentiert konsequent von der Maschine her, die in einer Fabrik steht, gegen die Erzählung, die auf der Bühne verkauft wird. Dieselbe Haltung erklärt seine Kritik an der Alignment-Debatte, auch wenn der Text dazu nicht auffindbar ist.
Was sich nicht belegen lässt und darum offenbleibt: seine Aussagen zu Klima, zu Europa und zu der These, „der Westen traut sich nicht”, stammen bislang ausschließlich aus dem Everlast-AI-Gespräch vom Juli 2026 und stehen unwidersprochen ohne zweite Quelle. Sie gehören in die Note, nicht in eine Einordnung, die Beständigkeit behauptet.
Wirtschaftlich lässt sich der Rückzug aus San Francisco als Positionierung lesen: eine europäische Deep-Tech-Firma, die den Weg über amerikanisches Wagniskapital geht, ihn wieder verlässt und Profitabilität dem Wachstum vorzieht. Ob das Überzeugung oder Notwendigkeit war, entscheidet die Quellenlage nicht.
Verbindungen zu anderen Denkern
(wird von Montaigne befüllt)












