Wer spricht?
Sebastian Gießmann (Universität Siegen) — Medienwissenschaftler und Kulturhistoriker der Infrastrukturen. Leitet die Forschergruppe „Geschichte und Ethnografie kooperativer Medienpraktiken” im SFB 1187 „Media of Cooperation”. Sein Zugang: Zahlungssysteme sind keine technischen Selbstläufer, sondern Ergebnis historischer Kämpfe um Standards, Macht und Ausschluss. 2026 erschien sein Kreditkarten-Buch, das die Geschichte digitaler Zahlungsinfrastrukturen von der EC-Karte bis zum digitalen Euro erzählt — inklusive des Kapitels „Der Ring Europas um die Zahlungssysteme”.
Biografie
Sebastian Gießmann verbindet Mediengeschichte, Kulturanthropologie und Infrastrukturforschung. Er studierte und promovierte in diesem Grenzfeld — seine Dissertation Die Verbundenheit der Dinge (2014) ist ein Grundlagenwerk zur Netzwerkgeschichte. Er habilitierte sich und lehrt als außerplanmäßiger Professor an der Universität Siegen.
Sein prägender intellektueller Zug: Er schaut auf Dinge, die als technisch gelten, und fragt nach ihrer kulturellen Geschichte. Kreditkarten sind für ihn keine banalen Zahlungsmittel — sie sind geronnene Entscheidungen über Kooperation, Standards, Ein- und Ausschluss. Das Kreditkarten-Buch (2026) erzählt diese Geschichte von der Eurocart über Mastercard bis zum digitalen Euro.
Der SFB 1187 „Media of Cooperation” ist sein institutionelles Zuhause: Wie kooperieren Menschen über Medien und Infrastrukturen? Diese Frage stellt er nicht nur theoretisch, sondern ethnografisch und historisch — was ist tatsächlich passiert, wer hat sich wie mit wem arrangiert?
Bücher & Publikationen
- Das Kreditkarten-Buch bei genialokal — Geschichte und Theorie des digitalen Bezahlens (2026)
- Die Verbundenheit der Dinge bei genialokal — Kulturgeschichte der Netze und Netzwerke (2014)
- CAIS-Report: Geschichte und Theorie des digitalen Bezahlens — Forschungsreport (2023–2025)
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- re:publica 26 — Digitale Unabhängigkeit & monetäre Souveränität — mit Petra Gehring, Mai 2026
- re:publica 23 — Keynote zum Future of Digital Payment — Auftakt der “Serie” mit Gehring
- Podcast Digitalgespräch (ZEVEDI/CWD) — mit Petra Gehring
Kernthesen
- Kulturgeschichte statt Technik-Determinismus — Zahlungssysteme sind nicht unvermeidbar, sondern Ergebnis historischer Kämpfe. Europa hätte andere Wege gehen können — und hat sie zeitweise gegangen.
- Materielle Standards als politisches Medium — Magnetstreifen, Chips, Protokolle: Das sind Entscheidungen, die Machtverhältnisse einschleifen. Wer Standards setzt, definiert Abhängigkeiten.
- Der Mastercard-Coup als Lehrstück — Die Übernahme der Eurocart 2003 zeigt: Souveränität muss nicht nur aufgebaut, sondern auch politisch geschützt werden. Marktmacht allein reicht nicht.
- Kooperation als alternatives Modell — Zahlungssysteme können kooperativ organisiert sein (Eurocart-Ursprungsmodell, GnuTaler) — das ist historisch belegt, kein Utopismus.
- Partizipationsarmer Prozess als Demokratieproblem — Der digitale Euro wird ohne gemeinsame europäische Öffentlichkeit verhandelt. Wissen über Geld ist zu wenig verteilt, um demokratische Kontrolle zu ermöglichen.
Verbindungen zu anderen Denkern
[Montaigne folgt]












