Wer spricht?

Susanne Weigelin-Schwiedrzik (8. September 1955, Bonn) — Sinologin und Japanologin, chinesischer Name Wèi Gélín (魏格林). Studierte in Bonn, Peking und Bochum, war 1975–77 als eine der ersten westdeutschen Studentinnen im China der späten Kulturrevolution. Professorin für Moderne Sinologie in Heidelberg (1989–2002), für Sinologie an der Universität Wien (2002–2020), dort 2011–2015 Vizerektorin für Forschung. Ihr Fach ist die chinesische Geschichtsschreibung — wie ein Staat seine eigene Vergangenheit schreibt und umschreibt. Von dort aus liest sie die Gegenwart: Sie argumentiert als Realistin für eine „Balance of Power” und sieht Europa als den versteckten Akteur im Dreieck China–USA–Russland. Weder China-Falkin noch China-Bewunderin: Sie hält Peking für rational und begrenzt — und gleichzeitig für ökonomisch schwächer und innenpolitisch instabiler, als der Westen glaubt.


Biografie

Sie kam 1955 in Bonn zur Welt, als viertes Kind des Augenarztes Erich Weigelin. Ihr Weg nach China begann früh und unter ungewöhnlichen Umständen: 1973 nahm sie in Bonn das Studium der Sinologie, Japanologie und Politikwissenschaft auf — und ging 1975, mitten in den letzten Jahren der Kulturrevolution, für zwei Jahre nach Peking. Chinesische Sprache an der Universität für Sprache und Kultur, Philosophie an der Universität Peking. Wer damals dort war, hat den Bruch von 1976 — Maos Tod, das Ende der Kulturrevolution, den Beginn der Reform-Ära — nicht aus Büchern, sondern aus dem Alltag erlebt. Diese Erfahrung liegt unter ihrer ganzen späteren Arbeit.

Zurück in Deutschland setzte sie das Studium in Bonn fort und wechselte 1978 an die Ruhr-Universität Bochum — chinesische Geschichte, Sprache und Literatur, Politikwissenschaft. 1982 Promotion in Bochum über die Parteigeschichtsschreibung der VR China, danach sieben Jahre als Hochschulassistentin an der Fakultät für Ostasienwissenschaften. 1988 habilitierte sie sich mit einer Arbeit Zur Methodologie der Historiographie in der VR China — die Frage, wie in China Geschichte hergestellt wird, ist damit zweimal ihr Qualifikationsthema gewesen.

1989 wurde sie Professorin für Moderne Sinologie in Heidelberg, 2002 wechselte sie an das Institut für Ostasienwissenschaften der Universität Wien, wo sie bis 2020 lehrte. Von 2011 bis 2015 war sie Vizerektorin für Forschung und Nachwuchsförderung der Universität Wien; sie war außerdem Dekanin der Fakultät für Philologisch-Kulturwissenschaftliche Studien. Seit 2012 ist sie korrespondierendes Mitglied der philosophisch-historischen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Ihre Forschungsschwerpunkte: chinesische Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts, ostasiatische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, der chinesische Diskurs über die Große Hungersnot und die Kulturrevolution — also über die eigenen Katastrophen —, dazu Staat-Gesellschaft- und Zentrum-Peripherie-Verhältnisse in Feldern wie öffentlicher Gesundheit, Minderheitenpolitik, Urbanisierung und Umwelt. Seit dem Ruhestand äußert sie sich verstärkt öffentlich zu chinesischer Außen- und Innenpolitik und ist im deutschsprachigen Raum eine der meistgefragten China-Stimmen.

Sie ist mit dem Dramaturgen und Publizisten Wolfgang M. Schwiedrzik verheiratet und hat drei Söhne.


Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Parteigeschichtsschreibung in der VR China1984Dissertation: Typen, Methoden, Themen und Funktionen der Parteihistoriografie — wie die KPCh ihre eigene Vergangenheit verwaltet
„Shi” und „Lun”. Studien zur Methodologie der Historiographie in der VR China1988Habilitationsschrift (unveröffentlicht) — das Verhältnis von Faktum (shi) und Deutung (lun) in chinesischer Geschichtsschreibung
Die Brücke. Chinesisch für schnelles Lese-Verständnis (mit Li Zhenyi)1994Lehrwerk, erschienen in Peking
Ländliche Unternehmen in der Volksrepublik China (Hrsg. mit Dagmar Hauff)1999Sammelband zur ländlichen Industrialisierung
Broken Narratives. Post-Cold War History and Identity in Europe and East Asia2014Wie Europa und Ostasien nach 1989 ihre Geschichtserzählungen neu zusammensetzen
Yī zhàn yǔ Zhōngguó 一战与中国 (mit Zhū Jiāmíng)2015„Der Erste Weltkrieg und China” — Konferenzband zum 100. Jahrestag, auf Chinesisch in Peking erschienen
China und die Neuordnung der Welt2023Ihr Hauptbuch für ein breites Publikum (Reihe Auf dem Punkt, hrsg. von Hannes Androsch, Brandstätter Verlag): Europa im geopolitischen Spannungsfeld zwischen China, Russland und den USA — und als „versteckter Akteur” mit mehr Handlungsspielraum, als es selbst annimmt

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Kernthesen

  1. Geschichtsschreibung ist Machtpolitik. Ihr Lebensthema: Wie die KPCh ihre eigene Vergangenheit verwaltet — die Hungersnot, die Kulturrevolution, die „historischen Resolutionen”. Wer verstehen will, wohin China geht, muss lesen, wie es seine Katastrophen erzählt. Xis dritte Parteiresolution (2021) ist für sie ein Machtdokument, kein Geschichtsbuch.

  2. Realismus statt Moral. „Die Moral verdeckt manchmal den Blick auf die Realpolitik auf der anderen Seite.” Entscheidungsträger urteilten intern realistisch und kommunizierten nach außen moralisch — weil sie das Publikum dafür empfänglich hielten. Für tragfähige Politik müsse man dagegen die Wahrnehmung der Gegenseite rekonstruieren können; genau daran fehle es im Westen.

  3. Balance of Power als Friedensbedingung. Eine friedliche multipolare Ordnung entstehe nur bei relativem Machtgleichgewicht zwischen China, Russland und den USA. Ohne einen dritten Block, der zu beiden Seiten gute Beziehungen unterhält (sie nennt Türkei und Indien als Kandidaten), falle die Welt in bipolare Blockbildung zurück — und das trage zum Frieden nichts bei.

  4. Europa ist der versteckte Akteur. Die EU habe mehr Gewicht, als sie selbst annimmt — folge aber dem „Drehbuch, das die USA vorgesehen haben”, und opfere damit ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen der Rivalität USA–China. Konkreter Vorschlag: europäische Vermittlung im Taiwan-Konflikt, etwa für eine entmilitarisierte Zone um die Insel.

  5. China will teilen, nicht herrschen. Peking strebe die ökonomische Nummer eins an, halte sich aber militärisch für unterlegen (800 US-Militärbasen weltweit gegen im Wesentlichen eine chinesische) und sei bereit, sich die Welt mit anderen Mächten zu teilen. Chinesische Realisten dächten Ordnung dabei über Hierarchie, nicht über Gleichheit.

  6. Kein Taiwan-Krieg auf Sicht. Ein Angriff sei schwierig, riskant, beim eigenen Militär unbeliebt und aus wirtschaftlicher Schwäche heraus unklug. Pekings bevorzugte Strategie sei Zermürbung: wirtschaftliche Schwächung, Blockadeübungen, Stimmungswandel auf der Insel — nicht Invasion.

  7. Russlands Krieg ist begrenzt. Als Realistin sieht sie keinen strategischen Vorteil in russischem Expansionismus über die Ukraine hinaus — eroberte Länder müssten besetzt werden, und die Demografie setze harte Grenzen. Putins eigentliches Kriegsziel sei der Status: wieder als Weltmacht ersten Rangs mitgestalten zu dürfen.

  8. Die Supermacht auf tönernen Füßen. Gegen das Bild vom unaufhaltsamen China: Sie hält Xis Rückkehr zu einem stärkeren Staatskapitalismus für eine Fehlentscheidung, sieht wirtschaftliche und soziale Instabilität — und Xi selbst in einer weit prekäreren Machtlage, als die Fassade zeigt.


Politische / ideologische Einordnung

Sie ordnet sich selbst ausdrücklich der realistischen Schule der Internationalen Beziehungen zu — Interessen, Machtverteilung, Abschreckung; nicht Werte, Regeln, Normen. Das erklärt, warum sie in beide Lager des deutschsprachigen China-Diskurses quersteht.

Von der Falken-Linie (Merics-nahe Positionen, Systemrivalität, De-Risking bis Decoupling, China als revisionistische Bedrohung) trennt sie die Weigerung, Chinas Handeln aus Ideologie oder Expansionsdrang zu erklären. Sie hält Peking für kalkulierend und in seinen Mitteln begrenzt und warnt davor, moralische Empörung für Analyse zu halten. Ihre Vorschläge — Beziehungen halten, vermitteln, entmilitarisierte Zonen — lesen sich aus Falkenperspektive als Appeasement. Der Interviewkontext bei Jacobin und ihre Ablehnung der Aufrüstungslogik verstärken das.

Von den China-Optimisten (etwa Frank Sieren, der Chinas Aufstieg als Erfolgsgeschichte liest) trennt sie ihr nüchterner Blick auf die Substanz: schwache Wirtschaft, wachsende soziale Instabilität, ein Staatskapitalismus, den sie für einen Irrweg hält, ein Xi Jinping in permanenter Machtabsicherung. Ihre Kernkompetenz liegt bei der Repression und der Geschichtsfälschung — Hungersnot, Kulturrevolution, Parteihistoriografie. Wer sie als Pekings Fürsprecherin liest, hat ihre Bücher nicht gelesen.

Die brauchbarste Verortung: Verstehen ohne Sympathie. Sie will nicht, dass man China gut findet — sie will, dass man es korrekt kalkuliert. Ihr wiederkehrendes Argument ist ein epistemisches: Der Westen habe zu wenige Leute, die sich wirklich auskennen, und könne sich deshalb die Reaktionen der Gegenseite auf eigene Schritte nicht vorstellen. Das ist weniger eine politische Position als ein Vorwurf mangelnder Sorgfalt.

Zur Ukraine bezieht sie eine im deutschsprachigen Diskurs unpopuläre Position (begrenzte russische Kriegsziele, Skepsis gegenüber Rückeroberungszielen, Priorität der Eskalationsvermeidung) — mit realistischen, nicht mit moralischen Argumenten. Ihre Prognosen sind hier prüfbar und darum ehrlich angreifbar; ihre Berufung auf Emmanuel Todds Demografie-Fenster etwa ist unter Fachleuten umstritten.


Verbindungen zu anderen Denkern

(wird von Montaigne befüllt)


Gedankenwelten-Notes