Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Vandana Shiva (geb. 5. November 1952, Dehradun, Indien) — Physikerin, Umweltaktivistin, Ökofeministin. Promovierte über Non-Separabilität in der Quantentheorie, kehrte dann nach Indien zurück und wurde zur wohl bekanntesten Stimme der globalen Bewegung gegen industrielle Landwirtschaft, Saatgut-Patente und Konzernmacht.

Geprägt vom Himalaya ihrer Kindheit (der Vater Förster, die Mutter Bäuerin) und von der Chipko-Bewegung der 1970er, in der Frauen sich an Bäume klammerten, um die Abholzung zu stoppen. 1982 gründete sie die Research Foundation for Science, Technology and Ecology in Dehradun, 1991 die Saatgut-Bewegung Navdanya („neun Samen”), die über 3 000 Reissorten bewahrt hat. Trägerin des Alternativen Nobelpreises (1993).

Wichtigste Werke: Staying Alive (1988), Monocultures of the Mind (1993), Biopiracy (1997), Earth Democracy (2005), Ecofeminism (mit Maria Mies, 1993) Kernkonzepte: Ökofeminismus, Earth Democracy, production boundary, Monokulturen des Geistes, Biopiraterie, seed freedom

Biografie

Vandana Shiva wuchs im Doon Valley am Fuß des Himalaya auf — einer Landschaft, deren Verschwinden sie später zum Lebensthema machen sollte. Der Vater war Förster, die Mutter, nach der Teilung Indiens aus dem heutigen Pakistan geflohen, wurde vom Bildungsbeamtentum zur Bäuerin. Beide Eltern gaben ihr eine Selbstverständlichkeit mit, die im westlichen Wissenschaftsbetrieb als exotisch gilt: dass die lebendige Welt ein Gegenüber ist, kein Rohstofflager.

Der erste Wendepunkt war kein akademischer, sondern ein politischer. In den 1970ern erlebte sie die Chipko-Bewegung — Bäuerinnen in den Bergen Uttarakhands, die sich an Bäume klammerten, um die Kettensägen der kommerziellen Forstwirtschaft aufzuhalten. Hier lernte Shiva, dass ökologisches Wissen und weibliche Erfahrung zusammengehören, und hier keimte, was sie Jahrzehnte später Ökofeminismus nennen würde.

Ihr Weg führte zunächst weit weg von den Bergen: Physikstudium, dann Promotion an der University of Western Ontario in Kanada über die Non-Separabilität in der Quantentheorie („Hidden Variables and Locality in Quantum Theory”). Doch statt in der Grundlagenforschung zu bleiben, kehrte sie zurück. 1982 gründete sie in Dehradun mit bescheidenen Mitteln — buchstäblich in der Veranda ihrer Mutter — die Research Foundation for Science, Technology and Ecology, eine unabhängige Forschungsstelle, die den ökologischen und sozialen Preis der Konzern-Globalisierung sichtbar machen sollte.

Der zweite große Wendepunkt kam 1984, dem Jahr der Bhopal-Katastrophe und der Punjab-Aufstände. Shiva wandte sich der Landwirtschaft zu und begann jene Kritik an der Grünen Revolution zu entwickeln, die The Violence of the Green Revolution (1991) tragen sollte. 1991 gründete sie Navdanya — eine Bewegung zur Bewahrung einheimischen Saatguts, die inzwischen über 150 Saatgutbanken in Indien aufgebaut und Zehntausende Bäuerinnen und Bauern im ökologischen Anbau geschult hat. 2004 kam die Bija Vidyapeeth („Erd-Universität”) im Doon Valley hinzu, in Zusammenarbeit mit dem Schumacher College.

Aus der lokalen Aktivistin wurde eine globale Figur: Beraterin von Regierungen (u. a. Bhutans Weg zu 100 % Bio), Gastprofessorin an zahlreichen Universitäten, streitbare Rednerin auf jeder größeren Bühne der Ökologie-Bewegung. Time nannte sie 2003 eine „Umwelt-Heldin”, Forbes zählte sie zu den mächtigsten Frauen der Welt.

Bücher & Publikationen

  • Staying Alive: Women, Ecology and Development (1988) — ihr Durchbruch, das die Wahrnehmung der „Dritte-Welt-Frau” verschob. genialokal
  • The Violence of the Green Revolution (1991) — die Abrechnung mit der industriellen Landwirtschaft im Punjab. genialokal
  • Ökofeminismus (mit Maria Mies, 1993) — das Grundlagenwerk der Bewegung. genialokal
  • Monokulturen des Geistes / Monocultures of the Mind (1993) — wie Vielfalt im Denken wie auf dem Feld zerstört wird. genialokal
  • Biopiraterie / Biopiracy: The Plunder of Nature and Knowledge (1997). genialokal
  • Stolen Harvest (2000) — Konzernkontrolle über die globale Nahrung. genialokal
  • Water Wars (2002) — Privatisierung und Kämpfe ums Wasser. genialokal
  • Earth Democracy: Justice, Sustainability and Peace (2005) — ihr zentrales politisches Konzept. genialokal
  • Soil Not Oil (2008) — Klima, Energie und Ernährungssicherheit. genialokal
  • Wer wirklich die Welt ernährt / Who Really Feeds the World? (2016). genialokal
  • Oneness vs. the 1% (mit Kartikey Shiva, 2018). genialokal

Empfehlenswerte Videos & Vorträge

Kernthesen

  1. Ökofeminismus. Die Herrschaft über die Natur und die Herrschaft über die Frau entspringen derselben Wurzel — dem „kapitalistischen Patriarchat”, das das Lebendige für tot erklärt. Befreiung der Erde und Befreiung der Frau sind eine Bewegung.
  2. Production boundary. Die ökonomische Statistik zählt nur, was durch Kapital vermittelt wird. Subsistenz, Care-Arbeit, das meiste bäuerliche Wirtschaften fallen aus der Zählung — deshalb erscheinen sie als „unproduktiv”.
  3. Biopiraterie und bio nullius. Patente auf Saatgut und Pflanzenwissen sind die Fortsetzung der kolonialen Rechtsfiktion terra nullius („leeres Land”): Das Leben gilt als nichtig, bis ein Konzern es aneignet.
  4. Seed freedom. Saatgut ist Gemeingut, kein geistiges Eigentum — lebendig, heilig, sich selbst erneuernd. Seine Bewahrung ist eine ethische Pflicht gegenüber künftigen Generationen und ziviler Ungehorsam gegen Patentgesetze (in der Tradition von Gandhis Salzmarsch).
  5. Earth Democracy. Eine lebendige Demokratie, die den Kreis der Rechte über den Menschen hinaus auf alle Arten zieht — gegen die „Monokulturen des Geistes”, die Vielfalt im Denken wie auf dem Acker vernichten.

Politische Einordnung

Shiva steht links, antikolonial und ökozentrisch — eine der einflussreichsten Stimmen der globalen Bewegung für Ernährungssouveränität, gegen Gentechnik-Konzerne und Freihandels-Regime (WTO, TRIPS). Ihre Verankerung im globalen Süden, ihre Verbindung von Physik, Bauernwissen und Aktivismus und ihre gandhianische Ethik machen sie zu einer Ausnahmefigur.

Zugleich ist sie wissenschaftlich umstritten — und ehrlicherweise gehört das in ihr Bild (Yin-Yang). Kritiker (etwa Michael Specter im New Yorker, „Seeds of Doubt”, 2014, oder der Statistiker Ian Plewis) werfen ihr vor, Kausalitäten zu überziehen: Die monokausale Zuschreibung der indischen Bauern-Suizide auf Bt-Baumwolle hält empirisch nicht stand (die Suizide begannen vor der Einführung, die Erträge stiegen vielerorts). Auch ihre kategorische Ablehnung jeder Grünen Gentechnik — inklusive des mit Vitamin A angereicherten „Golden Rice”, der Kindererblindung mindern könnte — wird als ideologisch starr kritisiert. Manche dieser Kritiken kommen aus Industrie-nahen oder GVO-freundlichen Kreisen, was ihren Wert nicht aufhebt, aber zur Einordnung gehört.

Das Muster ist erkennbar: Ihre strukturellen Befunde — dass Konzern-Saatgut Abhängigkeit erzeugt, dass die Statistik die Arbeit der Frauen unsichtbar macht, dass Patente auf Leben eine koloniale Geste sind — sind stark und triftig. Ihre empirischen Einzelbehauptungen und Kausalketten sind es nicht immer. Sie ehrlich zu lesen heißt, das Wahre vom Überzogenen zu trennen, ohne das eine mit dem anderen wegzuwerfen.

Verbindungen zu anderen Denkern

(Wird von Montaigne befüllt.)

Cortex-Notes