Biografie

William A. Darity Jr., von allen „Sandy” genannt, ist Ökonom und Sozialwissenschaftler — Samuel DuBois Cook Distinguished Professor Emeritus of Public Policy, African and African American Studies and Economics an der Duke University und Gründungsdirektor des dortigen Samuel DuBois Cook Center on Social Equity (2015). Seit seiner Emeritierung 2025 lehrt er als Gastprofessor an der Howard University. Er gilt als „vermutlich der führende Wissenschaftler des Landes zur Ökonomie rassischer Ungleichheit”.

  • Geboren 19. April 1953 in Norfolk, Virginia (USA).
  • Kindheit zwischen den Welten: Teile seiner Kindheit verbrachte er in Beirut und Alexandria, später in Chapel Hill; die Jugend hauptsächlich in Amherst, Massachusetts. Der frühe Blick von außen auf Amerika prägt seine vergleichende Perspektive — Kaste in Indien, Ethnie in Malaysia, „race” in den USA als Varianten desselben Musters.
  • Elternhaus: Der Vater, William A. Darity Sr., war Gründungsdekan der School of Public Health der University of Massachusetts Amherst; die Mutter, Evangeline Royal Darity, lehrte und arbeitete am Smith College und Mt. Holyoke. Ein akademisches Schwarzes Elternhaus — genau die Konstellation, an der er später die Grenzen des „Bildung schließt die Lücke”-Versprechens zeigt.
  • Ausbildung: B.A. magna cum laude Brown University (1974, Ökonomie und Politikwissenschaft) · Marshall Scholar an der London School of Economics · Ph.D. in Economics am MIT (1978).
  • Werdegang: Stabsökonom bei der National Urban League (1980) · ab 1983 University of North Carolina at Chapel Hill, dort Cary C. Boshamer Professor of Economics and Sociology und ab 2001 Direktor des Institute of African American Research · Visiting Scholar beim Board of Governors der Federal Reserve (1984) · Stationen u. a. an der University of Texas at Austin, University of Maryland, Grinnell College, Claremont McKenna, Spelman College (Cosby-Stiftungsprofessur 2003–2005) · seit 2014 Duke.
  • Ämter: Präsident der National Economic Association (1986), der Southern Economic Association (1996) und der Association of Black Sociologists (2015–2017); Mitglied des Executive Committee der American Economic Association (1993–1996).
  • Ehrungen: Westerfield Award der National Economic Association (2012, höchste Auszeichnung, vor ihm u. a. Nobelpreisträger W. Arthur Lewis) · Theodore W. Schultz Memorial Award (2021) · Fellow der American Academy of Arts and Sciences · W.E.B. Du Bois Fellow der American Academy of Political and Social Science (2022) · Harvard-Radcliffe-Fellow (2022/23) · Distinguished Fellow der American Economic Association (2024) · William Spriggs Memorial Award (2024) · Ehrendoktorwürden von Bard College und The New School. Über 250 Fachaufsätze; 2008 Chefredakteur der International Encyclopedia of the Social Sciences.

Der Wendepunkt: 1989

Darity schrieb die Einleitung zu einem von Richard America herausgegebenen Sammelband, in dem Ökonomen die Größe eines Reparationsfonds für Afroamerikaner zu beziffern versuchten. Beim Lesen der Beiträge wurde ihm klar, dass Wiedergutmachung keine moralische Geste am Rand ist, sondern der einzige Hebel, der die Vermögenslücke tatsächlich schließen kann. Die folgenden drei Jahrzehnte gehören diesem Thema — von „The Economics of Reparations” (2003, mit Dania Frank) über „Forty Acres and a Mule in the Twenty-First Century” (2008) bis zum Hauptwerk 2020.

Die Gründung der Stratification Economics (2005)

Mit einem Aufsatz im Journal of Economics and Finance taufte Darity ein eigenes Teilgebiet: die Stratification Economics. Sie bricht mit der neoklassischen Standarderklärung von Diskriminierung. Bei Gary Becker ist Diskriminierung eine irrationale Vorliebe, die der Wettbewerb über die Zeit wegschleift — wer nach Hautfarbe statt nach Produktivität einstellt, zahlt drauf und verschwindet vom Markt. Darity dreht das um: Diskriminierung verschwindet nicht, weil sie sich lohnt. Sie ist kein Marktversagen, sondern instrumentell rationales Gruppenverhalten, mit dem eine dominante Gruppe ihre relative Position verteidigt. Das Fach nährt sich aus Veblens evolutorischer Ökonomik, W. E. B. Du Bois’ historischer Empirie und der sozialpsychologischen Social Identity Theory — und arbeitet mit Soziologie und Psychologie statt gegen sie.

Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
From Here to Equality: Reparations for Black Americans in the Twenty-First Century2020 (2. Aufl. 2022)Das Hauptwerk, mit A. Kirsten Mullen. Von der Sklaverei über das gebrochene Versprechen der „vierzig Acres und ein Maultier”, Reconstruction, Jim Crow, Lynchmorde und Redlining bis zur heutigen Vermögenslücke — und dann ein konkreter Bauplan: wer berechtigt ist, wie viel, von wem, in welcher Form. Vielfach ausgezeichnet.
The Black Reparations Project: A Handbook for Racial Justice2023Mitherausgeber. Der operative Nachfolger: Berechnungsverfahren, Abstammungsnachweis, Verwaltung, Gesundheits- und Bildungsfolgen — Reparationen als Umsetzungsfrage, nicht als Debattenthema.
Persistent Disparity: Race and Economic Inequality in the United States since 19451998Mit Samuel L. Myers Jr. Die empirische Grundlegung: Warum die Lücke seit dem Zweiten Weltkrieg nicht schrumpft, obwohl fast alle Erklärungsmodelle es vorhersagen.
Boundaries of Clan and Color: Transnational Comparisons of Inter-Group Disparity2003Mitherausgeber. Der internationale Vergleich — Kaste, Ethnie, Rasse als Formen desselben Schichtungsmechanismus.
Economics, Economists, and Expectations: Microfoundations to Macroapplications2004Ideengeschichte und Makroökonomik — die andere, weniger bekannte Hälfte seines Werks.
For-Profit Universities: The Shifting Landscape of Marketized Higher Education2017Mitherausgeber. Wie kommerzielle Hochschulen gerade Schwarze Studierende mit Schulden statt mit Aufstieg ausstatten.
International Encyclopedia of the Social Sciences2008Chefredakteur des neunbändigen Standardwerks.

Wichtige Aufsätze & Studien

  • „Stratification Economics: The Role of Intergroup Inequality”, Journal of Economics and Finance (2005) — der Gründungstext des Teilgebiets.
  • „Evidence on Discrimination in Employment: Codes of Color, Codes of Gender” (mit Patrick Mason), Journal of Economic Perspectives (1998) — sein meistzitierter Aufsatz; die Generalabrechnung mit den Modellen der „taste-based” und „statistischen” Diskriminierung.
  • „Can ‘Baby Bonds’ Eliminate the Racial Wealth Gap in Putative Post-Racial America?” (mit Darrick Hamilton), Review of Black Political Economy (2010) — der Ursprungstext der Baby Bonds.
  • „What We Get Wrong About Closing the Racial Wealth Gap” (mit Hamilton, Paul, Aja, Price, Moore, Chiopris), Cook Center / Insight Center (2018) — die Demontage von zehn populären Erklärungen: Bildung, Finanzbildung, Unternehmertum, „buy black”, Familienstruktur, Sparverhalten.
  • Vollständige Liste: Scholars@Duke.

Empfehlenswerte Videos & Vorträge

Kernthesen

  • Diskriminierung ist rational, nicht irrational. Der Wettbewerb schleift sie nicht weg, weil sie der dominanten Gruppe nützt. Wer die relative Position einer Gruppe schützt, handelt ökonomisch folgerichtig — das ist der Gründungsgedanke der Stratification Economics und der schärfste Bruch mit der neoklassischen Diskriminierungstheorie.
  • Vermögen, nicht Einkommen, ist die entscheidende Größe. Einkommen ist ein Strom, Vermögen ein Bestand — es puffert Krankheit und Arbeitslosigkeit ab, finanziert Studium, Anzahlung und Unternehmensgründung und wird vererbt. Die Einkommenslücke zwischen Schwarzen und weißen Haushalten liegt bei etwa 40 Prozent, die Vermögenslücke bei rund 90. Nur die zweite erklärt die Beharrlichkeit des Gefälles über Generationen.
  • Bildung schließt die Lücke nicht. Der empirische Befund, der seine Vorträge trägt: Schwarze Haushalte, deren Vorstand einen Hochschulabschluss hat, besitzen im Median weniger Vermögen als weiße Haushalte, deren Vorstand die Highschool abgebrochen hat. Bildung wirkt innerhalb einer Gruppe, aber sie verschiebt die Grenze zwischen den Gruppen nicht. Das „Bildung löst Ungleichheit”-Narrativ verlagert die Verantwortung auf die Benachteiligten und schont die Struktur.
  • Der Bootstraps-Mythos ist eine Verwechslung von Ursache und Wirkung. Sparsamkeit, Finanzbildung, Familienstruktur, Unternehmertum, „bei Schwarzen kaufen” — Darity nennt sie „Verhaltensvorschriften an die Machtlosen”. Vermögen entsteht ganz überwiegend aus Erbschaften und Schenkungen zwischen Generationen, nicht aus individuellem Verhalten. Wer nichts geerbt hat, kann sich nicht in Vermögen hineinsparen.
  • Reparationen sind der einzige Hebel, der greift. Vier Bedingungen, an denen er kompromisslos festhält: (1) Berechtigt sind Schwarze Amerikaner mit einem in den USA vor 1865 versklavten Vorfahren, die sich seit mindestens zwölf Jahren selbst als Schwarz/afroamerikanisch identifizieren. (2) Die Zielgröße ist nicht symbolisch, sondern arithmetisch: genug, um die durchschnittliche Vermögenslücke zu eliminieren — im Buch von 2020 rund 10 bis 12 Billionen Dollar, etwa 800.000 Dollar pro berechtigtem Haushalt oder gut 267.000 pro Person; in späteren Fortschreibungen nennt Darity 14 Billionen und mehr. (3) Zahlen muss der Bund, nicht Städte, Bundesstaaten oder Universitäten — nur er hat Schuld und Kapazität. (4) Direktzahlungen, keine Gutscheine, Programme oder Fonds, über deren Verwendung wieder andere entscheiden.
  • Baby Bonds als zweite, vorausschauende Schiene (mit Darrick Hamilton): ein öffentlich finanziertes Treuhandkonto für jedes Neugeborene, gestaffelt nach dem Vermögen der Eltern — im Schnitt rund 25.000 Dollar, bis zu 50.000–60.000 für die ärmsten Kinder, verzinst und mit 18 verfügbar. Wichtig: Baby Bonds sind kein Ersatz für Reparationen. Sie wirken nach vorn auf Klassenungleichheit; Reparationen wirken nach hinten auf ein spezifisches historisches Unrecht.
  • Arbeitsplatzgarantie statt Arbeitslosigkeit als Steuerungsinstrument. Seit Langem fordert Darity ein National Investment Employment Corps: ein Bundesrechtsanspruch auf Arbeit über der Armutsgrenze, mit Krankenversicherung und Altersvorsorge — Arbeitslosigkeit ist für ihn kein Naturphänomen, sondern eine politische Entscheidung mit messbaren psychischen Kosten.
  • Rasse ist ein Fall von Schichtung, nicht ein amerikanischer Sonderfall. Seine vergleichenden Arbeiten stellen Kaste in Indien, ethnische Hierarchien und US-Rassismus nebeneinander: überall dieselbe Logik der Verteidigung relativer Positionen, nur mit anderen Markierungen.

Politische / ideologische Einordnung

Darity ist heterodoxer Ökonom mit klar linkem Politikprofil — Arbeitsplatzgarantie, Vermögensumverteilung, staatliche Kapitalausstattung —, aber sein Argument ist kein moralisches, sondern ein buchhalterisches: Er beziffert. Genau das macht ihn auch innerhalb der progressiven Debatte unbequem. Er widerspricht Reparationsprogrammen auf Stadt- und Bundesstaatenebene, weil sie den Anspruch verwässern und Milliarden statt Billionen bewegen; er kritisiert die Ausweitung des Begriffs „Reparationen” auf jede beliebige Fördermaßnahme; und er lehnt eine Berechtigung nach Hautfarbe allein ab — maßgeblich ist die Abstammung von in den USA Versklavten, was etwa jüngere afrikanische oder karibische Zuwanderer ausschließt und ihm Widerspruch aus Teilen der Bewegung einträgt. Seine Kritik am „respectability politics”-Diskurs und an Selbsthilfe-Appellen richtet sich ausdrücklich auch gegen Schwarze Prominenz, die sie vertritt. Ökonomisch steht er quer zum neoklassischen Mainstream, methodisch aber fest im empirischen Handwerk der Zunft — 2024 wurde er trotz (oder wegen) dieser Reibung zum Distinguished Fellow der American Economic Association ernannt.

Verbindungen zu anderen Denkern

(wird von Montaigne befüllt)

Gedankenwelten-Notes