Quelle: DER ENTSCHEIDENDE PUNKT: 1 Jahr Kanzler Merz & Groko | Mit Albrecht von Lucke, Ulrike Herrmann
Wer spricht?
Tilo Jung (1985, Mecklenburg-Vorpommern) — Politikjournalist und Gründer von Jung & Naiv, seit über 10 Jahren Mitglied der Bundespressekonferenz, finanziert sich vollständig über Spenden. Dezidiert linker Standpunkt, offen kommuniziert. → DenkerVita
Albrecht von Lucke (1967, Ingelheim) — Politikwissenschaftler, Chefredakteur der Blätter für deutsche und internationale Politik seit 2003. Linksliberal, vertritt einen republikanischen Konservatismus gegen Autoritarismus und sozialen Zerfall.
Ulrike Herrmann (1979) — Wirtschaftsjournalistin bei der taz, Autorin von Das Ende des Kapitalismus (2022) und Geld als Waffe (2026). Anti-Wachstums-kritisch, Degrowth-These.
Hans Jessen — Journalist und wiederkehrender Moderator im “Entscheidenden Punkt”-Format bei Jung & Naiv.
Rückschau: Wer hatte vor einem Jahr recht?
Die Sendung beginnt mit einem selbstkritischen Rückblick: Alle vier hatten ein Jahr zuvor — direkt nach der Wahl von Friedrich Merz — ihre Prognosen abgegeben. Das Ergebnis ist eindeutig: Tilo Jung, der vorausgesagt hatte, die Regierung werde vor allem die Reichen begünstigen und sozial unten sparen, lag richtig. Albrecht von Lucke, der auf die Lernfähigkeit von Merz gehofft hatte, konzidiert seinen Irrtum mit bemerkenswert wenig Federlesens.
„Til hatte recht. Das passiert.” — Albrecht von Lucke, einräumend
Von Lucke hatte die These vertreten, das Amt präge den Menschen mehr als der Mensch das Amt. Diese klassische politische Weisheit trifft auf Merz nicht zu. Anders als bei einem 69-Jährigen, dem man grundsätzlich Lernfähigkeit unterstellen könnte, schlägt bei Merz eine impulsgesteuerte Persönlichkeit durch, die sich durch das Kanzleramt nicht hat disziplinieren lassen. Ulrike Herrmann hatte ein Jahr zuvor präzise formuliert, Merz sei lernunfähig und habe von Wirtschaft weniger Ahnung als viele andere — beides hat sich bestätigt.
Hans Jessen steuert das prägnanteste Bild bei: Merz’ Politikstil sei wie ein Kind, das Autoscooter fährt — er rempelt bei allen an und macht munter weiter. Das Autoscooter-Bild verweist nicht nur auf einen nationalen Stil, sondern auch auf die transatlantische Seelenverwandtschaft: Merz und Trump haben denselben narzisstischen Grundreflex, auf Kritik mit Trotz zu reagieren.
Weitergedacht
Wenn ein Amt seinen Träger nicht prägt — was sagt das über die Institutionen aus? Schützen sie sich selbst gegen eine Person, oder hängt das von der Resilienz des Systems ab?
Der Autoscooter-Kanzler: Strukturelle Lernunfähigkeit
Ulrike Herrmann identifiziert zwei besonders symptomatische Episoden für Merz’ Führungsschwäche:
Erstens die Nachfolge an der Spitze der Konrad-Adenauer-Stiftung: Merz wollte Günter Krings durchsetzen, arbeitete aber nie daran, die nötigen Mehrheiten zu organisieren. Kramp-Karrenbauer hingegen telefonierte, sondierte, mobilisierte — und setzte sich durch. Eine peinliche Niederlage, aus der Merz nichts lernte.
Zweitens der EU-Gipfel um die 90 Milliarden für die Ukraine: Merz verkündete öffentlich, was die EU zu beschließen habe — ein fundamentaler Regelverstoß europäischer Diplomatie. Der belgische Premier Bart de Wever hatte fünf Monate lang quer durch Europa telefoniert, um Mehrheiten zu schaffen. Merz weiß offenbar nicht, was ein Telefonhörer ist. Seitdem gilt er unter EU-Partnern als unzuverlässig.
Das Muster ist dasselbe: Merz glaubt, eine Ansage reiche. Wo Mehrheiten herkommen sollen, ist ihm unklar und uninteressant. Er regiert als wäre er Opposition, die sich aus Versehen ins Kanzleramt verirrt hat — zehn Jahre lang hat er Kritik geübt, nie geliefert. Die Kunst des Kompromisses, des stillen Telefonierens, des Aufbauens von Vertrauen — all das fehlt.
Weitergedacht
Ist Merz’ Führungsschwäche eine persönliche Anomalie — oder Ausdruck einer CDU, die nach 16 Jahren Merkel verlernt hat, wie man regiert, statt opponiert?
Außenpolitik: Schlingerkurs ohne Kompass
Hans Jessen fasst die außenpolitische Bilanz in einem Satz: Er erkenne keine konsistente deutsche Linie, keinen magnetischen Nordpol, dem Merz oder Außenminister Wadeful folgen.
Dabei hatte Merz zu Beginn zumindest einen Impuls: Die USA unter Trump an der Seite Europas zu halten, um die Ukraine zu verteidigen. Von Lucke erkennt das als anfängliches Verdienst an. Doch schon bald zeigten sich die trumpistischen Seiten: Merz’ Satz, die Israelis machten die „Drecksarbeit” im Iran-Krieg — eine Formulierung der völkerrechtlichen Gleichgültigkeit. Und dann das grandiose Scheitern in einem Gymnasium im Sauerland, wo er laut und öffentlich feststellte, Amerika werde im Iran gedemütigt — woraufhin der Streit mit Trump eskalierte und sich als außenpolitisch folgenlos herausstellte.
Die EU-Bilanz ist noch deprimierender: Deutschland hat sich innerhalb der Europäischen Union weitgehend isoliert — gemeinsam mit Tschechien und Ungarn bei Sanktionen gegen Israel. Die deutsch-französische Achse ist geschwächt, das deutsch-spanische Verhältnis auf dem Tiefpunkt, Rüstungsprojekte wie FCAS geplatzt. Einzig die Beziehung zur postfaschistischen Meloni-Regierung hat sich verbessert — eine bemerkenswerte Auszeichnung.
Ulrike Herrmann macht das grundlegende Problem deutlich: Die USA unter Trump betrachten Europa explizit als Feind — das steht so in ihrer nationalen Sicherheitsstrategie. Die Frage war also nie, ob man mit dieser US-Regierung zusammenarbeiten will, sondern ob man kann. Mit so einer Regierung kann man nicht zusammenarbeiten. Alle Versuche, Trump zu appeazen, endeten in Niederlagen.
Weitergedacht
Wenn die USA unter Trump Europa als Feind betrachten — was bedeutet das für das atlantische Selbstverständnis der deutschen Mitte-Rechts-Parteien, die ihre gesamte Außenpolitik auf der NATO-Bindung aufgebaut haben?
Der Gaza-Streit: Wo Diskussionen zerfallen
Der intensivste und brisanteste Moment der Sendung entsteht, als Tilo Jung die israelische Militäroperation als Völkermord bezeichnet. Albrecht von Lucke interveniert scharf — nicht mit einer inhaltlichen Widerlegung, sondern mit einem Einwand aus der deutschen Historisierung: Als Teil eines Volkes, das den industriellen Völkermord an den Juden perfektioniert habe, könne man diesen Begriff nicht so leichtfertig verwenden, solange kein rechtskräftiges Urteil des Internationalen Strafgerichtshofs vorliege.
Jung reagiert mit einer detaillierten Faktenlage: Der IGH hat im Januar 2024 vorläufige Maßnahmen erlassen, um einen Völkermord zu verhindern — keine dieser Maßnahmen wurde von Israel umgesetzt. Eine unabhängige UN-Untersuchungskommission hat im September 2025 vier von fünf Völkermord-Kriterien als erfüllt angesehen. Führende Genozidforschende kommen zu ähnlichen Schlüssen, ebenso internationale Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und israelische NGOs.
Hans Jessen und Jung verlassen kurzzeitig die Sendung. Nach ihrer Rückkehr wird deutlich, was dieser Streit exemplarisch macht: Es sind nicht primär unterschiedliche Faktenlagen, die die Positionen trennen — es ist ein fundamentaler Dissens darüber, welcher Rahmen für die Beurteilung gilt. Von Lucke argumentiert aus der deutschen Verantwortungsgeschichte heraus. Jung argumentiert aus dem internationalen Recht und der wissenschaftlichen Genozidforschung.
Die Sendung zeigt, wie dieser eine Begriff — Völkermord — zu einem Lackmustest für politische Verortung geworden ist, bei dem jede Seite der anderen Denkfaulheit, Geschichtslosigkeit oder Antisemitismus vorwirft. Das Gespräch selbst wird zum Dokument einer deutschen Debattenkultur, die an genau diesem Punkt regelmäßig zusammenbricht.
Weitergedacht
Wenn der Begriff „Völkermord” gleichzeitig eine juristische Kategorie, eine wissenschaftliche Klassifikation und ein politisches Triggerwort ist — lässt sich darüber überhaupt noch produktiv diskutieren? Oder brauchen wir ein anderes Vokabular?
Wirtschaftspolitik: Die Logik der Umverteilung nach oben
Ulrike Herrmann liefert die schärfste Analyse der Wirtschaftspolitik des ersten Jahres. Ihr Ausgangspunkt: Deutschland hat seit 2020 drei externe Schocks erlitten — Corona, Ukraine-Krieg, Iran-Krieg — die die Konjunktur hart getroffen haben, ohne dass die Regierung diese Schocks beschlossen hätte. Die Bevölkerung nimmt diese externen Ursachen aber nicht als solche wahr; die Regierung gilt als inkompetent.
Das Fatale: Die Merz-Regierung verstärkt dieses Gefühl durch handwerkliche Fehler. Das klarste Beispiel ist der Tankrabatt — auf jeder Ebene ein Fehler. Er begünstigt die Wohlhabenden (große Autos, weite Strecken), wird von den Ölkonzernen nicht weitergegeben und kann steigende Weltmarktpreise sowieso nicht verhindern. Der Alternativvorschlag — 300 Euro direkt an alle Steuerzahler auszahlen, rückzu versteuern — wäre sozial treffsicherer, effektiver und hätte ein richtiges Preissignal erhalten. Man hat ihn nicht umgesetzt.
„Die Reichen bekommen bis 2029 insgesamt 48 Milliarden Euro — und unten wird gespart.” — Ulrike Herrmann
Herrmanns ökonomischer Kernbefund: Wachstum entsteht nicht durch Steuersenkungen für Unternehmen, sondern durch Nachfrage. Das hat Warren Buffett als Milliardär stets klargemacht — er will höhere Steuern zahlen, weil er versteht, dass Gewinne Nachfrage voraussetzen. Merz denkt umgekehrt: Entlastung der Unternehmen soll Investitionen auslösen. Aber Investitionen folgen Gewinnerwartungen, und Gewinnerwartungen folgen Nachfrage. Wo die Mehrheit weniger Geld hat, gibt es keine Nachfrage, keine Investitionen, kein Wachstum.
Das CDU-Wahlprogramm 2025 war laut Herrmann inhaltlich fast identisch mit dem FDP-Programm: kaum Konkretes außer Steuersenkungen. Als Volkspartei kann man nicht mit einem FDP-Programm regieren — man verliert die eigene Basis und verschreckt potenzielle Mitte-Wähler.
Eigene Einschätzung
Herrmanns Nachfragelogik ist theoretisch überzeugend, aber politisch schwer vermittelbar. Wenn eine Regierung sagt „wir erhöhen die Steuern für Reiche, damit Arbeitnehmer mehr kaufen können”, klingt das für viele nach Enteignung. Das ist auch ein Kommunikationsproblem, nicht nur ein Sachpolitikproblem. Wie erklärt man eine makroökonomische Rückkopplung in drei Sätzen?
Sozialpolitik: Bürgergeld und das Ende der Solidarität nach oben
Die Abschaffung des Bürgergeldes zugunsten einer “Grundsicherung” mit verschärften Sanktionen ist für die Runde eines der zentralen Symbole dieser Regierung. Zusammen damit: Einschränkung des Familiennachzugs, Kürzungen beim Wohngeld, Nullrunde für Bürgergeld-Empfänger trotz Inflation, Rentenniveau als “nur noch Basisabsicherung” (Merz’ eigene Formulierung), Schwächung der gesetzlichen Krankenversicherung.
Herrmann macht auf einen psychologisch-ökonomischen Mechanismus aufmerksam: Wenn Arbeitnehmer das Gefühl haben, Arbeitslose würden zu wenig unter Druck gesetzt, verstehen sie nicht, dass eine gute Absicherung im Interesse aller Arbeitnehmer ist. Wer nicht gut abgesichert ist, ist erpressbar. Gewerkschaften werden folgsamer, wenn Arbeitnehmer den Jobverlust mehr fürchten. Diese Solidarität nach unten existiert in Deutschland kaum — stattdessen wird nach unten getreten.
„Die Leute sollen mehr arbeiten, länger arbeiten, früher sterben. Die Gesundheitsversorgung wird eingeschränkt, damit sie das auch schaffen.” — Tilo Jung
Tilo Jung präsentiert eine Liste von AfD-Forderungen der letzten Jahre, die die Merz-Regierung ohne AfD-Beteiligung umgesetzt hat: Grenzkontrollen mit Zurückweisung, Familiennachzug eingeschränkt, Bürgergeld zu Grundsicherung, ukrainische Geflüchtete aus dem Bürgergeld heraus, verschärfte Ausweisungsregeln, Lieferkettengesetz geschwächt, Verbrenner-Ausnahmen verlängert. CDU-Generalsekretär Linnemann zeigt sich laut Berichten deprimiert — man habe die AfD-Agenda umgesetzt, und die AfD wächst trotzdem. Das zeigt, dass die CDU das Prinzip des Rechtsextremismus nicht versteht: Man kann Populisten nicht dadurch kleinhalten, dass man ihre Politik macht.
KI-Debatte: Revolution oder normaler Fortschritt?
Ein überraschend intensiver Exkurs über künstliche Intelligenz. Herrmann ist skeptisch: KI sei normaler technischer Fortschritt, keine vierte Revolution. Produktivität im Kapitalismus wächst seit 1760 um etwa 1,5% pro Jahr — KI ist Teil dieses Prozesses, nicht sein Bruch. Teure, energieintensive Large Language Models könnten eine Sackgasse sein; die deutsche Industrie setzt bereits auf KI als Industrieanwendung, nicht als Sprachmodell.
Von Lucke sieht es anders: Die Verdrängungsgeschwindigkeit sei neu und beunruhigend. Während die industrielle Revolution zunächst Bauern in die Armut trieb, ehe sie zu Industriearbeitern und dann zu Konsumenten wurden, fehlt heute eine analoge Übergangsstruktur. Informatiker verlieren bereits Jobs durch KI-Automatisierung — ein Beruf, der noch vor Kurzem als Zukunftsbranche galt. Was passiert mit Millionen, die weder Handwerk noch akademische Berufe ausüben können?
„Diese Language Models bauen auf dem gesamten Wissen der letzten Jahrzehnte auf — und das wird privatisiert. Das Wissen der Menschheit wird angeeignet.” — Tilo Jung
Alle drei sind sich in einem einig: KI muss reguliert, kontrolliert und kollektiviert werden. Die Privatisierung von LLMs durch Tech-Konzerne, die auf dem Gemeingut menschlichen Wissens aufbauen, ist aus einer linken wie aus einer republikanischen Perspektive gleich problematisch.
Eigene Einschätzung
Herrmanns These — KI ist normaler Fortschritt — ist ökonomietheoretisch konsistent, unterschätzt aber möglicherweise die Geschwindigkeit. Die Analogie zum mechanischen Webstuhl stimmt strukturell, aber die Zeitskala ist anders: Der Übergang von Handwebern zu Fabrikarbeitern dauerte Generationen. KI könnte Berufsfelder innerhalb von Jahren transformieren.
Katharina Reiche: Die clevere Taktikerin
Eine interessante Nebenanalyse widmet sich der Wirtschaftsministerin Katharina Reiche. Ulrike Herrmann hatte sie ein Jahr zuvor als gute Besetzung eingestuft — eine Einschätzung, die sie heute revidiert.
Reiche kommt aus der fossilen Industrie und macht entsprechende Politik. Ihr Ministerium ist intern auf Krawall gebürstet — über alle Parteigrenzen hinweg. Sie kann nicht führen, misstraut allen und kommuniziert unter Druck lügend und unfreundlich. Und trotzdem: In der Welt bekommt sie eine Eins.
Von Lucke erklärt das Paradox. Reiche hat erkannt, dass Merz eine Lücke gelassen hat: Er wollte den Konflikt um die Energiewende einvernehmlich lösen. Reiche sprang in diese Lücke und sprach im Namen der CDU-Hardliner. Sie wurde zum Sprachrohr der parteiinternen Ultras — und konnte deshalb nicht entlassen werden, selbst als sie Merz’ eigene Linie öffentlich unterminierte. Eine Machtprobe, die sie gewann, nicht durch Kompetenz, sondern durch politisches Kalkül.
Ausblick: Nach Merz — Szenarien und Machtkampf
Die Runde ist sich einig: Merz wird bis 2029 keine Wähler zurückgewinnen. Die AfD wächst weiter, nicht weil Migration das zentrale Thema bleibt — die Zahlen gehen zurück — sondern weil das Grundgefühl bleibt: die können es einfach nicht.
Tilo Jung berichtet aus Berlin-Gerüchten: Jan Spahn schielt darauf, Merz als Kanzler zu ersetzen — entweder durch eine Minderheitsregierung mit AfD-Duldung oder durch eine Neukonfiguration vor 2029. Von Lucke entwickelt ein Szenario: Wenn 2029 Spahn für die CDU und Klingbeil für die SPD antreten — beide unbeliebt —, entsteht ein riesiges Feld in der Mitte. Jemand wie Henrik Wüst könnte als unabhängige Kandidatur in dieses Vakuum stoßen, CDU und SPD zerstören, vor der AfD landen. Ein europäisches Muster, das sich in Frankreich mit Macron und in Österreich mit Kurz bereits gezeigt hat.
„Diese beiden Parteien der politischen Mitte könnten in die Zange geraten — von links durch eine erstarkende Linkspartei, von rechts durch die AfD. Das ist keine unwahrscheinliche Perspektive.” — Albrecht von Lucke
Ulrike Herrmann macht das ökonomische Grundproblem scharf: Bundesrepublikanische Regierungen haben ihren Erfolg immer daran gemessen, dass sie etwas zu verteilen hatten. In einer schrumpfenden oder stagnierenden Wirtschaft mit wachsender Ungleichheit fehlt diese Grundlage. Und keine Partei der Mitte hat bisher eine Antwort, wie man Menschen in einer solchen Situation Stabilität und Teilhabe vermittelt, ohne auf nationalistisches Ressentiment zu setzen.
Weitergedacht
Welche politische Kraft könnte das Vakuum füllen, das entsteht, wenn CDU und SPD gleichzeitig schrumpfen? Und wäre eine neue Mitte-Bewegung stabilisierend oder würde sie die demokratische Fragmentierung verstärken?
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung:
- Blätter für deutsche und internationale Politik — Albrecht von Luckes Zeitschrift (70 Jahre, neues Layout seit April 2026)
Im Gespräch erwähnt:
- Ulrike Herrmann: Geld als Waffe — Wie die Wirtschaft über Krieg und Frieden entscheidet (2026, taz-Verlag)
- Ulrike Herrmann: Das Ende des Kapitalismus (2022)
- Hay-Joon Chang: 23 Things They Don’t Tell You About Capitalism — Busfahrer-Beispiel Schweden vs. Indien
- Marcel Fratzscher (DIW): These, Deutschland werde bis 70 arbeiten müssen (Demografie-Argument)
Faktencheck
(Sherlock-Ergebnisse folgen)
Verbindungen
→ Julia Friedrichs — Extremer Reichtum
Friedrichs’ Analyse der deutschen Vermögenskonzentration und Erbschaftsdynamik ergänzt Herrmanns Wirtschaftsdiagnose direkt: Die 48 Milliarden Steuerentlastungen für Reiche sind kein Zufall, sondern Ausdruck einer Klassenstruktur, in der das vererbte Kapital politisch geschützt wird.
→ Tilo Jung — Erben Wirtschaft AfD-Strategie
Direkte thematische Fortsetzung: Jung analysiert im Gespräch mit Tim Gabel dieselbe Verteilungsfrage, die hier im Zentrum steht — aber aus einer marxistischen Perspektive auf Erbschaft und KI-Vergesellschaftung.
→ Kevin Kühnert — Verteilungspolitik und soziale Demokratie
Kühnerts Diagnose der SPD-Schwäche — Partei hat ihre eigene Basis verloren, weil sie keine glaubwürdige Verteilungsposition mehr hat — wird in dieser Sendung von außen bestätigt: Die SPD schmiedet, so von Lucke, die Nägel zu ihrem eigenen Sarg.
Weiterdenken
Was Aristoteles vielleicht gefragt hätte
- Wenn eine Regierung alle Forderungen der Opposition umsetzt und die Opposition trotzdem wächst — hat sie dann das Wesen der Forderungen missverstanden, oder war das Ziel immer etwas anderes als die Forderungen?
- Herrmann sagt, Reichtum kommt durch Technik, nicht durch Arbeit. Gilt dann das Gleiche für Armut — entsteht sie strukturell, nicht durch individuelle Entscheidungen? Was würde das für das Konzept der “Leistungsträger” bedeuten?
- Von Lucke hoffte auf die Lernfähigkeit von Merz. Wäre mehr Misstrauen gegenüber Politikerbiografien angebracht — oder ist Hoffnung eine notwendige Grundlage demokratischer Partizipation?
- Die Gaza-Debatte zerbricht die Runde fast. Gibt es Themen, bei denen Diskursregeln vor Inhalten kommen müssen — und wer legt diese Regeln fest?
- Wenn eine neue Mitte-Bewegung (Wüst-Szenario) CDU und SPD zerstört: Wäre das eine demokratische Erneuerung oder der nächste Schritt in der Erosion der Volksparteien?











