Biografie
- Beruf: Evolutionsbiologe, Primatologe und Anthropologe
- Geboren: 1953 in den Niederlanden (Carolus Philippus „Carel” van Schaik)
- Ausbildung: Studium der Biologie an der Universität Utrecht; Forschungsjahre an der Princeton University
- Werdegang: ab 1989 außerordentlicher Professor an der Duke University (Durham, North Carolina); von 2004 bis zu seiner Emeritierung 2018 Professor und Direktor des Instituts und Museums für Anthropologie der Universität Zürich
- Forschung: Feldforschung an Orang-Utans auf Borneo und Sumatra — soziale Interaktionen, Werkzeuggebrauch und Kultur bei Menschenaffen. Sein Aufsatz Orangutan Cultures and the Evolution of Material Culture (Science, 2003) wies erstmals kulturelle Traditionen bei Orang-Utans nach.
- 2007 zum korrespondierenden Mitglied der Königlich Niederländischen Akademie der Wissenschaften ernannt.
- Bekannt wurde er einem breiten Publikum durch seine gemeinsamen Bücher mit dem Historiker und Wissenschaftsjournalisten Kai Michel, in denen er evolutionsbiologisches Wissen auf Religion, Geschichte und Gegenwart anwendet.
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Das Tagebuch der Menschheit | 2016 | Mit Kai Michel. Liest die Bibel nicht als Wort Gottes, sondern als „Tagebuch der Menschheit” — als Protokoll der kulturellen Anpassung an das Leben nach der Sesshaftwerdung. Spiegel-Bestseller. |
| Die Wahrheit über Eva | 2020 | Mit Kai Michel. Wie die Ungleichheit von Frauen und Männern entstand — die Erfindung des Patriarchats als Folge von Sesshaftigkeit und Eigentum, nicht als Naturgesetz. |
| Mensch sein — Von der Evolution für die Zukunft lernen | 2023 | Mit Kai Michel. Die Summe des Ansatzes: die „drei Naturen des Menschen” und der evolutionäre Mismatch als Schlüssel zu den Krisen der Gegenwart. |
| Die Evolution der Gewalt | 2024 | Mit Harald Meller und Kai Michel. Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen — Krieg als späte kulturelle Ausnahme der Menschheitsgeschichte, nicht als genetisches Erbe. |
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Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Ist der Mensch im Grunde gut? — Sternstunde Religion (SRF, 2023) — Gespräch mit Kai Michel über Mensch sein, die drei Naturen und die Frage, warum die Welt im Krisenmodus steckt.
- Kai Michel & Carel van Schaik — Mensch sein. Wie wir Krise können (2023) — Buchvorstellung/Vortrag zum evolutionären Blick auf die Dauerkrise.
- Carel van Schaik: Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen — RefLab-Podcast — Live-Gespräch zur Evolution der Gewalt.
Kernthesen
- Die drei Naturen des Menschen. Die erste Natur ist genetisch verankert und in der langen Zeit als Jäger und Sammler entstanden — angeborene Gefühle, Gerechtigkeitssinn, Familienliebe, aber auch Eifersucht und Ekel; sie meldet sich als Intuition und Bauchgefühl. Die zweite Natur ist die kulturell erlernte (Bourdieus „Habitus”) — Sitten, Anstand, das „was man tut”. Die dritte Natur ist die Vernunft, die bewusst-rationale Ebene — die schwächste, aber nötig, wenn alte Strategien versagen.
- Der größte Fehler der Menschheit. In Anschluss an Jared Diamond: Die Sesshaftwerdung und Landwirtschaft (in einer 24-Stunden-Uhr der Menschheitsgeschichte erst „sechs Minuten vor Mitternacht”) brachte Ungleichheit, Krankheit, Despotie und einen dauerhaften Mismatch — der Mensch ist evolutionsbiologisch nicht für das agrarische und moderne Leben gemacht.
- Die Bibel als Tagebuch der Menschheit. Die biblischen Texte sind kein Gotteswort, sondern über 1.000 Jahre gesammelte Zeitzeugenberichte — der Versuch, das neue, ungesunde, konfliktreiche sesshafte Leben zu ordnen. Religion als „protowissenschaftliche” Strategie, Wissenslücken und Kontrollverlust zu überbrücken.
- Der Mensch ist im Kern kooperativ. Jäger-und-Sammler-Gruppen lebten weitgehend egalitär; Herrschaft, Hierarchie und maßlose Ungleichheit sind kulturelle Spätfolgen der Sesshaftigkeit, keine menschliche Grundnatur. Die erste Natur ist auf Fairness, Mitgefühl und Gleichheit geeicht — was Botschaften wie die Jesu Christi so anziehend macht, weil sie an sie appellieren.
- Krieg ist nicht in den Genen. Kollektive, organisierte Gewalt ist eine späte Ausnahme der Menschheitsgeschichte, an Bedingungen (Sesshaftigkeit, Vorräte, Eigentum) gebunden — nicht unser evolutionäres Schicksal.
Politische / weltanschauliche Einordnung
- Van Schaik und Michel verstehen sich als Agnostiker und „religiös unmusikalische” Menschen, behandeln religiöse Texte aber mit ausdrücklichem Respekt — sie entzaubern die Bibel, ohne sie zu verhöhnen.
- Weltanschaulich in der Tradition eines aufklärerischen, kooperativen Menschenbildes (nahe Rutger Bregman, Jared Diamond): gegen den Hobbes’schen „homo homini lupus” und den homo oeconomicus, für ein Bild des Menschen als grundsätzlich sozialem, fairnessorientiertem Wesen — bei nüchternem Blick auf die kulturellen Kräfte, die dieses Wesen verzerren.
- Keine parteipolitische Verortung; der Ansatz ist wissenschaftlich-humanistisch, mit kulturkritischer Stoßrichtung gegen die Selbstverständlichkeiten der modernen (Wachstums-)Gesellschaft.
Verbindungen zu anderen Denkern
(wird von Montaigne befüllt)










