Biografie

Constanze Kurz (geb. 2. März 1974 in Ost-Berlin) ist eine promovierte Informatikerin, Sachbuchautorin und Sprecherin des Chaos Computer Clubs (CCC). Sie hat sich durch jahrzehntealtige Forschung und Advocacy zur führenden Expertin für Überwachungstechnologie, Datenschutz und digitale Grundrechte in Deutschland etabliert.

Werdegang:

  • 1974–1992: Kindheit und Jugend in Berlin; Studium der Volkswirtschaftslehre, dann Wechsel zu Informatik
  • 2005–2011: Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität Berlin unter Prof. Wolfgang Coy, Schwerpunkt Überwachungstechnologie und Ethik in der Informatik
  • 2013: Promotion mit Dissertation über Wahlcomputer: Elektronische Wahlhelfer in der Demokratie: der Status quo bei politischen Wahlen
  • 2014: Projektleiterin für Informatik-Gesellschaft an der HTW Berlin
  • 2015–heute: Redakteurin bei netzpolitik.org (Teilzeit)
  • Parallel: Ehrenamtliche Sprecherin des CCC; Mitglied der Enquête-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft” des Bundestages; technische Sachverständige vor dem Bundesverfassungsgericht bei Klagen zu Wahlcomputern, Vorratsdatenspeicherung, Antiterrordatei, Staatstrojanern und BND-Gesetz

Politische Unabhängigkeit: Parteilos; wurde 2012 von den Grünen als Kandidatin für das Amt der Datenschutzbeauftragten in Thüringen nominiert (verlor aber gegen CDU/SPD-Kandidaten).

Zentrale Prägungen

Berliner Hacker-Kultur & Informatik-Ethik: Aufgewachsen in Ost-Berlin, entwickelte Kurz früh ein kritisches Verständnis von Technologie nicht als neutrales Werkzeug, sondern als Ausdruck von Macht. Ihr Umfeld: das CCC (Gründung 1981), das Hacker-Ethos der Transparenz und Demaskierung technischer Systeme.

Das “Wahlcomputer-Trauma”: Ihre Dissertation zeigte, dass Wahlcomputer leicht manipulierbar sind — eine zentrale Erkenntnis, die sie als technische Sachverständige vor das Bundesverfassungsgericht brachte (2007). Dies prägte ihr Verständnis: Technologie ist nicht neutral, und wen sie regiert, wird zum Verwalter von Macht.

NSA-Skandal 2013: Nach Edward Snowdens Enthüllungen stellte Kurz 2014 Strafanzeige gegen die Bundesregierung — ein Wendepunkt, der ihre Kritik von akademisch zu aktivistisch verschärfte.

Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Die Datenfresser: Wie Internetfirmen und Staat sich unsere persönlichen Daten einverleiben2011Mit Frank Rieger. Grundtext zum Datenmissbrauch durch Tech-Firmen und staatliche Überwachung
Arbeitsfrei: Eine Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen2013Mit Frank Rieger. Automation, Künstliche Intelligenz und die Zukunft der Arbeit
Cyberwar: Die Gefahr aus dem Netz2018Mit Frank Rieger. Digitale Kriegsführung, kritische Infrastrukturen, nationale Sicherheit
1984.exe — Gesellschaftliche, politische und juristische Aspekte moderner Überwachungstechnologien2008Herausgeberin (mit Sandro Gaycken). Sammlung zu Surveillance & Macht
Elektronische Wahlhelfer in der Demokratie2013Dissertation. Kritik an Black-Box-Systemen in demokratischen Prozessen

Kernthesen

  1. Technologie ist Machttechnik, keine Neutralität möglich

    • Systeme wie Palantir oder Wahlcomputer sind nicht „nur Werkzeuge” — sie kristallisieren Machtverhältnisse. Wer Software kontrolliert, kontrolliert Realität.
  2. Überwachung ist strukturell, nicht episodisch

    • Das Problem ist nicht einzelne “Missbrauchsfälle”, sondern die Architektur: Palantir sammelt Daten zu Verdächtigen, Zeugen, Opfern — alle in derselben Datenbank. Keine Unterscheidung, keine Nuance.
  3. Digitale Souveränität ist ein Mythos ohne echte Kontrolle

    • Europäische Länder, die Palantir beschaffen, outsourcen ihre Datenhoheit an US-Konzerne und damit an eine “unvorhersehbare US-Regierung” (Zitat Kurz). Ein “europäisches Palantir” ist keine Lösung — das Problem ist das Konzept selbst.
  4. Algorithmen entwachsen ihrer Programmierer

    • Datenmodelle in Polizeisoftware sind nicht transparent. Polizisten sehen Scores (Gefährlichkeits-Rankings), verstehen aber nicht, wie diese berechnet werden. Das ist delegierte Macht ohne Kontrolle.
  5. Grundrechte brauchen Architektur, nicht nur Regeln

    • Privacy-by-Design ist keine Feature, sondern Pflicht. Systeme müssen von vornherein so gebaut sein, dass Massenüberwachung unmöglich ist — nicht dass sie erst im Nachhinein verboten werden muss.
  6. KI verschärft alle Probleme

    • KI-Systeme amortisieren Trainingsdaten über Jahre. Eine einmal unrechtmäßig gesammelte Datenbank wird zur ewigen Kontaminationsquelle.

Politische & ideologische Einordnung

Libertär-linke Technologiekritik: Kurz kritisiert nicht Technologie per se, sondern ihre Konzentration in Konzernen und Behörden ohne Kontrolle. Sie ist eine Verteidigerin individueller Freiheit und Datenschutz als Grundrecht (nicht Privatspähre als Luxus). Dies unterscheidet sie von traditionellen Konservativen (die Sicherheit über Freiheit priorisieren) und von Tech-Utopisten (die Algorithmen als neutral ansehen).

Institutionelle Strategie: Nicht nur Aktivismus — Kurz arbeitet mit Verfassungsgerichten, Parlamentskommissionen und NGOs wie der Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) zusammen. Das ist eine inside-outside-Strategie: Expertise nutzen, um juristische Grenzen zu ziehen, während der CCC öffentlichen Druck aufbaut.

Europa vs. USA: Implizite Kritik am europäischen Verhältnis zur amerikanischen Tech-Macht. Sie argumentiert nicht für “europäische Tech-Champions”, sondern für Datensouveränität durch Nicht-Erfassung — also weniger Daten, nicht mehr.

Bekannte Verbindungen zu anderen Denkern

  • Frank Rieger (CCC-Sprecher): Langer-zeit-Koautor und Mitstreiter. Zusammen haben sie das klassische Datenschutz-Lehrbuch für die Hacker-Bewegung geschrieben.

  • Arne Semsrott (Founder FragDenStaat, CCC-Umfeld): Ähnliche Strategie (Transparenzforderungen vs. Staat), aber Semsrott fokussiert auf Informationsfreiheit; Kurz auf technische Architektur.

  • Katharina Nocun (Autorin, Netzpolitik-Aktivistin): Ähnliche Positionen zu Datenschutz und Überwachung. Nocun schreibt für Massenmedium, Kurz bleibt technisch-akademisch.

  • Rainer Mühlfoff (Kritik von KI-Faschismus): Mühlhoff baut auf Kurz’ technischen Analysen auf und nimmt sie in eine politisch-philosophische Theorie der “Kybernetik und Macht” auf.

  • Bijan Moini & Franziska Görlitz (Gesellschaft für Freiheitsrechte): Juristische Partner. Während Kurz technisch begründet, bringen Moini/Görlitz juridische Argumente vor Gericht.

  • Michel Foucault (historisch): Kurz zitiert implizit Foucaults Concept der “Disziplinargesellschaft” — Überwachung nicht als böse Absicht, sondern als strukturelle Logik von Macht.

Auszeichnungen & Anerkennung

  • 2011: Computerwoche-Ranking: Platz 38 der 100 einflussreichsten IT-Personen in Deutschland
  • 2012: Werner-Holtfort-Preis für Menschenrechtliches Engagement (mit Frank Rieger)
  • 2013: Theodor-Heuss-Medaille für vorbildliches demokratisches Verhalten
  • 2014: Toleranzpreis der Ev. Akademie Tutzing für Zivilcourage
  • 2014: “25 Frauen für die digitale Zukunft” (Edition F)
  • 2021: GI Fellow (Gesellschaft für Informatik)

Gedankenwelten-Notes