Wer spricht?
Damir Skenderovic (geb. 1965 in Dortmund) ist Schweizer Historiker und Professor für Zeitgeschichte an der Universität Freiburg (Fribourg). Er gilt als einer der profiliertesten Erforscher der radikalen Rechten in der Schweiz — seine Studie The Radical Right in Switzerland (2009) ist ein Standardwerk. Als Historiker bringt er die lange Linie in die Faschismus-Debatte: Rechtsextremismus nicht als plötzlicher Ausbruch, sondern als Kontinuität, die immer wieder neue Formen annimmt.
Biografie
Geboren 1965 in Dortmund, aufgewachsen und akademisch verwurzelt in der Schweiz. Skenderovic studierte Geschichte, Anthropologie und Kommunikationswissenschaft an der Universität Freiburg i.Üe. — eine ungewöhnlich breite Grundausbildung, die seinen Blick prägt: Er liest die radikale Rechte nicht nur politikgeschichtlich, sondern auch als kulturelles und mediales Phänomen.
Der prägende Wendepunkt war das Forschungsprojekt «Racism and Politics in the Nineties» (1997–1999): In den Jahren, in denen die Schweizer Volkspartei (SVP) unter Christoph Blocher zur stärksten Kraft aufstieg, begann Skenderovic, den Rechtspopulismus systematisch zu vermessen. Als Visiting Scholar an der New York University (1998–2002) gewann er die vergleichende Perspektive, die sein Werk auszeichnet — die Schweizer Rechte als Teil eines westeuropäischen und transatlantischen Musters, nicht als helvetischer Sonderfall.
2004 promoviert, 2010 habilitiert, seit 2011 ordentlicher Professor für Zeitgeschichte in Freiburg. Gastaufenthalte am Wissenschaftszentrum Berlin, an der University of California (Irvine) und am Birkbeck College London. Er tritt regelmäßig als öffentlicher Experte auf — dort, wo die Schweiz ihr Verhältnis zur eigenen rechtsextremen Vergangenheit verhandelt, ist er eine der wenigen Stimmen, die an die vergessene Kontinuität erinnern.
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| The Radical Right in Switzerland. Continuity and Change, 1945–2000 | 2009 | Sein Standardwerk (Habilitation) — die erste umfassende Studie zur radikalen Rechten in der Schweiz von der Nachkriegszeit bis 2000. Kontinuität statt Bruch als Leitmotiv. |
| Mit dem Fremden politisieren. Rechtspopulistische Parteien und Migrationspolitik in der Schweiz | 2008 | Mit Gianni D’Amato — wie die Schweizer Rechte seit den 1960ern das Migrationsthema instrumentalisiert und damit den politischen Diskurs verschiebt. |
| 1968 – Revolution und Gegenrevolution. Neue Linke und neue Rechte | 2008 | Mit Christina Späti — die Gleichzeitigkeit von neuer Linke und neuer Rechte in Frankreich, der BRD und der Schweiz. |
| Strategien gegen Rechtsextremismus in der Schweiz | 2010 | Akteure, Maßnahmen und Debatten — der handlungsorientierte Gegenpol zur Analyse. |
| Die 1968er Jahre in der Schweiz. Aufbruch in Politik und Kultur | 2012 | Mit Christina Späti — die Schweizer 68er zwischen Politik und Gegenkultur. |
| Wider die Ausgrenzung – für eine offene Schweiz | 2011 | Hrsg. mit Brigitta Gerber — historische, sozial- und rechtswissenschaftliche Beiträge gegen Ausgrenzung. |
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Extremismus auf dem Vormarsch – Droht ein neuer Faschismus? — SRF Sternstunde Philosophie (31.05.2026): Barbara Bleisch im Gespräch mit Skenderovic und Eva von Redecker über Faschismus-Begriff, Active Clubs und Normalisierung.
- Interviews mit Damir Skenderovic zu Rechtspopulismus und Rechtsextremismus — gesammelte Medienauftritte an der Universität Freiburg.
- „Die Schweiz hat ihre rechtsextreme Vergangenheit vergessen” — Blick-Interview zum blinden Fleck der Schweiz.
Kernthesen
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Kontinuität statt Ausbruch. Rechtsextremismus ist kein plötzliches Phänomen, sondern eine durchgehende Linie seit 1945, die immer wieder neue Erscheinungsformen annimmt. Wer erst beim „neuen Faschismus” hinsieht, übersieht die lange Vorgeschichte.
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Die verdrängte Vergangenheit der Schweiz. Die Schweiz hat ihre eigene rechtsextreme Geschichte weitgehend vergessen — die Sensibilität für Rechtsextremismus ist kleiner als in vielen anderen Ländern. Diese Amnesie macht Normalisierung leichter.
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Rechtspopulismus als Diskursverschieber. Rechtspopulistische Parteien (in der Schweiz v.a. die SVP) politisieren seit den 1960ern über das Fremde und verschieben damit die Grenzen des Sagbaren — nicht durch Umsturz, sondern durch schleichende Normalisierung.
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Der Faschismus-Begriff braucht historische Präzision. Gegen inflationären wie leugnenden Gebrauch: Ob heutige Bewegungen „faschistisch” sind, lässt sich nur klären, wenn man die historischen Merkmale ernst nimmt — statt das Wort als Kampf- oder Beruhigungsformel zu benutzen.
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Neue Linke und neue Rechte als Zwillinge der Nachkriegszeit. Beide Bewegungen entstanden im selben Moment (um 1968) als Reaktion auf dieselbe Ordnung — die Rechte lässt sich nicht ohne ihr linkes Gegenüber verstehen.
Politische / ideologische Einordnung
Skenderovic ist Wissenschaftler, kein Aktivist — sein Anliegen ist historische Aufklärung und die Warnung vor der Verdrängung. Er positioniert sich klar gegen Rechtsextremismus und für eine „offene Schweiz”, betont aber als Historiker analytische Distanz: Der Faschismus-Begriff soll nicht als Etikett verschleudert, sondern präzise geprüft werden. Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Jahrbuchs für Islamophobieforschung.
Verbindungen zu anderen Denkern
(wird von Montaigne befüllt)












