Worum es geht

Faschismus als entfesselte Eigentumslogik oder als Prozess der Faschisierung? Eva von Redecker und Damir Skenderovic vermessen, wo der Rechtsruck endet und das Kippen beginnt. Barbara Bleisch konfrontiert die Philosophin und den Rechtsextremismus-Forscher mit den harten Fragen: Ist Trump ein Faschist? Meloni? Elon Musk? Was ist mit linker Gewalt? Das Gespräch ist dort am stärksten, wo die beiden sich nicht einig sind — und wo Redecker sich hörbar weigert, den Begriff zum Allzweckwort verkommen zu lassen, ohne ihn deshalb wegzuschließen.

Anlass — 13. Juli: Staatstag Montenegros

Montenegro begeht heute seinen Staatstag mit doppeltem Grund: 1878 erkannte der Berliner Kongress das Fürstentum als 27. unabhängigen Staat der Welt an — und am 13. Juli 1941 erhob sich das Volk gegen die italienische Besatzung, in einem der ersten Massenaufstände im faschistisch besetzten Europa. Kommunisten, Royalisten, Bauern, Offiziere der zerschlagenen Armee: Quer durch alle Lager griff ein kleines Land zu den Waffen, als der Rest des Kontinents noch stillhielt. Der Tag hält zweierlei wach — dass Staatlichkeit verliehen werden kann, aber Freiheit erhoben werden muss. 85 Jahre später sitzen in Zürich zwei Forschende und fragen, ob das, wogegen sich Montenegro damals erhob, in neuem Gewand zurückkehrt.

Quelle: Extremismus auf dem Vormarsch – Droht ein neuer Faschismus? | Sternstunde Philosophie | SRF Kultur (31.05.2026)

Wer spricht?

Eva von Redecker (1982) — Philosophin und Sorgearbeit-Theoretikerin; ihre Bücher Revolution für das Leben, Bleibefreiheit und zuletzt Dieser Drang nach Härte (2026) bauen wie ein Denkprozess aufeinander auf. Im Gespräch vertritt sie ihre Kernthese: Faschismus als entfesselte Eigentumslogik. → DenkerVita

Damir Skenderovic (1965, Dortmund) — Schweizer Historiker, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Freiburg (Fribourg); erforscht seit über 30 Jahren die radikale Rechte (Standardwerk The Radical Right in Switzerland, 2009), aktuell mit einem großen SNF-Projekt zur Faschismusgeschichte. Er bringt die Langzeitperspektive ins Gespräch: Rechtsextremismus als Kontinuität, die immer neue Formen annimmt. → DenkerVita

Moderation: Barbara Bleisch, SRF Sternstunde Philosophie.


Inhalt

Das Gespenst und der Pudding

▶ 0:46 — Bleisch eröffnet mit Marx: Ein Gespenst geht um in Europa. Nur dass diesmal nicht der Kommunismus gemeint ist. Redecker nimmt das Bild ernster, als es gemeint war: Marx und Engels beschrieben etwas, das es noch gar nicht gab — der Faschismus dagegen hätte tatsächlich das „spukende Nachleben” eines Gespensts. Und doch hält sie die bloße Wiederkehr-Erzählung für zu klein: Was kommt, ist nicht die Kopie von 1933.

Skenderovic liefert die Begriffsgeschichte dazu: Der Faschismus beginnt als Selbstbezeichnung in Italien, und fast gleichzeitig entsteht die Faschismusforschung. Seither laviert der Begriff zwischen zwei Polen — politischer Kampfbegriff gegen den Gegner, analytische Kategorie der Wissenschaft. Ian Kershaws berühmter Satz, Faschismus definieren zu wollen heiße, einen Pudding an die Wand zu nageln, hängt über dem ganzen Gespräch.

Die Gegenposition bringt Bleisch gleich mit: Der Soziologe Jan Philipp Reemtsma hat in der FAZ gespottet, wer ständig frage „Ist das Faschismus?”, zeige vor allem seine Sehnsucht nach einer Gemeinschaft der Gleichgesinnten — von der Beantwortung hänge nichts ab. Redecker ärgert die Polemik hörbar:

▶ 4:34„Mich ärgert diese Polemik insofern ein bisschen, weil sie gar nicht eine Sekunde lang erwägt, dass man auch ernst meinen könnte, die analytische Seite […] sondern sozusagen gleich ins Psychologisieren springt.”

Sie gibt zu, selbst „große Hemmungen” zu haben, den Begriff in der politischen Auseinandersetzung „einfach so rumzuwirbeln” — gerade deshalb habe sie als Philosophin erst einmal aufgeschrieben, was man damit meint. Das ist die Haltung der ganzen Sendung: weder Alarmwort noch Denkverbot.

Zwei Definitionen — und warum beide nicht reichen

▶ 6:52 — Skenderovic referiert die einflussreichste Definition der Forschung: Roger Griffins palingenetischer Ultranationalismus — populistischer Ultranationalismus plus das Versprechen der Wiedergeburt einer Nation, die angeblich am Zusammenbrechen ist. Bleisch braucht keine zwei Sätze, um die Passung zu zeigen: Make America Great Again — das „Again” ist die Palingenese, die „Greatness” der Ultranationalismus. Skenderovic ergänzt: Trumps Rede vom „American Carnage” — die Nation liegt am Boden, ich baue sie wieder auf — ist exakt diese zukunftsverheißende Wiedergeburtserzählung.

Als zweite Definition legt Bleisch Rainer Mühlhoffs drei Kriterien auf den Tisch (aus Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus): antidemokratisches Wirken, Gewaltbereitschaft inklusive Dehumanisierung, und Technologie als Machtinstrument. Redecker findet beide Beschreibungen „zutreffend” — und beiden fehlt ihr zufolge die definitorische Schärfe:

▶ 10:41„Das mit der Technologie, das ist ein zu breites Kriterium. […] Gerade der gegenwärtige Faschismus ist nicht notwendig ultranationalistisch.”

Ihr Gegenbeispiel ist bemerkenswert: die transnationale Allianz weißer Vorherrschaftsdenkender, die „vollkommen problemlos zwischen Amerika, Europa, Russland” hin und her springt — es geht um die „weiße Rasse”, nicht um eine Nation. Und im Tech-Milieu gebe es Vordenker wie Balaji Srinivasan mit Visionen segregierter Freistaaten, in denen eine programmierende Elite herrscht „wie ein Eigentümer” — faschistisch klingend, aber gar nicht nationalistisch. Der historische Faschismus war zudem nie technikfeindlich: die Futuristen in Italien, die IBM-Kooperation mit dem NS-Regime. Deshalb, so Redecker, braucht es eine abstraktere Definition.

Weitergedacht

Wenn der neue Faschismus nicht mehr national denkt, sondern in „Rasse” und Netzwerk-Staaten — greifen dann alle Abwehrinstrumente ins Leere, die auf die nationale Demokratie zugeschnitten sind (Verfassungsschutz, Parteiverbot, wehrhafte Demokratie)?

Phantombesitz: die entfesselte Eigentumslogik

▶ 16:02 — Hier liegt der Kern von Redeckers Buch. Faschismus als Herrschaftsform zeichnet sich für sie dadurch aus, „dass Regieren und auch menschliche Beziehungen durch Verfügen ersetzt werden sollen” — dass jemand wie ein Eigentümer über anderes und andere herrschen darf, als wären sie Dinge. Die faschistische Mobilisierung dockt an reale Verlustängste an und macht Ersatzangebote, die über erstaunlich verschiedene Felder hinweg dieselbe Form haben: die gestohlene Wahl, „unsere” Familie, „mein” Land — ideologische Quasi-Objekte.

Den Schlüsselbegriff erklärt sie über den Phantomschmerz:

▶ 16:48„Man spürt einen Impuls, einen Kontrollwunsch, aber an einer eigentlich leeren Stelle. Also die Frauen z.B. gehören nicht den Ehemännern. Schwarze Menschen sind nicht mehr versklavt — und doch gibt’s diesen Impuls: Das ist meins, und wenn es nicht meins ist, dann mache ich es eher kaputt, als dass ich es mir nehmen lasse.”

Phantombesitz ist die Nachträglichkeit eines Besitzanspruchs, den der Liberalismus längst delegitimiert hat — und der als Impuls weiterlebt. Bleisch bringt das Anschauungsmaterial: das Rekrutierungsposter der US-Einwanderungsbehörde ICE im Stil der Indian Wars, Slogan „We will have our home again” — als hätte das Zuhause je allein der weißen, nicht-migrantischen Bevölkerung gehört.

Entscheidend ist Redeckers Abgrenzung nach unten: Nicht jede Heimat- oder Gemeinschaftssehnsucht ist faschistisch. Die Testfrage lautet: Zugehörigkeit oder Verfügungswunsch? Und — schärfer noch — das faschistische „Wir” existiert vor der Mobilisierung gar nicht:

▶ 20:37„Diese Gemeinschaft wird über den vermeintlichen Angriff — also über die Selbstverteidigung gegen jemanden, der dieses, was unseres ist, plündert — überhaupt erst hergestellt. Vorher gibt’s die eigentlich gar nicht. Die Menschen sind zersprengt, isoliert und einzeln.”

Erst die Beschwörung des Diebstahls macht aus Vereinzelten eine Gruppe; erst der beschworene Ausnahmezustand macht die Gewalt zur „Selbstverteidigung”, die gar nicht mehr wie Gewalt aussieht. Wo ein Gegenüber zum auszulöschenden Abjekt wird, erst da will Redecker von Faschismus reden.

Die Analogie-Falle: Warum der Hitlergruß nicht die Frage ist

▶ 13:44 — Ein methodischer Einschub, der das halbe öffentliche Gerede über Faschismus erledigt: Redecker hält den verbreiteten Analogieschluss — sind die Parteien wie die NSDAP, die Führer wie Hitler, die Zustände wie 1933? — für einen hilflosen Versuch. Man weiß nie, ob man die Merkmale „im neuen Gewand” wiedererkennen würde, und bleibt an vertrauten Symbolen kleben:

„Hat Elon Musk jetzt den Hitlergruß gezeigt oder nicht — ehrlich gesagt ist das meiner Meinung nach vollkommen irrelevant für die Frage, ob er Faschist ist. Das entscheidet sich an seiner bevölkerungspolitischen Vorstellung, an seiner Vorstellung von Macht und Politik.”

Ihr Vergleichsmaßstab ist die Essenz der Herrschaftsform — so wie niemand zögert, die absolute Monarchie Saudi-Arabiens und die Ludwigs XIV. derselben Klasse zuzuordnen, obwohl sie kaum ein Merkmal teilen außer der absoluten Herrschaft. Musk hält sie — das sagt sie ausdrücklich — für einen Protofaschisten, aber wegen seiner Macht- und Bevölkerungspolitik, nicht wegen einer Geste.

Ist das Faschismus? Trump ja, Meloni (noch) nein

▶ 26:50 — Bleisch fragt „ganz konkret und nackt”: Fratelli d’Italia, Rassemblement National, FPÖ, AfD — faschistische Parteien? Skenderovic sagt nein — und setzt dagegen seinen Prozessbegriff: Faschisierung. Die Fratelli kommen aus dem neofaschistischen MSI; ihr Parteisymbol, die Flamme, ist bis heute das MSI-Symbol von 1946, das „ewige Licht” Mussolinis. Es könnte kippen. Aber ein Zustand ist es noch nicht.

Redecker liefert das Kriterium für den Unterschied gleich mit: Meloni hat das verlorene Justizreform-Plebiszit „zähneknirschend anerkannt” — statt den Ausnahmezustand auszurufen und von gestohlenen Wahlen zu sprechen, wie es in den USA mit „Stolen Election” und Kapitolsturm versucht wurde. An Trump dagegen lässt sie keinen Zweifel:

▶ 29:10„Ich würde sagen, Trump ist ein Faschist. Ich würde nicht sagen, in den USA herrscht jetzt durch die Bank weg Faschismus, weil Teile der Institutionen halten.”

Ihre Belege: das Regieren über Exekutivorder und ausgerufene Notstände selbst dort, wo er Mehrheiten hätte; die „Unitary Executive”-Doktrin, die alle Macht beim Präsidenten bündelt — gegen die föderalistische Gewaltenteilung der Gründung; und die Grönland-Rhetorik („das gehört mir, weil ihr es nicht verteidigen könnt”) als „faschistische Eigentumsanmaßung des Rechts des Stärkeren”. Bemerkenswert ihre Nüchternheit dabei: Sie glaube gar nicht, dass man mit dem Wort politisch etwas gewinne — aber benennen müsse man es.

Weitergedacht

Redecker unterscheidet Person (Trump: Faschist) und System (USA: noch kein Faschismus, „weil Teile der Institutionen halten”). Wie lange kann ein faschistischer Akteur an der Spitze nicht-faschistischer Institutionen stehen, bevor die Unterscheidung zusammenbricht — und woran würde man den Übergang erkennen?

Lifestyle-Faschismus: Active Clubs, Körperkult, Schwiegersohn-Optik

▶ 31:27 — Der Blick auf die Jugend. In Deutschland „Jung und Stark” und „Deutsche Jugend Voran” (beide vom Verfassungsschutz beobachtet), in der Schweiz die „Junge Tat”, dazu das in Deutschland verbotene Netzwerk Blood and Honour, das sich im April im bündnerischen Thusis zu Hitlers Geburtstag versammelte. Ein SRF-Einspieler zeigt die Active Clubs: maskierte, durchtrainierte Kampfsportgruppen nach dem Vorbild der US-„Patriot Front”, mittlerweile mit Ablegern in knapp 30 Ländern, in der Schweiz in drei Sprachregionen — Rekrutierung über Kampfsport, Eisbaden, Wandern, Telegram-Kanäle mit Aufnahmekriterien wie „weiße Europäer, älter als 16”.

Skenderovic ordnet historisch ein: Rechtsextremismus war immer an Jugendkulturen gekoppelt — die White-Power-Skinheads seit den Siebzigern. Neu ist der Imagewechsel: Statt Springerstiefel-Schock die „Schwiegersohn”-Optik, statt Anstoß die Normalisierung. „Aber die Ideologie, die bleibt die gleiche” — zugespitzt auf Körperkult und „Männlichkeitswahn”. Und er erinnert daran, dass Jugend- und Körperkult zentrale Kennzeichen des historischen Faschismus waren.

Redecker sieht in den Bildern den „Extrempunkt” ihrer Härte-These: Gewalt nicht als Mittel unter anderen, sondern verherrlicht, als Ziel —

▶ 37:33„Wer die größte Gewalt ausübt, hat auch das größte Recht. Und die Gewalt ist gerichtet gegen bestimmte verachtete Gruppen.”

Dann der interessanteste Moment des Abschnitts: ein echter Dissens. Als Skenderovic den Bogen zum breiten Körper- und Optimierungskult schlägt (Protein-Diskurse, Idealbilder von Männlichkeit weit über die Szene hinaus), unterbricht Bleisch — die Longevity- und Selbstoptimierungswelle sei aus vielen Gründen kritisierbar, aber „da gibt es viele Entwicklungen, die nichts zu tun haben mit Faschismus”. Redecker hält dagegen, bei Bryan Johnson & Co. sehe sie durchaus die Fortschreibung dessen, was das 20. Jahrhundert Eugenik nannte: „Selbstbesitz, Optimierung, die Schwachen sollen verschwinden.” Der Streit bleibt offen stehen — und genau das macht ihn wertvoll: Die Grenze zwischen Diagnose und Überdehnung des Begriffs verläuft mitten durch die Sendung.

▶ 40:35 — Bleisch zitiert Habermas, der 1967 vor „Linksfaschismus” warnte. Redecker reagiert als „Familienangelegenheit der Kritischen Theorie”: Habermas habe das im Streit mit Dutschke gesagt, bei geteilten Zielen, und nach drei Monaten zurückgenommen — daraus eine Links-gleich-rechts-These zu machen, sei ahistorisch. Dann legt Bleisch die Grafik des Schweizer Nachrichtendienstes vor: gemeldete gewalttätige Ereignisse im Linksextremismus deutlich über denen von rechts.

Skenderovic zerlegt die Statistik methodisch: Der Schweizer Extremismus-Begriff sei auf physische Gewalt verengt und entpolitisiere die Taten (eine beschmierte Synagoge, bei der man „nicht von Antisemitismus ausgehen” könne); dazu komme die Aufschaukelungsthese, die Antifa und Rechtsextreme gleichsetze. Die Hufeisentheorie habe „wissenschaftlich keine Bedeutung mehr” — sie setze die Extreme gleich und erfinde eine unberührte Mitte, die es laut Wahlstudien nicht gibt. Redecker ergänzt die deutschen Zahlen: fünf- bis sechsmal so viele rechtsextreme wie linksextreme Straftaten.

Auf Bleischs Beispiele (der in Lyon zu Tode geprügelte Rechtsextreme, der US-Streamer Hasan Piker mit seiner Rhetorik „moralisch gerechtfertigter” Plünderung) antworten beide zweistufig. Skenderovic warnt vor der Opferkreation: Der Antikommunismus war das zentrale Feindbild-Narrativ der Zwischenkriegsfaschisten; wer heute Einzelfälle zur Links-Bedrohung aufbaue, mache „rechtsextreme Neofaschisten zu heroischen Überfiguren und Opfern”. Und nüchtern: In keinem Land Europas gehe eine Bedrohung der Demokratie von links aus — keine Partei, keine Regierung. Redecker wird grundsätzlicher:

▶ 49:39„Es gibt keinen linken Faschismus. Es gibt linke Gewalt, es gibt linken Autoritarismus. Es gab eine Weile einen […] linken Totalitarismus, den man überhaupt nur richtig betrauern und aufarbeiten kann vor dem Hintergrund der universalistischen linken Werte von Gleichheit und Freiheit.”

Der Faschismus definiere sich über das Recht des Stärkeren — dafür gebe es links „überhaupt kein Äquivalent”. Ihr Nachsatz verdient Beachtung: Wenn man alles in eins kollabiere, könne sie „gar keine interessante scharfe Kritik der Linken vorbringen”. Die Begriffshygiene schützt hier ausdrücklich auch die Möglichkeit, links zu kritisieren.

Weitergedacht

Redeckers Asymmetrie steht und fällt mit der Definition: Wer Faschismus als „Recht des Stärkeren” fasst, hat die Linke schon begrifflich exkulpiert. Ist das Einsicht — oder baut die Definition den Freispruch ein? Was müsste eine linke Bewegung tun, damit Redecker ihr Urteil revidieren müsste?

Ursachen: Normalisierung, Erschöpfung — oder der Durst, hassen zu dürfen

▶ 51:10 — Zum Schluss die Ursachenfrage, an zwei prominenten Thesen entlang. Vicente Valentims Normalisierung der radikalen Rechten (der Aufstieg sei kein Sinneswandel, sondern gewachsene Bereitschaft, vorhandene Einstellungen zu äußern) hält Skenderovic für eine „Anthropologisierung”: Sie behandle rechte Einstellungen wie einen naturgegebenen Bodensatz, der sich Bahn bricht, sobald das Sagbarkeitsfenster sich öffnet. Dagegen setzt er einen Satz, der sein Forschungsleben zusammenfasst: „Die Menschen kommen nicht als Rassisten auf die Welt. Sie werden dazu gemacht.”

Steffen Maus These der „Veränderungserschöpfung” ist Redecker „zu pauschal”: Die Zupflasterung der Innenstädte mit Autobahnen in den Fünfzigern war mehr Veränderung als die Energiewende — ermüdet hat sie angeblich niemanden. Ihre eigene Erklärung führt über Hannah Arendt: den Umschlag des sozialen Vorurteils in den politischen Ankerpunkt. Der Antisemitismus des 19. Jahrhunderts „wabberte” lange latent — bis Krisen- und Kränkungserfahrungen den Moment schufen, „wo es diesen Durst gab, jemanden hassen zu dürfen”:

▶ 54:58„Das Ganze ist ja so kompliziert, man kann so schwer auf das Ganze zeigen und es lässt sich so schwer ändern — aber auf ein Fleckchen da drin, das sich irgendwie so anfühlt, als wäre es schuld an den Veränderungen.”

Die Mächtigen zu hassen sei „wahnsinnig unbefriedigend, weil man nichts davon hat” — also braucht es eine Gruppe. Zur These, die linke Identitätspolitik sei schuld am Backlash, verweist Skenderovic auf Verstärkungsstrategien: Einzelfälle würden von politischen Akteuren und medialen Gatekeepern zum „Überproblem” hinaufstilisiert — der Woke-Diskurs entspreche „den Realitäten überhaupt nicht”.

Was tun: Härte gegen rechts — aber welche?

▶ 58:00 — Die Schlusspointe ist ein feines Chiasma. Ausgerechnet der nüchterne Historiker fordert mehr Staat: In der Schweiz sei „wirklich Not am Mann, an der Frau, dass man hier viel härter durchgreift gegen Rechtsextremismus” — das Land sei nach 20, 30 Jahren lascher Handhabung zum „Rückzugsgebiet für den europäischen Rechtsextremismus” geworden (das in Deutschland lange verbotene Blood-and-Honour-Netzwerk konzertiert in Graubünden). Strafrecht habe Symbolfunktion: Der Staat müsse zeigen, dass er Rechtsextremismus nicht toleriert.

Und ausgerechnet die Autorin des Härte-Buchs lehnt die Vokabel für sich ab: „Nicht mehr von dieser Härte.” Was es brauche, sei Durchhaltewillen und Disziplin, um an der Gleichheitsidee festzuhalten — ein Justizsystem beruhe darauf, dass das Gegenüber ein Gleicher ist, unter Gesetzen, „die größer sind als wir alle, größer auch als die Regierenden”. Dazu ihr sozialpolitisches Programm („Luxus für alle”: bezahlbarer öffentlicher Verkehr, Räume der Begegnung) — und ein letzter ehrlicher Satz: Die Welt habe „echte Krisen und Probleme, viel tiefere als die, die man durch eine Verunsicherung, weil man irgendwie genannt wird, zu packen kriegt.”


Faktencheck

Bestätigt — Blood-and-Honour-Konzert in Thusis

Das in Deutschland seit September 2000 verbotene Neonazi-Netzwerk Blood and Honour versammelte im April 2026 rund 150 Rechtsextreme im bündnerischen Thusis zu einem Konzert (vier Bands) anlässlich von Hitlers Geburtstag; die Kantonspolizei führte Personenkontrollen durch, nahm aber niemanden fest. Quelle: Geheimes Blood-and-Honour-Konzert in Thusis GR (Blick) · Südostschweiz

Vereinfacht — Ursprung der Active Clubs

Der SRF-Einspieler nennt die US-„Patriot Front” als Vorbild der Active Clubs. Der eigentliche Ursprung liegt bei Robert Rundo und seinem Rise Above Movement (Südkalifornien, 2017) — Rundos „White Nationalism 3.0” als bewusst dezentrales Zellennetzwerk; Patriot Front ist eine verbundene, teils steuernde, aber eigenständige Gruppe. Die Reichweite (Ableger in knapp 30 Ländern, drei Schweizer Sprachregionen, Telegram-Rekrutierung) ist korrekt. Quelle: Active Clubs (SPLC) · Active Clubs (Wikipedia)

Bestätigt — Fünf- bis sechsmal mehr rechte als linke Straftaten

Redeckers Zahl trägt: Für 2024 zählt die deutsche PMK-Statistik rund 37.800 rechtsextremistische gegen ~5.860 linksextremistische Straftaten — Faktor ~6,4 im extremistischen Segment (über alle politisch motivierten Delikte hinweg etwa 4:1). Quelle: BKA — PMK-Fallzahlen 2024 · Mediendienst Integration

Bestätigt — Schweizer NDB-Lagebericht 2025

Der Lagebericht „Sicherheit Schweiz 2025” weist tatsächlich deutlich mehr gemeldete gewalttätige linksextreme als rechtsextreme Ereignisse aus (63 gewalttätige linksextreme gegenüber 3 rechtsextremen, von 215 bzw. 22 Ereignissen). Bleisch legt die Grafik korrekt vor; Skenderovics methodische Einordnung ist Deutung, kein Faktenfehler. Quelle: NDB-Lagebericht 2025 (PDF) · NZZ

Bestätigt — Habermas' „Linksfaschismus" 1967

Habermas warf Dutschke 1967 (nach Ohnesorgs Tod, auf einem SDS-Kongress) „linken Faschismus” vor und nahm die Formel später öffentlich zurück. Redeckers Einordnung als interner Streit bei geteilten Zielen trifft den Kern; die genaue Frist („nach drei Monaten”) ist ihre Zuspitzung. Quelle: Linksfaschismus (Wikipedia)

Bestätigt — Die Flamme von MSI, Fratelli d'Italia und RN

Das Flammensymbol entstand beim neofaschistischen Movimento Sociale Italiano (gegr. 1946 von Ex-Faschisten), gilt als „ewiges Licht” über Mussolinis Grab und wurde 2014 ins Logo der Fratelli d’Italia übernommen; Jean-Marie Le Pen adaptierte die Flamme 1972 für den Front National (heute Rassemblement National). Quelle: INA — La flamme, symbole de l’extrême droite · Il Post

Bestätigt — Meloni erkannte die Referendumsniederlage an

Melonis Justizreform (Trennung der Laufbahnen von Richtern und Staatsanwälten) scheiterte am Referendum mit rund 54 % Nein — ihre erste Niederlage im Amt, die sie anerkannte. Quelle: LTO · ZDFheute

Bestätigt — Trump regiert per Executive Order und Notstand

Trump unterzeichnete 2025 rund 225 Executive Orders und rief neun neue nationale Notstände aus — mehr Notstandsberufungen in den ersten 100 Tagen als jeder moderne Präsident; die „Unitary Executive”-Doktrin ist real und wird von konservativen Richtern getragen. Quelle: Newsweek · NPR

Bestätigt — ICE-Rekrutierungsplakat im Indian-Wars-Stil

Die ICE-/DHS-Rekrutierungskampagne nutzt den Slogan „We’ll have our home again” und Bildsprache der Westexpansion; Fachleute und das SPLC verorten die Motive im „Great Replacement”-Register. Quelle: KQED · ICE recruitment (Wikipedia)

Bestätigt — Griffins Definition & Kershaws Pudding-Bonmot

Roger Griffin fasst Faschismus in The Nature of Fascism (1991) als „palingenetischen Ultranationalismus” — das „faschistische Minimum”. Das Bonmot vom Definieren als „Pudding an die Wand nageln” stammt von Ian Kershaw (To Hell and Back, 2015; im Original „nailing jelly to the wall”). Quelle: Palingenetic ultranationalism (Wikipedia) · Definitions of fascism (Wikipedia)

Bestätigt — Mühlhoff, „Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus"

Rainer Mühlhoff (Professor für Ethik der KI, Osnabrück) veröffentlichte das Buch bei Reclam (2025); die Friedrich-Ebert-Stiftung zeichnete es im Mai 2026 als „Das politische Buch 2026” aus. Die drei referierten Kriterien passen zur Argumentation des Bandes. Quelle: Reclam · FES — Buch-Essenz

Vereinfacht — Valentim, „The Normalization of the Radical Right"

Buch und These (Aufstieg der radikalen Rechten als gewachsene Bereitschaft, vorhandene Einstellungen zu äußern) sind belegt — erschienen 2024 bei Oxford University Press. Das in der Sendung genannte deutsche Erscheinungsdatum (Juni) ließ sich nicht unabhängig bestätigen. Quelle: OUP (deutsches Erscheinungsdatum: keine unabhängige Quelle gefunden)

Bestätigt — Nick Fuentes' Hitler-Verherrlichung bei Piers Morgan

Im Dezember 2025 interviewte Piers Morgan Fuentes; auf „You think Hitler was really f***ing cool?” antwortete Fuentes „Yes, and I’m tired of pretending he’s not”. Quelle: JTA

Vereinfacht — Hasan Piker und die „gerechtfertigte Plünderung"

Das drastische Zitat ist echt („Let the streets soak in their fucking red capitalist blood”, 2019) — fiel aber in einer Tirade gegen Vermieter, nicht im engeren Kontext von Plünderung; Piker rahmte es später als Hyperbel. Als Beispiel drastischer linker Gewaltrhetorik trägt es; die Zuspitzung auf „moralisch gerechtfertigte Plünderung” ist Bleischs verkürzende Rahmung. Quelle: Washington Examiner

Bestätigt — Tödliche Gewalt in Lyon und die Schweigeminute

Der 23-jährige rechte Aktivist Quentin Deranque starb am 14.02.2026 an Verletzungen aus einer Auseinandersetzung zwischen rechts- und linksextremen Gruppen in Lyon. In der Assemblée nationale wurde auf Antrag von Éric Ciotti eine Schweigeminute abgehalten; Präsidentin Yaël Braun-Pivet entschuldigte sich am 25.03.2026 dafür — in Kenntnis von Deranques rechtsradikaler Gesinnung hätte sie sie nicht durchgeführt. Quelle: Tötung von Quentin Deranque (Wikipedia) · ORF

Bestätigt — IBM-Kooperation mit dem NS-Regime

Die Zusammenarbeit von IBM (über die deutsche Tochter Dehomag) mit dem NS-Staat — Hollerith-Lochkartentechnik für Volkszählung und Erfassung — ist historisch dokumentiert, maßgeblich durch Edwin Black, IBM and the Holocaust (2001). Quelle: IBM and the Holocaust (Wikipedia)


Weiterführende Quellen

Im Gespräch zitierte Werke:

Aus dem Faktencheck (Sherlock):


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte

  • Wenn Faschismus im Kern Verfügen statt Beziehung ist — wo beginnt er dann im Kleinen: im Besitzdenken über Partner, Kinder, Mitarbeiter? Und taugt ein Begriff noch zur politischen Unterscheidung, wenn er so tief ins Alltägliche reicht?
  • Skenderovic will vom Prozess der Faschisierung sprechen, Redecker nennt Trump beim Namen. Was kostet das Zögern, was kostet das Benennen — und wer trägt jeweils die Kosten?
  • Redecker sagt selbst, mit dem Wort „Faschist” gewinne man politisch nichts. Wozu dann die Diagnose — reicht nicht die Beschreibung der Taten? Oder verlöre man ohne den Begriff das Wissen der 1930er, das in ihm gespeichert ist (→ Amlinger und Nachtwey — Zerstoerungslust demokratischer Faschismus)?
  • Der 13. Juli 1941 zeigt: Gegen den besetzenden Faschismus konnte man sich erheben, er hatte Uniform und Front. Wogegen erhebt man sich, wenn die Faschisierung als Eisbad-Ästhetik, Schwiegersohn-Optik und Exekutivorder kommt?
  • Wenn das faschistische „Wir” erst durch die Beschwörung des Diebstahls entsteht — was wäre das demokratische Gegenstück: Welche Erzählung macht aus Vereinzelten eine Gruppe, ohne einen Plünderer zu brauchen?

Verbindungen

Eva von Redecker — Dieser Drang nach Härte

Das Buch, das im Gespräch verhandelt wird — Härte-These und Phantombesitz stammen von dort. Die Sternstunde ist die verdichtete Dialog-Fassung, die Denker-Note die systematische Werk-Analyse; und das Titel-Paradox (die Autorin des Härte-Buchs lehnt am Ende „diese Härte” für sich ab) geht nur mit der Werk-Note ganz auf.

Eva von Redecker — Über den neuen Faschismus (Jung & Naiv 811)

Dieselbe Denkerin, dieselbe Kerndefinition — aber im Drei-Stunden-Format ohne Gegenspieler. Die Sternstunde gewinnt ihre Schärfe gerade aus dem Dissens mit Skenderovic (Prozess vs. Benennung); der Vergleich zeigt, wie sich Redeckers These unter Widerspruch bewährt.

Rainer Mühlhoff — Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus

Mühlhoffs drei Kriterien sind eine der zwei Referenzdefinitionen der Sendung — und Redecker kritisiert sein Technologie-Kriterium als „zu breit”. Die Mühlhoff-Note liefert die Vollausführung der Position, die hier unter Druck gerät.

Amlinger und Nachtwey — Zerstoerungslust demokratischer Faschismus

Ergänzt Redeckers Person/System-Unterscheidung (Trump Faschist, USA noch nicht) um die strukturelle These: Der neue Faschismus wächst aus der Demokratie heraus, nicht gegen sie — das Gegenstück zu Skenderovics Faschisierungs-Prozess.

Andreas Kemper — Faschismen im 21. Jahrhundert

Kempers Typologie mehrerer gegenwärtiger Faschismen stützt genau Redeckers Einwand, der neue Faschismus sei „nicht notwendig ultranationalistisch” — wo Griffins Palingenese national denkt, liefert Kemper die Differenzierung (Technofaschismus, Klerikalfaschismus), die Redecker begrifflich einfordert.

Ece Temelkuran — So beginnt Faschismus in Amerika

Temelkurans schleichende Normalisierung, Stufe für Stufe erzählt, ist die narrative Schwester zu Skenderovics Faschisierung — mit einer Reibung: Temelkuran erzählt Normalisierung als Erfahrung, Skenderovic warnt vor Valentims „Anthropologisierung” derselben Idee.

Matthias Quent und Maja Goepel — Extremismus NEU DENKEN

Direkt anschlussfähig an den Links-Streit: Quent zerlegt den symmetrischen Extremismus-Begriff und die Hufeisentheorie genauso, wie Skenderovic hier die Schweizer NDB-Statistik und die Fiktion der „unberührten Mitte” auseinandernimmt.

Hannah Arendt — Denken ohne Geländer

Redeckers stärkste Ursachenerklärung — der Umschlag des latenten Vorurteils in den politischen Ankerpunkt, der „Durst, jemanden hassen zu dürfen” — stammt aus Arendts Antisemitismus-Analyse; die Arendt-Note vertieft den Mechanismus.

  • Anton Jäger — Lohnt sich politisches Engagement noch? — die Schwester-Note desselben Gedenktags: Jägers Hyperpolitik erklärt, warum die demokratische Seite die Organisationskraft verlor, deren faschistisches Zerrbild Redecker beschreibt — das mobilisierte „Wir“ der Rechten füllt eine Lücke, die die zerfallene Massenpolitik hinterließ.