Wer spricht?

Ernesto Laclau (1935–2014) war ein argentinisch-britischer Politiktheoretiker, der die post-marxistische Hegemonie- und Populismustheorie wesentlich prägte. Zusammen mit Chantal Mouffe entwickelte er an der University of Essex die Diskurstheorie, die Macht, Identität und demokratische Antagonismen radikal neu dachte — nicht als natürliche Gegebenheiten, sondern als offene, umstrittene diskursive Konstruktionen. Sein Werk steht an der Schnittstelle von Marxismus, Poststrukturalismus (Saussure, Derrida) und Psychoanalyse (Lacan) und hat linke Bewegungen von Podemos bis zu kirchneristischen Populismen inspiriert.


Biografie

Ernesto Laclau wurde am 6. Oktober 1935 in Buenos Aires geboren. Er studierte Geschichte an der Universität Buenos Aires und schloss 1964 mit einer Licenciatura ab. Im Kontext argentinischer Peronismus-Debatten war er ein aktives Mitglied der PSIN (Partido Socialista de Izquierda Nacional — National Left), deren Gründer Jorge Abelardo Ramos ihn prägte. In seinen späteren Jahren betonte Laclau, dass er aus einer yrigoyenista Familie kam und dem Peronisten Arturo Jauretche nahestand, einem Opponent der Diktaturen der 1930er Jahre.

1969 unterstützte ihn der britische Historiker Eric Hobsbawm bei der Aufnahme in Oxford. Dieser Kontakt sollte sein Leben verändern. Laclau zog nach Großbritannien und forschte am Marxism Today sowie bei marxistischen Debatten, die ihn dazu führten, den klassischen Marxismus zu radikalisieren und zu dekonstruieren. 1977 promovierte er an der Universität Essex.

Von 1986 an war Laclau Professor für Politische Theorie an der University of Essex. Dort gründete und leitete er das graduate programme in Ideology and Discourse Analysis sowie das Centre for Theoretical Studies in the Humanities and the Social Sciences. Diese Institution wurde zur Geburtsstätte der Essex School of Discourse Analysis — eine eigenständige Strömung, die Lücken und Antagonismen in der Gesellschaft, die Volatilität von Bedeutungen (floating signifiers) und die Kontingenz aller Ordnung zur Grundlage einer Theorie der Hegemonie machte.

Parallel zu seiner Lehrtätigkeit war Laclau Gastprofessor an SUNY Buffalo und Northwestern University in den USA. Er hielt Vorlesungen und Seminare weltweit — Nordamerika, Südamerika, Westeuropa, Australien, Südafrika.

Seine langjährige intellektuelle und persönliche Partnerschaft war die mit Chantal Mouffe, einer belgischen Philosophin und Politikwissenschaftlerin. Zusammen verfassten sie 1985 Hegemonie und radikale Demokratie, ein Schlüsselwerk, das das post-marxistische Denken des 20. Jahrhunderts definierte.

Ernesto Laclau starb am 13. April 2014 an einem Herzinfarkt in Sevilla, Spanien, während einer Vortragsreise.


Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Politics and Ideology in Marxist Theory1977Frühe Auseinandersetzung mit Althussers Marxismus und den Grenzen des ökonomischen Determinismus
Hegemonie und radikale Demokratie — Hegemoniekampf jenseits von Antagonismus1985Mit Chantal Mouffe. Rekonstruktion von Gramscis Hegemonietheorie für die Gegenwart; These: Linke Bewegungen müssen breite Allianzen außerhalb der Klassenpolitik bilden.
New Reflections on the Revolution of our Time1990Sammlung von Essays, die Laclaus diskurstheoretische Position vertiefen und auf Žižeks psychoanalytische Kritik reagieren
The Making of Political Identities1994Editiert von Laclau; erkundet wie politische Subjekte und Identitäten diskursiv konstituiert werden
Emancipation(s) / Emanzipation und Differenz1996 / 2002Essays zur Emanzipation, Kontingenz und pluralen Demokratie; enthält den Aufsatz “Macht und Repräsentation” (S. 125–149 in der dt. Ausgabe)
Contingency, Hegemony, Universality: Contemporary Dialogues on the Left2000Trialogue mit Judith Butler und Slavoj Žižek; drei Essays im Zyklus, in denen Laclau, Butler und Žižek einander kritisieren und entwickeln
On Populist Reason / Über populistische Vernunft2005Magnum Opus: Populismus nicht als Bedrohung der Demokratie, sondern als notwendiger leerer Signifikant, der Volk und Gerechtigkeit artikuliert
The Rhetorical Foundations of Society2014Postum veröffentlicht; sein letztes Werk, das Rhetorik und diskursive Universalität zusammenbringt
Elusive Universality (unveröffentlicht)Manuscript: Versuch, die Spannung zwischen Universalismus und Partikularismus aufzulösen (Universalität ist immer unvollständig)

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Kernthesen

  1. Hegemonie statt Basis-Überbau: Politische Ordnung entsteht nicht durch ökonomische Gesetze (Marx), sondern durch diskursive Artikulation. Hegemonie ist der Prozess, in dem eine bestimmte Ordnung temporär stabilisiert wird — und sie bleibt grundlos kontingent. Es gibt kein natürliches oder historisches Telos.

  2. Identität ist diskursiv konstituiert: Menschen sind nicht einfach als Arbeiter, Männer oder als Angehörige einer Nation gegeben. Solche Identitäten entstehen durch Diskurse — durch relationale Unterschiede (Saussure). Ein Mann zu sein bedeutet nichts an sich, sondern nur durch differentielle Abgrenzung zu Anderem.

  3. Antagonismus ist fundamental: Gesellschaften sind von unüberbrückbaren Antagonismen durchzogen (nicht nur Widersprüchen, die sich auflösen lassen). Diese sind nicht der Grund der Gesellschaft, sondern die Grenze ihrer Möglichkeit. Demokratie erfordert die Annahme von Kontingenz — dass jede Ordnung anders sein könnte und immer fragil bleibt.

  4. Radikale und plurale Demokratie: Gegen das liberale Ideal einer natürlichen Harmonie: echte Demokratie ist eine Kampfform um Bedeutungen und Werte (Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit). Verschiedene Gruppen kämpfen um die Deutung dieser Begriffe — es gibt keine Einigung, nur temporäre Hegemonie.

  5. Populismus ist kein pathologisches Phänomen, sondern das Normale der Politik: Populismus funktioniert durch leere Signifikanten — Worte wie “das Volk”, “Gerechtigkeit”, “Wohlstand”, die offen sind und viele disparate Forderungen artikulieren können. Populismus ist nicht das Gegenteil von Demokratie, sondern ihre notwendige politische Logik.


Politische und ideologische Einordnung

Laclau wird oft als “post-marxistisch” etikettiert, eine Bezeichnung die er selbst mit Humor nahm: Er sei post-Marxist aber auch *post-Marxist — also soweit weg vom traditionellen Marxismus, dass er dessen kritische Energie und Universalismus-Ambition aber behielt.

Er war nie ein Kommunist, sondern intellectual leftist, der radikale demokratische Alternativen zum Liberalismus, zur Sowjet-Orthodoxie und zum reformistischen Sozialdemokratismus suchte. Seine Arbeit inspirierte:

  • Podemos (Spanien) — Íñigo Errejón nutzte Laclaus Populismustheorie
  • Kirchnerismus (Argentinien) — Laclaus Analyse des Peronismus als “leeren Signifikanten” wurde zur Grundlage linken Populismus’ in Lateinamerika
  • Linke Bewegungen weltweit, die sich vom klassischen Klassenkampf-Narrativ befreit haben und stattdessen komplexe hegemoniale Allianzen schmieden

Konflikte: Laclaus Verhältnis zu Slavoj Žižek war anfangs kollegial, später feindselig. Žižek kritisierte ihn wegen zu großer Distanz von Marx, Laclau wiederum Žižeks “Kindergarten-Leninismus” (2014). Der Konflikt spiegelt einen tieferen Streit: Ist Kontingenz das Wesen der Politik oder ein liberales Zugeständnis an Unmöglichkeit revolutionärer Transformation? Laclau blieb dabei, dass die Annahme von Kontingenz das einzig ehrliche Fundament für emanzipative Politik ist.


Verbindungen zu anderen Denkern

(wird von Montaigne befüllt)


Gedankenwelten-Notes


Literatur-Übersicht

Zu Laclaus Theorie siehe auch:

  • Simon Critchley & Oliver Marchart (Hg.), Laclau: A Critical Reader (2004)
  • David Howarth, Discourse (2000) — Einführung in die Essex School
  • Anna Marie Smith, Laclau and Mouffe: The Radical Democratic Imaginary (1998)
  • Warren Breckman, Adventures of the Symbolic: Postmarxism and Radical Democracy (2013)