Worum es geht

Wer jemanden vertritt, gibt nicht bloß einen fertigen Willen weiter — er formt ihn mit. Ernesto Laclau dreht damit die Alltagsvorstellung von Demokratie um: Das „Volk”, die „Interessen”, die „Identität”, die im Parlament repräsentiert werden sollen, existieren nicht vor ihrer Repräsentation, sondern entstehen erst in ihr. Diese Note folgt einem Vortrag über Laclaus Text Macht und Repräsentation und entfaltet seine Schlüsselbegriffe — Kontingenz, Hegemonie, Antagonismus, gleitende Signifikanten, das Politische und den Horizont. Es geht um eine Demokratietheorie, die ihre eigene Unmöglichkeit nicht als Defizit beklagt, sondern als Freiheitsraum feiert.

Quelle: Ernesto Laclau – Macht und Repräsentation (Vortrag von Dr. Cornelia Mooslechner-Brüll, Uni Wien)

Wer spricht?

Ernesto Laclau (1935 Buenos Aires – 2014 Sevilla) — argentinisch-britischer Politiktheoretiker, der gemeinsam mit Chantal Mouffe an der University of Essex die post-marxistische Hegemonie- und Diskurstheorie begründete.

Aus argentinischen Peronismus-Debatten kommend, radikalisierte Laclau in England den Marxismus, bis nichts Essentielles mehr übrig blieb — kein Klassensubjekt, kein ökonomisches Gesetz, kein letzter Grund der Gesellschaft. An seine Stelle setzte er Kontingenz: Jede Ordnung ist gemacht, also auch anders möglich. Seine Essex School of Discourse Analysis inspirierte linke Bewegungen von Podemos bis zum Kirchnerismus.

Wichtigste Werke: Hegemonie und radikale Demokratie (1985, mit Mouffe), Über populistische Vernunft (2005) Kernkonzepte: Hegemonie, Diskurs, Kontingenz, Antagonismus, gleitende Signifikanten, das Politische

DenkerVita

Zur Quelle

Diese Note basiert nicht auf Laclau selbst, sondern auf einem klärenden Master-Seminar-Vortrag von Dr. Cornelia Mooslechner-Brüll (Institut für Politikwissenschaft, Uni Wien) zum Aufsatz Macht und Repräsentation aus dem Band Emanzipation und Differenz. Die Einordnungen und Zitate folgen ihrer Lesart.


Inhalt

Der Bruch mit dem Marxismus — eine Theorie ohne letzten Grund

▶ 3:57 — Laclaus Denken beginnt mit einer Absage. Gemeinsam mit Chantal Mouffe lehnt er in Hegemonie und radikale Demokratie (1985) die klassische Klassenkampftheorie ab — genauer: die Vorstellung, es gebe einen privilegierten Akteur der Geschichte, etwa das Proletariat, dessen Rolle ökonomisch determiniert sei. Was übrig bleibt, wenn man dem Marxismus seinen ökonomischen Determinismus und sein essentialistisches Subjekt nimmt, nennt Laclau einen post-essentialistischen oder post-marxistischen Ansatz: Die Energie der marxistischen Gesellschaftskritik bleibt, ihre metaphysischen Gewissheiten verschwinden.

An die Stelle des ökonomischen Gesetzes tritt — über Antonio Gramsci — der Begriff der Hegemonie. Und an die Stelle einer befriedeten Gesellschaft tritt der Antagonismus: Gesellschaft wird „prinzipiell als antagonistisch gesehen”, als von Spaltungen durchzogen, die nie endgültig versöhnt werden können. Wichtig ist Laclau dabei seine eigene Position: Er versteht sein Werk als politische Intervention, nicht als neutrale Beobachtung.

„Es gibt nicht die neutrale Position des Forschers — es ist auch ein Beitrag zur Radikalisierung von Demokratie.” ▶ 7:01

Eigene Einschätzung

Hier liegt schon die ganze Sprengkraft. Wer behauptet, „die Wissenschaft sei neutral”, verbirgt seine eigene Setzung — Laclau macht sie explizit. Das ist ehrlicher, aber auch riskant: Wenn jede Theorie Intervention ist, woran misst man dann ihre Geltung? Laclaus Antwort wird sein: nicht an einem Grund, sondern an dem, was sie an Freiheit eröffnet. Das ist eine Verschiebung von Wahrheit zu Möglichkeit — und genau hier wird mancher aussteigen wollen.

Kontingenz — Bedeutung als prekäre Fixierung

▶ 13:08 — Der zentrale Begriff der ganzen Theorie ist Kontingenz. Bedeutung, sagt Laclau im Anschluss an den Poststrukturalismus, entsteht nicht innerhalb eines geschlossenen Systems, sondern aus kontingenten Verbindungen innerhalb eines Systems, das immer nur „prekär geschlossen” ist — im Endeffekt offen bleibt. Kontingent heißt dabei präzise: nicht notwendig, aber möglich — und immer so, dass es auch andere Möglichkeiten gäbe.

▶ 14:38 — Das ist keine Beliebigkeit. Eine partiell fixierte Struktur besteht bereits, in die etwas eingebaut wird; aber weil diese Struktur nie ganz schließt, bleiben andere Möglichkeiten offen. Genau dieser Spielraum ist der Ort des Politischen.

Weitergedacht

Wenn keine Bedeutung notwendig ist, sondern jede nur eine von vielen Möglichkeiten — worauf gründet sich dann mein Festhalten an dem, was ich für wahr und richtig halte? Auf Einsicht — oder auf eine geglückte hegemoniale Setzung?

Hegemonie — wie aus Kontingenz Ordnung wird

▶ 13:53 — Hier grenzt Laclau sich scharf gegen ein bestimmtes Missverständnis der Postmoderne ab: gegen das „anything goes”, in dem alles in einem unendlichen Feld von Differenzen gleich gültig — und damit gleichgültig — wäre. Im Gegenteil: Gerade weil keine Bedeutung notwendig ist, ist es notwendig, eine Hegemonie zu etablieren, um überhaupt Bedeutung fixieren zu können. Jede prekäre Bedeutungsfixierung ist zugleich eine hegemoniale Setzung.

▶ 16:11 — Eine hegemoniale Intervention wird also von Kontingenz getragen, nicht von Notwendigkeit. Und entscheidend: Jede Identifikation hängt von einer Entscheidung ab — von Subjekten und Akteuren. Damit gewinnt das Subjekt bei Laclau eine Macht zurück, die ihm der frühe Foucault genommen hatte.

▶ 16:57 — Wenn beim frühen Foucault die Subjekte ganz durch Diskurse konstruiert werden, ist es bei Laclau anders: Es gibt immer beide Dimensionen. Die Struktur prägt das Subjekt — aber das Subjekt interveniert, handelt, entscheidet in die „Unebenheit des Sozialen” hinein.

Eigene Einschätzung

Das ist Laclaus eleganteste Bewegung. Er hält die Spannung aus, die viele Theorien zu einer Seite hin auflösen: Entweder bestimmt die Struktur das Subjekt (Strukturalismus) oder das Subjekt die Struktur (Existentialismus). Laclau sagt: beides, gleichzeitig, sich gegenseitig bedingend. Ein „relationaler Ansatz”, ein Netzwerk mit Knotenpunkten (Laclau borgt hier bei Lacan). Es klingt nach Kompromiss, ist aber das Gegenteil — es ist die Weigerung, das Soziale auf ein Prinzip zu reduzieren.

Der Mangel und der Wasserfall

▶ 20:00 — Warum kann ein Subjekt überhaupt intervenieren? Nur, weil es immer wieder scheitert, sich und die Struktur endgültig zu fixieren. Dieses Scheitern ist nicht negativ — es ist die Bedingung von Freiheit und Handlungsmacht. Laclau nennt es (mit Lacan und Lefort) einen Mangel: Gerade weil die Struktur nie ganz schließt, öffnet sich der Raum für immer neue Setzungen, für eine „radikale Investition” — sich radikal für etwas einzusetzen, das sich nicht rational aus der Struktur ableiten lässt.

▶ 21:31 — Das schönste Bild im Text ist der Wasserfall:

„Wenn Menschen immer einen Wasserfall hören, werden sie dieses Geräusch nicht mehr wahrnehmen. Erst wenn das Geräusch endet, wird die Stille hörbar.” ▶ 21:31

Der Mangel wird also erst spürbar, wenn das, was ihn verdeckte, verschwindet — und sofort drängen neue Geräusche, neue Bedeutungen nach, um die Leerstelle zu füllen. Aber: Sie decken sie nie ganz. Es ist keine substanzielle Leere, die da gefüllt würde — sie wird selbst erst rückwirkend konstruiert.

Gleitende Signifikanten — Demokratie, Freiheit, Gleichheit

▶ 23:06 — Das Füllen dieser Leerstellen funktioniert über gleitende Signifikanten: Begriffe wie Demokratie, Gleichheit, Freiheit, die eine Leerstelle besetzen, ohne je endgültig fixiert zu werden. Jeder spürt das intuitiv — niemand kann diese Begriffe abschließend definieren. Genau deshalb sind sie politisch so wirksam: Sie werden je nach Kontext, historischer Lage und politischer Situation unterschiedlich gefüllt.

Weitergedacht

Wenn „Freiheit” und „Gerechtigkeit” gleitende Signifikanten sind, die jede Seite für sich beansprucht — führen wir politische Debatten dann überhaupt über Sachfragen, oder kämpfen wir um die Deutungshoheit über leere Worte?

Eigene Einschätzung

Hier wird Laclau für die Gegenwart unheimlich aktuell. Wenn AfD und Klimabewegung beide „Freiheit” sagen, Trump und seine Gegner beide „Demokratie” — dann beschreibt Laclau nicht einen Missbrauch von Sprache, sondern ihre Normalfunktion. Das ist entlastend (man muss nicht jeden Gegner für einen Lügner halten) und beunruhigend zugleich: Es gibt keinen neutralen Schiedsrichter, der entscheidet, wessen „Freiheit” die richtige ist. Es bleibt der hegemoniale Kampf — und die Frage, welche Setzung mehr Menschen mehr Freiheit eröffnet.

Repräsentation — der Vertreter formt das Vertretene

▶ 23:52 — Jetzt erst der Kern des Textes. Die naive Idealvorstellung von Repräsentation lautet: Ein Mensch oder eine Gruppe hat ein fertiges Interesse, und dieses wird im Parlament vollständig abgebildet — ein reines Weiterreichen von A nach B. Laclau sagt: Das ist unmöglich. Denn die Repräsentanten sind nicht „durchsichtig” — sie haben selbst eine Identität, sie artikulieren, sie müssen sich den Gegebenheiten anpassen.

▶ 24:37 — Repräsentation ist deshalb ein wechselseitiges Verhältnis, in dem sich Repräsentierte und Repräsentanten gegenseitig transformieren. Durch die Repräsentation verändert sich die Identität der Repräsentierten — sie internalisieren etwas, identifizieren sich neu. Und umgekehrt. Beide Identitäten werden durch dieses Verhältnis überhaupt erst konstituiert.

▶ 25:23 — Manche schließen daraus, Repräsentation sei unmöglich oder illegitim — wie könne einer für einen anderen sprechen? Laclau dreht es um: Repräsentation ist unbedingt notwendig. Denn jeder Identifikationsprozess braucht den anderen, braucht Differenz und Artikulation. Interessensbildung entsteht überhaupt erst durch dieses Zusammenspiel.

Das paradigmatische Beispiel — aus Laclaus eigener Argentinien-Forschung in Über populistische Vernunft — ist der Peronismus: Vor Perón gab es fragmentierte Unterschichten, eine Vielzahl ungebündelter Forderungen. Erst Peróns Rhetorik schuf die Kategorie „das Volk” (el pueblo) als politische Einheit. Das „Volk” existierte nicht vor seiner Repräsentation, um dann von Perón abgebildet zu werden — der Repräsentant ermöglichte überhaupt erst, dass sich diese disparaten Gruppen als ein kollektives „Wir” verstanden. Genau das meint „Repräsentation schafft das Repräsentierte”.

Eigene Einschätzung

Das ist die vielleicht folgenreichste Pointe für unsere Gegenwart. Der populistische Vorwurf „die da oben repräsentieren uns nicht” unterstellt, es gebe ein fertiges „uns”, das nur verraten wird. Laclau zeigt: Das „uns” entsteht erst im Akt der Repräsentation. Das ist keine Beschwichtigung — es radikalisiert die Verantwortung. Wer repräsentiert, macht mit, wer das Volk ist. Genau deshalb ist Repräsentation für Laclau auf keinen Fall abzuschaffen, sondern zu vermehren: mehr Orte, mehr Verhältnisse, mehr Möglichkeiten.

Das Politische, der Horizont und der Staat

▶ 26:54 — „Radikale Demokratie” heißt: an die Wurzel (lat. radix) dessen gehen, was Demokratie bedeuten könnte — und ihre Werte, Gleichheit und Freiheit, verstärkt und vehement einfordern. Die repräsentative Demokratie ist dabei für Laclau die einzige, die wirklich gelingen kann; andere Formen können sie in begrenztem Rahmen ergänzen, nie ersetzen.

▶ 30:43 — Der vielleicht produktivste Begriff am Ende ist der Horizont. Demokratie hat keinen Grund, kein Fundament — sie ist ein Horizont: eine Grenze, die sich immer wieder zurückzieht, die ich nie überschreiten kann. Alles innerhalb des Horizonts ist das Denkbare; was dahinter liegt, wird ausgeschlossen.

▶ 32:14 — Verschiedene Zeiten hatten verschiedene Horizonte: In der Aufklärung war es die Vernunft, im Positivismus der Fortschritt, im Marxismus die kommunistische Gesellschaft. Mooslechner-Brüll stellt die entscheidende Frage:

„Was ist heute der Horizont? Kapitalismus? Sicherheit? Das Leistungsprinzip? Was begrenzt unseren Denkhorizont — und was liegt dahinter, das uns unmöglich vorstellbar ist?” ▶ 32:14

▶ 33:47 — Und der Staat? Bei Laclau selten explizit, aber ableitbar: Der Staat ist fixierter Diskurs — das, was sich stabilisiert hat. Er hat eine Doppelfunktion: Er verschleiert die Kontingenz (er lässt seine Ordnung notwendig erscheinen) und legt sie zugleich offen — denn gerade indem er sich als Ordnung über die Dinge legt, wird immer wieder erkennbar, dass er nur partikular ist, nur eine Möglichkeit unter anderen. Er verweist mit seiner bloßen Existenz schon auf das, was er ausschließt.

Macht und Emanzipation — immer im Plural

▶ 29:13 — Der kurze Exkurs zu Macht und Emanzipation bündelt alles. Macht ist nichts, was ausgelöscht werden sollte, und schon gar nichts Negatives. Macht und Emanzipation bedingen sich gegenseitig: Es gibt keine Emanzipation ohne Macht — und sobald es Macht gibt, gibt es den Versuch der Emanzipation davon.

▶ 29:58 — Deshalb gibt es nie die Macht, sondern immer nur Mächte, nie die Emanzipation, sondern Emanzipationen im Plural — ein Spiel, das nie an sein Ende kommt, ein Pendeln zwischen Polen, die sich aneinander abarbeiten.

▶ 27:40 — So entsteht eine erstaunlich positive Vision von Demokratie: nicht als Mangelverwaltung, sondern als Ort, dessen Leere konstitutiv und produktiv ist. Mooslechner-Brüll nennt das die Ethik der Kontingenz (an die der Politiktheoretiker Oliver Marchart anschließt): Die Unmöglichkeit des Ganzen, des Totalen, ist kein Defizit, das man beklagen müsste — sondern eine Freiheitsdimension, die es zu schätzen gilt.

Eigene Einschätzung

Hier berührt Laclau, vielleicht ungewollt, etwas fast Kontemplatives. „Die Unmöglichkeit positiv aufwerten, statt sie als Mangel zu sehen” — das ist die politiktheoretische Schwester einer Haltung, die ich aus ganz anderem Kontext kenne: das Annehmen der Unabgeschlossenheit, das Loslassen des Wunsches nach einem letzten Grund. Wo der Buddhismus die Substanzlosigkeit des Ich denkt, denkt Laclau die Grundlosigkeit der Gesellschaft — und in beiden Fällen ist die befreiende Pointe dieselbe: Was keinen festen Grund hat, ist offen, wandelbar, lebendig. Die Frage ist nur, ob eine Gesellschaft diese Reife aufbringt — oder ob die Sehnsucht nach festem Grund (nach „dem Volk”, „der Nation”, „der natürlichen Ordnung”) am Ende stärker ist. Genau das entscheidet sich gerade.


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

Im Vortrag behandelte und zitierte Werke:

  • Ernesto Laclau: Macht und Repräsentation, in: Emanzipation und Differenz (dt. Turia + Kant, Wien 2002) — der besprochene Primärtext
  • Ernesto Laclau & Chantal Mouffe: Hegemonie und radikale Demokratie (1985) — Grundlegung der Theorie
  • Antonio Gramsci — Hegemonie-Theorie (zentraler Bezugspunkt)
  • Claude Lefort — „der leere Ort der Macht”, Demokratie als das immer Kommende
  • Jacques Lacan — Mangel, Knotenpunkte (points de capiton)
  • Oliver Marchart — Ethik der Kontingenz (im Vortrag als entstehendes Buchprojekt erwähnt)

Verbindungen

Jok Madut Jok — Elitenpakt ist kein Frieden

Jok zeigt Laclau im Feld: Führer artikulieren ihre ethnische Basis erst zum Kampfkollektiv (Ethnizität als Instrument, nicht Ursache), und Joks moralisches „Wir jenseits der Stammeslinie” ist selbst ein hegemonialer Akt — ein anderes Volk konstruieren.

Chantal Mouffe — Das Politische und die Politik

Die engste Verbindung: Mouffe war Laclaus Partnerin und Ko-Autorin von Hegemonie und radikale Demokratie (1985) — beide teilen den Kern-Apparat (das Politische vs. die Politik, Antagonismus, radikale Demokratie). Wo Laclau die diskurstheoretische Seite entfaltet (Signifikant, Leerstelle, Repräsentation), entwickelt Mouffe die politologische Konsequenz: den Agonismus als demokratisches Prinzip. Zwei Hälften desselben Projekts.

Philip Manow — Autoritäre Zeiten: Die Macht der Wähler

Manow liefert die empirische Gegenfolie: Beide beschreiben den Souveränitätsverlust des Nationalstaats — bei Laclau als diskursive Kontingenz, bei Manow als reale Kompetenzverlagerung an EU/WTO. Manows strukturelle Erklärung des Rechtspopulismus lässt sich mit Laclaus leerem Signifikanten deuten: „das Volk” füllt die Lücke, die entsteht, wenn Repräsentation versagt.

Wendy Brown - Wie Neoliberalismus die Demokratie bedroht

Beide diagnostizieren die Aushöhlung des demokratischen Imaginären, aus verschiedenen Richtungen: Laclau zeigt, dass „Demokratie” und „Freiheit” hegemonial umkämpft werden müssen. Brown zeigt, wie der Neoliberalismus genau diesen Kampf stillstellt, indem er demokratische Vernunft durch Marktvernunft ersetzt — der demos wird zum Humankapital und verliert die Sprache seiner Macht. Browns historische Erklärung, warum Laclaus linker Populismus heute schwer zu mobilisieren ist.

Gesine Schwan — Macht NEU DENKEN

Schwan unterscheidet Herrschaftsmacht (Nullsummen-Logik) und Gestaltungsmacht (kooperative Wirkmächtigkeit) — eine praktisch-normative Antwort auf Laclaus theoretische Frage: Wenn Macht immer hegemonial und partiell ist, welche Handlung kann trotzdem emanzipieren? Schwan setzt dort an, wo Laclaus Theorie endet: bei der konkreten demokratischen Praxis.

Kolja Moeller

Möller ist der direkteste deutschsprachige Anschlusstheoretiker: Sein Begriff des Populismus als strukturelles Merkmal von Demokratien (nicht als Pathologie) ist undenkbar ohne Laclaus Unterscheidung von konstitutivem Antagonismus und dem Scheitern hegemonialer Sutur — er nimmt die radikaldemokratische These ernst, ohne ihre diskurstheoretische Ausschließlichkeit zu teilen.

Walther Ziegler — Foucault in 60 Minuten

Verwandt, aber grundverschieden: Foucault analysiert Diskurse als Machtformationen, die Subjekte produzieren (Disziplinierung, Normalisierung). Laclau besteht auf der konstitutiven Unmöglichkeit eines geschlossenen Diskurses — die Leerstelle (Lacan) verhindert gerade die totale Normalisierung, die Foucault beschreibt. Eine produktive Spannung um den Begriff der Macht (diffuses Netz vs. anfechtbare Fixierung).

Doerre - Klassen Kapitalismus und Demokratie

Dörre arbeitet mit dem marxistischen Klasseninteresse — dort, wo Laclau mit dem Marxismus bricht. Ein produktiver Widerspruch: Kann eine Hegemonietheorie ohne Klassenanalyse erklären, warum bestimmte Signifikanten (Freiheit, Volk) konsequent von rechts besetzt werden? Dörre würde Laclau vorwerfen, die materielle Basis des Diskurskampfes zu vernachlässigen.

Semsrott — Zur Gegenmacht

Semsrotts Befund — dass ein Großteil der Bevölkerung sich von der Regierung nicht repräsentiert fühlt — ist ein praktisches Beispiel für Laclaus These, dass Repräsentation kein neutrales Abbildungsverhältnis ist, sondern das „Volk” erst konstituiert. Sein Gegenmacht-Konzept (Zivilgesellschaft als antagonistischer Pol) ist laclauscher Populismus in der Anwendung — ohne dass Semsrott diesen Rahmen explizit zieht.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte

  • Wenn das „Volk” erst in seiner Repräsentation entsteht — wer spricht dann eigentlich, wenn Populisten behaupten, „im Namen des Volkes” zu sprechen?
  • Laclau sagt, jede Bedeutungsfixierung sei eine hegemoniale Setzung. Gilt das auch für seine eigene Theorie — und wenn ja, was folgt daraus für ihren Wahrheitsanspruch?
  • Wenn Kontingenz Freiheit bedeutet: Warum sehnen sich dann so viele Menschen nach festem Grund — nach Nation, Ordnung, „natürlicher” Hierarchie? Ist die Ethik der Kontingenz eine Zumutung, die nur wenige aushalten?
  • Was ist heute unser Horizont — das Selbstverständliche, hinter das wir nicht denken können? Und wem nützt es, dass es unsichtbar bleibt?
  • Wenn Macht und Emanzipation sich gegenseitig bedingen und das Spiel nie endet — gibt es dann überhaupt so etwas wie politischen Fortschritt, oder nur ewige Verschiebung?