Wer spricht?
Frauke Fischer (*29. November 1965 in Frankfurt am Main) ist Biologin, Unternehmerin und eine der bekanntesten Biodiversitäts-Vermittlerinnen Deutschlands. Promoviert hat sie über Kobantilopen im Nationalpark Comoé an der Elfenbeinküste, dessen Forschungsstation der Universität Würzburg sie bis zum Bürgerkriegsausbruch 2002 leitete. Seit ihrer Rückkehr lehrt sie in Würzburg internationalen Naturschutz — und übersetzt seit über zwanzig Jahren als Beraterin ökologische Zusammenhänge in die Sprache von Unternehmen. Ihr Markenzeichen: Artenvielfalt nicht als moralische Mahnung, sondern als Existenzbedingung von Wirtschaft und Alltag erzählen — bis hin zur Frage, was Künstliche Intelligenz im Naturschutz leisten kann und was nicht.
Biografie
- Beruf: Biologin (Dr. rer. nat.), Dozentin an der Fakultät für Biologie / Biozentrum der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologie); Unternehmerin, Autorin, Rednerin
- Geboren: 29. November 1965 in Frankfurt am Main, deutsch
- Ausbildung: Biologiestudium an der Goethe-Universität Frankfurt und am Trenton State College (USA); Diplom in Zoologie 1989 (Frankfurt); Promotion an der Universität Würzburg über die Effekte der Überjagung auf Kobantilopen (Kobus kob kob) im Nationalpark Comoé, Elfenbeinküste
- Werdegang: Leiterin der Internationalen Forschungsstation der Universität Würzburg im Nationalpark Comoé; Rückkehr nach Würzburg mit Ausbruch des Bürgerkriegs in der Elfenbeinküste (Herbst 2002), dort Aufbau der Lehre im Bereich Internationaler Naturschutz
- Unternehmerisch: 2003 Gründung der Beratung „agentur auf!” — nach eigener Darstellung Deutschlands erste Managementberatung mit Schwerpunkt Biodiversität; berät Unternehmen zu Nachhaltigkeit, Klima- und Artenschutz. 2015 Gründung von PERÚ PURO (mit Arno Wielgoss): fairer Marktzugang für Kleinbauern im Urubambatal für den Urkakao Chuncho; 2023 Publikumspreis des Bundeswettbewerbs „Die Lieferkette lebt”, 2025 Deutscher Nachhaltigkeitspreis in der Kategorie Back- und Süßwaren
- Gremien: eingeladenes Mitglied der IUCN World Commission on Protected Areas und der IUCN Species Survival Commission; wissenschaftlicher Beirat des WWF Deutschland; Nachhaltigkeitsbeirat der Volkswagen AG; Kuratorium der BNP-Paribas-Stiftung; Nachhaltigkeitsausschuss der IHK Frankfurt
- Auszeichnungen (Auswahl): Ford Motor Company Conservation Award (2001); Albrecht-Fürst-zu-Castell-Castell-Preis für nachhaltiges Handeln der Universität Würzburg (2018); Trophée de Femmes der Fondation Yves Rocher (2020); Umweltmedienpreis der Deutschen Umwelthilfe, Kategorie Print (2021, mit Hilke Oberhansberg, für Was hat die Mücke je für uns getan?); Fast Forward Science Preis für das beste Debüt (2024, für den Podcast tierisch!)
- Medien: Kolumnistin der Frankfurter Rundschau; Co-Host des Podcasts tierisch! mit der Ameisenbären-Forscherin Lydia Möcklinghoff; über 80 wissenschaftliche Publikationen
Zur Zuschreibung
Das Sachbuch Die Ameise als Tramp. Von biologischen Invasionen stammt nicht von Frauke Fischer, sondern von Bernhard Kegel (Ammann, 1999). Die Verwechslung kursiert gelegentlich — hier bewusst richtiggestellt.
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Kann KI die Natur retten? | 2025 | Mit Hilke Oberhansberg, oekom. Wie Künstliche Intelligenz Arten und Ökosysteme schützen kann — Bioakustik, Früherkennung von Ausbrüchen und Katastrophen, automatisiertes Monitoring — und wo Grenzen, Energiehunger und Selbstüberschätzung liegen. Kernsatz: nur im Zusammenspiel von natürlicher und künstlicher Intelligenz. |
| Wal macht Wetter! | 2023 | oekom. Warum biologische Vielfalt das Klima stabilisiert — Arten als Klimaakteure, nicht als Dekoration einer Klimadebatte, die sich auf CO₂-Bilanzen verengt hat. |
| Was hat die Mücke je für uns getan? | 2020 | Mit Hilke Oberhansberg, oekom. Das Buch, das ihren Ruf begründete: Ökosystemleistungen anhand konkreter Alltagsdinge erzählt — von der Schokolade bis zum Medikament. Umweltmedienpreis 2021 (Print). |
| Der Palmöl-Kompass | 2019 | Mit Frank Nierula, oekom. Nüchterne Bilanz eines Symbolrohstoffs — warum der Boykott von Palmöl ökologisch oft die schlechtere Wahl ist als seine bessere Erzeugung. |
| Planet 3.0 — Klima. Leben. Zukunft. | 2013 | Mitautorin, Schweizerbart. Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung des Senckenberg-Naturmuseums: Erdgeschichte, Klimawandel und Zukunftsszenarien. |
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- re:publica x New Fall Festival 2025: Frauke Fischer — Can AI save nature? — die englischsprachige Fassung des Vortrags, aus dem der re:publica-Auftritt hervorging (re:publica)
- Vortrag: „Kann KI die Natur schützen?” — ausführliche deutsche Vortragsfassung (Münchner Forum Nachhaltigkeit)
- Kann Künstliche Intelligenz die Natur schützen? — Ein Gespräch mit Frauke Fischer — Gesprächsformat zum Buch (oekom e.V. / Münchner Zukunftssalon)
- Wal macht Wetter: Warum biologische Vielfalt unser Klima rettet — Vortrag zum Klima-Biodiversitäts-Zusammenhang (Münchner Forum Nachhaltigkeit)
- Biodiversity — What Have Mosquitoes Ever Done for Us? — englischsprachiger Vortrag zum bekanntesten Buch (Haus am Dom, Frankfurt)
- Conservation & Tech — Dehgan, Wikelski, Fischer — Panel mit Martin Wikelski (Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie, ICARUS) und Alex Dehgan (Conservation X Labs), DLD25
- Impuls zum Thema Biodiversität — kompakter Einstieg für ein Wirtschaftspublikum (DGNB Jahreskongress 2023)
- tierisch! — Zwei Forscherinnen und die wilde Welt der Tiere — ihr Podcast mit Lydia Möcklinghoff (Fast Forward Science Preis 2024)
Kernthesen
- Biodiversität ist die Grundlage, nicht das Beiwerk. Der Verlust an Arten und Ökosystemleistungen ist für Fischer die existenziellere Krise als die Klimaerwärmung — und die weit weniger verstandene. Klima und Artenvielfalt sind nicht zwei Themen, sondern eines: intakte Ökosysteme sind Klimaakteure.
- Erzählen statt mahnen. Ihr Verfahren ist die konkrete Ökosystemleistung — Mücke, Wal, Kakao —, weil abstrakte Aussterberaten niemanden erreichen. Wer weiß, dass Schokolade an einer Mücke hängt, versteht Artenschutz ohne Appell.
- Naturschutz braucht Ökonomie, nicht nur Moral. Als Beraterin arbeitet sie an der Schnittstelle zu Unternehmen: Wo Lieferketten von Bestäubung, Wasser und Böden abhängen, ist Biodiversität ein Bilanzposten. Ihr Sozialunternehmen PERÚ PURO ist der Versuch, das an einem Produkt zu beweisen.
- KI ist ein Werkzeug mit zwei Enden. Bioakustik, automatisiertes Monitoring, Tierstimmen-Analyse und Frühwarnsysteme können Naturschutz skalieren, wo Menschen nicht hinkommen. Zugleich verbraucht KI Energie und Rohstoffe — die Rechnung muss aufgemacht werden, sonst wird aus „gut gemeint” nicht „gut gemacht”.
- Gegen die technologische Selbstüberschätzung. Tiere und Pflanzen haben in Millionen Jahren Fähigkeiten entwickelt, die jeder KI-Anwendung überlegen sind. Erhalten lässt sich Vielfalt nur im Zusammenspiel von natürlicher und künstlicher Intelligenz — nicht durch Ersatz der einen durch die andere.
- Lebewesen als Datenquelle. Insekten und Vögel liefern Signale, die sich mit KI auslesen lassen: Ob ein Ökosystem intakt ist oder kippt, verrät sich in seinem Klang, lange bevor es sichtbar wird.
Politische / ideologische Einordnung
Keine parteipolitische Verortung erkennbar. Fischer arbeitet betont anschlussfähig — Beratung von Konzernen (Nachhaltigkeitsbeirat der Volkswagen AG), Gremien von WWF und IUCN, IHK-Ausschuss — und setzt eher auf ökonomische Übersetzung als auf Konfrontation. Ihre Palmöl-Position (bessere Erzeugung statt Boykott) zeigt eine pragmatische, gegen Symbolpolitik gerichtete Haltung, die im Umweltmilieu nicht unumstritten ist. Die Nähe zur Wirtschaft ist zugleich ihre Wirkungsfläche und ihre offene Flanke.
Verbindungen zu anderen Denkern
(wird von Montaigne befüllt)












