Worum es geht

Eine Biologin, die zehn Jahre in den Tropen gearbeitet hat, stellt sich auf eine Digitalkonferenz und redet über Geld. Nicht aus Zynismus, sondern weil sie gelernt hat, dass die Rechnung der einzige Weg ist, gehört zu werden: Der größte Wirtschaftssektor der Welt sei Biodiversität, sagt sie, und niemand bezahlt ihn. Dann zeigt sie drei Fälle, in denen künstliche Intelligenz im Naturschutz tatsächlich etwas verschiebt — Walhaie, die aus Urlaubsfotos wiedererkannt werden; Vögel, die eine Rodung melden, bevor ein Satellit sie sieht; ein Berggorilla mit digitaler Geldbörse. Und sie sagt am Ende, wogegen dieselben Daten sich richten lassen.

Anlass — Internationaler Tag zur Erhaltung des Mangroven-Ökosystems (26. Juli)

Mangroven wachsen dort, wo Land und Meer sich nicht einigen können. Salzwasser, Ebbe, Flut, sauerstoffarmer Schlick — ein Ort, an dem fast nichts gedeiht, und genau dort steht ein Wald auf Stelzen. Er hält die Küste fest, bremst Sturmfluten, gibt Fischen die Kinderstube und speichert in seinem Boden mehr Kohlenstoff als ein Regenwald über der Erde trägt.

Den Tag gibt es seit dem 6. November 2015. Ecuador brachte ihn auf der 38. UNESCO-Generalkonferenz in Paris ein, Resolution 38C/66 machte den 26. Juli zum Gedenkdatum — ein Land, das seine eigenen Mangrovenwälder in großem Stil an die Garnelenzucht verloren hatte und dieselbe Verfassung besitzt, in der die Natur eigene Rechte trägt.

Seit den 1980er Jahren ist etwa ein Drittel der weltweiten Mangrovenfläche verschwunden. Der Tag erinnert damit weniger an eine Baumart als an eine Rechenweise: Ein Ökosystem, das nichts kostet, taucht in keiner Bilanz auf, solange es steht. Erst sein Fehlen wird teuer — in Deichen, in Fischfang, in Küsten, die nachgeben. Fischer spricht in diesem Vortrag über tropische Wälder und Korallenriffe, nicht über Mangroven. Ihre Frage ist trotzdem exakt die des Tages: Wie zählt man, was uns trägt, bevor es weg ist?

Quelle: re:publica 26 — Kann KI die Natur retten? Wie Künstliche Intelligenz den Naturschutz revolutionieren kann (Mai 2026, 29 Min.)

Wer spricht?

Frauke Fischer (1965, Frankfurt am Main) — Biologin, Tropenökologin, Dozentin am Biozentrum der Universität Würzburg.

Promoviert hat sie über Kobantilopen im Nationalpark Comoé an der Elfenbeinküste und dort die Würzburger Forschungsstation geleitet, bis der Bürgerkrieg 2002 die Arbeit beendete. Die zehn Tropenjahre, aus denen sie in diesem Vortrag erzählt, sind diese Jahre. Zurück in Deutschland gründete sie 2003 die agentur auf!, die Unternehmen in Biodiversitätsfragen berät, 2015 das Sozialunternehmen PERÚ PURO um peruanischen Chuncho-Urkakao. Sie sitzt in Kommissionen der IUCN, im wissenschaftlichen Beirat des WWF Deutschland — und im Nachhaltigkeitsbeirat der Volkswagen AG. Diese letzte Kombination ist bemerkenswert und erklärt zugleich den Ton des Vortrags: Wer Konzerne beraten will, muss in ihrer Währung sprechen lernen.

Der Vortrag beruht auf ihrem Buch mit Hilke Oberhansberg, Kann KI die Natur retten? (oekom 2025). Bekannter ist ihr gemeinsamer Titel Was hat die Mücke je für uns getan? (2020). Umweltmedienpreis 2021; sie macht mit Lydia Möcklinghoff den Podcast tierisch!.

DenkerVita


Inhalt

Der Elefant im Porzellanladen

▶ 0:00 Fischer beginnt mit einer Verschiebung, die den ganzen Vortrag trägt. Sie sagt, sie rede eigentlich gar nicht über Natur, sondern über geopolitische Sicherheit, Nahrungsmittelsicherheit, wirtschaftliche und gesellschaftliche Stabilität. Das sei alles dasselbe Thema. Wer über Natur spricht, spricht über die Bedingungen, unter denen eine Gesellschaft nicht auseinanderfällt — er merkt es nur meistens nicht.

Dann sortiert sie den Begriff. Biodiversität, sagt sie, ist die Vielfalt des Lebens auf drei Ebenen: genetische Vielfalt, Artenvielfalt, Vielfalt der Ökosysteme. Die mittlere kennt jeder, ein Hund ist keine Katze. Die erste ist die, an der es hängt.

Die Bilanz auf ihrer Folie ist knapp gehalten: 73 Prozent aller Wirbeltiere und 80 Prozent aller Insekten in fünfzig Jahren vernichtet, das Artensterben tausendfach beschleunigt, zwei bis drei Prozent echte Wildnis übrig — und Menschen, Schweine und Rinder stellen heute 96 Prozent der Säugetierbiomasse. Mündlich schlüsselt sie die letzte Zahl auf: 36 Prozent Mensch, 60 Prozent Nutztier, für alles Wilde von der Spitzmaus bis zum Blauwal bleiben 4 Prozent ▶ 4:35. (Zur Belastbarkeit dieser Zahlen siehe Faktencheck.)

Und hier korrigiert sie eine Alltagsvorstellung, die tief sitzt —

„Tiere und Pflanzen passen sich nicht an. Wenn das so wäre, dann hätten wir ja gar kein Problem.” ▶ 2:19

Was sich anpasst, ist keine Art, sondern eine Population — und nur, wenn in ihrem Genom genug Varianz liegt, dass einzelne Individuen mit der Veränderung zurechtkommen. Eine Pandemie, ein eingeschleppter Räuber, drei Grad mehr. Selten zu werden heißt: diese Varianz verlieren. Und Seltenwerden ist die Vorstufe zum Aussterben. Der Verlust, den Fischer beschreibt, findet also statt, lange bevor die letzte Art verschwindet — er findet in Beständen statt, unsichtbar, als Ausdünnung.

Eigene Einschätzung

Diese Unterscheidung ist der eigentliche Gewinn des Abschnitts, und sie wird im öffentlichen Reden über Artensterben fast immer übersprungen. Wir zählen Arten, weil Arten Namen haben und Namen sich betrauern lassen. Was verschwindet, ist etwas Abstrakteres: der Spielraum, in dem eine Art auf Unerwartetes reagieren kann. Man kann eine Art zählen. Man kann ihre Resilienz nicht fotografieren. Genau deshalb fällt sie aus jeder Berichterstattung heraus — und aus jeder politischen Debatte gleich mit.

Der Eimer Sand

▶ 5:22 Fischer kommt zu den Ökosystemleistungen und markiert sofort, dass der Begriff anthropozentrisch definiert ist: Es geht nur darum, was die Natur für uns bringt. Sie benutzt ihn trotzdem, weil er der einzige ist, der in Verhandlungen ankommt. Vier Gruppen: Versorgung (Trinkwasser, Holz, Pilze, Arzneistoffe), Regulierung (Weltklima, Bestäubung, Erosionsschutz, Krankheitsdynamik), Basisleistungen, kulturelle Leistungen.

Bei den Basisleistungen setzt sie ihren stärksten Satz. Er ist ein Bild, kein Argument, und trifft trotzdem härter als jede Zahl:

„Man kann alle Nobelpreisträger der Welt mit allem technischen Equipment und allem Geld der Welt und einem Eimer Sand in ein Labor stellen — und die kommen mit einem Eimer Sand wieder raus.” ▶ 6:54

Fruchtbaren Boden herzustellen ist technisch nicht möglich. Das können nur sehr viele Organismen über sehr lange Zeit. Die Regulierung des Weltklimas gehört in dieselbe Kategorie — weshalb, sagt Fischer nebenbei, wer über Klimawandel reden will, eigentlich zuerst über Biodiversität reden müsste. Einiges ließe sich technisch ersetzen, Wasser filtern, von Hand bestäuben. Aber das kostet, es verlangt neue Eingriffe in die Natur, um an die Rohstoffe für die Technik zu kommen, und es skaliert nicht auf acht Milliarden Menschen.

Die Rechnung, die nie gestellt wird

▶ 8:25 Hier wird der Vortrag konkret genug, um wehzutun. Fischer nimmt ein Auto. Über alle Vorketten — Rohstoffgewinnung, Verarbeitung, Fertigung — verbraucht ein einziges Auto rund 150.000 Liter Wasser. Dieses Wasser stellt die Natur zur Verfügung, und die Gesellschaft gibt es sehr billig an Industrieunternehmen ab. Dann rechnet sie um: Würde man 50 Cent pro Liter verlangen — immer noch ein Bruchteil dessen, was eine Flasche Wasser im Supermarkt kostet —, verteuerte sich jedes Auto um 75.000 Euro.

Das Geschäft funktioniert also nur, weil eine Position in der Kalkulation auf null steht. Es ist die gleiche Struktur wie bei der Mangrove: Solange der Wald steht, kostet der Küstenschutz nichts, taucht nirgends auf, gehört niemandem. Fischer legt daneben eine Zahl, die den Maßstab kippt: Der größte Wirtschaftssektor der Welt sei Biodiversität und Ökosystemleistung; deren ökonomischer Wert übersteige das weltweite Bruttoinlandsprodukt um den Faktor zwei ▶ 15:13. Jedes Unternehmen auf diesem Planeten hängt daran. (Faktencheck: siehe unten — die Größenordnung ist umstritten.)

Weitergedacht

Wenn ein Gut nur deshalb bezahlbar ist, weil eine Position in der Rechnung fehlt — ist der Preis dann falsch, oder ist er eine Aussage darüber, wer die Rechnung später bezahlt?

80 Prozent aller Medikamente, und ein Frosch, der nicht schimmelt

▶ 9:55 Fischer nennt eine Zahl, die den meisten fremd sein dürfte: 80 Prozent aller zugelassenen Medikamente und 70 Prozent aller Krebsmedikamente gehen auf Naturstoffe zurück — nicht im Amazonas, sondern in jeder Apotheke in Berlin, New York oder Peking. Und dann kommt die Anekdote, an der man den Punkt behält.

Zehn Jahre Tropen. Alles verschimmelt: Stifte, Kleidung, Schuhe, Laptops. Jeden Tag springen Frösche vorbei, und keiner von ihnen ist verschimmelt — obwohl eine dünne, feuchte Amphibienhaut bei tropischer Wärme der perfekte Lebensraum für einen Pilz wäre.

„Amphibien gelingt es permanent Antibiotika zu entwickeln, gegen die offensichtlich keine Resistenzen gefunden werden können.” ▶ 10:40

Der erste Teil stimmt: Amphibienhaut produziert antimikrobielle Peptide, Magainine und Dermaseptine, ein Standardkapitel der Immunologie. Der zweite Teil stimmt nicht — und die Widerlegung stammt ausgerechnet von Michael Zasloff, dem Entdecker der Magainine, der Bakterien über 700 Generationen einem Magainin-Analogon aussetzte und zusah, wie 22 von 24 Linien unabhängig voneinander Resistenz entwickelten (Faktencheck unten). Es ist die prüfenswerteste Stelle des Vortrags, weil sie Fischers stärkstes Argument stützt: die Natur als unersetzliche Apotheke.

Das Argument trägt auch ohne sie. Eine Apotheke, deren Inhaltsverzeichnis wir nicht kennen, wird gerade verkleinert — und wir erfahren erst hinterher, welche Seite fehlte.

Dazu ihr eigener Buchtitel als Pointe: Ohne Mücke keine Schokolade. Die Hauptbestäuber von Kakao sind Gnitzen, winzige Mücken. Keine Honigbiene, kein Schmetterling schafft das ▶ 11:26.

Warum ausgerechnet die Maschine

▶ 12:57 Der Übergang zur KI ist bei Fischer kein Technikjubel, sondern eine Kapitulationserklärung mit Nachsatz. Die Wissenschaft, sagt sie, dokumentiere seit Jahrzehnten vor allem eines: eine sich beschleunigende Zerstörung. Gebraucht würden Lösungen, die diese Zerstörung in Geschwindigkeit und Dimension mindestens einholen. Von dort aus die Frage, ob KI dabei helfen kann.

Ihre Antwort ist präzise und angenehm unaufgeregt: Die Natur ist voller Muster, und Mustererkennung ist das, was diese Technik kann. Dann dreht sie den Vergleich sofort gegen die Maschine. Ein kleines Kind braucht drei Hunde und drei Katzen, um den Unterschied ein Leben lang zu beherrschen; ein Modell braucht Zehntausende Bilder ▶ 13:43. Wir lernen schneller. Aber es gibt Muster, an denen wir scheitern: alle Zebras eines Bildes einzeln auseinanderzuhalten etwa — evolutionär war das nie nötig. Oder Sonogramme, in die sich jedes Geräusch der Natur überführen lässt.

Eigene Einschätzung

Das ist die sauberste Rahmung von KI-Einsatz, die mir in letzter Zeit begegnet ist, und sie kommt ohne ein einziges Superlativ aus. Nicht „die Maschine ist besser als wir”, sondern: Es gibt eine schmale Klasse von Mustern, für die unsere Wahrnehmung nie gebaut wurde, und genau dort liegt der Nutzen. Der Rest — Wertung, Zielsetzung, die Frage, welcher Waldzustand überhaupt der richtige ist — bleibt beim Menschen. Fischer zeigt das später selbst, als sie erzählt, dass man dem Modell verbieten musste, Leoparden aus dem Gorillawald zu entfernen. Die Maschine optimiert, was man ihr sagt. Was man ihr sagen darf, ist keine technische Frage.

Der Walhai und die Reederei

▶ 16:00 Erster Fall. Walhaie, die größten Fische des Planeten, wurden erst im 19. Jahrhundert beschrieben; bis 1986 waren rund 300 Individuen überhaupt bekannt, meist angeschwemmte Kadaver oder Beifang. Man wusste über diese Tiere im Grunde nichts.

Heute machen Hobbytaucher Selfies mit ihnen. Der klassische Weg wäre Citizen Science gewesen: Bitte schickt eure Fotos an dieses Institut. Der schnellere Weg heißt Sharkbook — eine Anwendung aus der Wildbook-Familie. Die Haut eines Walhais sieht aus wie ein Sternenzelt, dunkler Grund mit hellen Punkten. Man musste also keinen neuen Algorithmus erfinden, sondern einen, der für die Analyse von Sternenhimmeln gebaut worden war, auf Walhaie umtrainieren ▶ 17:33. Das Modell durchsucht Social-Media-Posts, legt für jedes Individuum ein Datenblatt an, verschränkt georeferenzierte Fotos mit Wassertemperatur, Strömung, Sauerstoffgehalt, Nahrungsverfügbarkeit — und sagt voraus, wo ein bestimmtes Tier in den nächsten Tagen sein wird.

Die Pointe liegt in der Verwertung. Walhaie kollidieren mit Schiffen; für die Tiere endet das oft tödlich, für die Reederei teuer, weil das Schiff beschädigt wird und Konventionalstrafen drohen, wenn Lieferverträge platzen. Der nächste Schritt sei, diese Daten an Reedereien zu verkaufen —

„eben gar nicht um den Walhai zu schützen, sondern um ihre Schiffe zu schützen. Aber dass man so eine Methode findet, Naturschutz zu finanzieren.” ▶ 19:51

Fischer sagt das ohne jede Verlegenheit, und darin liegt die Härte des Vortrags. Sie hat aufgehört, auf Einsicht zu warten. Sie sucht nach Stellen, an denen der Schutz eines Tieres zufällig mit einem Eigeninteresse zusammenfällt, und baut dort an.

Der Vogel, der die Rodung meldet

▶ 20:36 Zweiter Fall, und der eleganteste. Entwaldung wird per Satellit erfasst. Von der Aufnahme bis zur veröffentlichten Analyse vergehen in der Regel sechs bis achtzehn Monate — und das Ergebnis ist eine Karte davon, wo im letzten anderthalb Jahren Regenwald verschwunden ist. Ein Nachruf, kein Alarm.

Die Alternative sind Tiere als Sensoren. Die kleinsten Telemetriesensoren wiegen inzwischen 0,2 Gramm, leicht genug für große Insekten. Stattet man ein Set von Tieren aus, analysiert das Modell ihre Bewegungsmuster — und manche Vogelarten reagieren so empfindlich auf Störung, dass sie eine Fläche schon nicht mehr überfliegen, wenn dort der erste Baum gefallen ist ▶ 21:22. Die Warnung kommt, bevor ein Satellit etwas sehen kann.

Dasselbe funktioniert akustisch. Soundscapes, die Gesamtgeräuschkulisse eines Ökosystems, verraten dessen Zustand — auch in Frequenzen, die wir nicht hören. Es genügt nicht, einen Schwarzspecht zu identifizieren; es geht um das Gesamtbild. In ecuadorianischen Regenwäldern hat man das gemacht, und Fischer räumt ein, dabei selbst gestaunt zu haben: Das Modell kann sagen, welche nachtaktiven, nicht rufenden Insekten in einem Wald vorkommen — wenn man es vorher tagsüber hat zuhören lassen, wer da ruft ▶ 22:07.

Weitergedacht

Ein Wald, dessen Gesundheit an seinem Klang ablesbar ist — was heißt es für unser Verhältnis zur Natur, wenn wir sie erst dann ernst nehmen, wenn eine Maschine sie in ein Messsignal übersetzt hat?

Das Gorilla-Wallet

▶ 22:55 Dritter Fall, und der spekulativste. Ein Berggorilla und seine Familie haben ein digitales Wallet bekommen. Ein Modell hatte zuvor analysiert, wie der Wald beschaffen sein muss, damit es dieser Familie gut geht — mit menschlich gesetzten Leitplanken, denn man durfte der Optimierung nicht erlauben, die Leoparden abzuschaffen.

Die Idee heißt Interspecies Money, wird derzeit von der Weltbank finanziert und funktioniert noch nicht öffentlich. Gedacht ist sie so: Man fragt abends nach, wie es der Gorillafamilie ging; das System wertet Echtzeitdaten aus dem Lebensraum aus; wenn alles in Ordnung war, überweist man einen Euro. Das Geld geht nicht an den Gorilla, sondern an die Menschen, die den Zustand an diesem Tag erhalten haben — indigene Gemeinschaften, Ranger, die Nationalparkverwaltung, eine Schule, deren Kinder daran gearbeitet haben, ein Richter, der illegale Aktivitäten verfolgt hat ▶ 24:27.

Eigene Einschätzung

Hier bin ich zwiegespalten, und ich glaube, das ist die angemessene Reaktion. Die Konstruktion ist klug: Sie bezahlt nicht für ein Versprechen, sondern für einen gemessenen Zustand, und sie leitet das Geld an die weiter, die tatsächlich vor Ort sind — statt an eine Organisation im Norden. Das ist mehr, als die meisten Kompensationsmechanismen leisten. Zugleich baut sie den Naturschutz auf eine dauerhafte Messinfrastruktur, deren Betreiber damit zur eigentlichen Instanz wird. Wer das Modell trainiert, definiert, wann ein Wald „in Ordnung” ist. Und ein Ranger, dessen Einkommen an dieser Definition hängt, hat nicht nur ein Interesse an einem gesunden Wald, sondern auch eines an einem Modell, das ihn für gesund hält. Bezahlung nach Messwert erzeugt immer Druck auf den Messwert.

Was dieselben Daten anrichten

▶ 25:12 Fischer beendet den Vortrag mit den Gefahren, und sie spart sich das Naheliegende nicht. KI zerstört Natur schon durch ihren Ressourcen-, Wasser- und Energieverbrauch. Härter noch: Fast alle mineralischen Rohstoffe und seltenen Erden, die für Digitalisierung, Elektromobilität und Erneuerbare gebraucht werden, liegen unter tropischen Regenwäldern, überwiegend in Afrika. Darüber leben Gorillas, Bonobos, Schimpansen. Holt man die Rohstoffe heraus, verschwinden diese Tiere — nicht als Bestand, als Art.

Dann der Punkt, den sie eigens hervorhebt, weil er selten gemacht wird: Dieselben Daten, die dem Schutz dienen, sind in den falschen Händen ein Werkzeug der Ausbeutung. Wer weiß, wo ein Walhai in drei Tagen sein wird, kann ihn schützen oder ihn effizient bejagen. Bei Nashörnern und Tigern steht dahinter organisierte internationale Kriminalität; illegaler Wildtierhandel folgt in der Größenordnung auf Menschen-, Waffen- und Drogenhandel.

Und schließlich die Deepfakes. Fischer nimmt den Wolf als Beispiel — ein Tier, dessen Rückkehr in Deutschland ohnehin umkämpft ist. Angriffe auf Menschen gibt es praktisch nicht.

„Wenn Sie das Internet fluten mit Fake-Videos, wo Wölfe Menschen angreifen, dann wird natürlich eine Mehrzahl der Menschen bei uns sagen: okay, der Wolf muss ausgerottet werden.” ▶ 27:27

Ihre Konsequenz ist bemerkenswert unbequem für eine Digitalkonferenz: KI-Anwendungen im Naturschutz gehörten künftig in geschlossene Räume, nicht in offene Datenräume. Und sie räumt ein, dass Forschungsinstitutionen und Naturschutzorganisationen davon noch weit entfernt sind.

Eigene Einschätzung

Auf einer Bühne, auf der seit Jahren offene Daten und offene Modelle als Fortschrittsversprechen gelten, ist „bitte schließt die Datenräume” eine Zumutung — und sie ist begründet. Der Widerspruch löst sich nicht auf: Dieselbe Offenheit, die Forschung ermöglicht, ermöglicht Wilderei. Fischer bietet keine Synthese an, sie benennt den Konflikt und sagt, wo sie im Zweifel steht. Das ist redlicher als die meisten Vorträge, die mit einem Appell enden.


Faktencheck

Bestätigt — Säugetier-Biomasse 36 / 60 / 4

Bar-On, Phillips & Milo beziffern die Säugetier-Biomasse auf ≈0,167 Gt C: Nutztiere ≈0,1, Menschen ≈0,06, wilde Säugetiere ≈0,007 — exakt Fischers Aufteilung und ebenso die Slide-Variante „Menschen, Schweine, Rinder = 96 %“. Eine unabhängige Neuberechnung von 2023 kommt auf dieselbe Größenordnung: 630 Mt Nutztiere, 390 Mt Menschen, 20 Mt wilde Landsäuger plus 40 Mt Meeressäuger. Zwei unabhängige Rechnungen, dasselbe Bild. Quelle: The biomass distribution on Earth, PNAS 2018 — doi:10.1073/pnas.1711842115 · The global biomass of wild mammals, PNAS 2023 — doi:10.1073/pnas.2204892120

Vereinfacht — „73 % aller Wirbeltiere vernichtet"

Die Zahl stammt erkennbar aus dem Living Planet Index 2024 — und bedeutet dort etwas anderes: den mittleren relativen Rückgang von rund 35.000 überwachten Populationen (5.495 Arten) zwischen 1970 und 2020. Der Index misst nicht die Zahl verlorener Tiere, Arten oder Populationen. „73 % aller Wirbeltiere vernichtet” deutet einen Mittelwert in eine Bestandsangabe um. Dazu kommt die methodische Kritik von Leung et al.: Entfernt man die 2–3 Prozent am stärksten eingebrochenen Populationen, kippt der globale Trend ins Positive — der Mittelwert wird von wenigen Katastrophen getragen, nicht von flächendeckendem Kollaps. Der Befund „massiver, aber geclusterter Verlust” ist robust; die runde Sprechweise ist es nicht. Quelle: WWF Living Planet Report 2024 · Clustered versus catastrophic global vertebrate declines, Nature 2020 — doi:10.1038/s41586-020-2920-6 · Our World in Data — was der LPI misst

Vereinfacht — „80 % aller Insekten"

Die Zahl geht auf die Krefeld-Studie zurück: Hallmann et al. fanden über 27 Jahre in 63 deutschen Schutzgebieten einen Rückgang der Biomasse flugaktiver Insekten um 76 Prozent, im Hochsommer bis 82 — regional, biomassebezogen, nicht „alle Insekten weltweit”. Die bislang breiteste globale Meta-Analyse (van Klink et al., 166 Langzeitreihen, 1.676 Standorte) findet für Landinsekten rund −9 Prozent pro Jahrzehnt und für Süßwasserinsekten sogar +11 Prozent. Die Übertragung eines lokalen Biomasse-Befunds auf den Planeten hat die „Unstatistik des Monats” schon 2017 gerügt. Hier kippt eine belastbare Alarmzahl in eine unbelastbare — und die stärkere Version nützt der Erzählung. Quelle: van Klink et al., Science 2020 — doi:10.1126/science.aax9931 (Meta-Analyse, wiegt schwerer) · Hallmann et al., PLOS ONE 2017 — doi:10.1371/journal.pone.0185809 · Unstatistik des Monats

Bestätigt — Artensterberate um Faktor 1000 beschleunigt

Pimm et al.: „Current rates of extinction are about 1000 times the background rate of extinction” — und die Autoren halten das für eher unterschätzt. Grundlage ist De Vos et al., die die Hintergrundrate auf 0,1 Aussterbeereignisse pro Million Artjahre revidierten. Zur Ehrlichkeit gehört die Spanne: Rechnungen mit konservativeren Annahmen landen bei Faktor 100. Fischer nennt die obere, meistzitierte Zahl — belegt, aber nicht die einzige. Quelle: Pimm et al., Science 2014 — doi:10.1126/science.1246752 · De Vos et al., Conservation Biology 2014 — doi:10.1111/cobi.12380

Bestätigt — nur 2–3 % echte Wildnis

Plumptre et al. kommen auf höchstens 2,9 Prozent faunistisch intakte Landfläche — die strengste der drei Intaktheits-Definitionen (Habitat plus vollständige Artengemeinschaft plus funktionale Dichten). Legt man nur Habitat-Intaktheit zugrunde, gelten 20 bis 23 Prozent als Wildnis. Fischers Formulierung („so wie vor dem Menschen”) trifft genau die strenge Definition — die Zahl ist passend gewählt, nicht geschönt. Quelle: Plumptre et al., Frontiers in Forests and Global Change 2021 — doi:10.3389/ffgc.2021.626635

Vereinfacht — 80 % aller Medikamente aus der Natur

Die Referenz ist Newman & Cragg, 39 Jahre Zulassungen. Dort sind rund 65 Prozent aller neu zugelassenen Wirkstoffe naturstoffbezogen; rein synthetische Kleinmoleküle machen etwa ein Viertel aus. Für Krebs nennen die Autoren 64,9 Prozent der 185 niedermolekularen Onkologika, in früheren Reviews mit längerem Zeitfenster bis 75. Fischers 70 Prozent für Krebs sind damit sauber; die 80 für „alle Medikamente” liegen rund 15 Punkte zu hoch. Größenordnung stimmt, die Präzision suggeriert mehr, als die Quelle hergibt. Quelle: Newman & Cragg, J. Nat. Prod. 2020 — doi:10.1021/acs.jnatprod.9b01285 (Review, >5.600 Zitationen)

Bestätigt — Bestäubungswert rund 1 Billion Euro

Das klingt nach dem Vierfachen der bekannten IPBES-Zahl, ist aber belegt — nur mit anderer Methode. Lippert, Feuerbacher & Narjes verwerfen den etablierten Langfrist-Ansatz und rechnen die kurzfristigen Wohlfahrtseffekte eines plötzlichen Bestäuber-Kollapses: 1 bis 2 Prozent des globalen BIP. Fischer nennt exakt die untere Kante. Die klassische IPBES-Zahl (235–577 Mrd. US-Dollar) misst etwas anderes — den Marktwert der direkt bestäuberabhängigen Produktion. Beide Zahlen sind richtig und beantworten verschiedene Fragen; wer die Billion nennt, sollte die Methode dazusagen. Quelle: Lippert, Feuerbacher & Narjes, Ecological Economics 2020 — doi:10.1016/j.ecolecon.2020.106860 · Potts et al. / IPBES, Nature 2016 — doi:10.1038/nature20588

Vereinfacht — „Biodiversität ist der größte Wirtschaftssektor der Welt"

Der Faktor stimmt rechnerisch: Costanza et al. schätzen die globalen Ökosystemleistungen 2011 auf 125–145 Billionen US-Dollar jährlich gegenüber einem globalen BIP von rund 75 Billionen — Faktor 1,7 bis 1,9. Die Verkürzung liegt im Wort „Wirtschaftssektor”. Diese Werte sind überwiegend nicht-marktliche Schätzungen (Zahlungsbereitschaften, Nutzentransfer), keine Umsätze; Costanza selbst betont, dass sie mit dem BIP nicht direkt vergleichbar sind. Als Größenverhältnis eine legitime, sogar wichtige Aussage — als „Sektor” eine Kategorienverwechslung, die den Zahlen mehr Härte gibt, als sie haben. Quelle: Costanza et al., Global Environmental Change 2014 — doi:10.1016/j.gloenvcha.2014.04.002

Bestätigt — drei Viertel des Trinkwassers aus Wäldern

Die FAO nennt genau diese Zahl: 75 Prozent des zugänglichen Süßwassers stammen aus bewaldeten Einzugsgebieten. Kleine Präzisierung: Wälder erzeugen das Wasser nicht, sie regeln Speicherung, Filtration und Abflussverhalten — Fischers eigene Formulierung („wo, wann, in welcher Menge und Qualität”) trifft das genau. Quelle: FAO — Forest & Landscape Water Ecosystem Services · FAO, Forests and Water

Nicht eindeutig belegt — 150.000 Liter Wasser pro Auto

Keine belastbare Primärquelle für exakt diesen Wert. Die kursierenden Schätzungen streuen extrem und hängen an der Systemgrenze: ab rund 20.000 Litern für die engere Fertigung, in der deutschen „virtuelles Wasser”-Literatur meist rund 400.000 Liter von der Rohstoffgewinnung bis zur Endmontage. Fischers Wert liegt in der Mitte dieser Spanne, ohne nennbaren Ursprung. Bemerkenswert: Sie rundet hier nach unten — die spektakulärere Zahl hätte ihrem Argument mehr genützt. Quelle: NaturFreunde Deutschlands — Virtuelles Wasser und Mobilität · Keine unabhängige Quelle für 150.000 l gefunden

Vereinfacht — „zwei Arten von Mücken" bestäuben Kakao

Der Kern hält: Kakaoblüten sind so winzig und verwinkelt gebaut, dass nur Kleinstinsekten an den Pollen kommen — Gnitzen der Ceratopogonidae, vor allem Forcipomyia, ergänzt durch Gallmücken. Honigbienen gelten als zu groß und werden in der Literatur als Pollendiebe geführt. Zu eng ist die Zahl: Es sind mehrere, regional unterschiedliche Arten, und für die meisten Anbaugebiete ist bis heute nicht geklärt, welche tatsächlich bestäuben. „Zwei Arten” macht aus einer offenen Forschungsfrage einen Fun Fact. Quelle: Kaufmann, Environmental Entomology 1975 — doi:10.1093/ee/4.2.347 · The Conversation — Tiny cacao flowers and fickle midges

Bestätigt — Amphibien produzieren antimikrobielle Peptide

Gut belegt und ein Standardkapitel der Immunologie: Amphibienhaut-Sekrete enthalten eine große Zahl von Peptid-Antibiotika (Magainine aus Xenopus, Dermaseptine, Temporine), die zur angeborenen Immunabwehr gehören — unter anderem gegen den Chytridpilz. Quelle: Simmaco, Mignogna & Barra, Biopolymers 1998 · Rollins-Smith, Integrative and Comparative Biology 2005 — doi:10.1093/icb/45.1.137

Falsch — „gegen diese Peptide können keine Resistenzen entstehen"

Genau diese Annahme wurde experimentell widerlegt, und zwar von Michael Zasloff selbst, dem Entdecker der Magainine. Perron, Zasloff & Bell setzten E. coli und Pseudomonas fluorescens über 600 bis 700 Generationen Pexiganan aus, einem Magainin-Analogon aus dem Krallenfrosch: 22 von 24 Linien entwickelten unabhängig voneinander vererbbare Resistenz. Die Arbeit trägt den Titel wie einen Widerspruch: Experimental evolution of resistance to an antimicrobial peptide. Die These „AMPs sind resistenzsicher” war eine populäre Hoffnung der 1990er, die die Populationsgenetik früh bezweifelt hat. Fischer sichert sich mit „offensichtlich” ab — die Aussage bleibt trotzdem nicht haltbar, und sie stützt ihr stärkstes Argument. Quelle: Perron, Zasloff & Bell, Proc. R. Soc. B 2006 — doi:10.1098/rspb.2005.3301

Bestätigt — Walhaie: 1828 beschrieben, bis 1986 rund 320 Nachweise

Das erste wissenschaftlich erfasste Exemplar stammt von 1828 aus der Table Bay in Südafrika, beschrieben von Andrew Smith. Fay Wolfson trug 1986 alle publizierten und verifizierten Nachweise zusammen und kam auf 320. Eine Präzisierung: Es waren 320 dokumentierte Sichtungen und Nachweise, nicht 320 bekannte Individuen — Fischers eigene Beschreibung trifft das. Quelle: Rowat & Brooks, J. Fish Biol. 2012 — doi:10.1111/j.1095-8649.2012.03252.x

Bestätigt — Sharkbook: Sternenhimmel-Algorithmus und Social-Media-Auswertung

Arzoumanian, Holmberg & Norman adaptierten 2005 den Groth-Algorithmus aus der Astronomie auf die Punktmuster hinter den Kiemen von Walhaien — Trefferquote über 90 Prozent. Der NASA-Bezug ist real: Zaven Arzoumanian ist Astrophysiker, die Arbeit liegt auch als NASA-Technical-Report vor. Aus der Anwendung wurde die ECOCEAN-Bibliothek, daraus Wildbook und heute Sharkbook.ai. Die Social-Media-Auswertung existiert tatsächlich: Ein Agent durchkämmt nächtlich YouTube nach neuen Walhai-Videos, extrahiert Einzelbilder, gleicht Muster ab und liest per maschineller Übersetzung Ort und Zeit aus der Beschreibung. Über 8.100 Walhaie sind erfasst. Quelle: Arzoumanian, Holmberg & Norman, J. Applied Ecology 2005 — doi:10.1111/j.1365-2664.2005.01117.x · Sharkbook.ai

Bestätigt — Interspecies Money: Wallets für Gorillafamilien

Das Konzept stammt von Jonathan Ledgard, umgesetzt von der Non-Profit Tehanu. Im August 2024 erhielt eine Berggorilla-Familie im Volcanoes-Nationalpark in Ruanda digitale Identität und Wallet; die erste artenübergreifende Zahlung — 5.000 ruandische Franc, rund 3,42 US-Dollar — ging an einen Ranger, nachdem er eine Schlinge vom Jungtier Gisubizo entfernt hatte. Eine KI leitet aus der ethologischen Literatur Interessen der Art ab (Sicherheit, Bewegungsfreiheit, Nahrung) und löst Mikrozahlungen an Menschen aus, die diesen Interessen dienen. Fischers Beschreibung stimmt bis in die Details. Quelle: Brookings — Interspecies money is here · Limn — If You Give a Gorilla a Wallet

Nicht eindeutig belegt — „wird im Moment von der Weltbank finanziert"

Keine Quelle nennt die Weltbank als Geldgeber von Tehanu. Die detaillierteste Darstellung schreibt „funded largely by the Rwandan government”, ergänzt um philanthropische Mittel; die ausgezahlten Beträge stammen aus bestehenden Naturschutz-Budgets. Die Weltbank taucht in der Debatte an anderer Stelle auf — als Vorbild für eine noch zu gründende „Bank for Other Species”. Das ist vermutlich die Verwechslung. Fairerweise: Die Weltbank finanziert sehr wohl in genau dieser Landschaft, mit 50 Mio. US-Dollar für das Volcanoes Community Resilience Project. Ein indirekter Geldfluss ist nicht ausgeschlossen, nur nicht belegt. Quelle: Limn — If You Give a Gorilla a Wallet · Weltbank — Volcanoes Community Resilience Project

Bestätigt — der Wolf im Hamburger Einkaufszentrum

Der Vorfall ist real und jung: Am Abend des 30. März 2026 lief ein Wolf durch das Einkaufsgebiet an der Großen Bergstraße in Hamburg-Altona. Eine 65-jährige Frau versuchte offenbar, das orientierungslose Tier von der Einkaufsstraße wegzuführen; der Wolf biss ihr ins Gesicht und lief davon. Sie wurde ambulant behandelt und konnte das Krankenhaus am selben Abend verlassen. Das Tier — nach Einschätzung der Fachleute ein Jungwolf in der Abwanderungsphase — wurde in der Nacht aus der Binnenalster geborgen. Quelle: Tagesspiegel — Wolf beißt Frau in Hamburg

Vereinfacht — „es gibt keine Angriffe von Wölfen auf Menschen"

Ihre Einordnung des Einzelfalls ist fachlich vertretbar: Die Verhaltensforschung unterscheidet defensive Bisse eines bedrängten Tieres von räuberischen und tollwutbedingten Angriffen — ein in die Enge getriebener Jungwolf fällt in die erste Kategorie. Die allgemeine Aussage ist stärker, als die Quellenlage trägt. Das Bundesamt für Naturschutz führt den Hamburger Fall als ersten Angriff seit der Wiederansiedlung 1998; Fischer redet eine Einstufung weg, die die Fachbehörde vorgenommen hat. Weltweit dokumentiert die NINA-Übersicht für 2002–2020 489 Angriffe mit 26 Todesfällen, überwiegend tollwutbedingt und fast ausschließlich außerhalb Europas und Nordamerikas. Richtig bleibt der Kern: Gesunde Wölfe sind für Menschen in Deutschland praktisch ungefährlich, und ihr Deepfake-Argument steht unabhängig davon. Quelle: t-online — Behörde meldet ersten Wolfsangriff seit Wiederansiedlung · Linnell, Kovtun & Rouart — NINA Report 1944

Bestätigt — Telemetrie-Sensoren ab 0,2 Gramm

Das Motus-Netzwerk arbeitet mit Nanotags ab 0,2 g; Lotek gibt für den NanoPin inzwischen 0,14 g an. Kommerzielle Tags von 0,23 bis 0,3 g wurden an Libellen, Hummeln, Käfern und Schmetterlingen eingesetzt — Wikelski und Kollegen verfolgten Wanderlibellen bereits 2006 mit 0,3-g-Sendern. Für kleinere Insekten existieren batterielose Harmonic-Radar-Tags ab 0,008 g. Fischers Zahl ist konservativ. Quelle: A Review of Miniature Radio Transmitters for Wildlife Tracking, Sensors 2025 — doi:10.3390/s25020517 · Lotek NanoPin

Eigene Einschätzung — wie eine Wissenschaftlerin für ein Laienpublikum rundet

Der Faktencheck fällt gut für sie aus: Von zwanzig geprüften Punkten stehen die meisten, die Mechanismen stimmen bis in Details, die Projekte existieren wie beschrieben. Interessant ist die Richtung der Abweichungen. Wo Fischer rundet, rundet sie fast immer nach oben, und zwar bei den Zahlen, die dem Publikum den Ernst der Lage klarmachen sollen: 80 statt 65 Prozent Medikamente, „alle Insekten weltweit” statt „Fluginsekten-Biomasse in deutschen Schutzgebieten”, „größter Wirtschaftssektor” statt „nicht-marktliche Schätzung in der Größenordnung des doppelten BIP”.

Die eine Ausnahme ist verräterisch in die andere Richtung: Beim Wasser pro Auto nennt sie 150.000 Liter, während die deutsche Literatur eher 400.000 kennt. Die spektakulärere Zahl hätte ihrem Argument mehr genützt; sie nimmt die vorsichtigere. Das spricht gegen Kalkül und für etwas Alltäglicheres — eine Rednerin, die seit zwanzig Jahren vor Publikum steht, das sie erreichen will, und die deshalb mit gerundeten Zahlen operiert, ohne sie vor jedem Auftritt neu zu prüfen.

Bleibt der eine harte Befund, und der ist kein Rundungsfehler: dass gegen Amphibien-Peptide keine Resistenzen entstehen könnten, ist widerlegt — von dem Forscher, der diese Peptide entdeckt hat. Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet dieser Satz derjenige ist, der ihr stärkstes Bild trägt. Die Natur bleibt eine Apotheke, deren Inventar wir nicht kennen. Sie ist nur keine, aus der man ohne Widerstand bedient wird.


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

Von Frauke Fischer:

Zu den im Vortrag gezeigten Projekten:

Forschungsgrundlagen (aus dem Faktencheck):

Bildnachweis

Die Standbilder stammen aus dem verlinkten Video der re:publica 26 und stehen wie dieses unter CC BY-SA 4.0.


Verbindungen

Madlen Nicolaus und Martin Winistörfer — Warum wir die Welt vermessen

Derselbe Konferenztag, dieselbe These, zwei Münder. Fischer ist Wissenschaftlerin und hat sich das Rechnen abgerungen, weil sie gelernt hat, dass sie sonst nicht gehört wird; Hexagon verkauft das Messgerät, für das „messen rettet die Welt” nicht Überzeugung, sondern Geschäftsmodell ist. Beide führen im Kern denselben Befund vor: Die Draufsicht täuscht. Bei Fischer ist es die Artenzählung, die die genetische Varianz übersieht; bei Winistörfer der LiDAR-Querschnitt, der die Eukalyptus-Plantage als das entlarvt, was der Satellit von oben als Wald verbucht hat. Und beide landen an derselben Stelle — der Sensor wird zur Instanz darüber, was „gesund” heißt.

Ab dort trennen sie sich, und die Trennung ist lehrreich. Fischer benennt, wer dieselben Daten gegen die Natur wenden kann, und zieht die für eine Digitalkonferenz unbequeme Konsequenz: geschlossene Datenräume. In der Hexagon-Fragerunde stellt jemand aus dem Publikum genau diese Frage — wer erhebt die Daten, werden sie veröffentlicht —, und sie bleibt unbeantwortet. Fischers Warnung, dass die seltenen Erden für all diese Technik unter tropischen Regenwäldern liegen, zielt zudem präzise auf das Segment, das im Hexagon-Vortrag nicht vorkommt und am schnellsten wächst: Bergbau, Autonomie, Verteidigung.

Adam Tooze und Maja Göpel — Die Polykrise

Göpel liefert die Zahl, die Fischers Argument institutionell erdet: nicht Greenpeace, sondern die EZB rechnet vor, dass rund 72 Prozent der Unternehmen im Euroraum kritisch von mindestens einer Ökosystemleistung abhängen. Vor allem aber hat Göpel Fischers Schlusskapitel Jahre früher als Szenario aufgeschrieben — die dystopische Bahn der Digitalisierung war „konzentrierte Kontrolle über knappe Ressourcen durch bessere Beobachtung: wo sind die fruchtbarsten Böden, wo die dicksten Wälder?“. Fischers Wilderer, der weiß, wo der Walhai in drei Tagen sein wird, ist dieselbe Bahn im Kleinen und in der Gegenwart. Göpels Einwand gegen das Einpreisen der Natur schärft Fischers Strategie von außen: Wer knapper werdende Bestände besitzt, verdient am Schrumpfen — die Frage ist nicht, ob man Knappheit bepreist, sondern wem der Bestand gehört.

Tilo Wesche — Rechte der Natur, Eigentum und Kolonialismus

Zwei entgegengesetzte Reparaturen desselben Lochs. Fischer schließt die Bilanzlücke, indem sie einen Preis einträgt; Wesche, indem er die Natur zur Eigentümerin macht — was Rechtssubjekt ist, kann nicht mehr als Null geführt werden. An Fischers eigenen Beispielen zeigt sich, warum Wesches Einwand trägt: Der Walhai wird geschützt, weil die Reederei am Schiffsschaden spart; wer kein Eigeninteresse auf seiner Seite hat, fällt aus der Rechnung. Das Gorilla-Wallet ist zugleich der Fall, an dem sich beide Wege berühren — es zahlt nicht für ein Versprechen, sondern für einen Zustand, und das Geld geht an die Menschen vor Ort. Nur bleibt der Gorilla dabei Empfänger einer Gabe, nicht Träger eines Rechts. Nebenbei schließt sich hier der Kreis des Anlasses: Ecuador hat den Mangroven-Tag eingebracht und ist das Land mit den Naturrechten in der Verfassung.

Vandana Shiva — Erd-Demokratie und die Freiheit des Saatguts

Die schärfste Gegenposition zu Fischers ganzem Verfahren. Fischer nennt es ein Argument für den Schutz der Natur, dass ein Großteil der zugelassenen Medikamente auf Naturstoffe zurückgeht — Shiva nennt genau diesen Zugriff Biopiraterie und hat elf Jahre gegen das Neem-Patent prozessiert; ihre Formel bio nullius beschreibt, wie das Lebendige erst für leer erklärt wird, um es aneignen zu können. Fischers Strategie ist, die Natur in die Bilanz zu holen; Shivas production boundary sagt, dass die Bilanz selbst das Instrument ist, mit dem das Lebendige unsichtbar wurde — die Antwort sei nicht der bessere Preis, sondern das Sprengen der Grenze. Ein extern finanziertes Wallet für eine Gorillafamilie wäre für Shiva die Fortsetzung mit freundlichem Gesicht. Wer beide liest, steht vor der Frage, die Fischer offen lässt: Kann man etwas schützen, indem man es bepreist — oder ist der Preis schon die Enteignung?

Mark Benecke — Umwelt-Messungen Sommer 2026

Beneckes Baseline Shift und Fischers genetische Varianz beschreiben denselben Verlust von zwei Seiten. Bei Benecke verschiebt sich der Maßstab im Betrachter: Wer nie eine Wiese voller Insekten erlebt hat, weiß nicht, was fehlt. Bei Fischer entzieht sich das Verlorene selbst dem Blick: Was ausdünnt, ist die Reaktionsfähigkeit einer Population auf das Unerwartete — man kann eine Art zählen, ihre Resilienz nicht fotografieren. Zusammengelesen ergibt das die unbequemste Form des Aussterbens: eines, das stattgefunden hat, bevor es zählbar wird. Beneckes leerer Friedhof mit einem einzigen Käfer ist das Bild dazu, Fischers Eimer Sand die Antwort auf die Frage, ob sich das nachbauen ließe.

Mark Benecke — Fragerunde Time Is Up 2026

In der Fragerunde zerlegt Lisa Pöttinger die 30×30-Idee an ihrer Umsetzung: In Tansania wurden indigene Gemeinschaften mit Waffengewalt vertrieben, um Schutzgebiete zu schaffen, die dann für Trophäenjagd freigegeben wurden — während Studien zeigen, dass von indigenen Völkern bewirtschaftete Ökosysteme biodiverser sind als menschenleere Zonen. Genau dagegen ist Interspecies Money konstruiert: Der Euro geht an Ranger, indigene Gemeinschaften, die Parkverwaltung, den Richter — nicht an eine Organisation im Norden. Nur löst das Pöttingers Einwand nicht auf, es formuliert ihn um. Wer das Modell trainiert, definiert, wann ein Wald „in Ordnung” ist; die Vertreibung wird zur Abhängigkeit von einer Bewertungsinfrastruktur, die anderswo steht.

Nicole Bendsen — Zirkulärer Wert statt lineares Risiko

Bendsens sprachkritische Beobachtung — „Externalität” klingt harmlos, obwohl die Kosten nicht verschwinden, sondern wandern — hat in Fischers 150.000 Litern Wasser pro Auto ihren saubersten Einzelfall. Beide haben aufgehört, ans Gewissen zu appellieren, und rechnen stattdessen. Der Unterschied ist die Position im System: Bendsen bleibt innerhalb der Wirtschaft und dreht die Bewertungslogik; Fischer steht an ihrer Außengrenze, dort, wo es gar keinen Vertragspartner gibt. Bendsens Frage, wie „Externalität” heißen müsste, damit das Wort nicht mehr beruhigt, bekommt bei Fischer eine Antwort in Zahlen: 75.000 Euro Aufschlag pro Auto.

Neoliberalismus — Was zählt

Das Panorama fragt, was aus der Rechnung fällt und wer versucht, anders zu zählen. Fischers Wasserbeispiel ist der klarste empirische Fall seiner These: Ein Gut ist nur deshalb bezahlbar, weil eine Position auf null steht. Zugleich schiebt sie eine dritte Kategorie zwischen die beiden, mit denen das Panorama arbeitet. Fruchtbarer Boden ist nicht unmessbar wie Fürsorge oder Resonanz — er ist unherstellbar. Die Nobelpreisträger kommen mit dem Eimer Sand wieder heraus. Was das Panorama als offene Frage stellt — ob man das Unmessbare mitzählen kann, ohne es zu zerstören —, bekommt hier seinen härtesten Testfall: etwas, das sich exakt beziffern lässt und trotzdem nicht ersetzbar ist.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte

  • Fischer argumentiert konsequent in Preisen, weil nur das gehört wird. Was passiert mit einem Ding, das man erst schützen kann, nachdem man es in Geld übersetzt hat — bleibt es dasselbe Ding?
  • Wenn der Schutz eines Walhais davon abhängt, dass er zufällig auch Reederei-Schäden verhindert: Was geschieht mit den Arten, die kein Eigeninteresse auf ihrer Seite haben?
  • Sie fordert geschlossene Datenräume für den Naturschutz, während dieselbe Konferenz offene Daten als demokratisches Gut verhandelt. Wer entscheidet, welche Wirklichkeit geschlossen gehört — und was macht diese Schließung mit der Kontrolle über die Forschung selbst?
  • Ein Modell, das den Zustand eines Waldes bewertet, wird zur Instanz darüber, was „gesund” heißt. Wem müsste dieses Modell gehören, damit die Antwort nicht denen gehört, die vom Ergebnis leben?
  • Der Verlust, den sie beschreibt, geschieht als Ausdünnung, nicht als Aussterben — unsichtbar, unfotografierbar. Was können wir überhaupt betrauern, das keinen Namen hat?