GedankenraumJagoda Marinić — DenkerVita
Sanfte Radikalität nennt Jagoda Marinić es, eine Idee in der Welt zu verwirklichen, ohne dabei selbst hart zu werden — erprobt als Direktorin des Interkulturellen Zentrums Heidelberg.
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Henri Matisse (Scherenschnitt, „Jazz") — Zwei farbige Ufer, verbunden durch eine Brücke aus tanzenden Buchstaben und Blättern, ein Koffer, der zu Blumen aufblüht — freudige hybride Identität zwischen zwei Heimaten. Matisse' ausgeschnittene Formen tragen Marinićs Thema: Herkunft, Sprache und Zugehörigkeit zwischen Kroatien und Deutschland.
Prompt: Henri Matisse cut-out collage style, Jazz series, bold organic paper shapes, 1200x500 wide banner. Two colourful shores joined by a bridge of dancing letters and leaves, a suitcase blossoming into flowers, joyful hybrid identity between two homelands. Vivid blue, coral, yellow, green on cream, flat cut-paper shapes, exuberant. No photorealism, no realistic faces.
Biografie
Jagoda Marinić ist Schriftstellerin, Kulturjournalistin, Essayistin und Podcasterin. Sie verband von Anfang an journalistische Präzision mit erzählerischer Kraft – ihre Kolumnen und Essays erscheinen regelmäßig im Stern, in der Süddeutschen Zeitung, der Frankfurter Rundschau, der taz und international in der New York Times.
Die in Deutschland aufgewachsene Kroatin arbeitet seit über einem Jahrzehnt an praktischer Gesellschaftsgestaltung. Sie war lange Zeit Direktorin des Interkulturellen Zentrums Heidelberg und konzipierte dort das International Welcome Center — nicht als bloße Hilfseinrichtung, sondern als bewusster Ort der Entotherung und sozialen Durchmischung.
2022 erhielt Marinić die Auszeichnung „Journalist*in des Jahres" des Medium Magazine in der Kategorie Kultur. Sie ist seit 2022 Mitglied im Stiftungsrat des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels.
Staatsbürgerschaft: Deutschland (Herkunft: Kroatien)
Schwerpunkte: Freiheit, Identität, gesellschaftlicher Wandel, Meinungskultur
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Sanfte Radikalität — Zwischen Hoffnung und Wandel | 2024 | Kernwerk: Plädoyer für praktische Veränderung statt reiner Idealkritik. Wie echte Radikalität durch Durchhaltevermögen und innere Gelassenheit entsteht — nicht durch Verhärtung. |
| Sheroes — Neue Heldinnen braucht das Land | 2021 | Essaysammlung über Frauen, die Gesellschaft gestalten. Fokus auf weibliche Handlungsfähigkeit jenseits von Opfernarrativen. |
| Restaurant Dalmatia | 2017 | Roman. Familie, Migration, Heimat. |
| Die Namenlose | — | Roman. |
| Kurzgeschichten: Eigentlich ein Heiratsantrag, Russische Bücher | — | Literarische Miniaturen zu Identität und Beziehung. |
Laufende Kolumnen: »Kolumne Marinić« im Stern (wöchentlich), Beiträge in SZ, taz, Frankfurter Rundschau
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Sanfte Radikalität — Lecture 2024 — Kernaussage zu sanfter Radikalität und innerer Haltung beim Aktivismus
- Jagoda Marinić im Gespräch mit Kevin Kühnert — Themen: Macht, Verantwortung, gesellschaftliche Partizipation
- Bosettis Woche #95 — Streit und die Liebe danach mit Jagoda Marinić — Streitkultur in Deutschland, Polarisierung, Dialog
Podcast: FREIHEIT DELUXE (hr/ARD)
Seit 2021 moderiert Marinić den Podcast FREIHEIT DELUXE, in dem sie alle zwei Wochen Gäste einlädt, die durch ihre Arbeit gesellschaftliche Debatten prägen. Das Format: Tiefeninterview, nicht oberflächliches Small Talk.
Notable Episodes:
- Folge mit Angela Merkel (2026) — 100. Episode
- Folgen mit Siri Hustvedt, Fatih Akin und vielen anderen Kulturschaffenden, Aktivisten und Intellektuellen
Das Podcast-Format ist zentral für Marinić: es ermöglicht langsame Konversation, echtes Zuhören — das Gegenteil von Talkshow-Häppchen.
Verfügbar auf: ARD Sounds, Spotify, Apple Podcasts, YouTube
Kernthesen
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Sanfte Radikalität statt Verhärtung — Es ist radikaler, eine Idee in der Welt zu verwirklichen, als sie in ihrer reinen Idealform zu verehren. Wer durchhält, ohne selbst hart zu werden, verändert mehr als wer sich ideologisch verhärtet.
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Entotherung — gegen das Othering — Die zentrale Aufgabe ist, das Mechanismus des "Othering" zu untergraben: die Markierung von Menschen als „die Anderen". Statt über „korrekte Migrationsdiskurse" zu debattieren, müssen Fragen nach Wahlrechten, Arbeitserlaubnis und Bleiberecht geklärt werden.
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Innere Gelassenheit ist Bedingung von Veränderung — Wer nur noch belehrt statt diskutiert, wer so von der eigenen Position überzeugt ist, dass Dialog obsolet wird, blockiert echte gesellschaftliche Bewegung.
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Freiheit ist kein Zustand, sondern Praxis — Freiheit der Rede ist nicht gegeben — sie muss gelebt, verteidigt und täglich ausfüllt werden. Auf der re:publica 26 diskutiert sie mit Ronen Steinke, wer über Grenzen der Sprechbarkeit entscheidet.
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Journalismus als Vertrauenshandwerk — Ihre Kolumnen und Essays folgen einer Logik: nicht moralisieren, sondern hinschauen, den Widerspruch aushalten, Komplexität respektieren.
Politische / ideologische Einordnung
Marinić ist nicht ideologisch festgelegt, aber klar positioniert:
- Progressive Haltung — für Migration, kulturelle Vielfalt, Demokratie. Aber nicht dogmatisch.
- Kritik von links und rechts — sie warnt vor beiden: Verhärtung des progressiven Milieus ebenso wie autoritäre Tendenzen.
- Praktische Radikalität statt Kopfstandakrobatik — was zählt ist, was funktioniert in der Gesellschaft, nicht intellektuelle Reinheit.
- Europäisch sensibel — als Kroatin versteht sie Gesellschaftsspalten nicht als abstrakt, sondern als gelebt. Ihre Skepsis gegenüber einfachen Lösungen kommt daher.
Ihre Botschaft zur Meinungsfreiheit auf der re:publica 26: Freiheit ist nicht a priori gegeben, sondern etwas, das immer wieder ausfechtet werden muss — im Dialog, nicht durch Durchsetzungsmacht.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Ronen Steinke — DenkerVita — Ihr Gegenüber auf der re:publica 26; beide sehen hinter dem Streit um die Meinungsfreiheit ein Ohnmachtsgefühl. Steinke sucht die Gefahr bei einer Justiz, die aus guten Absichten zu oft zugreift, Marinić bei performativen Debatten, die Wohnen und Mitbestimmung aus dem Blick drängen. Sein Einwand trifft sie: Wer die Debatte weiter intellektualisiert, verliert die Menschen, um die es geht.
- Maja Göpel — DenkerVita — Die Mitgastgeberin der Lüneburger Utopie-Konferenz 2024; gemeinsam beschreiben sie Vertrauen als die Hand, die man reicht, ohne zu wissen, ob man über den Tisch gezogen wird. Wo Göpel zu den Lösungen will, zieht Marinić die Bremse: Erst müsse man das Ohnmachtsgefühl ernst nehmen.
- Heinz Bude — DenkerVita — Die schärfste Reibung der Konferenz. Bude sagt, er habe 2020 die Angst der Leute übernommen; Marinić hält dagegen, niemand könne die Ängste von 83 Millionen übernehmen, und erinnert ihn an sein eigenes „ängstliches Ich“ aus der Gesellschaft der Angst.
- Marina Weisband — DenkerVita — Weisband meint, die Gesellschaft sei kaum gespaltener als früher, wir sähen einander nur deutlicher. Marinić antwortet aus der jugoslawischen Familiengeschichte: Erst schweigt der Esstisch, dann bilden sich Lager. Und sie fragt, ob sich nicht auch die Stürmer des Kapitols selbstwirksam fühlten.
- Alena Buyx — DenkerVita — Gegenstimme in der Pandemie-Bilanz: Für Marinić wurde Corona „weggemacht“, und dort beginnt für sie das Gefühl, Politik sei ein Projekt „von denen da oben“. Buyx hält dagegen, kaum etwas sei so gründlich aufgearbeitet worden, und belegt, dass zwei Drittel bis drei Viertel die ganze Pandemie über solidarisch blieben.
- Florence Gaub — DenkerVita — An Gaub und Bude richtete Marinić die unbequemste Frage ihres Panels: Warum sollten Menschen Beratern vertrauen, die in Räumen sitzen, zu denen andere keinen Zugang haben? Die eine sagt, sie zweifle, der andere, er wisse; jede Antwort schafft bei den einen Vertrauen und bei den anderen Misstrauen. Gaub antwortete, erzwingen lasse sich Vertrauen nicht, nur verdienen.
- Adam Tooze — DenkerVita — Marinić nimmt als Erste Anstoß an Toozes Freund-Feind-Vokabular und bietet ihm die Demokratie als Marktplatz der Ideen an; er lehnt ab. Sein Programm gegenseitiger Blockaden nennt sie Dirty Politics: „Es ist nice, aber in dieser Welt möchte ich utopisch gesehen auch nicht leben.“
- Annette Dittert — DenkerVita — In Freiheit Deluxe legen beide die Stammes- und die Plattformlogik unter dem Brexit frei; von Marinić stammt das Bild des Silicon-Valley-Aussteigers, der begriff, dass er „den Bürgerkrieg programmiere“. Am Ende hofft Marinić auf die Heimkehr des verlorenen Sohnes, Dittert bleibt nüchtern: Die Briten führten noch immer Selbstgespräche.
Gedankenwelten-Notes
- Maja Göpel und Jagoda Marinić — Vertrauen, utopisch? — als Gastgeberin der Utopie-Konferenz 2024; erzeugt in jedem Panel die Reibung, von der jugoslawischen Erfahrung bis zu Budes Angst-Erzählung
- Adam Tooze — Krise und demokratische Gelegenheit — als Gastgeberin, gegen Freund-Feind-Denken
- Steinke und Marinić — Quo vadis Meinungsfreiheit? — re:publica 26, mit Ronen Steinke
- Annette Dittert — Dear Britain — als Gastgeberin von Freiheit Deluxe
Weiterdenken
- Wenn Sanfte Radikalität bedeutet, eine Idee in der Welt zu verwirklichen statt sie zu idealisieren — wo ist die Grenze zwischen praktischer Kompromissfähigkeit und Verrat an Idealen?
- Sie warnt vor Verhärtung im progressiven Lager — aber hat nicht auch die Gegenseite (autoritär, konservativ) ihre eigenen Verhärtungen, die sie ebenso kritisiert?
- Wer bestimmt, was „Othering" ist und wo echte Unterschiede zwischen Kulturen liegen? Ist Entotherung möglich ohne auch die legitimen Spannungen zwischen Gruppen zu leugnen?
- Ihre Arbeit an der Interkulturellen Zentrum war erfolgreich im Heidelberg-Kontext — lässt sich Sanfte Radikalität auf nationale oder europäische Ebene skalieren?
- Sie plädiert für Meinungsfreiheit auf der re:publica — aber wo setzt sie selbst die Grenzen? Welche Rede findet sie inakzeptabel?
Im Bestand
zwölf gedachte Verweise