Biografie

Jagoda Marinić ist Schriftstellerin, Kulturjournalistin, Essayistin und Podcasterin. Sie verband von Anfang an journalistische Präzision mit erzählerischer Kraft – ihre Kolumnen und Essays erscheinen regelmäßig im Stern, in der Süddeutschen Zeitung, der Frankfurter Rundschau, der taz und international in der New York Times.

Die in Deutschland aufgewachsene Kroatin arbeitet seit über einem Jahrzehnt an praktischer Gesellschaftsgestaltung. Sie war lange Zeit Direktorin des Interkulturellen Zentrums Heidelberg und konzipierte dort das International Welcome Center — nicht als bloße Hilfseinrichtung, sondern als bewusster Ort der Entotherung und sozialen Durchmischung.

2022 erhielt Marinić die Auszeichnung „Journalist*in des Jahres” des Medium Magazine in der Kategorie Kultur. Sie ist seit 2022 Mitglied im Stiftungsrat des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels.

Staatsbürgerschaft: Deutschland (Herkunft: Kroatien)
Schwerpunkte: Freiheit, Identität, gesellschaftlicher Wandel, Meinungskultur

Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Sanfte Radikalität — Zwischen Hoffnung und Wandel2024Kernwerk: Plädoyer für praktische Veränderung statt reiner Idealkritik. Wie echte Radikalität durch Durchhaltevermögen und innere Gelassenheit entsteht — nicht durch Verhärtung.
Sheroes — Neue Heldinnen braucht das Land2021Essaysammlung über Frauen, die Gesellschaft gestalten. Fokus auf weibliche Handlungsfähigkeit jenseits von Opfernarrativen.
Restaurant Dalmatia2017Roman. Familie, Migration, Heimat.
Die NamenloseRoman.
Kurzgeschichten: Eigentlich ein Heiratsantrag, Russische BücherLiterarische Miniaturen zu Identität und Beziehung.

Laufende Kolumnen: »Kolumne Marinić« im Stern (wöchentlich), Beiträge in SZ, taz, Frankfurter Rundschau

Empfehlenswerte Videos & Vorträge

Podcast: FREIHEIT DELUXE (hr/ARD)

Seit 2021 moderiert Marinić den Podcast FREIHEIT DELUXE, in dem sie alle zwei Wochen Gäste einlädt, die durch ihre Arbeit gesellschaftliche Debatten prägen. Das Format: Tiefeninterview, nicht oberflächliches Small Talk.

Notable Episodes:

  • Folge mit Angela Merkel (2026) — 100. Episode
  • Folgen mit Siri Hustvedt, Fatih Akin und vielen anderen Kulturschaffenden, Aktivisten und Intellektuellen

Das Podcast-Format ist zentral für Marinić: es ermöglicht langsame Konversation, echtes Zuhören — das Gegenteil von Talkshow-Häppchen.

Verfügbar auf: ARD Sounds, Spotify, Apple Podcasts, YouTube

Kernthesen

  1. Sanfte Radikalität statt Verhärtung — Es ist radikaler, eine Idee in der Welt zu verwirklichen, als sie in ihrer reinen Idealform zu verehren. Wer durchhält, ohne selbst hart zu werden, verändert mehr als wer sich ideologisch verhärtet.

  2. Entotherung — gegen das Othering — Die zentrale Aufgabe ist, das Mechanismus des “Othering” zu untergraben: die Markierung von Menschen als „die Anderen”. Statt über „korrekte Migrationsdiskurse” zu debattieren, müssen Fragen nach Wahlrechten, Arbeitserlaubnis und Bleiberecht geklärt werden.

  3. Innere Gelassenheit ist Bedingung von Veränderung — Wer nur noch belehrt statt diskutiert, wer so von der eigenen Position überzeugt ist, dass Dialog obsolet wird, blockiert echte gesellschaftliche Bewegung.

  4. Freiheit ist kein Zustand, sondern Praxis — Freiheit der Rede ist nicht gegeben — sie muss gelebt, verteidigt und täglich ausfüllt werden. Auf der re:publica 26 diskutiert sie mit Ronen Steinke, wer über Grenzen der Sprechbarkeit entscheidet.

  5. Journalismus als Vertrauenshandwerk — Ihre Kolumnen und Essays folgen einer Logik: nicht moralisieren, sondern hinschauen, den Widerspruch aushalten, Komplexität respektieren.

Politische / ideologische Einordnung

Marinić ist nicht ideologisch festgelegt, aber klar positioniert:

  • Progressive Haltung — für Migration, kulturelle Vielfalt, Demokratie. Aber nicht dogmatisch.
  • Kritik von links und rechts — sie warnt vor beiden: Verhärtung des progressiven Milieus ebenso wie autoritäre Tendenzen.
  • Praktische Radikalität statt Kopfstandakrobatik — was zählt ist, was funktioniert in der Gesellschaft, nicht intellektuelle Reinheit.
  • Europäisch sensibel — als Kroatin versteht sie Gesellschaftsspalten nicht als abstrakt, sondern als gelebt. Ihre Skepsis gegenüber einfachen Lösungen kommt daher.

Ihre Botschaft zur Meinungsfreiheit auf der re:publica 26: Freiheit ist nicht a priori gegeben, sondern etwas, das immer wieder ausfechtet werden muss — im Dialog, nicht durch Durchsetzungsmacht.

Verbindungen zu anderen Denkern

(wird von Montaigne befüllt — hier leer lassen)

Gedankenwelten-Notes


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte

  • Wenn Sanfte Radikalität bedeutet, eine Idee in der Welt zu verwirklichen statt sie zu idealisieren — wo ist die Grenze zwischen praktischer Kompromissfähigkeit und Verrat an Idealen?
  • Sie warnt vor Verhärtung im progressiven Lager — aber hat nicht auch die Gegenseite (autoritär, konservativ) ihre eigenen Verhärtungen, die sie ebenso kritisiert?
  • Wer bestimmt, was „Othering” ist und wo echte Unterschiede zwischen Kulturen liegen? Ist Entotherung möglich ohne auch die legitimen Spannungen zwischen Gruppen zu leugnen?
  • Ihre Arbeit an der Interkulturellen Zentrum war erfolgreich im Heidelberg-Kontext — lässt sich Sanfte Radikalität auf nationale oder europäische Ebene skalieren?
  • Sie plädiert für Meinungsfreiheit auf der re:publica — aber wo setzt sie selbst die Grenzen? Welche Rede findet sie inakzeptabel?