Wer spricht?
Jan Paul van Aken (*1. Mai 1961, Reinbek) — promovierter Biologe, von 2004 bis 2006 Biowaffeninspekteur der Vereinten Nationen, davor Gentechnik-Experte bei Greenpeace, danach Bundestagsabgeordneter der Linken und außenpolitischer Sprecher der Fraktion. Von Oktober 2024 bis Juni 2026 Bundesvorsitzender der Partei Die Linke, gemeinsam mit Ines Schwerdtner. Sein Gewicht in der Rüstungsdebatte kommt nicht aus der Gesinnung, sondern aus der Praxis: Er hat Abrüstung als Handwerk betrieben — in Laboren, in Waffendepots, im Irak —, bevor er sie zur politischen Forderung machte.
Biografie
Van Aken wuchs als Sohn einer Sekretärin und eines Werkzeugmachers in Glinde bei Hamburg auf, katholisch, Ministrant. Politisch wurde er früh: 1980, kurz nach dem Abitur, campierte er in der Republik Freies Wendland gegen das Endlager Gorleben. Es folgten Zivildienst im Hamburger Karolinenviertel und ein Biologiestudium, während dessen er 1983 an der Universität Hamburg die studentische Arbeitsgruppe „Risiken der Gentechnologie” gründete. Der Promotion (1993) lag ein Thema zugrunde, das kurios klingt und viel über seinen Blick verrät: die Fixierung pflanzlicher Proben unter Mikrogravitation — Pflanzenexperimente im Weltraum.
Die politische Biografie und die naturwissenschaftliche verschmolzen dann in einem Punkt: biologische Waffen. Von 1997 bis 1998 arbeitete er als Gentechnikexperte bei Greenpeace. 1999 gründete er mit dem US-Biosicherheitsaktivisten Edward Hammond und der kolumbianischen Juristin Susana Pimiento das Sunshine Project, eine NGO, die Verstößen gegen das internationale Biowaffenverbot nachrecherchierte. Ihr bekanntester Erfolg: Sie mobilisierte gegen „Agent Green” — den Plan der USA, genetisch veränderte Schimmelpilze (Fusarium oxysporum) zur Vernichtung von Drogenpflanzen in Kolumbien einzusetzen. 2003 gründete van Aken die Forschungsstelle Biowaffen und Rüstungskontrolle an der Universität Hamburg.
Der Wendepunkt kam 2004: Die Vereinten Nationen machten ihn zum Biowaffeninspekteur. Bis 2006 gehörte er zu den Leuten, die vor Ort prüfen, was ein Staat besitzt, verbirgt, zerstört hat. Das ist der Schlüssel zu seiner Autorität in Rüstungsfragen — er hat gesehen, wie Kontrolle und Verifikation praktisch funktionieren und woran sie scheitern. Wer Abrüstung von innen kennt, redet anders über sie als jemand, der sie nur fordert.
Nach der Rückkehr aus dem UN-Dienst trat er der Linkspartei bei und zog 2009 als Hamburger Spitzenkandidat in den Bundestag ein. Dort wurde er außenpolitischer Sprecher, saß im Auswärtigen Ausschuss, im Unterausschuss für Abrüstung und Rüstungskontrolle, später auch im Verteidigungsausschuss. Er blieb Aktivist im Mandat: 2013 verurteilte ihn das Amtsgericht Lüneburg wegen des Aufrufs zum „Schottern” bei einem Castor-Transport zu einer Geldstrafe; 2017 meldete er die größte Demonstration gegen den G20-Gipfel in Hamburg an. 2016 leakte er — was er erst im Januar 2025 öffentlich einräumte — die Geheimdokumente der TTIP-Verhandlungen.
2016 kündigte er an, 2017 nicht erneut zu kandidieren; er trete für eine generelle Mandatszeitbegrenzung ein und wolle sich daran selbst halten. Es folgten Jahre außerhalb der Parlamentspolitik: freiberufliche Arbeit für internationale Organisationen, 2019 ein Jahr für die Weltgesundheitsorganisation, ab 2022 Referent für internationale Konflikte bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Dafür lebte er in Tel Aviv — bis er drei Tage nach dem Hamas-Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 ausgeflogen werden konnte. Seit Mai 2023 betrieb er mit Linda Peikert den monatlichen Podcast dis:arm, der militärische und nicht-militärische Konfliktbearbeitung nebeneinanderstellte.
Im August 2024 kandidierte er für den Bundesvorsitz einer Partei, die viele bereits abgeschrieben hatten — nach der Wagenknecht-Abspaltung, ohne Fraktionsstatus, unter fünf Prozent. Am 19. Oktober 2024 wurde er mit Ines Schwerdtner gewählt. Was folgte, war einer der unwahrscheinlicheren Comebacks der jüngeren Parteiengeschichte: Mit Heidi Reichinnek als Spitzenkandidatin, einem konsequenten Fokus auf Mieten, Preise und Vermögen und einer Haustürkampagne mit zehntausenden Gesprächen holte Die Linke bei der Bundestagswahl 2025 8,8 Prozent; die Mitgliederzahl verdoppelte sich auf über hunderttausend, in Umfragen wurde die Partei 2025/26 zeitweise zweistellig.
Im April 2026 gab van Aken bekannt, beim Parteitag im Juni aus gesundheitlichen Gründen nicht erneut zu kandidieren. Auf dem Potsdamer Parteitag am 20. Juni 2026 wurden Ines Schwerdtner und Luigi Pantisano zu Vorsitzenden gewählt. Sein Bundestagsmandat behält er; im 21. Bundestag sitzt er im Auswärtigen Ausschuss und ist stellvertretendes Mitglied im Verteidigungsausschuss. Er ist verheiratet und Vater dreier Kinder.
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Worte statt Waffen. Wie Kriege enden und Frieden verhandelt werden kann | 2024 | Sein Hauptwerk (Econ). Aus Fallstudien beendeter Kriege destilliert er, wie Konflikte tatsächlich enden — selten durch militärischen Sieg, meist durch Verhandlung, Erschöpfung, Vermittlung Dritter. Grundlage seiner These vom Primat des Zivilen. |
| Droht ein neues Wettrüsten? | 2024 | Studie mit Cornelia Ihl für die Rosa-Luxemburg-Stiftung. Vergleicht Rüstungsausgaben, Kapazitäten und Eskalationsdynamiken zwischen Russland, NATO und Europa. Frei als PDF. |
| „Kein Panzer geht in Kriegsgebiete”. Irrtümer und Mythen über Waffenexporte | 2018 | Luxemburg-Argumente Bd. 16: Warum Endverbleibserklärungen und Exportrichtlinien in der Praxis kaum halten, was sie versprechen. Frei als PDF. |
| Made in Hamburg — tödlich weltweit. Rüstungsindustrie in Hamburg | 2011 | Regionale Rüstungsrecherche: Wer in einer Hafenstadt was produziert und wohin es geht. Frei als PDF. |
| Das NGO-Handbuch. Non-governmental organisations | 2007 | Als Herausgeber (Greenpeace Media): Handwerkslehre der Nichtregierungsarbeit — Recherche, Kampagne, Öffentlichkeit. |
| Entwicklung und Erprobung von Fixierungsverfahren für Experimente an Pflanzen unter Mikrogravitation | 1993 | Dissertation, Universität Hamburg. Der naturwissenschaftliche Ausgangspunkt. |
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- WDR Europaforum auf der re:publica 26 — Frieden schaffen mit immer mehr Waffen? (YouTube, 20.05.2026, ~35 Min.) — Podium mit Margarita Šešelgytė (Vilnius) und Jana Puglierin (ECFR). Die dichteste verfügbare Konfrontation seiner Position mit der baltischen und der transatlantischen Sicht. Startpunkt.
- Parteivorsitzender Jan van Aken — Jung & Naiv, Folge 745 (YouTube, 07.01.2025, mehrere Stunden) — Das ausführlichste Porträt: Herkunft, Biowaffeninspektion, Greenpeace, Parteiarbeit. Hier auch die TTIP-Leak-Vorgeschichte.
- Jan van Aken im Interview am Rande des Parteitages (YouTube, phoenix, 20.06.2026) — Der scheidende Vorsitzende in Potsdam: Bilanz der zwanzig Monate, Übergabe an Schwerdtner und Pantisano.
- dis:arm — Friedensgespräche der Rosa-Luxemburg-Stiftung (Podcast, 2023–2024, mit Linda Peikert) — Monatliche Folgen zu Rüstungsdynamiken und zivilen Alternativen. Das Archiv ist die beste Quelle für seine Denkweise jenseits des Parteiensprechs.
- „Wir müssen klare Positionen haben” (Deutschlandfunk Kultur, 02.02.2018) — Gespräch aus der Zeit nach dem freiwilligen Bundestagsabschied.
Kernthesen
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Kriege enden fast nie so, wie sie geführt werden. Der historische Befund seines Buches: Der militärische Sieg ist der Ausnahmefall; die meisten Kriege enden am Verhandlungstisch, oft nach Jahren, in denen das Verhandeln als naiv galt. Daraus folgt für ihn nicht Wehrlosigkeit, sondern eine Prioritätenfrage — wenn am Ende ohnehin verhandelt wird, muss die diplomatische Spur von Beginn an ebenso ernsthaft betrieben werden wie die militärische.
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Landesverteidigung ja, weltweite Einsatzfähigkeit nein. Seine schärfste Unterscheidung: Wer sich wirklich auf die eine Bedrohung konzentriert, über die geredet wird, käme mit weniger Geld aus. Das zusätzliche Geld gehe in ein zweites, unausgesprochenes Ziel — die globale Projektionsfähigkeit der Bundeswehr. „Solange wir eine Bundeswehr haben, wird die auch nicht mit Wattebäuschen schießen”: Er stellt Verteidigung nicht infrage, sondern ihren Umfang und ihre Reichweite.
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Strukturelle Nichtangriffsfähigkeit. Das von Egon Bahr übernommene Konzept aus den frühen 1970ern: verteidigungsfähig sein, aber so, dass man nicht angreifen kann. Sein konkretes Beispiel — Patriot-Systeme für weitere Städte: ja, kauft sie. Mittelstreckenraketen mit 2.000 Kilometern Reichweite: nein, weil sie in Moskau exakt das auslösen, was Kaliningrad bei uns auslöst. Es ist das Sicherheitsdilemma, in Waffenkategorien buchstabiert.
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Die Zeitachse der Nachbarschaft. Sein wiederkehrendes Bild: In fünfzig Jahren ist Russland immer noch unser Nachbar. Die Frage sei darum nicht nur, wie man diesen Winter übersteht, sondern ob man heute Weichen stellt, die irgendwann wieder kooperative Sicherheit erlauben — oder ob man sich in eine Konfrontation einrichtet, aus der niemand mehr herausfindet.
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Aufrüstung hat einen Preis, der nicht im Wehretat steht. Hundert Milliarden zusätzlich im Jahr fürs Militär erscheinen anderswo als Kürzung — und untergraben damit genau die Bindung, auf die eine Verteidigungsgemeinschaft angewiesen ist. Seine zugespitzte Frage: Warum wundert sich jemand, dass zu wenige junge Menschen zur Bundeswehr wollen, wenn dieses Land nicht bereit ist, etwas für sie zu tun? Dazu passt seine Forderung nach einer Übergewinnsteuer für Rüstungskonzerne — belegt mit der eigenen Rheinmetall-Aktie, einst gekauft, um zur Hauptversammlung zu dürfen, seither vervielfacht.
Politische Einordnung
Van Aken steht links, aber nicht dogmatisch. Innenpolitisch ist er Verteilungspolitiker: Vermögensregister, Wiedereinführung der Vermögensteuer, Schließen der Erbschaftsteuerlücken, Bodenpolitik jenseits des Mietendeckels (Boden in Gemeinschaftshand, verpachtet an Genossenschaften). Die Losung „Milliardäre abschaffen” prägte er im Wahlkampf 2025 — eine Zuspitzung, die Zustimmung wie Spott erntete und die er selbst als Provokation mit Rechenkern verteidigt. In der Migrationsdebatte gehört er zu den wenigen Parteichefs, die Positionen von Friedrich Merz offen als rassistisch bezeichnen; vom BSW grenzte er sich früh und scharf ab („rassistisch, rechts”).
Sein Verhältnis zum Ukrainekrieg ist der Punkt, an dem sich die Geister scheiden — und er ist komplizierter, als beide Lager es gern hätten. Van Aken nennt den russischen Überfall völkerrechtswidrig, verlangt schärfere und konsequenter durchgesetzte Sanktionen, finanzielle Unterstützung und einen sofort beginnenden Wiederaufbau. Einen „Diktatfrieden” zu Moskauer Bedingungen lehnt er ausdrücklich ab. Zugleich bleibt er bei der Ablehnung deutscher Waffenlieferungen — mit der Begründung, Verhandlungen ließen sich damit nicht herbeiführen. Er räumt selbst ein, dass Russland ohne westliche Waffen mehr ukrainisches Gebiet besetzt hätte.
Und genau hier liegt die ernsthafteste Kritik an ihm. Wenn Waffen Territorium gehalten haben, dann steht die Ablehnung von Lieferungen in einem Widerspruch, den auch wohlwollende Kritiker benennen: Was bleibt der angegriffenen Seite, wenn Diplomatie am Unwillen des Angreifers scheitert — Kapitulation oder Ausbluten? Sein Gegenmodell, ein vollständiges Ölembargo statt Panzerlieferungen, setzt voraus, dass ökonomischer Druck schneller wirkt als militärische Fakten. Dafür gibt es wenig empirische Rückendeckung. Die baltische Erwiderung, wie sie Margarita Šešelgytė formuliert, trifft denselben Nerv von der anderen Seite: Wenn der historische casus belli für Russland Schwäche ist, dann ist Zurückhaltung kein Deeskalationssignal, sondern eine Einladung. Auf dieselbe Weise lässt sich die strukturelle Nichtangriffsfähigkeit angreifen — sie funktioniert nur, wenn beide Seiten ähnlich lesen und ähnlich rechnen.
Dazu kommt die Erblast der Partei. Die Linke trägt eine Tradition, in der Russlandnähe, NATO-Ablehnung und Antiamerikanismus über Jahrzehnte ineinander verwoben waren; Teile dieses Milieus sind mit dem BSW gegangen, aber nicht alle Reflexe. Van Aken hat diesen Kurs erkennbar korrigiert — er verteidigt Osteuropas Angst als berechtigt, er fordert eine europäische Verteidigungsfähigkeit statt ihrer Abschaffung, er redet Russlands Aggression nicht klein. Ob das ausreicht, um dem alten Misstrauen zu begegnen, ist offen; die Frage „Wieso glaubt der Linken niemand mehr?” wurde ihm 2025 in der Zeit direkt gestellt.
Was ihn von reinen Gesinnungspazifisten unterscheidet, ist die Herkunft seiner Argumente. Ein UN-Inspekteur weiß, wie schwer Verifikation ist, wie oft Staaten täuschen, wie mühsam jeder abgerüstete Sprengkopf erkämpft wird. Diese Erfahrung macht seine Position weder richtig noch falsch — aber sie erklärt, warum er Abrüstung als technisches Handwerk behandelt und nicht als moralische Geste. Und sie erklärt, warum ihm die zweite Frage wichtiger ist als die erste: nicht ob Verteidigung, sondern welche — und was sie beim anderen auslöst.
Verbindungen zu anderen Denkern
(wird von Montaigne befüllt)
Gedankenwelten-Notes
- WDR Europaforum — Frieden schaffen mit immer mehr Waffen — re:publica 26: van Aken im Streit mit Jana Puglierin und Margarita Šešelgytė über Aufrüstung; hier entwickelt er das Kaliningrad-Spiegelargument und beruft sich auf Egon Bahrs Nichtangriffsfähigkeit












