Worum es geht
Drei Menschen sitzen auf einer Bühne und sind sich in einem Punkt einig: Europa muss sich verteidigen können. Über alles danach streiten sie. Jan van Aken rechnet vor, dass Europa längst dreimal so viel für Militär ausgibt wie Russland. Jana Puglierin hält dagegen, dass die Rechnung nicht misst, was zählt. Margarita Šešelgytė war am Morgen dieser Debatte davon aufgewacht, dass ihre Tochter die Enkel in den Schutzraum bringt.
Es ist eine der seltenen Runden, in denen niemand die Position des anderen karikiert — und gerade deshalb sichtbar wird, wo der Riss wirklich verläuft: nicht zwischen Krieg und Frieden, sondern zwischen zwei Zeithorizonten. Wer in Jahrzehnten rechnet, kommt zu anderen Schlüssen als wer in Wochen rechnet. Beide haben Gründe.
Anlass — 73 Jahre Waffenstillstand von Panmunjom (27.07.1953)
Am 27. Juli 1953, kurz nach zehn Uhr morgens, unterschrieben in einer Baracke in Panmunjom drei Generäle ein Papier und gingen auseinander, ohne ein Wort zu wechseln. Kein Handschlag, keine Reden. Um zweiundzwanzig Uhr schwiegen die Waffen.
Was dort unterschrieben wurde, war kein Frieden. Ein Waffenstillstand ist ein militärisches Abkommen: Er unterbricht die Kämpfe, erkennt keine Grenze an, regelt kein Verhältnis, und er ist ausdrücklich als Provisorium gedacht. Südkorea unterschrieb überhaupt nicht — Syngman Rhee weigerte sich, ein geteiltes Land zu quittieren. Ein Artikel des Abkommens empfahl eine politische Konferenz binnen drei Monaten, die den Rest klären sollte. Sie fand statt, 1954 in Genf, und sie scheiterte. Seither sind dreiundsiebzig Jahre vergangen, und das Provisorium hält.
Den Tag gibt es doppelt, und die Doppelung ist das Interessanteste an ihm. In Nordkorea ist der 27. Juli seit 1973 der „Tag des Sieges im Großen Vaterländischen Befreiungskrieg” — Paraden, Feuerwerk, ein gewonnener Krieg. In den Vereinigten Staaten ist derselbe Tag der Korean War Veterans Armistice Day, an dem die Flaggen auf halbmast gehen. Ein Sieg und eine Trauer, dasselbe Datum, dasselbe Blatt Papier.
Panmunjom ist die längste Antwort, die wir auf die Frage haben, die dieses Panel stellt: ob Waffen Frieden schaffen. Dreiundsiebzig Jahre funktionierende Nicht-Katastrophe, gehalten von zwei hochgerüsteten Armeen an einer Linie, an der Familien getrennt wurden, deren Angehörige einander nie wiedergesehen haben. Ein Erfolg, wenn man Tote zählt. Ein Scheitern, wenn man Leben zählt.
Quelle: WDR Europaforum: Frieden schaffen mit immer mehr Waffen? Aufrüstung und die Angst vor Krieg — re:publica 26, 20.05.2026, Moderation: Sabine Scholt
Wer spricht?
Margarita Šešelgytė (*1977, Vilnius) — Politikwissenschaftlerin, seit 2019 Direktorin des Instituts für Internationale Beziehungen und Politikwissenschaft der Universität Vilnius. Promoviert über die gemeinsame Verteidigungsidentität der EU, zuvor Jahre am Baltic Defence College in Tartu und an der litauischen Militärakademie. Sie bringt den Blick aus einem Frontstaat mit: Litauen grenzt an Kaliningrad und Belarus.
Jana Puglierin (*1978, Siegen) — Politikwissenschaftlerin, seit 2020 Leiterin des Berliner Büros des European Council on Foreign Relations. Ihre Dissertation galt John H. Herz, dem Urheber des Begriffs Sicherheitsdilemma — jener Denkfigur, mit der van Aken an diesem Abend gegen sie argumentiert. Ihr Buch Wer verteidigt Europa? erschien im Februar 2026.
Jan van Aken (*1961, Reinbek) — Biologe, 2004–2006 UN-Biowaffeninspekteur, davor Gentechnik-Experte bei Greenpeace. Er hat Abrüstung als Handwerk betrieben, bevor er sie als Politik vertrat. Von Oktober 2024 bis Juni 2026 Vorsitzender der Linken — beim Panel am 20. Mai 2026 noch amtierend, den Rückzug aus gesundheitlichen Gründen aber bereits angekündigt.
Inhalt
Der Morgen, an dem die Sirenen gingen
▶ 3:53 — Die Debatte beginnt mit einer Entschuldigung. Šešelgytė sagt, ihre Stimme sei schwach, sie hoffe, das schade ihrer Argumentation nicht. Dann erklärt sie, warum.
„Ich bin aufgewacht und habe gehört in den Medien, dass es in dem Luftraum ein Eindringen gab. Meine Tochter hat mich angerufen, hat gesagt, wir bringen die Kinder in die Schutzräume. Und ich habe meine Mutter angerufen, ob sie weiß, was man tun muss, wenn die Situation eskaliert.”
Drei Generationen an einem Vormittag: die Tochter, die handelt, die Mutter, die sich erinnert, und dazwischen die Wissenschaftlerin, die gleich auf eine Bühne in Berlin muss, um über Abschreckungslogik zu sprechen. Sie schiebt hinterher: „Bei uns ist es nicht so wie in der Ukraine, aber wir haben auch Stress.”
Der Satz ist präziser, als er klingt. Er markiert eine Zwischenlage, für die es kein Wort gibt — nicht Krieg, nicht Frieden, sondern ein Zustand, in dem man morgens erst die Nachrichten prüft und dann den Tag plant. Wer aus dieser Lage über Militärausgaben spricht, spricht über etwas anderes als jemand, der aus Berlin darüber spricht. Das ist kein Vorwurf an Berlin. Es ist der Grund, warum die beiden Rechnungen, die gleich aufgemacht werden, nie zusammengehen können.
Litauen gibt nach ihrer Angabe 5,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung aus (Faktencheck: siehe unten). Sie begründet das nicht mit Bedrohungsanalyse, sondern mit einer historischen Lesart: ▶ 5:23 „Wir müssen den Casus Belli für Russland abschätzen. Ist das Militarisierung oder Schwäche? In der Geschichte haben wir gelernt, dass der Casus Belli für Russland Schwäche ist.”
Das ist die Achse, um die sich alles Weitere dreht. Wenn Schwäche der Auslöser ist, dann ist Rüstung Deeskalation. Wenn Rüstung der Auslöser ist, dann ist Rüstung Eskalation. Beide Sätze sind in sich schlüssig. Keiner von beiden lässt sich am Vormittag einer Konferenz entscheiden.
Weitergedacht
Wenn beide Seiten dieselbe Geschichte lesen und gegensätzliche Lehren ziehen — woran lässt sich dann noch entscheiden, wer recht hat, außer im Nachhinein?
„In 50 Jahren ist Russland immer noch unser Nachbar”
▶ 2:21 — Die Moderatorin fragt van Aken zuerst, und sie fragt hart: Was sagt er jemandem, der nahe der russischen Grenze lebt und den Vorrang der Diplomatie für Wunschdenken hält?
Van Aken weicht der Frage nicht aus. Er räumt ein, dass er in Litauen oder Polen genauso Angst hätte, und stellt klar: „Wir brauchen eine EU- und Landesverteidigung. Das ist überhaupt keine Frage. Und solange wir eine Bundeswehr haben, wird die auch nicht mit Wattebäuschen schießen.” Dann öffnet er den Zeithorizont.
„Wenn wir uns hier in 50 Jahren auf der re:publica noch mal treffen oder unsere Kinder sich hier treffen und auf die Weltkarte gucken, dann ist Russland immer noch unser Nachbar. Und die Frage ist doch, ob wir in 50 Jahren immer noch in einer Konfrontation leben wollen oder ob wir heute die Weichen stellen.”
Hier liegt van Akens eigentliches Argument, und es ist kein pazifistisches. Es ist ein geografisches. Nachbarschaft ist die einzige Konstante in der Rechnung — Regierungen wechseln, Grenzen verschieben sich, aber die Lage auf der Karte bleibt. Wer nur die nächsten fünf Jahre optimiert, kann eine Struktur bauen, die die nächsten fünfzig verunmöglicht.
Das Problem an diesem Argument zeigt sich sofort, als Šešelgytė spricht: Es setzt voraus, dass man die nächsten fünf Jahre überlebt. Van Aken bestreitet das nicht. Er bestreitet nur, dass beides sich ausschließt. Ob das stimmt, ist die offene Frage des Abends — und sie bleibt offen.
Die Ordnung, von der wir kommen
▶ 8:27 — Puglierin tut, was Moderatorinnen hassen: Sie ignoriert die gestellte Frage und geht zurück. Sie sei getriggert worden, sagt sie, von van Akens Begriff der kooperativen Sicherheitspolitik.
Ihr Einwand ist historisch und trifft. Kooperative Sicherheitspolitik ist keine Zukunftsvision, zu der man erst noch hinmüsste — sie war der Ausgangszustand. ▶ 9:13 Die Charta von Paris, 1990 verabschiedet, noch mit der Sowjetunion, Russland als Nachfolgestaat hat sich dazu bekannt: Unverletzbarkeit der Grenzen, Souveränität ohne Bedingungen, freie Bündniswahl.
„Und diese Ordnung wurde gebrochen. Diese kooperative Sicherheitsordnung, die auf Prinzipien basierte, die ich heute immer noch wichtig finde, die wurde eben durch Russland gebrochen.”
Sie geht einen Schritt weiter und liest Putins und Lawrows Rede von den root causes des Krieges als das, was sie ist: die Forderung, die Ordnung von 1990 durch eine ältere zu ersetzen, in der Einflusszonen gelten. Ihr Schluss: ▶ 9:59 „Ich möchte auch zurück zu einem kooperativen Verhältnis mit Russland, aber nicht um den Preis, dass die Staaten um Russland herum keine Souveränität genießen dürfen.”
Damit ist van Akens Vorschlag nicht widerlegt, aber verschoben. Die Frage lautet nicht mehr, ob man Vertrauen aufbauen will — darüber sind sich alle drei einig —, sondern zu welchen Bedingungen. Und da steht ein Preis im Raum, den auszusprechen niemand auf dem Podium bereit ist.
Bemerkenswert ist, wie Puglierin ihre eigene Biografie einbaut, ohne sie als Argument zu benutzen: ▶ 11:31 „Ich bin in den 90er Jahren sozialisiert worden, auch politisch. Fall der Mauer, Ende der Apartheid in Südafrika. Das Leben wurde besser, die politische Situation wurde besser.” Sie sagt ausdrücklich, sie habe sich das anders vorgestellt, und dass niemand auf dem Podium diese Entwicklung feiern sollte. Was sie beunruhigt, ist nicht die Aufrüstung allein, sondern was sie begleitet: die Erosion der Rüstungskontrolle. Das letzte Nuklearabkommen zwischen den USA und Russland sei im Februar 2026 ausgelaufen.
Der Streit um die Zahlen
▶ 7:41 — Die Moderatorin legt SIPRI-Zahlen vor: weltweite Militärausgaben im elften Jahr in Folge gestiegen, 2,89 Billionen US-Dollar, europäische Staaten plus 14 Prozent, Deutschland mit 114 Milliarden auf Rang vier hinter den USA, China und Russland.
Van Aken rechnet damit gegen die Aufrüstung. ▶ 13:01 Europa, NATO und Kanada — die USA lässt er bewusst weg, auf sie sei kein Verlass — gäben 540 Milliarden aus, Russland 153. Er ist redlich genug, die Schwäche seiner eigenen Rechnung sofort zu benennen: „Jetzt kann man diese 540 zu 153 nicht direkt vergleichen. Da muss man Kaufkraft mit einberechnen.” Sein Punkt bleibt, dass auch danach ein deutliches Übergewicht bleibe (Faktencheck: vereinfacht — die Studie, auf die er sich stützt, kommt kaufkraftbereinigt auf rund 16 Prozent Abstand, nicht auf „deutlich”).
Daraus zieht er den Schluss, der die Runde am schärfsten teilt: Wenn schon so viel Geld da ist, wofür dann noch mehr? ▶ 13:46 Seine Antwort ist, dass zwei verschiedene Ziele in einem Etat stecken.
„Die Bundeswehr hat Fregatten, die brauchen 365 Tage im Jahr keinen Heimathafen anzulaufen. Das brauche ich nicht in der Ostsee, da ist Kiel und Lübeck relativ dicht bei, sondern das brauche ich nur, wenn ich weltweite Machtprojektion haben will.”
Das ist das stärkste Argument, das an diesem Abend fällt, weil es nachprüfbar ist: Man kann an Beschaffungslisten ablesen, ob eine Armee für die Verteidigung eines Territoriums oder für Einsätze in Entfernung gebaut wird. Van Akens Schluss — bei echter Fokussierung auf Landes- und Bündnisverteidigung käme man ▶ 14:32 „sogar mit weniger Geld” aus — folgt daraus allerdings nicht zwingend, sondern nur, wenn man annimmt, dass das vorhandene Geld richtig ausgegeben wird.
Genau dort setzt Puglierin an. ▶ 15:17 Sie nennt eine Greenpeace-Studie, die van Akens Rechnung stützt, und sagt in einem Nebensatz, dass sie sie anficht. Ihr Einwand ist methodisch: Kaufkraftbereinigt lägen Russland und die Europäer ohne die USA nach Zahlen des IISS ungefähr gleichauf. Vor allem aber messe Geld das Falsche.
„Russland produziert am Fließband viel, viel mehr Drohnen, als wir das derzeit tun. Die russische Armee ist mittlerweile nach diesen über vier Jahren die kampferprobteste Armee neben der ukrainischen, die wir in Europa haben.”
▶ 16:02 Und dann die Zahl, die mehr über Europa sagt als jede Ausgabenstatistik: 27 einzelne Armeen, und bis zu 45 Tage, um militärisches Gerät von einem EU-Land ins andere zu verlegen.
Damit ist der Streit an einem Punkt, an dem beide recht haben können. Van Aken misst Input, Puglierin misst Output. Wer 540 Milliarden ausgibt und 45 Tage braucht, um einen Panzer über eine Grenze zu bringen, hat kein Geldproblem, sondern ein Strukturproblem — womit van Akens Rechnung stimmt und seine Schlussfolgerung trotzdem wackelt. Umgekehrt begründet ein Strukturproblem keinen zusätzlichen Etat, sondern eine Reform.
Weitergedacht
Wenn 27 europäische Armeen 45 Tage brauchen, um Gerät zu verlegen — ist die naheliegende Antwort dann mehr Geld oder weniger Armeen? Und warum wird über das eine geredet und über das andere nicht?
Löcher im Himmel
▶ 19:04 — Nach den Fähigkeitslücken gefragt, dreht Šešelgytė die Frage um. Sie beschreibt zuerst das Offensichtliche: Russland nutze asymmetrische Instrumente, ▶ 19:52 „Instrumente, die mit begrenzten Kosten maximalen Schaden anrichten”. Die Luftabwehr sei das Problem.
„Es gibt jede Menge Löcher im Himmel bei uns. Litauen und Estland sind nicht geschützt. Aber ist Deutschland vor Drohnen geschützt? Die Frage würde ich gerne mal stellen. Ich denke, bei Ihnen gibt’s auch viele Löcher im Himmel.”
Die Rückfrage sitzt, weil sie die deutsche Debatte an ihrer empfindlichsten Stelle trifft: an der stillschweigenden Annahme, Aufrüstung sei ein Solidaritätsbeitrag für die Ostflanke. Šešelgytė erinnert daran, dass sie auch Eigenschutz wäre.
▶ 21:24 Ihre Beschreibung der russischen Produktion ist knapper als jede Analyse: „Russland produziert niedrige Qualität, aber massenhaft.” Ein Satz, der die gesamte europäische Beschaffungsphilosophie in Frage stellt, ohne sie zu erwähnen.
Egon Bahr gegen Butscha
▶ 24:26 — Der schärfste Austausch des Abends dreht sich um Mittelstreckenraketen, und er ist deshalb erhellend, weil beide Seiten dieselbe Erfahrung anrufen und entgegengesetzte Lehren ziehen.
Van Aken macht ein Angebot: Patriot-Systeme so viele man will. Aber keine Mittelstreckenraketen. Seine Begründung ist Spiegelung — ▶ 25:11 „Wir reden hier die ganze Zeit drüber, dass in Kaliningrad Mittelstreckenraketen stationiert sind. Das empfinden wir als Bedrohung. Was glauben Sie denn, wie Russland das sieht, wenn wir hier Mittelstreckenraketen stationieren?”
Dann holt er seinen Kronzeugen. Er habe lange mit Egon Bahr sprechen dürfen, und der habe ihm vom Konzept der strukturellen Nichtangriffsfähigkeit erzählt: verteidigungsfähig sein, aber so gebaut, dass ein Angriff technisch ausgeschlossen ist. ▶ 25:56 Als Beispiel nennt er einen Streit um den Aufwuchs der Bundeswehr auf 500.000 Mann, den die Sowjetunion als Bedrohung der DDR sah — gelöst worden sei er, indem die Bundeswehr wuchs, aber ihre Brückenlegekompanien abbaute. Ohne Brückenlegegerät kein Angriff, also kein Einwand.
Das ist ein schönes Argument, weil es zeigt, dass Rüstung Gestaltungsspielraum hat — dass es nicht nur ein Mehr oder Weniger gibt, sondern ein Wie. (Faktencheck: siehe unten — die Anekdote ließ sich nicht unabhängig belegen.)
Puglierin kontextualisiert statt zu widersprechen. ▶ 26:43 Der INF-Vertrag verbot die Stationierung, er wurde gekündigt, Russland verfügt heute über entsprechende Systeme in Kaliningrad. Die NATO habe 2018 bewusst entschieden, nicht gegenzustationieren — diese Lücke wurde akzeptiert.
Was sich seitdem geändert hat, ist keine Zahl, sondern ein Bild. ▶ 28:14
„Das waren die Planungen der NATO früher: Das Baltikum wird sozusagen genommen und die NATO verteidigt das zurück und holt es zurück. Seit Butscha, seit den Bildern — es ist für das Baltikum nicht akzeptabel, quasi erstmal genommen zu werden.”
Hier ist der Riss offen. Van Aken argumentiert aus dem Kalten Krieg, wo die Rückeroberung eines Territoriums eine Landkartenfrage war. Puglierin argumentiert aus Butscha, wo sie eine Frage danach ist, was mit den Menschen geschieht, die einen Monat lang besetzt sind. Beide Argumente sind gültig. Sie beziehen sich auf verschiedene Kriege.
Eine Pointe bleibt an diesem Abend unausgesprochen: Van Aken beschreibt mit dem Kaliningrad-Spiegel exakt das Sicherheitsdilemma — jede Maßnahme, die die eigene Sicherheit erhöht, senkt die des Gegenübers und provoziert dessen Gegenmaßnahme. Den Begriff hat John H. Herz geprägt, und über Herz hat Puglierin promoviert. Sie kennt die Denkfigur besser als jeder andere auf dieser Bühne. Sie bestreitet sie auch nicht. Ihr Einwand ist ein zeitlicher: Gegen einen Akteur, der bereits angegriffen hat, kommt einseitiger Verzicht zu spät. Das widerlegt die Spirale nicht — es sagt nur, dass man sich in ihr bereits befindet und die Frage nicht mehr lautet, ob man einsteigt, sondern wo man aussteigt. Diese Frage wird an diesem Abend nicht gestellt.
Šešelgytė formuliert es am direktesten. ▶ 30:30 „Wir werden in den baltischen Staaten so viele Butschas haben, wenn wir diese Fähigkeit nicht haben.”
Das Geschichtsbuch in der Schublade
▶ 22:09 — An einer Stelle verlässt Šešelgytė die Sicherheitspolitik und erzählt etwas anderes.
„Ich habe gelebt unter sowjetischer Herrschaft. Ich war noch klein, aber ich erinnere mich noch, dass wir das Geschichtsbuch von Litauen in der Schublade versteckt haben. Wir durften über dieses Buch nicht sprechen. Das war das Buch meines Großvaters. Hätten wir das erwähnt, hätten wir Probleme gehabt. Ich möchte nicht mehr Sachen verstecken müssen.”
Das ist der Moment, in dem die Debatte kippt, ohne dass jemand die Stimme hebt. Bis hierhin ging es um Systeme, Reichweiten und Etats. Jetzt geht es um ein Kind, das lernt, dass die Geschichte des eigenen Landes ein Gegenstand ist, den man wegschließt.
Es ist auch der Moment, in dem sichtbar wird, warum die deutsche und die litauische Debatte nicht dieselbe sind. In Deutschland ist die Frage, wie viel Sicherheit man sich leisten will. In Litauen ist die Erinnerung daran, wie es sich anfühlt, wenn man sie nicht hat, noch im Haus. Šešelgytė zieht daraus die Konsequenz mit einem Roosevelt-Zitat: ▶ 22:54 sanft sprechen, aber die Keule mitnehmen. Europa, sagt sie, könne nicht „einfach nur als Friedensprojekt weitermachen”.
Man muss ihr darin nicht folgen. Man sollte nur zur Kenntnis nehmen, woher der Satz kommt.
Was Aufrüstung kostet
▶ 29:44 — Die letzte Frage der Moderatorin ist die, die im deutschen Diskurs meist zuerst kommt und hier zuletzt: Was sind die sozialen und demokratischen Folgekosten?
Šešelgytė antwortet, indem sie den Gegensatz bestreitet. ▶ 32:03 „Wenn wir keine Investitionen in Waffen vornehmen, haben wir auch kein Butter und kein Brot.” Sie erweitert den Begriff des Sozialen: Es gehe nicht nur um Essen auf dem Tisch, sondern ums Reisen, um sicheres Internet, ums Aufwachen ohne Schutzraum. Und sie fügt einen Satz an, der in der deutschen Debatte selten vorkommt: „Wir sind sehr dankbar gegenüber Deutschland, dass sie uns diese Truppen geschickt haben.”
Van Aken hält an der Verteilungsfrage fest. ▶ 32:49 Mit dem Verteidigungsetat von vor zwei Jahren — 52 bis 54 Milliarden Euro — komme man für Landes- und Bündnisverteidigung aus, vorausgesetzt, Europa koordiniere sich besser. Dann macht er die Verbindung, die sein eigentliches Schlusswort ist. ▶ 33:35
„Warum wundert sich eigentlich irgendjemand in dieser Regierung, warum nicht genug junge Menschen bereit sind, zur Bundeswehr zu gehen? Wenn dieses Land nicht bereit ist, was für mich zu tun — warum soll ich bereit sein, was für das Land zu tun?”
Damit endet die Runde, und sie endet an einer Stelle, die keiner der drei zu Ende führen kann. Verteidigungsbereitschaft ist keine Frage der Ausrüstung. Sie setzt voraus, dass genug Menschen finden, es gebe etwas zu verteidigen, das ihnen gehört. Šešelgytė hat das Geschichtsbuch ihres Großvaters. Van Aken fragt, was ein deutscher Achtzehnjähriger hat. Die Frage bleibt im Raum stehen, und die Zeit ist um.
Faktencheck
Der eigentliche Befund
Van Aken und Puglierin streiten scheinbar über Zahlen, tatsächlich über eine Umrechnung. Dieselben SIPRI-Rohdaten ergeben je nach Methode „Europa gibt dreimal so viel aus” (Marktwechselkurse) oder „ungefähr gleichauf” (Kaufkraftparität). Beide Lesarten sind methodisch vertretbar; keine Seite rechnet falsch. Was van Aken zu viel sagt, ist ein einziges Wort. Was Puglierin auslässt, steht in derselben Studie, die sie ansticht.
Bestätigt — SIPRI-Rahmenzahlen der Moderation
Die weltweiten Militärausgaben stiegen 2025 im elften Jahr in Folge auf 2.887 Mrd. US-Dollar (+2,9 % real); Europa legte um 14 % auf 864 Mrd. zu; Deutschland kam mit 114 Mrd. Dollar (+24 %) auf Rang 4 hinter USA (954 Mrd.), China (336 Mrd.) und Russland (190 Mrd.). Quelle ist der SIPRI-Bericht vom 27. April 2026 mit den Daten für 2025 — jede genannte Zahl steht so in der Primärquelle. Quelle: SIPRI, 27.04.2026 · Fact Sheet (PDF)
Vereinfacht — van Akens „auch kaufkraftbereinigt deutlich mehr"
Die Grundzahl stimmt: Nach SIPRI gaben die europäischen NATO-Staaten plus Kanada 2025 rund 626,5 Mrd. USD (≈ 540 Mrd. Euro) aus, Russland 190,4 Mrd. USD — gut 3:1 zu Marktwechselkursen. Sein Zusatz aber wird von genau der Studie nicht getragen, auf die er sich stützt: Greenpeace beziffert Russlands Ausgaben kaufkraftbereinigt auf rund 540 Mrd. USD gegenüber 626 Mrd. — ein Vorsprung von etwa 16 %. Greenpeace formuliert entsprechend vorsichtig, Russland „erreicht nicht” das europäische Niveau; das Wort „deutlich” fügt van Aken hinzu. Es nützt seiner Position: Je kleiner Russland wirkt, desto schwerer wiegt die Frage „warum noch 200 Milliarden mehr?“. Die Überlegenheit, die dieselbe Studie tatsächlich nachweist, liegt woanders — bei den Beständen (Kampfflugzeuge 2.215 zu 1.064, Kriegsschiffe 143 zu 34, Artillerie 15.896 zu 5.976) und bei 3.270 Mrd. Euro Investitionen im letzten Jahrzehnt. Quelle: Greenpeace, „Europa allein zu Haus?”, 26.05.2026 (PDF, S. 7–9) · taz, 26.05.2026
Bestätigt — Puglierins IISS-Zahl (kaufkraftbereinigte Parität)
Das IISS kommt für 2024 auf 462 Mrd. USD russische Verteidigungsausgaben kaufkraftbereinigt gegenüber 457 Mrd. USD für Europa inklusive EU und Großbritannien — also „ungefähr dieselben” Ausgaben, mit Russland sogar knapp vorn. Der Riss zwischen beiden Lagern ist kein Streit über Fakten, sondern über die Umrechnung: SIPRI rechnet bewusst zu Marktwechselkursen, weil verlässliche militärspezifische Kaufkraftparitäten fehlen — das unterschätzt systematisch, was Russland im eigenen Land für einen Rubel bekommt. PPP-Rechnungen korrigieren das und überschätzen im Gegenzug, was Russland für importierte, devisenabhängige Komponenten zahlt. Zeitlicher Hinweis: Die Greenpeace-Fassung „Europa allein zu Haus?” erschien erst sechs Tage nach dem Panel; am 20. Mai lag die Vorgängerstudie von November 2024 vor, deren Ergebnisse die neue bestätigt. Quelle: Breaking Defense zum IISS Military Balance · SIPRI, FAQ zur Methodik
Bestätigt — Europas Zersplitterung: 27 Armeen, bis zu 45 Tage
Die 45 Tage sind keine rhetorische Zahl. Die EU-Kommission begründete ihr „Military Mobility Package” vom 19. November 2025 genau damit: Genehmigungen für grenzüberschreitende Militärtransporte dauern bislang bis zu 45 Tage und sollen auf drei Tage, im Krisenfall auf sechs Stunden verkürzt werden — flankiert von 17,65 Mrd. Euro für rund 500 Infrastruktur-Engstellen. Quelle: Europäische Kommission, 19.11.2025
Bestätigt — Russlands Drohnenproduktion
Allein im Werk Alabuga zuletzt über 5.000 Geran-2 pro Monat, dazu Planungen im Millionenbereich bei FPV-Drohnen. Europa liegt bei der Stückzahl klar zurück; die Kritik der EU-Analysen lautet exakt so — hohe Qualität, für einen Abnutzungskrieg unzureichende Mengen. Die Zusatzaussage, die russische Armee sei neben der ukrainischen die kampferprobteste in Europa, ist eine Einschätzung, keine prüfbare Zahl — nach über vier Jahren Krieg aber nicht bestreitbar. Quelle: CNN zur Drohnenfabrik Alabuga, 08.08.2025
Bestätigt — Luftalarm in Vilnius am Morgen des Panels
Am 20. Mai 2026 — dem Tag der Diskussion — löste Litauen erstmals überhaupt Luftalarm wegen eines Drohneneinflugs aus. Die Drohne überquerte gegen 9:40 Uhr die Grenze, der Luftraum über Vilnius wurde gesperrt, der Flughafen geschlossen, der Zugverkehr rund um die Hauptstadt eingestellt, NATO-Jets des Baltic Air Policing stiegen auf. Präsident, Premierministerin und Parlamentspräsident saßen im Schutzraum — und Schulen und Kindergärten wurden angewiesen, die Kinder in Schutzräume zu bringen. Šešelgytės Schilderung deckt sich bis ins Detail mit der dokumentierten Lage. Quelle: Defense News, 20.05.2026 · Euronews, 20.05.2026
Bestätigt — Litauen bei über 5 % des BIP
Der Seimas beschloss für 2026 einen Verteidigungshaushalt von 4,79 Mrd. Euro — 5,38 % des BIP, ein Plus von 43 % gegenüber 2025 und der höchste Anteil in der gesamten NATO, vor Polen (4,7 %) und den USA (3,5 %). Quelle: Litauisches Verteidigungsministerium · LRT, NATO-Vergleich
Bestätigt — Letztes Nuklearabkommen im Februar 2026 ausgelaufen
New START lief am 5. Februar 2026 aus, ohne Nachfolge. Erstmals seit 1972 gibt es keine vertragliche Obergrenze für die strategischen Nukleararsenale der USA und Russlands. Eine Nuance, die ihre Aussage nicht entkräftet: Beide Seiten signalisierten, die Grenzwerte informell weiter einzuhalten — unterschrieben wurde nichts. Quelle: UN-Generalsekretär, 05.02.2026 · Arms Control Association, März 2026
Vereinfacht — INF-Vertrag „2018 gekündigt"
Die Chronologie ist länger, als die Jahreszahl vermuten lässt. Trump kündigte den Ausstieg am 20. Oktober 2018 an; am 4. Dezember 2018 stellten die USA formell einen „material breach” Russlands fest, den die NATO-Verbündeten geschlossen mittrugen; die vertragliche Sechs-Monats-Frist begann am 2. Februar 2019, das Ende trat am 2. August 2019 ein. Ebenso die zweite Jahreszahl: Die Entscheidung gegen eine Gegenstationierung fiel mit der Erklärung des Nordatlantikrats vom 2. August 2019. Der Kern der Aussage hält — Russland verletzte den Vertrag, die NATO stellte das einhellig fest, der Westen verzichtete bewusst auf eine Antwort. Die Verdichtung auf „2018” macht aus einem zehnmonatigen Eskalationsprozess einen einzelnen Akt. Quelle: US-Außenministerium · NATO and the INF Treaty
Vereinfacht — SSC-8 und Kinschal „in Kaliningrad stationiert"
Zwei sehr verschiedene Systeme werden zu einem Argument verschmolzen. Belegt ist: MiG-31 mit Kinschal-Raketen wurden im Februar und erneut am 18. August 2022 auf den Flugplatz Tschkalowsk in Kaliningrad verlegt; die Kinschal kam in der Ukraine zum Einsatz. Die Kinschal ist aber luftgestützt — sie fiel nie unter den INF-Vertrag, der ausschließlich landgestützte Systeme verbot. Für die SSC-8 (9M729), also den Marschflugkörper, um den der INF-Streit ging, gilt umgekehrt: Eine Stationierung in Kaliningrad wird angenommen, weil sie denselben Werfer nutzt wie die dort gesicherte Iskander-M — öffentlich bestätigt ist sie nicht. Die Vermischung stützt das Argument, Russland besitze bereits die Fähigkeit, die Europa fehlt; sie verwischt zugleich, dass ein Teil davon rüstungskontrollrechtlich nie strittig war. Quelle: Al Jazeera, 18.08.2022 · Arms Control Association, INF-Umfang
Bestätigt — Scholz/Biden 2024, US-Mittelstreckenwaffen bei Wiesbaden
Am 10. Juli 2024 erklärten die USA und Deutschland am Rande des NATO-Gipfels in Washington, ab 2026 „episodisch” weitreichende US-Waffensysteme in Deutschland zu stationieren — SM-6, Tomahawk und den Hyperschallflugkörper Dark Eagle — als Vorstufe zu einer dauerhaften Stationierung. Träger ist die 2. Multi-Domain Task Force der US-Armee mit Hauptquartier in Wiesbaden. Auch das Wort „Interimslösung” trifft die gemeinsame Erklärung. Quelle: Deutsche Atlantische Gesellschaft · Bundestag, Drucksache 20/12706 (PDF)
Vereinfacht — „Strategische Nichtangriffsfähigkeit, Anfang der 70er Jahre"
Das Konzept existiert — es heißt in der Literatur strukturelle Nichtangriffsfähigkeit und trägt genau die Bedeutung, die van Aken ihm gibt. Es gehört aber in die 1980er, nicht in die frühen 70er. Egon Bahr datiert den Anstoß selbst auf einen Impuls Olof Palmes von 1980; die Palme-Kommission legte 1982 vor, im selben Jahr begannen Horst Afheldt und Albrecht von Müller ihre Arbeit am Starnberger Institut, und Bahr entwickelte das Konzept mit Dieter S. Lutz am IFSH weiter. Anfang der 70er war Bahr mit der Ostpolitik befasst, nicht mit defensiver Streitkräftestruktur. Die Verschiebung um ein Jahrzehnt verlegt die Idee in die Erfolgsjahre der Entspannung statt in die Krisenzeit des NATO-Doppelbeschlusses, wo sie entstand. Quelle: bpb/APuZ 18/1988
Nicht verifizierbar — die Brückenlegekompanien
Für die Episode selbst — die Sowjetunion habe das Anwachsen der Bundeswehr auf 500.000 Mann akzeptiert, weil im Gegenzug die Brückenlegekompanien abgebaut wurden — wurde keine unabhängige Quelle gefunden. Was sich belegen lässt, passt nicht recht dazu: Der geplante Friedensumfang der Bundeswehr lag bei 495.000 und wurde bereits in den 1970er Jahren erreicht und bis zum Ende des Kalten Krieges gehalten — er war keine Verhandlungsmasse, die Moskau hätte genehmigen müssen. Und in keinem einschlägigen Abkommen taucht ein solcher Tausch auf: Der KSE-Vertrag von 1990 begrenzt fünf Kategorien — Kampfpanzer, gepanzerte Kampffahrzeuge, Artillerie, Kampfflugzeuge, Angriffshubschrauber. Brückenlegepanzer stehen nicht darunter. Der Gedanke selbst ist echt: Brückenlegegerät gilt in der Literatur zur nichtangriffsfähigen Verteidigung als klassischer Angriffs-Enabler, dessen Abbau vorgeschlagen wurde. Van Aken macht daraus aber eine vollzogene historische Tatsache — und genau die trägt sein Argument, weil sie ein theoretisches Konzept in einen erprobten Präzedenzfall verwandelt. Wahrscheinlich eine mündlich überlieferte Erinnerung aus dem Gespräch mit Bahr; als Beleg trägt sie nicht. Quelle: Arms Control Association, KSE-Kategorien · bpb, Bundeswehr im Kalten Krieg · Für die Episode selbst: keine unabhängige Quelle gefunden
Bestätigt — Blue/Yellow
„Blaugelb” ist Blue/Yellow for Ukraine, eine litauische NGO, 2014 gegründet, geleitet von Jonas Öhman. Seit der Vollinvasion hat sie über 50 Mio. Euro gesammelt; Daueraufträge per SMS über 3 oder 5 Euro monatlich sind ein Massenphänomen in Litauen. Präzisierung zur Simultanübersetzung: Blue/Yellow liefert Ausrüstung — Schutzwesten, Fahrzeuge, Optik, Wärmebildgeräte, Minenräumgerät und Drohnen —, keine Waffen im engeren Sinn. Quelle: Blue/Yellow · LRT zu den Spenden
Nicht verifizierbar — die Umfrage zur Drohnen-Angst
Eine litauische Umfrage mit dem genannten Prozentwert ließ sich nicht auffinden; die Zahl ist im Transkript vermutlich verstümmelt. Die nächstliegende dokumentierte Erhebung ist eine Vilmorus-Umfrage für BNS (6.–16. November 2025) zu den Schmuggler-Ballons aus Belarus: 38,5 % fühlten sich dadurch persönlich unsicherer, 55 % „wie üblich”. Richtung und Größenordnung der Aussage passen dazu; die Zahl selbst wird hier ausdrücklich nicht als Falschaussage gewertet. Quelle: LRT zur Vilmorus-Umfrage
Bestätigt — Roosevelt-Zitat und Charta von Paris
„Speak softly and carry a big stick — you will go far.” Theodore Roosevelt verwendete den Satz privat in einem Brief vom 26. Januar 1900 und öffentlich in einer Rede auf der Minnesota State Fair am 2. September 1901. Roosevelt selbst nannte es ein westafrikanisches Sprichwort — ein Ursprung, den die Forschung nie belegen konnte. — Die Charta von Paris wurde am 21. November 1990 von 34 Staats- und Regierungschefs unterzeichnet, für die Sowjetunion von Gorbatschow; Russland trat als Nachfolgestaat in die Verpflichtungen ein. Die freie Bündniswahl steht wörtlich darin. Die Unverletzbarkeit der Grenzen steht nicht als eigener Satz in der Charta, sondern über die dort ausdrücklich erneuerte Bindung an die Zehn Prinzipien der Schlussakte von Helsinki — Prinzip III ist genau das. Quelle: Britannica, Big Stick policy · OSZE, Charter of Paris (PDF)
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung:
- Session-Seite der re:publica 26 — offizielle Beschreibung des Panels
- WDR Europaforum — Partner der Session
- Alle Videos der re:publica 26 — vollständige Playlist
Zum Zahlenstreit — die Primärquellen beider Seiten:
- SIPRI, Global military spending rise continues (April 2026) — Quelle sämtlicher Zahlen der Moderation; dazu das Fact Sheet (PDF)
- Greenpeace, „Europa allein zu Haus?” (26.05.2026, PDF) — die Studie hinter van Akens Rechnung, mit den Tabellen zu Militärausgaben 2016–2025 und der PPP-Angabe für Russland
- SIPRI, FAQ zur Milex-Methodik — warum SIPRI zu Marktwechselkursen rechnet und keine PPP-Werte publiziert: der Kern des Streits
- SIPRI Yearbook, Appendix 8E: International comparisons using purchasing power parities — die methodische Langfassung
- CEPR, Debating defence budgets: Why military purchasing power parity matters — warum Marktkurse Russland und China systematisch kleinrechnen
- Breaking Defense, Russia overtakes all of Europe on defense spending in key metric — die IISS-Zahlen, auf die Puglierin sich beruft
- taz, Greenpeace-Studie zu Wettrüsten (26.05.2026) — Rezeption inklusive Kritik aus der Linkspartei selbst
Zu Rüstungskontrolle und Fähigkeiten:
- Arms Control Association, INF Treaty at a Glance — Chronologie 2018–2019 und Vertragsumfang
- Arms Control Association, New START Expires (März 2026) — die Lage nach dem 5. Februar 2026
- Europäische Kommission, Military Mobility Package (19.11.2025) — Quelle der „45 Tage”
- bpb/APuZ 18/1988, Konventionelle Stabilisierung und strukturelle Nichtangriffsfähigkeit — zeitgenössischer Vergleich der Konzepte, auf die van Aken sich beruft
- OSZE, Charter of Paris for a New Europe (PDF) — Volltext mit der Passage zur freien Bündniswahl
- Defense News, Vilnius drone incursion (20.05.2026) — der Vorfall am Morgen des Panels
- Jana Puglierin: Wer verteidigt Europa? (Rowohlt 2026)
Das Video steht unter Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International (CC BY-SA 4.0).
Verbindungen
→ Herfried Münkler — Europas Platz in der neuen Weltordnung
Die Schwesternote desselben Tages, und sie liefert das Wort, das dem Panel fehlt. Šešelgytės „bei uns ist es nicht so wie in der Ukraine, aber wir haben auch Stress” beschreibt genau den Zwischenzustand, für den Münkler die Diagnose stellt: Die saubere Trennung von Krieg und Frieden beschreibt die Welt nicht mehr, und wir haben für das Dritte weder Begriffe noch Reflexe. Vor allem beantwortet Münkler die Frage, die das Panel offenlässt — auf 27 Armeen und 45 Tage Verlegedauer antwortet er nicht mit Geld, sondern mit Hierarchie. Das ist der direkte Widerspruch zu van Aken: Wo dieser mit Bahrs Nichtangriffsfähigkeit die Rüstung begrenzen will, verlangt Münkler ihre Zentralisierung und spricht von der „Produktivität von Feindschaft”. Bittere Pointe zum Gegenlesen: Was Šešelgytė als Dankbarkeit formuliert („dass sie uns diese Truppen geschickt haben”), nennt Münkler beim Namen — die Brigade in Litauen sind Geiseln.
→ Herfried Münkler — Muss es Kriege geben
Van Akens Schlusswort — „warum soll ich bereit sein, was für das Land zu tun?” — bekommt hier eine konkurrierende Erklärung. Van Aken liest die fehlende Verteidigungsbereitschaft als Verteilungsproblem: Wer keinen Sozialstaat hat, verteidigt keinen. Münkler liest sie als postheroische Gesellschaft — demografisches Loch plus religiöse Erkaltung, eine Kultur, die in Tausch denkt statt in Opfer. Wenn Münkler recht hat, würde auch ein reparierter Sozialstaat die Rekrutierungslücke nicht schließen. Umgekehrt trifft der Bahr-Gedanke Münkler an seiner empfindlichsten Stelle: Sein si vis pacem, para bellum kennt nur ein Mehr oder Weniger, van Aken zeigt ein Wie.
→ Konstantin Flemig — Reaktion auf Precht, Russland und die Grenzen der Expertise
Die schärfste Gegenposition zu van Akens Zeithorizont, dort als eigener Abschnitt formuliert: „Schwäche ist kein Beweis für Frieden.” Das ist Šešelgytės Casus-Belli-These in der deutschen Debatte. Flemig liefert außerdem das Szenario, das die Panel-Debatte stillschweigend voraussetzt, ohne es zu benennen — nicht Panzer durch Polen, sondern Narva: ein paar tausend Soldaten graben sich ein und testen, ob Artikel 5 hält. Und die Note diagnostiziert dieselbe Struktur wie diese: Precht und Flemig widerlegen einander nicht, sie reden über verschiedene Szenarien — so wie van Aken und Šešelgytė über verschiedene Zeitskalen. Aus der Gegenrichtung kommend, räumt Flemig van Akens Kostenargument ausdrücklich ein: Panzer seien „totes Geld”, das „keine Jugend ausbildet”.
→ Ivan Krastev — Wie zukunftsfaehig ist Europa
Krastev liefert zwei Sätze, die den Streit auf seinen Grund führen. Der erste ist Puglierins Output-Argument in seiner härtesten Form — „Budgets führen keine Kriege. Menschen führen Kriege.” Stimmt das, misst van Akens 540-zu-153-Rechnung nicht bloß ungenau, sondern die falsche Größe. Der zweite erklärt, warum dieser Riss nicht mit Argumenten zu schließen ist: Die Länder des ehemaligen russischen Reichs erlebten 2022 als ihren eigenen Krieg, die Länder des Osmanischen Reichs blieben gelassen. Geschichte ist körperlich, sie wird geerbt, nicht gelernt. Šešelgytės Geschichtsbuch in der Schublade ist genau das; Berlin hat kein Äquivalent.
→ Torsten Heinrich — Ukraine bewusst geopfert
Der Panmunjom-Rahmen findet hier sein lebendes Gegenstück: ein Konflikt, der auf mittlerem Niveau gehalten wird — „zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig”. Heinrichs Kernsatz „Eskalationsmanagement ist keine Strategie” trifft beide Podiumspositionen: Van Aken kritisiert das Zuviel an Waffen, Puglierin das Zuwenig an Fähigkeit — Heinrich zeigt, dass die westliche Politik gar keinen Zielzustand hat, an dem sich ein Zuviel oder Zuwenig messen ließe. Sein Kaskaden-Argument (abgegebene Panzer bedeuten untrainierte Besatzungen) widerspricht van Aken zusätzlich von der Fähigkeitsseite.
→ Jok Madut Jok — Elitenpakt ist kein Frieden
Joks Unterscheidung zwischen dem Schweigen der Waffen und dem Frieden im Leben der Menschen ist die präziseste Formulierung dessen, was der Anlass-Rahmen umkreist. Panmunjom ist der Elitenpakt in Reinform: ein Abkommen zwischen Generälen, das die sichtbare Front einfriert, ohne je ein Verhältnis zu regeln — und Südkorea unterschrieb nicht einmal, so wie der Südsudan die Menschen nie als Vertragspartei kannte. Jok verschiebt damit auch die Frage des Panels: Alle drei streiten darüber, wie viel Waffen es für Frieden braucht, und setzen voraus, dass Frieden das ist, was zwischen Staaten ausgehandelt wird. Joks Befund ist, dass ein solcher Frieden unterhalb der Unterzeichner gar nicht ankommen muss.
→ Israel und Gaza — Völkerrecht im Schatten der Aufmerksamkeit
Die Spur ist der laufende Beleg für das, was Panmunjom in dreiundsiebzig Jahren zeigt — nur in Echtzeit und ohne Patina: Im neunten Monat „Waffenstillstand” lebt man im Zelt, holt Wasser vom Lastwagen und weiß nicht, ob die eigene Straße heute getroffen wird, ohne Wiederaufbau, ohne Datum. Und die Spur hält beide Seiten der Bilanz offen, die diese Note im Anlass-Callout zieht — sie notiert als Pflicht-Gegenbeobachtung, was der Waffenstillstand hält: keine Großoffensive, Geiseln frei, das Sterben um Größenordnungen geringer. Genau die Doppelung aus „Erfolg, wenn man Tote zählt” und „Scheitern, wenn man Leben zählt”, nur mit einem Datum, das noch läuft.
→ Konstantin Flemig — Deutschland als Ruestungs-Grossmacht
Van Akens Verteilungsargument trifft hier auf die materielle Gegenrechnung: In Unterlüß entstehen Arbeitsplätze, Rheinmetall wächst um 40 Prozent — das Geld verschwindet nicht, es verlagert sich. Zugleich liefert die Note van Akens stärkstes Argument nach, und zwar aus einer Quelle, die Aufrüstung nicht kritisiert: das Überkapazitäten-Problem. Rheinmetall fordert ein Staatsfinanzierungsmodell, bei dem der Staat Leerkapazitäten mitträgt, damit sie im Ernstfall bereitstehen — womit ein Akteur entsteht, dessen Geschäftsgrundlage die Dauerhaftigkeit der Bedrohung ist, unabhängig davon, ob sie besteht. Das ist der Teil des Sicherheitsdilemmas, den van Aken nicht anspricht: Es hat nicht nur eine geopolitische Spirale, sondern auch eine industrielle.
Weiterdenken
Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
- Van Aken rechnet in fünfzig Jahren, Šešelgytė in Stunden. Gibt es eine Politik, die beide Zeithorizonte bedient — oder ist die Wahl des Horizonts bereits die politische Entscheidung?
- Wenn Abschreckung funktioniert, sieht man nichts. Wenn Diplomatie funktioniert, sieht man auch nichts. Woran erkennt man dann, welche von beiden gewirkt hat — und wer profitiert davon, dass man es nicht erkennen kann?
- Šešelgytė sagt, ohne Waffen gebe es kein Brot. Van Aken sagt, wegen der Waffen fehle das Brot. Beide sprechen über dieselbe Gesellschaft. Was müsste man wissen, um zu entscheiden — und ist dieses Wissen überhaupt vor der Entscheidung zu haben?
- Panmunjom hält seit dreiundsiebzig Jahren. Ist das ein Argument für Abschreckung oder eine Warnung davor, wie lange ein Provisorium dauern kann, in dem man einrichtet, was man nie wollte?
- Van Aken fragt, warum junge Menschen nicht zur Bundeswehr wollen, und antwortet mit dem Sozialstaat. Was, wenn die Antwort woanders liegt — und was sagte es über ein Land, wenn niemand mehr sagen kann, was daran verteidigenswert ist?












