Biographischer Snapshot
Wer spricht?
Dr. Jana Puglierin (12. Mai 1978 in Siegen) — Politikwissenschaftlerin, Leiterin des Berliner Büros des European Council on Foreign Relations (ECFR) und dort Senior Policy Fellow (beides seit Januar 2020). Leitet außerdem das ECFR-Projekt Re:Order zu neuen Ordnungsvorstellungen und dem Zusammenspiel von Wirtschaftsmacht und geopolitischem Einfluss.
Studium der Politikwissenschaft, des Öffentlichen Rechts und der Soziologie in Bonn; Promotion über den deutsch-amerikanischen Emigranten John H. Herz, den Vater des Begriffs Sicherheitsdilemma. Vor dem ECFR: Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) — zuletzt vier Jahre Leiterin des Alfred von Oppenheim-Zentrums für europapolitische Studien — und Mitarbeiterin des CDU-Außenpolitikers Roderich Kiesewetter im Bundestag (Abrüstung, Rüstungskontrolle, Nonproliferation).
Schwerpunkte: deutsche und europäische Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik, transatlantische Beziehungen, europäische Verteidigungsfähigkeit, europäische Meinungsforschung.
Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine eine der meistgefragten sicherheitspolitischen Stimmen im deutschsprachigen Raum. Monatliche Handelsblatt-Kolumne zu Geoökonomie (im Wechsel mit Claudia Major, davor Wolfgang Ischinger).
Buch: Wer verteidigt Europa? (Rowohlt 2026)
Biografie
Jana Puglierin wächst in Siegen auf, macht 1997 Abitur am dortigen Evangelischen Gymnasium und geht für ein Jahr nach Paris, wo sie an der Sorbonne die Unterrichtsqualifikation für Französisch als Fremdsprache erwirbt. Von 1998 bis 2003 studiert sie in Bonn Politikwissenschaft, Öffentliches Recht und Soziologie — Masterabschluss mit Bestnote, dazwischen ein Semester an der Venice International University.
Ihre Promotion, zwischen 2003 und 2009 entstanden und teilweise in den USA recherchiert, gilt John H. Herz — dem aus Deutschland vertriebenen Politikwissenschaftler, der den Begriff des Sicherheitsdilemmas geprägt hat: Was ein Staat zu seiner Sicherheit tut, erzeugt die Unsicherheit des anderen. Herz nannte seine Position „liberalen Realismus”, eine „Hochzeit der Paradoxien” — genau der Titel, den Puglierin später einem Aufsatz über ihn gibt. Wer verstehen will, warum sie Abschreckung und Rüstungskontrolle nicht als Gegensätze behandelt, findet hier den Schlüssel. Parallel arbeitet sie von 2003 bis 2010 als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrbeauftragte am Bonner Lehrstuhl für Politikwissenschaft und Zeitgeschichte sowie in den Nordamerikastudien — zweimal, 2008 und 2009, wählt sie die Fachschaft zur besten akademischen Lehrenden.
Der Weg in die Berliner Politikberatung beginnt 2010 an der DGAP, im Programm „Berliner Forum Zukunft” zu Sicherheit, Verteidigung, Luft- und Raumfahrt. Danach ein Zwischenschritt, der ihre spätere Arbeit erklärt: Sie wird parlamentarische Mitarbeiterin von Roderich Kiesewetter (CDU) im Bundestag und betreut dort Außen- und Sicherheitspolitik, Abrüstung, Rüstungskontrolle und Nonproliferation. Sie kennt den Politikbetrieb also nicht nur als Beobachterin von außen. 2013 kehrt sie zur DGAP zurück, von Dezember 2015 bis Dezember 2019 leitet sie das Alfred von Oppenheim-Zentrum für europapolitische Studien. 2017 forscht sie als Visiting Fellow im American-German Situation Room, einer gemeinsamen Initiative von AICGS und German Marshall Fund.
Seit Januar 2020 leitet sie das Berliner Büro des European Council on Foreign Relations — jenes paneuropäischen Think Tanks, der mit regelmäßigen Mehrländer-Umfragen misst, was Europäer über Amerika, Russland und China tatsächlich denken. Puglierin ist an vielen dieser Studien beteiligt; sie kombiniert die Frage „was müsste Europa tun?” konsequent mit der Frage „was tragen Europas Gesellschaften mit?“.
Ihr institutionelles Netz ist dicht: seit Juni 2022 Mitglied und stellvertretende Sprecherin des Beirats der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, seit Januar 2023 Mitglied im Beirat für Zivile Krisenprävention und Friedensförderung der Bundesregierung, dazu Vorstandsämter in der Europäischen Bewegung Deutschland und der Deutschen Atlantischen Gesellschaft. 2024 führt Table.media sie unter den „Top Europe 100” der einflussreichsten europapolitischen Köpfe, 2026 erhält sie das Ehrenkreuz der Bundeswehr in Gold.
Eine familiäre Spur zieht sich durch ihr Engagement für Aussöhnung: Ihr Großvater mütterlicherseits war Wehrmachtssoldat, geriet 1945 in Gefangenschaft und arbeitete als Zwangsarbeiter in einem Landwirtschaftsbetrieb — gerettet wurde er von ihrer polnischen Großmutter, die ihm heimlich Essen zusteckte. Sie ist verheiratet und hat zwei Söhne.
Im Februar 2026 erscheint ihr Buch „Wer verteidigt Europa?” bei Rowohlt, das die Frage nach Europas Verteidigungsfähigkeit anhand konventioneller, hybrider und nuklearer Szenarien durchspielt.
Bücher & Publikationen
Bücher
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Wer verteidigt Europa? Die neuen Kriegsgefahren und was wir tun müssen, um uns zu schützen | 2026 | Rowohlt, 256 S. Durchspielt konventionelle, hybride und nukleare Bedrohungsszenarien und fragt, was europäische Staaten jetzt tun müssten, um ihre Bürger schützen zu können. |
| John H. Herz: Leben und Denken zwischen Idealismus und Realismus | 2011 | Duncker & Humblot (Dissertation). Biografie und Werkanalyse des Emigranten, der das Sicherheitsdilemma in die Internationalen Beziehungen einführte. |
Zentrale Policy-Papers & Studien (ECFR)
| Titel | Jahr | Worum es geht |
|---|---|---|
| Making defence European again (mit Rafael Loss, Marta Prochwicz Jazowska) | 06/2026 | Die russische Bedrohung verschwindet nicht — um sich ohne amerikanische Hilfe verteidigen zu können, brauchen Europäer ein eigenständig europäisches Modell von Verteidigung und Abschreckung. |
| Transatlantic twilight: European public opinion and the long shadow of Trump (mit Pawel Zerka, Arturo Varvelli) | 02/2025 | Umfragestudie kurz nach Trumps zweitem Amtsantritt: Europäer bewerten das transatlantische Verhältnis breit, aber nicht einhellig neu — und lassen sich spalten, wenn sie nicht zusammenarbeiten. |
| The art of vassalisation: How Russia’s war on Ukraine has transformed transatlantic relations (mit Jeremy Shapiro) | 04/2023 | Europas Reaktion auf den Krieg hat die Abhängigkeit von den USA nicht verringert, sondern bestätigt — riskant angesichts der kommenden Rivalität mit China. |
| Keeping America close, Russia down, and China far away (mit Pawel Zerka) | 06/2023 | Große Mehrländer-Umfrage: Europas Bürger passen ihr Weltbild langsamer an als ihre Regierungen — Führung muss Zustimmung erst herstellen. |
| Beyond Merkelism: What Europeans expect of post-election Germany (mit Piotr Buras) | 09/2021 | Um das Vertrauen der Partner zu halten, muss Berlin ausgerechnet die Prinzipien revidieren, die dieses Vertrauen erzeugt haben. |
| Crisis of confidence: How Europeans see their place in the world (mit Susi Dennison) | 06/2021 | Vertrauensverlust in EU-Institutionen nach der Pandemie — bei gleichzeitig ungebrochenem Wunsch nach mehr Kooperation. |
| The crisis that made the European Union: European cohesion in the age of covid (mit Busse, Loss, Zerka) | 12/2020 | Wie die Pandemie den Zusammenhalt der EU zugleich bedrohte und stärkte. |
Weitere Arbeiten aus der DGAP-Zeit: Perzeption und Instrumentalisierung: Russlands nicht-militärische Einflussnahme in Europa (mit Stefan Meister, 2015), Deutschland als europäische Führungsmacht: Die Sicht aus Frankreich, Griechenland und Polen (mit Claire Demesmay und Julian Rappold, 2017), Der Strategische Kompass (BAKS-Arbeitspapier, 2022).
Laufend: monatliche Geoökonomie-Kolumne im Handelsblatt · Beiträge in Die Zeit, Tagesspiegel, NZZ, Internationale Politik, War on the Rocks · Publikationsverzeichnis bei der DGAP · ECFR-Profil
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- WDR Europaforum: Frieden schaffen mit immer mehr Waffen? Aufrüstung und die Angst vor Krieg — re:publica 26, 20.05.2026, 34 Min. Panel mit Jan van Aken (Die Linke) und Margarita Šešelgytė (Vilnius) — der direkte Zusammenprall von Abschreckungslogik und Abrüstungsposition, moderiert vor Publikum.
- Jana Puglierin: Wer verteidigt Europa? — Heinrich-Böll-Stiftung, 03.03.2026, 1:36 Std. Ausführliche Buchvorstellung mit Diskussion; die vollständigste Darlegung ihrer Argumentation.
- Wer verteidigt Europa? (mit Jana Puglierin) — Recht politisch — Ralph Janik, 20.03.2026, 1:04 Std. Gesprächsformat mit einem Völkerrechtler; stärker auf rechtliche und institutionelle Fragen zugespitzt.
- Atlantic Talk #69: Europas Verteidigung — Podcast der Deutschen Atlantischen Gesellschaft, Gespräch mit Dario Weilandt.
Kernthesen
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Europa muss lernen, sich ohne Amerika zu verteidigen — nicht gegen es. Das Argument von Making defence European again (2026): Die russische Bedrohung verschwindet auf absehbare Zeit nicht, während die amerikanische Sicherheitsgarantie unsicher geworden ist. Daraus folgt für sie nicht der Bruch mit Washington, sondern ein eigenständig europäisches Modell von Verteidigung und Abschreckung — Fähigkeiten, die auch dann tragen, wenn die USA nicht kommen.
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Der Ukrainekrieg hat Europas Abhängigkeit vertieft, nicht verringert. In The art of vassalisation (2023, mit Jeremy Shapiro) beschreibt sie, wie die europäische Reaktion auf den Überfall die transatlantische Asymmetrie bestätigt hat: Europa lieferte Geld und Waffen, aber die strategische Führung lag in Washington. Angesichts der amerikanischen Hinwendung nach Asien nennt sie das eine unkluge Position — Vasallität ist bequem, bis der Patron sich abwendet.
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Verteidigungspolitik hat eine Zustimmungsfrage — und die wird zu selten gestellt. Ihre Umfragestudien laufen auf einen Befund hinaus: Europas Bürger justieren ihr Weltbild langsamer als ihre Regierungen. Wer aufrüsten will, muss die Mehrheit dafür erst gewinnen, statt sie vorauszusetzen; und wer sie nicht gewinnt, öffnet die Flanke für populistische Außenpolitik-Angebote, die sie in einem ECFR-Papier 2024 als „gefährliche antiwestliche Haltung” beschreibt, bevor sie Mainstream werde.
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Deutschland ist sicherheitspolitisch schlecht diversifiziert. Die Bundesrepublik verlasse sich in Verteidigungsfragen extensiv auf Frankreich und die USA und könne sich dadurch schnell isoliert und gefährdet wiederfinden. Zur Zeitenwende zieht sie eine zweischneidige Bilanz: Vieles habe sich bewegt, der eingeschlagene Kurs greife aber zu kurz — die härtesten politischen Debatten stünden noch bevor.
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Sicherheit ist ein Paradox, kein Rechenexempel. Ihre Herz-Prägung bleibt sichtbar: Der Mann, über den sie promovierte, hat sowohl das Sicherheitsdilemma benannt als auch daran festgehalten, dass sich das Dilemma politisch bearbeiten lässt. Abschreckung und Rüstungskontrolle sind bei ihr darum keine Gegensätze, sondern zwei Hälften derselben Aufgabe.
Politische Einordnung
Puglierin steht für eine transatlantisch grundierte, abschreckungsorientierte Position — in der Sprache der Disziplin: liberaler Realismus. Ihr Ausgangspunkt ist die Verwundbarkeit Europas, nicht die Frage nach der Legitimität von Rüstung; ihre Reformidee zielt auf europäische Handlungsfähigkeit, nicht auf einen Bruch mit den USA. Diese Position hat einen erkennbaren biografischen und institutionellen Boden: Bundestagsarbeit für einen CDU-Außenpolitiker, 2007–2016 Arbeitskreis junger Außenpolitiker der Konrad-Adenauer-Stiftung, Vorstandsamt in der Deutschen Atlantischen Gesellschaft, Beiratsposten bei der Bundesakademie für Sicherheitspolitik und im Beirat für zivile Krisenprävention der Bundesregierung. Parteimitglied ist sie nicht bekanntermaßen; ihr Milieu ist das der sicherheitspolitischen Mitte, die von der Union bis zu Teilen von SPD und Grünen reicht.
Das ist eine Position, keine Wahrheit — und sie selbst hat den stärksten Einwand dagegen zum Promotionsthema gemacht. Herz’ Sicherheitsdilemma besagt genau das, was die Gegenseite in der Aufrüstungsdebatte vorbringt: Was der eine zu seiner Sicherheit tut, erzeugt die Unsicherheit des anderen und damit dessen Rüstung. Wer wie Jan van Aken von der Spirale her denkt, argumentiert mit Puglierins eigenem Referenzautor gegen ihre Schlussfolgerung. Sie kontert nicht mit einer Widerlegung der Spirale, sondern mit einer Zeitdiagnose: Gegen einen Gegner, der bereits angegriffen hat, kommt Verzicht zu spät. Ob diese Diagnose trägt, ist der eigentliche Streitpunkt — und er ist empirisch nicht abschließend entscheidbar, weil niemand weiß, welchen Krieg eine andere Politik verhindert oder ausgelöst hätte.
Zwei weitere Dinge gehören ehrlich dazu. Erstens: Wer Regierungen berät, Beiratsposten hält und ein Bundeswehr-Ehrenzeichen trägt, arbeitet nicht in Distanz zu den Institutionen, deren Politik er kommentiert; das macht Analysen nicht falsch, aber es verschiebt die Fragen, die man stellt — der ECFR fragt regelmäßig „wie wird Europa handlungsfähig?” und selten „soll Europa in dieser Form handlungsfähig werden?“. Zweitens, zu ihren Gunsten: Sie gehört zu den wenigen in diesem Feld, die die eigene Bevölkerung nicht als Störgröße behandeln. Ihre Umfrageforschung nimmt Skepsis gegen Aufrüstung als politisches Faktum ernst, das man überzeugen und nicht überstimmen muss — das unterscheidet sie von der Variante des sicherheitspolitischen Diskurses, in der Zustimmung nur als Kommunikationsproblem vorkommt.
Verbindungen zu anderen Denkern
(wird ergänzt)
Gedankenwelten-Notes
- WDR Europaforum — Frieden schaffen mit immer mehr Waffen — re:publica 26: Puglierin gegen van Aken und neben Šešelgytė; ihr Konter gegen den Zahlenvergleich (Input vs. Output) und die Butscha-Zäsur in der NATO-Planung












