Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Jörg Baberowski (1961, Radolfzell am Bodensee) — seit 2002 Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin, einer der profiliertesten Gewalt- und Stalinismusforscher des deutschsprachigen Raums.

Als Jugendlicher Mitglied im maoistischen Kommunistischen Bund Westdeutschland, aus streng katholischem Milieu — sein Weg ist eine fortwährende Abkehr vom ideologischen Erklären. Sein Frühwerk Der rote Terror (2003) deutete den Stalinismus noch aus der kommunistischen Idee; Verbrannte Erde (2012, Preis der Leipziger Buchmesse) ist die ausdrückliche Selbstrevision: Im Zentrum steht jetzt nicht die Ideologie, sondern die physische Gewalt als eigenes Herrschaftsmedium. Seit 2014 zugleich eine Reizfigur des öffentlichen Diskurses.

Biografie

Baberowski wird 1961 in Radolfzell am Bodensee geboren, wächst aber in Holzminden an der Weser auf — in einem streng katholischen Milieu (die Mutterseite stammt aus Paderborn). Als Jugendlicher ist er Mitglied im maoistischen Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW); sein späterer Weg ist eine fortgesetzte Abkehr von dieser ideologischen Prägung. Ein promovierter Philosophielehrer am Gymnasium — er nannte die pubertierenden Querköpfe „die Suchenden” — bringt ihm Marx, Nietzsche und Kant nach Hause, trifft sich privat mit ihm, und entzündet jene Leidenschaft für die philosophischen Fragen, die den Historiker bis heute umtreibt.

Er studiert Geschichte, Philosophie und Rhetorik — erst in Tübingen (dem „Geist von Ernst Bloch” nachreisend), dann, an der Wohnungsnot gescheitert, in Göttingen. Dort stößt er eher zufällig auf die sowjetische Geschichte: Ein Seminar über den stalinistischen Terror konfrontiert ihn mit dem „Blödsinn”, den er als KBW-Schüler über Mao und Pol Pot geredet hatte. Er lernt im Selbststudium Russisch, promoviert über die Justiz im Zarenreich (Frankfurt 1994), habilitiert über die Ursprünge des Stalinismus in Aserbaidschan (Tübingen 2001).

Prägend wird sein Jahr als Doktorand im zerfallenden Russland 1991/92 — leere Geschäfte, Schocktherapie, das Leben in einer Mangelgesellschaft, die vom Gabentausch lebt. Diese Erfahrung wird zum Schlüssel seiner späteren Deutung: warum Menschen sich nach dem Autoritären sehnen, wenn die Ordnung zusammenbricht.

Die intellektuelle Kehre ist das Herzstück seiner Vita: Der rote Terror (2003) erklärte den Stalinismus noch wesentlich aus der kommunistischen Ideologie. Verbrannte Erde (2012) ist die ausdrückliche Selbst-Revision — jetzt stehen Stalins Persönlichkeit und die physische Gewalt als eigenes Herrschaftsmedium im Zentrum, nicht mehr die Idee. Ab 2014/2015 (Ukraine-Krise, Flüchtlingskrise) tritt der Archiv-Historiker als öffentlicher Kommentator auf — und wird zur Reizfigur.

Bücher & Publikationen

Weitere: Der Feind ist überall. Stalinismus im Kaukasus (2003), Ordnung durch Terror (2006, mit A. Doering-Manteuffel), Die letzte Fahrt des Zaren (2025).

Empfehlenswerte Videos & Vorträge

Kernthesen

  1. Gewalt hat eine eigene Logik — nicht aus Ideologie ableitbar. Sie folgt einer eigenen Dynamik und entfaltet sich in „Räumen der Gewalt” (staatsferne, regelarme Zonen). Wer Gewalt erklären will, muss die Tat selbst betrachten, nicht nur die Ideen dahinter.
  2. Stalinismus als Herrschaft der Gewalt. Gewalt war „das Kommunikationsmedium der bolschewistischen Führung”. Stalin — „die Spinne im Netz des Terrors” — setzte seinen Anspruch in einem schwachen Staat durch permanente physische Gewalt durch.
  3. Herrschaft braucht Eindeutigkeit und Ordnung. Von Zarenreich bis Sowjetunion: Ordnung ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine fragile, stets bedrohte Errungenschaft.
  4. Liberalismus ist nicht Demokratie. Die repräsentative Demokratie sei eine antidemokratische Erfindung des 19. Jahrhunderts — gedacht, um den „Pöbel” fernzuhalten. Echte Demokratie sei das athenische Modell: direkt, durch Los, mit Rückrufrecht.
  5. Staatliche Herrschaft als Naturgesetz. Sobald es Staaten gibt, lässt sich nicht herrschaftsfrei regieren. Die Demokratie ist nicht ein Wert, sondern das beste Verfahren, diese Herrschaft erträglich und kontrollierbar zu machen.

Politische Einordnung

Kein Tribunal, kein Heiligenschein. Yin und Yang gehören bei Baberowski zusammengelesen.

Die eine Seite — der renommierte Wissenschaftler: Baberowski ist ein international anerkannter Stalinismus- und Gewaltforscher, Träger des Preises der Leipziger Buchmesse, HU-Lehrstuhlinhaber. Sein Gewaltbegriff hat das Fach geprägt. Präsidium und Geschichtsinstitut der HU stellten sich in den Konflikten ausdrücklich hinter ihn: seine Äußerungen seien „durchaus kontrovers, aber keineswegs rechtsradikal”. Auch Historiker wie Götz Aly verteidigten ihn.

Die andere Seite — die Reizfigur: Seit 2014 gilt er vielen als Brückenfigur zu rechtskonservativen bis rechten Diskursen. Die Konflikte konkret:

  • Das Hitler-Zitat: In einem Spiegel-Interview (Februar 2014) sagte er: „Hitler war kein Psychopath, er war nicht grausam.” Seine Verteidigung: Er habe Hitler mit Stalin verglichen — Stalin als Psychopath, der Gewalt genoss, Hitler als „Schreibtischtäter”, der die Folgen nicht sehen wollte; es gehe um eine typologische Unterscheidung der Gewaltausübung, nicht um Verharmlosung. Der Vorwurf: Kritiker sehen darin eine Relativierung der NS-Verbrechen.
  • Der Nolte-Bezug: Sein Sammelband Ordnung durch Terror (2006) vergleicht NS- und Stalin-Gewalt. Fachlich differenziert: Die Studie reetablierte ausdrücklich nicht Noltes These vom stalinistischen Terror als Ursache/Vorbild des NS — sie arbeitete Ähnlichkeiten und Eigenheiten heraus. Lob und Kritik fielen gemischt aus.
  • Bremer AStA / „rechtsradikal”: Der AStA Bremen warf ihm Rassismus und Rechtsradikalismus vor. Baberowski klagte. Ausgang ambivalent: Das LG Köln entschied (März 2017), der AStA dürfe ihn „rechtsradikal” nennen (Meinungsäußerung), nicht aber „rassistisch”. Als sich abzeichnete, dass das OLG gegen ihn entscheiden würde, zog er seinen Antrag zurück.
  • Trotzkisten-Konflikt (SGP/IYSSE): Seit der Einladung des Trotzki-Biografen Robert Service (2014) im Dauerstreit mit der trotzkistischen Splitterpartei SGP, die ihm „Geschichtsfälschung” vorwirft. Das LG Hamburg (2017) urteilte, die SGP dürfe diesen Vorwurf weiter erheben — gedeckt von der Meinungsfreiheit. (Einordnung: Die SGP/WSWS ist die schärfste Gegnerin, keine neutrale Quelle; die Urteile betreffen die Meinungsfreiheit der Kritiker, nicht eine festgestellte „Wahrheit” über Baberowski.)
  • Migration (2015): Scharfe Kritik an Merkels Asylpolitik und der „Willkommenskultur”, Forderung nach gesetzlich geregelter Einwanderung, Polemik gegen „linke Eliten”. Hier liegt der Kern des Vorwurfs der „Nähe zu rechten Diskursen” — Verteidiger sehen legitime, wenn auch konservative Migrationsskepsis.
  • Linke Studierende (2019): Er bezeichnete zwei Langzeit-Studierende öffentlich als „Linksextreme Fanatiker” und „unfassbar dumm”. Seine Darstellung: In 23 Jahren an der HU habe er nie Konflikte mit echten Studierenden gehabt — die Angreifer seien meist außeruniversitäre Aktivisten und organisierte Parteien, die die Universität als Bühne nutzten. „Auf das Niveau lasse ich mich nicht ein.”

Fazit: Ein ernstzunehmender Gewalthistoriker, dessen wissenschaftliches Werk auch von Gegnern respektiert wird — und ein politischer Polemiker, dessen Zuspitzungen ihn an den Rand des konservativen Spektrums und in die Reichweite rechter Vereinnahmung gebracht haben. Wo der Wissenschaftler endet und der Tagespolitiker beginnt, ist genau die umkämpfte Grenze.

Verbindungen zu anderen Denkern

  • Hannah Arendt — seine wichtigste Bezugsdenkerin: Die Zerstörung der Rechtsräume, in denen man überhaupt Rechte haben kann, ist Arendts Erbe in seiner Gewaltanalyse. Doch wo Arendt das Böse aus der Gedankenlosigkeit erklärt, betont Baberowski die ideologiefreie Eigendynamik der Tat.
  • Timothy Snyder — Baberowski schätzt Bloodlands hoch (die osteuropäischen Todeszonen, wo Hitler und Stalin sich trafen), kritisiert aber Snyders spätere Wendung zur Tagespolitik als Verlust für den großen Historiker.
  • Christopher Browning — dessen Ganz normale Männer ist für Baberowski der empirische Beleg seiner These: Menschen töten aus Konformität, nicht aus Überzeugung — kultur- und ideologieunabhängig.
  • Max Weber & Hans Kelsen — Stichwortgeber seines Demokratiebegriffs: Demokratie nicht als Wert, sondern als Verfahren, staatliche Herrschaft erträglich und kontrollierbar zu machen.
  • Martin Heidegger — „Sein zum Tode” und „Geworfenheit” prägen Baberowskis Sinn-Denken („Wir sind Gäste des Lebens”); Foucault liefert das Gegenmotiv: kein Anfang, kein Ende, kein teleologischer Sinn der Geschichte.
  • Chantal Mouffe — teilt die scharfe Trennung von Liberalismus und Demokratie, zieht daraus aber den agonistischen statt den konservativ-skeptischen Schluss.

Gedankenwelten-Notes