Worum es geht
Ein über drei Stunden langes Gespräch mit einem der renommiertesten — und umstrittensten — deutschen Gewalthistoriker. Baberowski denkt vom Tod her: Weil wir wissen, dass wir sterben, geben wir unserem Leben Sinn. Von dort spannt er einen Bogen zu Stalin und Putin, zur Logik der Gewalt, die sich keiner Ideologie verdankt, und endet bei einer Behauptung, die wehtut: Herrschaft sei ein Naturgesetz, und die liberale Demokratie sei nicht dasselbe wie Demokratie. Man muss ihm nicht folgen. Aber man kommt klüger heraus, wenn man ihm zuhört — und dabei prüft, wo der Historiker endet und der Polemiker beginnt.
Quelle: Historiker Jörg Baberowski über Putin, Herrschaft & liberale Demokratie — Jung & Naiv: Folge 832
Wer spricht?
Jörg Baberowski (1961, Radolfzell am Bodensee) — seit 2002 Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin, einer der profiliertesten Gewalt- und Stalinismusforscher des deutschsprachigen Raums.
Als Jugendlicher Mitglied im maoistischen Kommunistischen Bund Westdeutschland, aus streng katholischem Milieu — sein Weg ist eine fortwährende Abkehr vom ideologischen Erklären. Sein Frühwerk Der rote Terror (2003) deutete den Stalinismus noch aus der kommunistischen Idee; Verbrannte Erde (2012, Preis der Leipziger Buchmesse) ist die ausdrückliche Selbstrevision: Im Zentrum steht jetzt nicht die Ideologie, sondern die physische Gewalt als eigenes Herrschaftsmedium. Seit 2014 zugleich eine Reizfigur des öffentlichen Diskurses.
Wichtigste Werke: Verbrannte Erde (2012), Räume der Gewalt (2015), Am Volk vorbei. Zur Krise der liberalen Demokratie (2026) Kernkonzepte: Gewalträume, Herrschaft, Diktatorendilemma, Liberalismus ≠ Demokratie
Inhalt
Es gibt keinen Ort im Nirgendwo
▶ 2:16 — Baberowski beginnt nicht mit Putin, sondern mit dem Standpunkt des Beobachters. Wer auf die Vergangenheit blickt, blickt von irgendwo. Die Falle, in die Historiker wie Journalisten laufen, sei nicht die Subjektivität — die ist unausweichlich — sondern die Selbsttäuschung, das eigene Urteil für neutral zu halten.
„Das Entscheidende daran ist, dass man zwar weiß, dass es subjektiv ist, aber dass man sich klar macht, dass es keinen neutralen Standpunkt gibt. Die Falle, in die viele hineinlaufen, ist, dass sie ihre subjektive Auffassung für neutral halten.”
Objektivität, sagt er, liege nicht im neutralen Blick, sondern allein in der Methode — darin, dass jeder nachprüfen kann, wie ein Urteil zustande kam. ▶ 4:34 Und dann ein ehrlicher Satz, den die deutsche Wissenschaftskultur ungern hört: Über Wirkung entscheidet die Rhetorik. Wer gut schreibt, wird gelesen und für plausibel gehalten — nicht, weil er recht hat, sondern weil er Bilder im Kopf erzeugt. Die deutsche und die russische Wissenschaft pflegten ein trockenes, scheinbar neutrales Schreiben; die englische lehre den Essay, das Erzählen, das Ich im Text.
Eigene Einschätzung
Dieser Auftakt ist klüger, als er zunächst wirkt — und er ist die Folie, auf der man den ganzen Rest lesen sollte. Baberowski reklamiert für sich genau die Transparenz, die er einfordert: Ich sage euch, von wo ich schaue. Das ist sympathisch und intellektuell redlich. Es ist aber auch eine elegante Vorab-Immunisierung: Wer offen sagt, dass es keinen neutralen Blick gibt, kann jede Kritik als bloß anderen Standpunkt abtun. Die Methode bleibt prüfbar — die politische Zuspitzung, die er später aus ihr ableitet, nicht immer. Genau hier sitzt die Grenze, die durch dieses Gespräch läuft.
Wir sind Gäste des Lebens
▶ 13:45 — Der Historiker denkt vom Tod her. Mit Heidegger: Der Mensch weiß, dass er stirbt; der Hund weiß es nicht. Und aus diesem Wissen, dass wir geworfen wurden und wieder hinausgeworfen werden, ohne zu erfahren wozu, wächst der eine, unstillbare Drang — dem Sinnlosen einen Sinn abzutrotzen. Wir erzählen uns Geschichten. Wir bauen Kultur. Wir vererben den Nächsten etwas, das uns überdauert. Das Leben selbst hat keinen Sinn; wir geben ihn dem Leben, das wir führen.
„Wir sind Gäste des Lebens. Wir sind gar nicht diejenigen, die über das Leben befinden, sondern das Leben befindet über uns.”
▶ 27:31 Daraus folgt eine fast tröstliche Härte gegen den Unsterblichkeitstraum der Tech-Eliten: Ein Leben ohne Tod wäre kein Leben. Erst die Grenze gibt dem Tun sein Gewicht. Erführen wir morgen, dass die Erde in zwei Wochen vergeht, fiele im selben Augenblick alles in sich zusammen — Steuern, Bildung, Bücher, Musik. Was Sinn stiftet, ist allein der Gedanke, dass nach uns weitergelebt wird.
Weitergedacht
Wenn Sinn nur entsteht, weil wir sterben — ist dann die Sehnsucht der Unsterblichkeits-Apostel im Silicon Valley nicht der Wunsch, die einzige Quelle des Sinns trockenzulegen?
Bemerkenswert ist, was er aus seinem eigenen Alter zieht: ▶ 22:54 „Ich will die Welt nicht mehr retten.” Nicht aus Resignation, sondern aus einer fast buddhistisch klingenden Gelassenheit — er überlasse das Weltretten den Jungen, die noch Zeit haben. Sinnstiftung sei alterskontingent, milieukontingent: Wer im Slum von Rio um das Essen von morgen kämpft, hat andere Sinnprobleme als der Saturierte, der an die nächsten dreißig Jahre denken kann.
Eigene Einschätzung
Das ist die schönste Passage des Gesprächs, und sie zeigt einen Baberowski, den die Skandalisierung verdeckt: einen Denker mit echtem Gleichmut gegenüber der Vielfalt menschlicher Lebensentwürfe. Die Resonanz zur Vipassana-Haltung ist frappierend — anicca (alles wandelt sich, auch das eigene Sinnmodell), upekkhā (Gleichmut, kein Drang, anderen den letzten Sinn vorzuschreiben). Nur: derselbe Mann, der hier so großzügig die Sinnsuche jedes Menschen achtet, wird später bei der Migrationsfrage und den „linken Eliten” deutlich weniger großzügig. Die Toleranz ist echt — aber sie hat Ränder.
Geschichte als säkularisierte Erlösung
▶ 11:26 — Eine seiner schärfsten methodischen Einsichten: Die abendländische Geschichtsschreibung erzählt im Modus des Christentums, ohne es zu merken. Geschichten haben einen Anfang, einen dramatischen Verlauf, ein Ende — Aufstieg, Niedergang oder Erlösung. Marx’ Geschichtsbild liest er als säkularisiertes Heilsgeschehen: der Sündenfall (Eigentum, Arbeitsteilung), das Fegefeuer des Kapitalismus, am Ende die Erlösung.
„Alle großen Ideologien haben damit gearbeitet, den letzten Endzustand herbeizuschaffen, in dem Menschen Erlösung finden. Und die Geschichtsschreibung funktioniert immer nach diesem Motto.”
In China oder Japan, wo das Denken eher kreist als zielt, werde diese teleologische Bewegung gar nicht verstanden. Mit Foucault: Es gibt keinen Anfang und kein Ende; man wird in die Welt geworfen und wieder hinaus.
Eigene Einschätzung
Hier ist Baberowski ganz groß — die These, dass unsere vermeintlich säkularen Fortschrittserzählungen den Erlösungskern des Christentums ins Diesseits verlagern, trifft etwas Wahres und erklärt, warum politische Heilsversprechen so mächtig bleiben. Es ist zugleich die intellektuelle Wurzel seiner Demokratieskepsis: Wer keine Erlösung am Ende der Geschichte erwartet, misstraut jedem, der das Paradies verspricht — auch der Demokratie, wenn sie als Wert statt als Verfahren auftritt.
Die Gewalt hat ihre eigene Logik
Sein Lebensthema schimmert überall durch, am klarsten in der Frage nach den Tätern. ▶ 176:33 Er greift Christopher Brownings Ganz normale Männer auf — jenes Hamburger Polizeibataillon, dessen Mitglieder, meist über vierzig, keine überzeugten Nazis, in Polen und Weißrussland Frauen und Kinder erschossen. Brownings Befund, den Baberowski für „auf erschreckende Weise plausibel” hält:
„Menschen töten lieber, als sich nonkonform zu verhalten, und sie gewöhnen sich sehr schnell daran. Und wenn ich dafür auch noch einen Orden bekomme, dann scheint das moralisch auch gerechtfertigt zu sein.”
▶ 177:18 Entscheidend: Das funktioniere kulturunabhängig und unabhängig von den ideologischen Überzeugungen. Gewalt sei nicht der Vollzug eines Plans, sondern hat eine eigene Dynamik — Gruppenbindung, Distanz zur Heimat, Hierarchie, das Wissen, die Opfer überleben nicht. ▶ 178:03 Timothy Snyders Bloodlands ergänzt das räumlich: Beide Diktaturen schufen Todeszonen, indem sie — mit Hannah Arendt — die Rechtsräume zerstörten, in denen man überhaupt Rechte haben kann.
Eigene Einschätzung
Das ist der wissenschaftliche Kern, der Baberowski auch von Gegnern Respekt einträgt — und der zugleich politisch riskant ist. Wenn Gewalt sich keiner Ideologie verdankt, dann verliert die Frage „im Namen welcher Idee?” an Gewicht. Das ist analytisch befreiend (es erklärt, warum ganz normale Menschen morden) und zugleich gefährlich nah an der Entlastung: Wo niemand aus Überzeugung tötet, fällt es leichter, über die Überzeugungen hinwegzusehen. Genau an dieser Stelle entzündete sich der alte Vorwurf, er relativiere — siehe Faktencheck und die ehrliche Einordnung in der DenkerVita.
Stalin als Symbol, Putin als Blackbox
▶ 77:31 — Sein Jahr im zerfallenden Russland 1991/92 ist der Schlüssel zu seinem Putin-Bild. Leere Geschäfte, Schocktherapie, der Neoliberalismus, der „alle Solidaritätsbeziehungen zerstört” habe — und am Ende profitierten die rücksichtslosesten Gewalttäter. Daraus erklärt er, warum eine graue KGB-Maus populär werden konnte:
„Leute sehnen sich nur dann nach dem Autoritären, wenn das andere nicht funktioniert.”
▶ 80:32 Die Wiederkehr des Stalin-Kults deutet er nicht als Verehrung des Terroristen, sondern des Symbols: Stalin steht für den imperialen Machtstaat, der den Krieg gewann, das Imperium zusammenhielt. Lenin passt nicht ins Bild — er war der Zerstörer, und auf die Idee der Revolution sollen die Leute besser nicht kommen.
Über Putin selbst aber wird Baberowski auffällig vorsichtig. ▶ 82:02 „Wir wissen nicht, wer entschieden hat, die Ukraine anzugreifen.” Die Macht sei eine Blackbox, bewusst im Unklaren gehalten, damit niemand intervenieren kann. ▶ 82:48 Daraus das Diktatorendilemma: Der isolierte Despot hört irgendwann nur noch, was er hören will — und die drei, vier Leute, die ihn erreichen, wissen, dass sie ihn manipulieren können. Trump werde von Medien und Parlament korrigiert, Putin von niemandem mehr.
Weitergedacht
Wenn selbst ein ausgewiesener Russlandkenner sagt „wir wissen es nicht” — ist dann die westliche Gewissheit über Putins Motive nicht oft genau die Projektion, vor der Baberowski warnt?
Die Eskalation kennt keinen Ausweg
▶ 88:07 — Eine der eindrücklichsten Passagen. Alle hätten 2022 geglaubt, in zwei Wochen sei es vorbei — die russischen Soldaten hatten Verpflegung für drei Tage und die Paradeuniform im Tornister. Der Vergleich drängt sich auf: Operation Barbarossa, Marsch auf Moskau ohne Winterkleidung. Dann geht alles schief, und nun?
„Jetzt kommt man in eine fatale Dynamik hinein, eine Eskalationsdynamik. Die Leute stehen mit dem Rücken zur Wand.”
Putin habe seinen Leuten gesagt: Wenn wir das nicht zu Ende bringen, war’s das mit uns — dann baumeln wir alle. Wie Stalin, der die Seinen in Krisen hineintrieb, damit keiner ausscheren konnte. Eskalationsspiralen, so sein Befund, sind per se unkontrollierbar; es bräuchte einen mächtigen Spieler von außen, der sie beendet — und der hat gefehlt.
Eigene Einschätzung
Diese nüchterne Anatomie des „kein Ausweg” ist Baberowski von seiner stärksten Seite: kein moralisches Urteil, sondern eine kalte Logik der Lage, die erklärt, warum gerade das Scheitern den Krieg verlängert. Wer den Frieden will, lernt hier mehr als aus jedem Empörungston. Die Leerstelle: Was folgt daraus praktisch? Baberowski beschreibt die Falle meisterhaft und bleibt bei der Frage nach dem Ausgang bewusst zurückhaltend — ehrlich, aber für den, der handeln muss, unbefriedigend.
Liberalismus ist nicht Demokratie
▶ 152:49 — Hier liegt die zentrale These seines Buches Am Volk vorbei, und sie ist provokant: Was wir liberale Demokratie nennen, sei in Wahrheit eine antidemokratische Erfindung. Die repräsentative Demokratie hätten sich im 19. Jahrhundert die Liberalen und Konservativen ausgedacht — nicht um das Volk herrschen zu lassen, sondern um den „Pöbel” (Kant, Hegel) fernzuhalten.
„Die repräsentative Demokratie besteht darin, dass das Proletariat alle vier Jahre darüber abstimmen kann, von wem es beherrscht wird” — Lenins Diagnose, die Baberowski für „nicht ganz falsch” hält.
▶ 155:06 Die Liberalen hätten die Individualrechte vor allem zum Schutz ihres Eigentums auf die Fahnen geschrieben; das allgemeine, freie Wahlrecht sei eine Errungenschaft der Sozialdemokraten nach dem Ersten Weltkrieg, nicht der Liberalen. Das wahre demokratische Modell sei das antike Athen: direkt, durch Losverfahren, fähig, korrupte Amtsträger zu verbannen. Heute, mit der Technologie, wäre direktere Demokratie machbar — nur die Repräsentanten können das nicht wollen.
Eigene Einschätzung
Diese These ist historisch erstaunlich solide (siehe Faktencheck) — und politisch hochbrisant, weil sie von links wie rechts gelesen werden kann. Ein Linker hört: Die repräsentative Demokratie ist ein oligarchisches Bollwerk, demokratisiert sie! Ein Rechter hört: Die Eliten regieren am Volk vorbei, das Volk muss sich zurückholen, was ihm gehört. Baberowski selbst changiert — er empfiehlt Dezentralisierung, Losverfahren, Karenzregeln (klingt nach radikaler Demokratisierung), spricht aber zugleich von „linken Eliten”, die den Bürgern Verunsicherung als Preis der offenen Gesellschaft einredeten (klingt nach Populismus von rechts). Dieselbe Analyse, zwei Türen. Welche er selbst durchgeht, lässt er offen — und das ist die Quelle der Dauerkontroverse um ihn.
Herrschaft als Naturgesetz — und die Demokratie als das erträglichste Joch
▶ 150:33 — Sein Demokratiebegriff ist betont unromantisch. Mit Kelsen und Max Weber: Demokratie sei kein Wertesystem, sondern ein Verfahren, das Leben in Herrschaftssystemen erträglich zu machen. Überall werde der Mensch von Leuten bevormundet, die er nicht gewählt hat — Finanzbeamte, Polizisten, Lehrer. Die Demokratie sei die beste Art, diese Herrschaft in Grenzen zu halten.
▶ 158:09 Und dann der Satz, an dem sich die Geister scheiden — präzisiert auf Nachfrage: staatliche Herrschaft sei ein Naturgesetz. Sobald es Staaten gebe, lasse sich nicht herrschaftsfrei regieren.
„Wenn wir uns schon beherrschen lassen müssen, dann wollen wir wenigstens so beherrscht sein, dass wir sagen können: diese Herrschaft haben wir uns selber ausgesucht.”
▶ 160:25 Daraus folgt seine Verteidigung des Nationalstaats — nicht aus Nationalismus, sondern aus einer funktionalen Logik: Demokratische Selbstregierung brauche einen umgrenzten Raum, ein definiertes Staatsvolk, Grenzen. Grenzen schüfen überhaupt erst Rechtsräume, in die man fliehen kann. Der Staat habe zwei Gesichter: Repressionsinstrument und Wohltäter, der Sicherheit, Ordnung und Ausgleich schafft.
Weitergedacht
Ist „diese Herrschaft haben wir uns selbst ausgesucht” eine nüchterne Wahrheit über die Demokratie — oder eine bequeme Selbsttröstung, die jede tatsächliche Ohnmacht hinter einem Akt der Einbildung verschwinden lässt?
Eigene Einschätzung
Hier zeigt sich der Yin-Yang-Charakter seines Denkens am schärfsten. Die Unterscheidung von Herrschaft und Hierarchie/Kompetenz ist klug; sein Realismus („wir werden immer beherrscht, also sorgen wir dafür, dass wir es kontrollieren können”) ist ein vernünftiges Korrektiv gegen jeden naiven Herrschaftsfreiheits-Traum. Aber das Wort Naturgesetz ist der Stein des Anstoßes — und mit Recht. Was als Naturgesetz gilt, entzieht man dem Streit; es lässt sich nicht mehr verändern, nur „pragmatisch handhaben”. Genau das ist der konservative Kern Baberowskis: die Ordnung als fragile, stets bedrohte Errungenschaft, die man bewahren, nicht überwinden soll. Wer wie er in den 90ern den Zusammenbruch von Ordnung roh erlebt hat, dem leuchtet das ein. Wer auf die emanzipatorische Tradition setzt, hört darin die Resignation vor dem Bestehenden. Beides ist wahr.
Faktencheck
Hinweis
Diese Note behandelt einen Denker; geprüft werden nur die nachprüfbaren empirischen und historischen Claims, nicht seine Deutungen, Wertungen oder politischen Positionen. Wo Baberowski interpretiert (Liberalismus-Kritik, Herrschaftsbegriff), ist das Position, nicht Faktum.
Bestätigt — Browning, „Ganz normale Männer"
Das Reserve-Polizeibataillon 101 bestand aus überwiegend älteren Hamburger Familienvätern aus der Arbeiterschicht, mehrheitlich ohne NSDAP-Mitgliedschaft und ohne militärische Erfahrung; es war an Massenerschießungen von Juden in Polen 1942 beteiligt. Brownings zentrale These erklärt diese Taten primär aus Gruppendynamik, Konformität und Autoritätsgehorsam — nicht aus ideologischem Fanatismus. Baberowski gibt das fachlich korrekt wieder. Quelle: Ordinary Men — USHMM
Bestätigt — Wahlrecht & Demokratiefurcht der Verfassungsväter
Das allgemeine, gleiche Wahlrecht wurde in Europa nach dem Ersten Weltkrieg durchgesetzt — getragen vor allem von sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien, nicht von den Liberalen (in Deutschland 1918/19). Und die US-Verfassungsväter fürchteten die direkte „mob-rule”-Demokratie und reservierten das Stimmrecht für Besitzende und Gebildete — „Demokratie” war im 18. Jh. überwiegend negativ konnotiert. Baberowskis Zuspitzung ist eine Deutung der Motive, aber faktisch gestützt. Quelle: How Socialists Won Our Democratic Rights — Tribune · Today’s Democracy… — VOA
Bestätigt — Athenische Demokratie, Losverfahren & Ostrakismos
In Athen wurden Ämter weitgehend per Los besetzt (Sortition; die neun Archonten ab ca. 487/486, die Geschworenengerichte über das Kleroterion). Der Ostrakismos verbannte einen Bürger für zehn Jahre. Stimmberechtigt waren ausschließlich freie männliche Bürger — Frauen, Sklaven und Metöken ausgeschlossen. Vollständig korrekt. Quelle: Sortition in Ancient Athens — Brewminate
Bestätigt — Staatlich geförderte Stalin-Rehabilitierung im heutigen Russland
Über 100 Stalin-Denkmäler wurden seit 2000 errichtet, die Zahl stieg nach der Invasion 2022 deutlich (über 120). Die staatliche Propaganda zeichnet Stalin als siegreichen Kriegsführer; Umfragen zeigen rund 60–70 % positive Haltung. Das kontrastiert mit der Entstalinisierung (Chruschtschows Geheimrede 1956; Stalingrad → Wolgograd 1961) — bemerkenswert, da Russland zugleich Opfer-Denkmäler abbaut. Quelle: New Stalin Monument — Moscow Times · Monumental Re-Stalinisation — Re:Russia
Bestätigt — Russische Invasionsplanung 2022 auf schnellen Sieg
Westliche und ukrainische Analysen gehen davon aus, dass Kyjiw „in drei Tagen” genommen werden sollte; gefangene Soldaten und ein ukrainischer Geheimdienstbericht nennen Verpflegung für nur drei Tage; zurückgelassene Paradeuniformen deuten auf eine geplante Siegesparade. Der „Drei-Tage-Plan” ist eine Rekonstruktion aus Indizien, kein offen verkündetes Dokument. Quelle: Russians Planned a Victory Parade in Kyiv — Daily Beast
Bestätigt — Putins Selbstisolation seit Corona
Der sechs Meter lange Tisch bei den Treffen mit Macron und Scholz (Februar 2022) ist dokumentiert und wurde mit Corona-Schutz begründet. Besucher mussten sich isolieren, drei negative PCR-Tests vorlegen oder am fernen Tischende sitzen — Macron und Scholz lehnten den Kreml-Abstrich ab. Quelle: Putin’s giant table — France 24
Sherlocks Gesamturteil
Bei den historischen Kern-Claims (Browning, Wahlrecht/Verfassungsväter, Athen) bewegt sich Baberowski sauber und präzise in seinem Fach. Wo er zuspitzt (Wahlrecht als „sozialdemokratische” Errungenschaft, der „Drei-Tage-Plan”), ist das eine legitime historische Deutung auf belegter Grundlage — kein Faktenfehler. Seine politischen Thesen (Herrschaft als Naturgesetz, Liberalismus ≠ Demokratie) sind Positionen und werden hier bewusst nicht „geprüft”.
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung:
- Jung & Naiv — Folge 832 (YouTube) — das vollständige, ungeschnittene Gespräch (über 3 Stunden)
- Jörg Baberowski: Am Volk vorbei. Zur Krise der liberalen Demokratie (C.H. Beck, 2026) — das im Gespräch besprochene aktuelle Buch
Im Gespräch erwähnte Werke & Denker:
- Christopher Browning: Ganz normale Männer — Studie über das Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101
- Timothy Snyder: Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin
- Hannah Arendt — die Zerstörung der Rechtsräume (→ Hannah Arendt — Denken ohne Geländer)
- Martin Heidegger: Sein und Zeit — „Sein zum Tode”
- José Saramago — Roman über eine Welt, in der niemand mehr stirbt (Eine Zeit ohne Tod)
- Hans Kelsen, Max Weber — Demokratie als Verfahren der Herrschaftskontrolle
- Arthur Schopenhauer: Die Kunst, recht zu behalten (Publikumshinweis)
Recherchiert (Sherlock):
- Monumental Re-Stalinisation — Re:Russia — Stalin-Denkmäler hoch, Opfer-Denkmäler abgebaut
- Stalin Is Making a Comeback in Russia — Moscow Times — der Stalin-Kult im Kriegskontext
- Russian Kyiv convoy — Wikipedia — der gescheiterte Vorstoß auf Kyjiw
- Ostracism in Ancient Greece — History & Policy
Verbindungen
→ Hannah Arendt — Denken ohne Geländer
Baberowski stützt seine Gewaltanalyse ausdrücklich auf Arendts These der zerstörten Rechtsräume — wo das Recht endet, beginnt die Todeszone. Doch wo Arendt das Böse aus dem Verlust des Denkens (Banalität) erklärt, verschiebt Baberowski den Akzent auf die ideologiefreie Eigendynamik der Gewalt: zwei Lesarten desselben Täters.
→ Chantal Mouffe — Das Politische und die Politik
Beide trennen die liberale Demokratie scharf vom Liberalismus und lesen den Populismus nicht als Pathologie, sondern als systemisches Symptom — doch wo Mouffe daraus den agonistischen Raum als demokratische Heilung fordert, sieht Baberowski Herrschaft als unhintergehbares Naturgesetz und endet beim erträglichsten Joch statt bei der Radikalisierung der Demokratie.
→ Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer
Mausfelds These, die repräsentative Demokratie sei ein elitäres Herrschaftsinstrument, das den Demos vom eigentlichen Entscheiden fernhält, deckt sich verblüffend mit Baberowskis „am Volk vorbei” — beide berufen sich auf das antike Athen als wahres Modell, doch Baberowski misstraut auch dem Volkswillen, während Mausfeld ihn emanzipatorisch mobilisieren will.
→ Walther Ziegler — Heidegger in 60 Minuten
Baberowskis „Wir sind Gäste des Lebens” ist gelebtes Sein-zum-Tode: Erst das Wissen um die eigene Endlichkeit nötigt den Menschen, dem Sinnlosen einen Sinn abzutrotzen. Wo Heidegger das ontologisch entfaltet, übersetzt der Historiker es in eine fast buddhistische Gelassenheit gegenüber der Vielfalt der Sinnentwürfe.
→ Wendy Brown — DenkerVita
Beide diagnostizieren, dass der Neoliberalismus die Solidaritätsbeziehungen auflöst und so die Demokratie aushöhlt — Baberowski erlebt das konkret im zerfallenden Russland der 90er, aus dem heraus er Putins Aufstieg erklärt. Doch Brown verteidigt das demokratische Versprechen gegen die Marktlogik, während Baberowski die liberale Demokratie selbst als oligarchische Konstruktion entlarvt.
→ Kolja Möller — DenkerVita
Möller liefert die Demokratietheorie zu Baberowskis Bauchgefühl: Populismus ist nicht Irrationalität, sondern die strukturelle Anrufung der Volkssouveränität gegen die Eliten. Beide sehen darin etwas Belebendes wie Gefährliches — die offene Frage, ob das „Volk gegen die Elite” die Demokratie erneuert oder zersetzt, treibt beide um.
→ Ivan Krastev — Wie zukunftsfaehig ist Europa
Krastev liest den Populismus als Rebellion gegen die Demütigung des Nachahmungszwangs, Baberowski als Reaktion auf eine Demokratie, die „am Volk vorbei” regiert — zwei Erklärungen desselben Ressentiments. Beide nehmen die illiberale Wende ernst, statt sie als bloßen Rückfall abzutun.
→ Martin Sonneborn — Endloser Krieg
Dieselbe Eskalationsdynamik des Ukraine-Kriegs, entgegengesetzte Blickrichtung: Sonneborn macht die westliche Kriegsökonomie zur Ursache und blendet den Aggressor aus, während Baberowski gerade die unkontrollierbare Logik der Spirale und das Diktatorendilemma Putins ins Zentrum stellt — ein Kontrast, der zeigt, wie sehr der Standpunkt das Urteil formt.
Weiterdenken
Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
- Wenn Gewalt sich keiner Ideologie verdankt, sondern einer eigenen Dynamik folgt — verlieren wir dann das Recht, die Überzeugungen der Täter zu verurteilen, oder gewinnen wir erst den klaren Blick auf das, was Menschen wirklich zum Töten bringt?
- Baberowski sagt, die liberale Demokratie sei eine oligarchische Erfindung. Wenn das stimmt — warum verteidigen wir sie dann mit dem Pathos, das eigentlich nur der echten Volksherrschaft zustünde?
- „Diese Herrschaft haben wir uns selbst ausgesucht.” Ist das die Würde des mündigen Bürgers — oder die Geschichte, die sich die Beherrschten erzählen, um die eigene Ohnmacht zu ertragen?
- Derselbe Denker, der jedem Menschen seinen eigenen Sinn zugesteht, spricht von „linken Eliten”, die anderen das Sagbare vorschreiben. Wo verläuft bei ihm — und bei uns — die Grenze zwischen echter Toleranz und der Toleranz nur für das Eigene?
- Wenn Sinn nur entsteht, weil wir sterben — was bedeutet das für eine Gesellschaft, die das Altern und den Tod immer gründlicher aus dem Blick schafft?










