Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Jok Madut Jok ist ein südsudanesischer Anthropologe und Konfliktforscher — geboren und aufgewachsen im Süden des damaligen Sudan, ausgebildet in Ägypten und den USA (PhD medizinische Anthropologie, UCLA). Er ist Mitgründer und langjähriger Direktor des Sudd Institute, eines Public-Policy-Thinktanks in Juba, und war nach der Unabhängigkeit 2011 zwei Jahre lang Undersecretary im südsudanesischen Ministerium für Kultur und Erbe. Sein Blick verbindet Feldforschung im Krieg mit der Sorge um das, was einen jungen Staat innerlich zusammenhält — oder zerreißt.

Biografie

Jok Madut Jok wuchs im Süden des Sudan auf, in einer Region, die erst Jahrzehnte später zum eigenen Staat Südsudan werden sollte — geprägt von einem Bürgerkrieg, der zwei Generationen lang das Leben zwischen Khartum und dem Süden bestimmte. Seine Schul- und Studienjahre führten ihn über Ägypten in die USA, wo er an der University of California, Los Angeles (UCLA) in medizinischer Anthropologie promovierte. Der Weg vom Kriegsland in die westliche Akademie ist bei ihm kein Bruch, sondern Programm: Er kehrt mit den Werkzeugen der Ethnographie zu den Fragen zurück, die ihn geformt haben — Gewalt, Sklaverei, reproduktive Gesundheit im Krieg, die Politik der Identität.

In den USA lehrte er lange als Professor für Geschichte und African Studies an der Loyola Marymount University in Los Angeles. Doch der entscheidende Wendepunkt kommt mit der Unabhängigkeit des Südsudan 2011: Jok geht zurück in den jungen Staat und übernimmt für zwei Jahre (2011–2013) das Amt des Undersecretary im Ministerium für Kultur und Erbe — an der Nahtstelle zwischen Wissenschaft und Staatsbildung, dort, wo entschieden wird, welche Erzählung ein Volk von sich selbst haben soll.

Aus derselben Überzeugung — dass ein Land seine eigenen Denker und Daten braucht — gründet er mit Kollegen das Sudd Institute in Juba, einen unabhängigen Thinktank für evidenzbasierte Politikforschung. Er ist zudem Fellow des Rift Valley Institute und hat Fellowships am US Institute of Peace, am Woodrow Wilson International Center for Scholars sowie Verbindungen zum Pitt Rivers Museum (Oxford) und zur Maxwell School (Syracuse University) gehalten, wo er zuletzt als Professor und Director of Graduate Studies wirkte. Über all diese Stationen bleibt der Kern derselbe: der Krieg nicht als Statistik, sondern als gelebte Erfahrung von Menschen — und die Frage, wie aus Überlebenden ein „Wir” werden kann.

Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Militarization, Gender and Reproductive Health in South Sudan1998Wie Militarisierung, Geschlechterordnung und reproduktive Gesundheit im Krieg ineinandergreifen — Feldforschung über die Körper, an denen der Krieg zuerst geschrieben wird.
War and Slavery in Sudan2001Ethnographie politischer Gewalt: die Wiederkehr der Sklaverei als Waffe im sudanesischen Bürgerkrieg — Reihe The Ethnography of Political Violence (University of Pennsylvania Press).
Sudan: Race, Religion and Violence2007Eine Kurzgeschichte des Landes entlang seiner Bruchlinien — Rasse, Religion, Gewalt — als ineinander verwobene Antriebe des Dauerkonflikts (Oneworld).
Breaking Sudan: The Search for Peace2017Warum Friedensabkommen scheitern und was echte Versöhnung bräuchte — die Suche nach Frieden jenseits der Elitenpakte (Oneworld).

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Empfehlenswerte Videos & Vorträge

Kernthesen

  1. Elitenpakt ≠ gelebter Frieden. Ein am Verhandlungstisch geteilter Machtkuchen beendet die Symptome des Krieges, nicht seine Ursachen. Solange Frieden Sache der Führer bleibt und nicht der Gemeinschaften, ist er nur eine Pause zwischen den Runden der Gewalt.
  2. Ethnizität ist Instrument, nicht Ursprung. Die „ethnischen” Konflikte des Südsudan sind selten uralte Feindschaften — sie werden von politischen Eliten als Werkzeug der Machtsicherung mobilisiert. Wer die Gewalt verstehen will, muss nach dem Interesse fragen, nicht nach dem Stamm.
  3. Der Staat braucht ein gemeinsames „Wir”. Ein Land, das aus dem Krieg geboren wurde, muss erst eine Erzählung finden, in der sich alle wiederfinden. Ohne diese moralische Gründung — eine geteilte Vorstellung davon, wer wir zusammen sind — bleibt Südsudan eine Landkarte ohne Nation.
  4. Der Krieg schreibt sich in Körper. Gewalt ist nicht abstrakt: Sie zeigt sich in Sklaverei, in geschlechtsspezifischer Gewalt, in der reproduktiven Gesundheit von Frauen. Die Ethnographie muss dort hinsehen, wo der Krieg am konkretesten ist — am einzelnen Menschen.
  5. Ein Land braucht eigene Denker und eigene Daten. Evidenzbasierte Politik von innen — durch Institutionen wie das Sudd Institute — statt geliehener Analysen von außen. Wer über den Südsudan urteilt, sollte im Südsudan hinsehen.

Politische Einordnung

Jok gilt als unabhängiger Intellektueller, der weder der Regierung noch der Opposition nach dem Mund redet. Seine Kritik trifft beide Seiten des südsudanesischen Machtkampfes: die Eliten, die Ethnizität für ihre Interessen instrumentalisieren, ebenso wie die internationale Gemeinschaft, wenn sie Frieden mit Abkommen verwechselt. Er ruft konsequent zu gewaltfreier Verständigung und einer moralischen Neubegründung des Staates auf — nicht aus einer Parteinahme heraus, sondern aus der Sorge um das Überleben einer gemeinsamen Idee von Südsudan. Sein Standpunkt ist der des Anthropologen, der bei den Menschen bleibt, wenn die Politik sie längst zu Kategorien gemacht hat.

Verbindungen zu anderen Denkern

(wird von Montaigne befüllt)

Cortex-Notes