Biographischer Snapshot
Wer spricht?
Julie Pagis (1980, Reilhanette, Frankreich) — Soziologin am CNRS, Mitglied des Institut de recherche interdisciplinaire sur les enjeux sociaux (IRIS) an der EHESS in Paris. Studierte zunächst Biologie an der École normale supérieure, bevor sie zu den Sozialwissenschaften wechselte. Forschte zunächst über die biographischen Nachwirkungen des Mai 68 auf gewöhnliche Aktivisten und deren Kinder. Ihr Buch Le prophète rouge (2024) analysiert am Einzelfall eines maoistischen Anführers im Frankreich der 1970er Jahre die Mechanismen charismatischer Herrschaft — jenseits religiöser Kontexte, rein politisch.
Wichtigste Werke: Mai 68, un pavé dans leur histoire (2014), L’Enfance de l’ordre (mit W. Lignier, 2017), Le prophète rouge (2024) Kernkonzepte: Charismatische Herrschaft (Weber), Herrschaft vs. Beherrschen, Passing/Dissimulation
Biografie
Julie Pagis wuchs am Fuß des Mont Ventoux auf — ihre Eltern, beide Agraringenieure aus Marseille, hatten im Geist von 1968 ihre bürgerlichen Karrieren aufgegeben und betrieben seit 1974 eine Bauernhof-Kommune. Sie war also selbst ein Kind der Soixante-huitards, bevor sie diese zum Forschungsgegenstand machte.
An der École normale supérieure d’Ulm begann sie mit Biologie — ein naturwissenschaftlicher Blick, der ihre soziologische Arbeit bis heute prägt: Sie denkt in Mechanismen, nicht in Narrativen. Der Wechsel zu den Sozialwissenschaften führte sie an die EHESS, wo sie 2009 bei Gérard Mauger promovierte — mit einer Arbeit über die biographischen Nachwirkungen des Aktivismus von Mai 68 auf zwei Generationen.
Seit 2010 ist sie chargée de recherche am CNRS. Sie war 2016–2019 Co-Direktorin der Zeitschrift Genèses. Sciences sociales et histoire und habilitierte 2024 an der EHESS. Neben der akademischen Arbeit schrieb sie 2014/2015 Kolumnen in Libération und brachte 2017 eine soziologische Graphic Novel (Prézizidentielle, mit Lisa Mandel) heraus — eine ungewöhnliche Form der Wissensvermittlung.
Der Wendepunkt zu Le prophète rouge kam über die Mai-68-Forschung: In den Archiven stieß sie auf die Geschichte einer maoistischen Mikrogruppe, die unter dem Einfluss eines charismatischen „Propheten” namens Fernando vollständig unterworfen wurde. Was als Randnotiz begann, wurde zur jahrelangen Obsession — und zum aufschlussreichsten Buch über charismatische Herrschaft der letzten Jahre.
Bücher & Publikationen
- Le prophète rouge: Enquête sur la révolution, le charisme et la domination (2024)
- Mai 68, un pavé dans leur histoire (2014)
- L’Enfance de l’ordre (2017, mit Wilfried Lignier)
- May 68: Shaping Political Generations (2018, englische Fassung der Dissertation)
- Prézizidentielle (2017, Graphic Novel mit Lisa Mandel, Casterman)
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Zwischen Politik und Sekte: Die Psychologie der Kontrolle | ARTE — Deutschsprachiges Gespräch mit Laura Raim über Le prophète rouge
- France Culture — Le Book Club: Démystifier les prophètes — Ausführliches Gespräch auf Französisch
Kernthesen
- Charisma ist relational, nicht personal. In Webers Tradition: Charismatische Herrschaft beruht nicht auf den Eigenschaften des Anführers, sondern auf dem Glauben der Gefolgschaft.
- Herrschaft vs. Beherrschung. Herrschaft bringt Menschen dazu, zu tun, was der Herrscher will. Beherrschung bringt sie dazu, zu denken, was er möchte — einschließlich der eigenen Selbstwahrnehmung.
- Die biographische Sackgasse als Voraussetzung. Charismatische Führerfiguren treffen auf Menschen in Krisensituationen — persönlich und gesellschaftlich. Ohne diese Voraussetzung funktioniert der Mechanismus nicht.
- Eskalation als Systemlogik. Da der Anführer seinen Status permanent beweisen muss, steigern sich die Forderungen zwangsläufig — bis zur Absurdität.
- Der Prophet als Blender (Passing). Pagis zeigt, dass charismatische Anführer oft systematisch ihre Identität konstruieren — Betrug und Charisma sind strukturell verwandt.
Politische Einordnung
Pagis kommt aus dem Umfeld der kritischen französischen Soziologie (EHESS, Genèses). Ihre Arbeit ist politisch links verortet, aber empirisch fundiert und nicht agitatorisch. Sie zieht explizit Parallelen zwischen linken und rechten „Propheten” (Fernando ↔ Trump/Bolsonaro) und warnt davor, charismatische Herrschaft ideologisch selektiv zu analysieren.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Erich Fromm — Fromms Analyse des autoritären Charakters und der „Flucht vor der Freiheit” ist das psychoanalytische Gegenstück zu Pagis’ soziologischem Ansatz. Beide fragen: Warum unterwerfen sich Menschen freiwillig?
- Eva von Redecker — Von Redeckers Arbeit über autoritäre Persönlichkeitsstrukturen und den „Drang nach Härte” ergänzt Pagis’ Analyse der Gefolgschaftsseite.












