Biografie
- Historiker, Literaturwissenschaftler und Buchautor — geboren am 9. November 1967 in Hamburg.
- Studium der Geschichts- und Literaturwissenschaften in Berlin. Magisterarbeit über die schriftstellerischen Versuche des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels (erschienen als Vom Poeten zum Demagogen, Böhlau Verlag).
- Wissenschaftsredakteur bei Die Zeit, Facts und der Weltwoche; schrieb außerdem für FAZ, GEO, Berliner Zeitung und Brand eins — Schwerpunkte Archäologie, Religion, Evolution.
- Zwei produktive Autorenpartnerschaften: mit dem Anthropologen und Evolutionsbiologen Carel van Schaik (Bibel- und Evolutions-Trilogie) und mit dem Archäologen Harald Meller (Himmelsscheibe von Nebra, Schamanin von Bad Dürrenberg). Bei den Meller-Arbeiten half er, den frühesten nachweisbaren Fürstenmord der Menschheitsgeschichte aufzudecken.
- Lebt als Autor in Zürich und im Schwarzwald.
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Das Tagebuch der Menschheit. Was die Bibel über unsere Evolution verrät | 2016 | Mit Carel van Schaik. Liest die Bibel als evolutionäres „Tagebuch” — ein Krisenbewältigungsprotokoll der Menschheit nach der neolithischen Revolution. |
| Die Himmelsscheibe von Nebra | 2018 | Mit Harald Meller. Bestseller über die berühmteste Himmelsdarstellung der Bronzezeit. |
| Die Wahrheit über Eva. Die Erfindung der Ungleichheit von Frauen und Männern | 2020 | Mit van Schaik. Wissensbuch des Jahres 2021 (Kategorie „Überraschung”). Wie soziale Ungleichheit der Geschlechter kulturell entstand. |
| Griff nach den Sternen. Nebra, Stonehenge, Babylon | 2021 | Mit Harald Meller. Reise ins Universum der Himmelsscheibe. |
| Das Rätsel der Schamanin | 2022 | Mit Harald Meller. Über die Schamanin von Bad Dürrenberg — archäologische Reise zu unseren Anfängen. |
| Mensch sein. Von der Evolution für die Zukunft lernen | 2023 | Mit van Schaik. Synthese der Trilogie: die „drei Naturen des Menschen” und was wir aus der Humanevolution für die Zukunft lernen können. |
| Die Evolution der Gewalt. Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen | 2024 | Mit Harald Meller und Carel van Schaik. Shortlist Preis der Leipziger Buchmesse 2025. Warum Krieg uns nicht in den Genen steckt. |
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Ist der Mensch im Grunde gut? — Sternstunde Religion (SRF, 2023) — Kai Michel und Carel van Schaik im Gespräch über Mensch sein, die drei Naturen und die Frage nach dem menschlichen Wesen in Krisenzeiten.
- Die Evolution der Gewalt — Deutschlandfunk Kultur, Lesart (2024) — Gespräch über das jüngste Buch: warum Krieg keine biologische Zwangsläufigkeit ist.
- Die Wahrheit über Eva — Deutschlandfunk Kultur (2021) — wider das männliche Überlegenheitsdenken.
Kernthesen
- Die drei Naturen des Menschen. Erste Natur: die evolutionär geformten Instinkte und Gefühle — geprägt in 99 % der Menschheitsgeschichte, in kleinen, egalitären, solidarischen Jäger-Sammler-Gruppen mit ausgeprägtem Sinn für Fairness. Zweite Natur: die kulturell erworbenen Gewohnheiten seit der Sesshaftigkeit (neolithische Revolution) — Besitz, Hierarchie, Ungleichheit, die uns so selbstverständlich erscheinen, dass wir kaum glauben können, es war einmal anders. Dritte Natur: der bewusste Verstand und die kulturellen Errungenschaften (Recht, Wissenschaft, Religion), mit denen wir die Reibung zwischen erster und zweiter Natur bewältigen.
- Religion als Bewältigungs- und Normalisierungsmaschine. Religion ist keine Erfindung von Betrügern oder ein Denkfehler, sondern eine kulturelle Antwort auf die neuen Probleme der Sesshaftigkeit (Krankheit, Katastrophe, Ungleichheit, Tod, Kontrollverlust). Sie normalisiert Leid, indem sie es erklärbar und ertragbar macht — oft, indem sie unpersönliche Ursachen auf handelnde Akteure (Götter, Schlange, Sündenfall) zurückführt.
- Die Bibel als Krisenbewältigungsprotokoll. In Das Tagebuch der Menschheit lesen Michel und van Schaik die Bibel nicht als Offenbarung, sondern als kollektives Logbuch: die überlieferte Erfahrung, wie Menschen mit den Zumutungen der Zivilisation umzugehen lernten. Die Texte sind Antworten auf reale Notlagen.
- „Im Grunde gut” — mit Augenmaß. Das evolutionäre Erbe des Menschen ist nicht der Hobbes’sche Krieg aller gegen alle, sondern Kooperation und Fairness. Der egalitäre Normalzustand ist evolutionär real — was Mut macht für Gleichberechtigung und den Abbau von Ungleichheit. Zugleich sehen die Autoren die Schattenseite: den Hang zum Othering, zur Kooperation nur mit der eigenen Gruppe. Kein naiver Optimismus, sondern ein differenziertes Menschenbild.
- Menschenbilder haben Folgen. Ein pessimistisches Menschenbild (der Mensch braucht Herrschaft, um seine Sündhaftigkeit zu zügeln) hat politische und ethische Konsequenzen — es legitimiert Zwang. Wer die kooperative erste Natur ernst nimmt, kommt zu anderen Schlüssen über das mögliche Zusammenleben.
Politische / ideologische Einordnung
Michel argumentiert aus einer säkular-aufklärerischen, evolutionär informierten Perspektive — Religion wird als menschliches Kulturphänomen erklärt, nicht bekämpft und nicht verteidigt. Sein Menschenbild teilt die egalitäre Grundhaltung von Autoren wie Rutger Bregman (Im Grunde gut), betont aber stärker die evolutionäre Fundierung von Moral und Reziprozität. Politisch impliziert das eine Ermutigung zu Gleichberechtigung und Reduktion sozialer Ungleichheit — nicht als Utopie, sondern als Rückkehr zum „evolutionären Normalzustand”. Bewusst hält er Distanz zum naturalistischen Fehlschluss: Aus dem, was war, wird nicht abgeleitet, was sein soll.
Verbindungen zu anderen Denkern
(wird von Montaigne befüllt)










