Biographischer Snapshot
Wer spricht?
Liya Yu (喻俐雅, Hunan, China / aufgewachsen in Bayern und NRW) — Politikwissenschaftlerin und neuropolitische Philosophin, Mitbegründerin des Forschungsfeldes Neuropolitik.
Studium der politischen Philosophie in Cambridge (Christ’s College, bei Quentin Skinner und Duncan Kelly), Promotion an der Columbia University über die politische Neurowissenschaft rassistischer Ausgrenzung und Dehumanisierung. Fast zehn Jahre in den USA — beide Obama-Amtsperioden und die ersten Trump-Jahre in Charlottesville und New York. Als deutsch-chinesische Frau hat sie Rassismus in Deutschland seit der Kindheit erfahren, was ihren Forschungsansatz maßgeblich geprägt hat.
Wichtigste Werke: Vulnerable Minds (2022), Hirn statt Moral (2026) Kernkonzepte: Neuropolitik, Mentalisierung, Dehumanisierung, In-Group/Out-Group-Erweiterung
Biografie
Liya Yu wurde in Hunan, China geboren und kam mit zwei Jahren nach Deutschland, wo sie in Bayern und Nordrhein-Westfalen aufwuchs. Ihre letzten Schuljahre verbrachte sie an der Deutschen Botschaftsschule in Peking — ein Pendeldasein zwischen den Kulturen, das sie früh für die Mechanismen von Zugehörigkeit und Ausgrenzung sensibilisierte.
Am Christ’s College in Cambridge studierte sie politische Philosophie, gründete zusammen mit Quentin Skinner die Thinking Society und schrieb ihre BA-Arbeit über politische Theologie und Totalitarismus bei Hobbes, Leo Strauss, Carl Schmitt und Hannah Arendt. Ein Thema, das sie nie losgelassen hat: Warum sagen Menschen das Richtige und tun das Falsche?
Die Antwort suchte sie nicht mehr in der Philosophie allein, sondern im Gehirn. An der Columbia University promovierte sie interdisziplinär über die Neurowissenschaft rassistischer Ausgrenzung — betreut von Lasana Harris (soziale Neurowissenschaft, UCL), Jack Snyder und dem 2021 verstorbenen Robert Jervis (beide Internationale Beziehungen).
Fast zehn Jahre lebte sie in den USA — Charlottesville, New York — und erlebte hautnah, wie sich Amerika spaltete. An der University of Virginia lehrte sie 2016/17, als der weiß-nationalistische Aufmarsch die Stadt erschütterte. Ihre pro-Trump-Studenten wurden zum Prüfstein für ihren neuropolitischen Ansatz: Wie kommt man noch ins Gespräch, wenn moralische Appelle scheitern?
Zurück in Deutschland lebt sie heute in Berlin, lehrt an der Universität der Künste den weltweit ersten Kurs zu Neuropolitik & Performance Art und arbeitet an Schulen mit diversen Schülergruppen — von immigrantischen Jugendlichen bis zu jungen weißen Männern, bei denen Radikalisierungsgefahr besteht. 2025 wurde sie als jüngstes Mitglied in den Vorstand der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) gewählt.
Nebenbei: In Taipei war sie Leadsängerin der Doom-Metal-Band Neuropathik (Künstlername: Ragnhild Yu) und Artist-in-Residence im Treasure Hill Artist Village. Sie nennt ihre Lebensvision „Gesamtkunstbefreiung” — Befreiung von der Hirnzelle aufwärts durch Neuropolitik, Literatur, Performance und Aktivismus.
Bücher & Publikationen
- Vulnerable Minds: The Neuropolitics of Divided Societies (Columbia University Press, 2022) — Neo-hobbesianischer Gesellschaftsvertrag basierend auf neuronalen Vulnerabilitäten; das Einleitungskapitel spielt in Charlottesville
- Hirn statt Moral: Warum nur Neuropolitik den gesellschaftlichen Zusammenhalt sichert (Econ/Ullstein, 30. April 2026)
- Routledge Handbook of Neuropolitics — Mitherausgeberin mit Matt Qvortrup (angekündigt 2024)
- Lotte in Peking — feministischer Roman (in Arbeit, begonnen in Taipei)
- Preisgekrönte Kurzgeschichten über Identität und Bikulturalität (seit dem 15. Lebensjahr)
- Substack: neuropolitics.substack.com
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Ist unser Gehirn eine Gefahr für die Menschheit? | Der Standard — Tiefes Gespräch über Neuropolitik, Dehumanisierung und Mentalisierung
- Nu Rho Psi 2025 Keynote — Akademischer Vortrag auf Englisch
Kernthesen
- Der Mensch ist weder gut noch böse — er kann beides. Politik muss die Bedingungen schaffen, unter denen wir uns für das Gute entscheiden (neo-hobbesianisch).
- Wertediskurs allein reicht nicht — moralische Appelle erreichen die neuronalen Mechanismen nicht, die Ausgrenzung antreiben. Wir brauchen Neuropolitik als Ergänzung.
- Dehumanisierung ist eine kognitive Fähigkeit, keine moralische Schwäche — evolutionär sinnvoll, aber in modernen Demokratien gefährlich.
- Mentalisierung ist der Schlüssel — sich vorstellen können, was der andere denkt (nicht fühlt — das wäre Empathie), ist die fundamentalste kognitive Voraussetzung für Koexistenz.
- Re-Humanisierung ist einfacher als gedacht — eine einzige banale Information (Gemüsepräferenz) kann den medialen präfrontalen Cortex reaktivieren und die Dehumanisierung durchbrechen.
Politische Einordnung
Yu verortet sich selbst als antirassistische Aktivistin und linksliberal, kritisiert aber ihre eigene Bubble scharf: Cancel Culture ist „potenziell totalitär”, weil sie Mentalisierung unterbindet und ein „religiöses Reinheitsgebot” errichtet. Sie sieht sich in der Tradition eines skeptischen Liberalismus à la Hobbes — weder naiv-optimistisch (Rousseau) noch düster-autoritär (Schmitt), sondern pragmatisch: Von der Katastrophe her denken, um sie zu verhindern.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Jonathan Haidt — Haidt kartiert moralische Grundlagen liberal/konservativ; Yu fragt, was neuronal vor den moralischen Intuitionen geschieht
- Albert Moukheiber — Moukheiber beschreibt kognitive Verzerrungen und das soziale Gehirn; Yu politisiert diese Mechanismen für die Demokratietheorie
- Hannah Arendt — Yus akademischer Ausgangspunkt; Arendts „Gedankenlosigkeit” findet bei Yu ein neurowissenschaftliches Substrat in der Dehumanisierungsforschung
- Erich Fromm — Fromms „Flucht vor der Freiheit” und der autoritäre Charakter werden bei Yu zur messbaren Amygdala-Aktivierung
- Thomas Hobbes — Yus zentrale Referenz: Der Mensch im Naturzustand, Politik von der Katastrophe her denken, aber mit modernen neurowissenschaftlichen Mitteln
- Tanja Singer — Abgrenzung Empathie vs. Mentalisierung; Singer liefert die Grundlagenforschung, auf der Yu aufbaut
- Lasana Harris — Yus Doktorvater an Columbia; seine Dehumanisierungsforschung (Harris & Fiske 2006) ist das Fundament von Yus Theorie












