Quelle: Neuropolitics with Dr. Liya Yu | Nu Rho Psi 2025 Keynote

Wer spricht?

Liya Yu (Hunan, China / aufgewachsen in Deutschland) — Politikwissenschaftlerin und neuropolitische Philosophin, Mitbegründerin des Forschungsfeldes Neuropolitik.

Studium der politischen Philosophie in Cambridge (Christ’s College, bei Quentin Skinner und Duncan Kelly), Promotion an der Columbia University über die politische Neurowissenschaft rassistischer Ausgrenzung und Dehumanisierung. Fast zehn Jahre in den USA — beide Obama-Amtsperioden und die ersten Trump-Jahre in Charlottesville und New York. Als deutsch-chinesische Frau hat sie Rassismus in Deutschland seit der Kindheit erfahren, was ihren Forschungsansatz maßgeblich geprägt hat.

Wichtigste Werke: Vulnerable Minds (2022), Hirn statt Moral (2026) Kernkonzepte: Neuropolitik, Mentalisierung, Dehumanisierung, In-Group/Out-Group-Erweiterung

DenkerVita


Inhalt

Epistemologie — Warum das Gehirn in die Politik gehört

▶ 0:03 — Yu eröffnet mit der zentralen Frage: Wie kam sie zu diesem interdisziplinären Ansatz, das Gehirn in die Politik einzubeziehen? Und warum gibt es so viel Widerstand dagegen? Sie betont, dass Hirndaten nicht ontologisch zu lesen sind — sie sagen uns nicht, wer wir sind, sondern was unsere Gehirne tun. Die politische Frage muss zuerst formuliert werden, bevor man an das Gehirn herantritt.

▶ 3:10 — Zwei gängige Einwände: Determinismus und Reduktionismus. Kritiker befürchten, Neuropolitik erkläre menschliches Verhalten als biologisch vorbestimmt. Yu kontert: Neuropolitik ist weder das eine noch das andere — sie ergänzt politische Theorie um eine Realitätsebene, die bisher ignoriert wurde.

„The data doesn’t tell us who we should be and what we should do. We need to think very carefully what political questions do we want from the brain.”

Der persönliche Weg — Vom PTBS zur Hirnrealität

▶ 8:56 — Yu schildert, wie eine PTBS während ihres Studiums in Cambridge sie zur Hirnforschung brachte. Kognitive Verhaltenstherapie — basierend auf Neurowissenschaft — befreite sie in kurzer Zeit von Symptomen, die sie durch pure Intellektualisierung nicht überwinden konnte. Diese Erfahrung zerbrach ihr rationalistisches Selbstbild: Das Organ unter der Schädeldecke lässt sich nicht allein durch Denken kontrollieren.

▶ 11:41 — An der Columbia University traf sie Eric Kandel, den Wiener Emigranten und Nobelpreisträger, der von Psychoanalyse und Literatur zur molekularen Gedächtnisforschung kam. Kandel sprach von einer „Ästhetik der richtigen Forschungsfrage” — genau das, was Yu für die Neuropolitik adaptiert.

▶ 13:13 — Als asiatische Frau im weißen, männlichen Kanon der westlichen Politikphilosophie erlebte Yu wiederholt, was sie „neuropolitische Dissonanz” nennt: Professoren, die eloquent über Menschenrechte sprachen, sie aber im Umgang dehumanisierten. Dieses Auseinanderfallen von Worten und neuronaler Realität wurde zum Motor ihrer Forschung.

Das rationalistische Menschenbild — und sein Scheitern

▶ 19:24 — Yu ordnet historisch ein: Nach dem Fall der Sowjetunion dominierte Fukuyamas „Ende der Geschichte” — liberale Demokratie als alternativloses Modell. Man forschte kaum zu Verschwörungstheorien, weil man glaubte, der „freie Markt der Ideen” würde sie von selbst eliminieren.

▶ 24:26 — Was Harvard-Philosoph Michael Rosen das „rationalistische Menschenbild” nennt, durchzieht die Aufklärung von Rousseau über Kant bis Marx: Wenn Menschen die Wahrheit nur verstünden, würden sie das Richtige tun. Rousseau glaubte an den von Natur aus guten Menschen, der durch Gesellschaft korrumpiert wird. Marx sprach von „falschem Bewusstsein” — Aufklärung über Unterdrückung führe automatisch zur Befreiung.

Yus Gegenbeispiel: Immigranten, die in Deutschland AfD wählen, oder in den USA für Trump stimmen — gegen ihre eigenen Interessen, obwohl sie es besser wissen. Das rationalistische Modell kann das nicht erklären.

Kinder, Rassismus und die In-Group-Grenze

▶ 28:31 — Können Kinder rassistisch sein? Die Forschung zeigt: Mit sechs Monaten differenzieren Babys zwischen eigener und fremder Ethnie — mit Präferenz für die eigene. Mit neun Monaten hat sich der „Other-Race Effect” verfestigt: Gesichter der Out-Group werden schlechter individualisiert. Mit fünf Jahren ist Infrahumanisierung etabliert — die eigene Gruppe wird mit komplexerem emotionalem Vokabular beschrieben als Fremde.

Das sind keine moralischen Defizite, sondern kognitive Mechanismen. Und genau hier liegt der Dissens: Linke sagen „die Gesellschaft macht Menschen rassistisch”, ignorieren aber die individuelle Hirnebene. Yus Argument: Man braucht beides — individuelles Gehirn und systemische Strukturen.

Soziale Neurowissenschaft — Von Schweißdrüsenstudien zum fMRT

▶ 31:33 — Yu erzählt die Vorgeschichte der sozialen Neurowissenschaft: Während der Bürgerrechtsbewegung erkannten Sozialpsychologen, dass offener Rassismus tabuisiert wurde — aber irgendwo musste die Diskriminierung messbar bleiben. Sie maßen Schweißdrüsenaktivität weißer Probanden, wenn schwarze Personen den Raum betraten. Mehr Schweiß = implizite Angst. Ein simples, geniales Studiendesign.

▶ 34:27 — Das neuropolitische Spektrum: Von der Zelle über Neurobiologie, Hormone, Hirnnetzwerke, Affekte, kognitive Reaktionen, politische Einstellungen, Meinungen, Überzeugungen, Ideologien bis hin zu politischen Handlungen (Wählen, Protestieren, Aggression). Die gesamte Kette existiert — Sozialwissenschaftler tun aber oft so, als gäbe es nur die letzten drei bis vier Ebenen.

Edle Überzeugungen, dehumanisierende Gehirne

▶ 39:48 — Kant konnte am Ende seines Lebens Sklavenhandel und Kolonialismus als falsch erkennen — hielt Schwarze aber weiterhin für „Untermenschen”. Indische Polizisten absolvierten ein einjähriges Menschenrechtstraining, übernahmen die Werte eloquent — glaubten aber weiterhin, dass Muslime und Dalits diese Gleichbehandlung nicht verdienen.

Das Muster: Menschen können moralisch Schönes sagen und gleichzeitig im Gehirn dehumanisieren. Genau diese Dissonanz kann nur eine neurowissenschaftliche Perspektive sichtbar machen.

Thomas Hobbes — Politik vom Zusammenbruch her denken

▶ 41:17 — Hobbes’ Naturzustand — nasty, brutish, and short — ist für Yu keine pessimistische Übung, sondern der realistischste Ausgangspunkt. Hobbes war ein Proto-Kognitivist: Er schrieb über Sinne, Imagination und die Anfälligkeit des Gehirns für falsche Überzeugungen. Liberale Politik ist bei Hobbes nichts Natürliches, sondern etwas Künstliches — das aber nicht schlecht ist. Es bedeutet nur: Wir müssen etwas in uns überwinden, um es zu schaffen.

„Liberal politics has to be created out of this. And for him it’s not something natural — but it is something artificial. It just means that we need to overcome something in us in order to create this.”

Dehumanisierung — Der größte politische Disruptor

▶ 45:26 — Yus zentrale These: Ohne Kontrolle über unsere Dehumanisierungsfähigkeiten ist eine stabile liberale Ordnung unmöglich. Dehumanisierung ist kein Versagen — sie ist Teil unserer flexiblen sozialen Kognition, ein Effizienz-Modus des Gehirns (Susan Fiske): Schnelle Kategorisierung in Freund und Feind, evolutionär nützlich, demokratisch gefährlich.

Drei Formen: subtile Dehumanisierung (Dementalisierung — man kann/will sich nicht in den Anderen hineinversetzen), blatante Dehumanisierung (Vergleich mit Tieren, Zivilisationshierarchien) und Superhumanisierung (scheinbar positive Zuschreibungen wie „Asiaten sind hypereffizient” oder „Schwarze sind übermenschlich schmerzresistent”).

Das Stereotype Content Model und die mPFC-Abschaltung

▶ 52:04 — Susan Fiskes Stereotype Content Model: Wir stereotypisieren entlang zweier Dimensionen — menschliche Wärme und Kompetenz. Vier Quadranten: Stolz (hoch/hoch), Neid (hoch Kompetenz/niedrig Wärme — Asiaten, Juden, Wissenschaftler), Mitleid (niedrig Kompetenz/hoch Wärme — Ältere, Menschen mit Behinderung), und die „Lowest of the Low” (niedrig/niedrig — Obdachlose, Sozialhilfeempfänger, Drogenabhängige).

▶ 55:03 — Die Schlüsselstudie von Harris & Fiske: In drei von vier Quadranten war der mediale präfrontale Cortex (mPFC) aktiv — das Hirnareal für Mentalisierung. Beim vierten Quadranten — den „Lowest of the Low” — deaktivierte sich der mPFC. Neuronal wurden diese Menschen wie ein Stuhl verarbeitet. Kein Mentalisieren, keine Zuschreibung innerer Zustände — ein Objekt.

Mentalisierung — fundamentaler als Empathie

▶ 57:20 — Mentalisierung ist nicht Empathie. Empathie: „Ich fühle deinen Schmerz und will ihn lindern.” Mentalisierung: „Ich kann mir vorstellen, was du denkst.” Man braucht Mentalisierung auch in Geschäftsverhandlungen — sie ist eine kognitive Grundkompetenz, keine moralische Tugend. Cross-kulturell universal nachgewiesen, sogar bei den Baka (Jäger und Sammler). Rebecca Saxe (MIT) lokalisierte sie zusätzlich in der temporoparietalen Junction.

Yus politisches Argument: Wenn Mentalisierung über den mPFC läuft und dieser bei Dehumanisierung abschaltet, dann ist keine stabile demokratische Ordnung möglich ohne die Fähigkeit zu mentalisieren.

Blatante Dehumanisierung — Bruneau und die Zivilisationshierarchie

▶ 1:01:21 — Emile Bruneau (†) und Kollegen zeigten global, dass Menschen tatsächlich an Zivilisationshierarchien glauben — mittels der fiktiven „Ascent of Man”-Skala. In den USA: Amerikaner und Kanadier ganz oben, Araber und Muslime ganz unten. Diese blatante Dehumanisierung aktiviert andere Hirnregionen (inferiorer parietaler und frontaler Cortex) als reines Vorurteil — sie ist neuronal distinkt.

▶ 1:09:23 — Verhaltenskonsequenzen: Ungarische Lehrer, die Roma-Schüler dehumanisierten (nicht nur ablehnten), schickten sie signifikant häufiger auf niedrigere Schulformen. Eine norwegische Studie zeigte, dass ekelauslösende Medienberichterstattung über Roma-Geflüchtete die Unterstützung für inklusive Sozialpolitik senkte. Sophie Trawalter (UVA) wies nach, dass Superhumanisierung schwarzer Patienten zu unzureichender Schmerzmedikation führt.

Meta-Dehumanisierung — Wenn wir spüren, dass man uns entmenschlicht

▶ 1:21:21 — Bruneaus Forschung zur Meta-Dehumanisierung: Wenn wir glauben, die Gegenseite entmenschliche uns, sinkt unsere Bereitschaft zu Frieden und Kooperation dramatisch — stärker als bei bloßer Abneigung. Getestet im israelisch-palästinensischen Konflikt und anderen „intractable enmities”.

Das ist Yus Argument für eine ehrliche Kommunikation: „Wir alle haben dehumanisierende Gehirne” nimmt die Scham heraus und öffnet einen Gesprächsraum, den moralische Standpauken verschließen.

Das liberale Gehirn aufrechterhalten — die größte Herausforderung unserer Zeit

▶ 1:13:15 — Yu argumentiert, dass die Aufrechterhaltung des „liberalen Gehirns” in einer hyperdiversen Gesellschaft kognitiv anspruchsvoll ist. Täglich müssen wir eine Vielzahl von Gruppen mentalisieren, deren Grenzen sich ständig verschieben. Daten zeigen: Liberale sind selbstberichtet unglücklicher als Konservative.

▶ 1:34:00 — Die Dissonanz unserer Zeit: Liberale Demokratie verlangt von unseren Gehirnen etwas, das sie nicht ohne Weiteres leisten. Die bisherigen moralischen Strategien — Beschämung, Belehrung — funktionieren nachweislich nicht (Wahlergebnisse!). Yus Pitch: Wir brauchen neue neuropolitische Strategien, die die Hirnmechanismen berücksichtigen, statt gegen sie anzuarbeiten.

„The honest pitch that we have to make to people: humanizing others, dealing with uncertainty, is not going to feel good all the time. But it is in our shared interest to pursue this nonetheless.”

Politische Neurowissenschaft — Hirnläsionen und der konservative Negativity Bias

▶ 1:21:21 — Hibbing (2014) argumentierte, Konservative hätten einen „Negativity Bias”: Präferenz für kognitive Schließung, weniger Offenheit für Ambiguität, Vorliebe für reimende Lyrik gegenüber abstrakter Kunst. Die berühmte Kanai-Studie zeigte mehr graue Masse im anterioren cingulären Cortex bei Liberalen.

▶ 1:29:11 — Van Bavel und Jost (NYU) nutzten Hirnläsionsstudien — und konnten damit kausale (nicht nur korrelative) Schlüsse ziehen: Schäden am dorsolateralen präfrontalen Cortex korrelierten mit stärkerem Konservatismus. Derselbe Cortex-Bereich ist an der Regulation rassistischer Reaktionen beteiligt.

Yus Paradigmenwechsel: Alle Menschen haben rassistische Gehirnreaktionen — die Frage ist nicht, ob sie existieren, sondern ob wir sie regulieren. Die Aussage „wir alle haben rassistische Gehirne” ist keine Entschuldigung, sondern ein Ausgangspunkt für Verantwortung.

Neuropolitik in der Praxis — Berlin, Architektur, Schulen

▶ 1:37:10 — Yu beschreibt drei konkrete Anwendungsfelder:

  1. Eventplanung in Berlin: Sie entwickelte ein White Paper für den Berliner Senat, wie Großveranstaltungen neuropolitisch gestaltet werden können — als Räume, in denen unterschiedliche Gruppen sich humanisieren.

  2. Architektur und Stadtplanung: Nicht der Inhalt der Begegnung zählt, sondern die Schaffung „humanisierender kognitiver Räume”. 30 Minuten geteilte Aufmerksamkeit mit einer fremden Gruppe — und das Gehirn ist halb gewonnen. Dazu: die Neurowissenschaft des Awe — ehrfurchteinflößende Strukturen (Architektur, Natur) können das Selbstbild destabilisieren und zur Neuordnung einladen.

  3. Schulworkshops: Statt „Rassismus ist schlecht” zu predigen, zeichnet Yu mit Schülern In-Group-Grenzen neu. Die Forschung zeigt: Es braucht nur kurze gemeinsame Erfahrungen mit einem geteilten Ziel, um neue In-Groups zu bilden.

▶ 1:38:50 — Und für 2026: ein Vortrag an der Weber State University (gemeinsam eingeladen von Neuroscience und Political Science) über „Was passiert im Gehirn deines Gegners?” — im Schatten des Charlie-Kirk-Shootings.


Faktencheck

Bestätigt — mPFC-Deaktivierung bei „Lowest of the Low"

Harris & Fiske (2006) zeigten tatsächlich, dass der mediale präfrontale Cortex bei der Wahrnehmung stark dehumanisierter Gruppen (Obdachlose, Drogenabhängige) deaktiviert — ein Muster, das sonst nur bei unbelebten Objekten auftritt. Quelle: Harris & Fiske (2006), Psychological Science

Bestätigt — Other-Race Effect ab 9 Monaten

Die Forschung bestätigt, dass Babys ab ca. 3 Monaten Präferenzen für eigenethnische Gesichter zeigen und der Other-Race Effect sich zwischen 6–9 Monaten verfestigt. Quelle: Kelly et al. (2005), Developmental Science

Bestätigt — Superhumanisierung und Schmerzbehandlung

Trawalter et al. (2012, UVA) zeigten, dass medizinisches Personal Schwarzen tatsächlich weniger Schmerz zuschrieb und weniger Schmerzmedikation verabreichte — verknüpft mit superhumanisierenden Überzeugungen über biologische Unterschiede. Quelle: Hoffman et al. (2016), PNAS

Bestätigt — Hirnläsionen und Konservatismus

Van Bavel, Jost et al. fanden in einer Hirnläsionsstudie, dass Schäden am dorsolateralen präfrontalen Cortex mit erhöhtem Konservatismus korrelierten — einer der seltenen kausalen Nachweise in der politischen Neurowissenschaft. Quelle: Zmigrod et al. (2021), Neuropsychologia (Anm.: Die genaue Studienzuordnung ist in der Literatur komplex; mehrere Teams haben ähnliche Ergebnisse publiziert.)

Vereinfacht — Blatante Dehumanisierung als distinktes Hirnphänomen

Yu stellt die Forschung von Bruneau et al. so dar, als seien blatante Dehumanisierung und Vorurteil neuronal klar trennbar. Die Studien zeigen tatsächlich unterschiedliche Hirnaktivierungsmuster, aber die Grenzen sind fließender als im Vortrag suggeriert — insbesondere überlappen sich die psychologischen Konstrukte teilweise. Keine unabhängige Quelle gefunden, die die Grundaussage widerlegt — die Vereinfachung ist für einen Keynote-Vortrag angemessen.

Vereinfacht — Liberale sind unglücklicher als Konservative

Die Befundlage zum „conservative happiness gap” ist real, aber umstritten. Neuere Studien (Wojcik et al., 2015) argumentieren, dass der Effekt teilweise auf selbstberichteten Bias zurückzuführen ist — Konservative zeigen in Verhaltensmaßen nicht konsistent mehr Glück. Quelle: Wojcik et al. (2015), Science


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

Im Vortrag zitierte Forschung und Personen:

  • Lasana Harris (UCL/Duke) & Susan Fiske (Princeton) — mPFC-Deaktivierung bei Dehumanisierung (Harris & Fiske 2006)
  • Susan Fiske — Stereotype Content Model (SCM)
  • Emile Bruneau (†) — Blatante Dehumanisierung, Zivilisationshierarchien, Meta-Dehumanisierung
  • Rebecca Saxe (MIT) — Temporoparietale Junction und Mentalisierung
  • Tanya Singer — Empathie vs. Mitgefühl, Abgrenzung zur Mentalisierung
  • Simon Baron-Cohen (Cambridge) — Autismus und Theory of Mind
  • Sarah-Jayne Blakemore — Adoleszente Gehirne und Risikoverarbeitung
  • Sophie Trawalter (UVA) — Superhumanisierung schwarzer Patienten
  • Eric Kandel (Columbia, †) — Interdisziplinäre Neurowissenschaft, Wiener Emigrant
  • Karl Ove Knausgård — Brain Surgery Piece, New York Times — Zitat über Gedanken als materielle Realität
  • Michael Rosen (Harvard) — „Rationalistisches Menschenbild”
  • Hibbing et al. (2014) — Konservativer Negativity Bias
  • Van Bavel & Jost (NYU) — Hirnläsionsstudien und politische Orientierung
  • Leor Zmigrod (Cambridge) — Looking for the Liberal Brain (2025) — Das ideologische/extremistische Gehirn, kognitive Rigidität
  • Florence Gaub (NATO College, Rom) — Liberale Zeithorizonte, New Scientist-Artikel
  • Liya Yu: Vulnerable Minds (Columbia University Press, 2022)
  • Liya Yu: Hirn statt Moral (Econ/Ullstein, 2026)

Verbindungen

  • Edgar Morin — Das komplexe Denken — Beide Naturalisten, die das Gehirn ernst nehmen und gerade darum gegen den Machbarkeitsglauben stehen: Yus Absage ans rationalistische Menschenbild trifft Morins Befund, dass technisch-wissenschaftlicher Fortschritt zu keinem ethischen führt.
  • Liya Yu — Neuropolitik und die Grenzen der Moral — Das Standard-Gespräch deckt ähnliche Themen ab, aber informeller und auf Deutsch; die Keynote liefert den akademischen Rahmen mit der Gesellschaftsvertragstheorie, die im Standard-Gespräch nur angedeutet wurde
  • Jonathan Haidt — Die moralischen Wurzeln von Liberalen und Konservativen — Haidt kartiert moralische Grundlagen, Yu die neuronalen Substrate darunter; beide zeigen, dass liberal/konservativ tiefer liegt als rationale Überzeugung, aber Yu betont stärker die Dehumanisierungsgefahr
  • Jonathan Haidt — Kann ein gespaltenes Amerika heilen — Beide diagnostizieren tribalistische Dynamiken; Yu ergänzt Haidts sozialpsychologischen Ansatz durch die mPFC-Forschung und fordert neuropolitische statt nur soziale Interventionen
  • Albert Moukheiber — Mein Hirn und die anderen — Moukheiber beschreibt das soziale Gehirn; Yu politisiert genau diese Mechanismen und fragt, was mPFC-Deaktivierung für demokratisches Zusammenleben bedeutet
  • Erich Fromm — Psychoanalyse des Faschismus — Fromms „Flucht vor der Freiheit” wird bei Yu zur messbaren Amygdala-Aktivierung; beide argumentieren, dass autoritäre Anziehung keine moralische Schwäche, sondern ein psycho-/neurobiologischer Prozess ist
  • Hannah Arendt — Die Banalität des Bösen — Yu studierte Arendt, bevor sie zur Neuropolitik wechselte; Arendts „Gedankenlosigkeit” als Quelle des Bösen findet in der mPFC-Deaktivierung ein neurowissenschaftliches Substrat — wer nicht mentalisiert, handelt „gedankenlos” im arendtschen Sinne
  • Steffen Mau — Triggerpunkte Konsens und Konflikt — Maus soziologische Triggerpunkte treffen auf Yus neuronale Trigger; Mau fragt welche Themen spalten, Yu welche Gehirnmechanismen die Spaltung ermöglichen
  • Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer — Mausfeld analysiert Machtstrukturen, die Wahrnehmung manipulieren; Yu zeigt die neuronalen Mechanismen, die diese Manipulation erst möglich machen — das „neuropolitische Spektrum” als fehlende Ebene
  • Immanuel Kant — Was ist Aufklärung? — Yu stellt Kants rationalistisches Menschenbild direkt in Frage: Aufklärung durch Verstand allein reicht nicht, wenn die Dehumanisierungsmechanismen dem Verstand vorauseilen; Kant selbst ist ihr Beispiel — er lehnte Sklaverei ab, hielt Schwarze aber für untermenschlich
  • Wilhelm Heitmeyer — Die Durchrohung der Gesellschaft — Heitmeyers „Verrohung” und Yus „Dehumanisierung” beschreiben dasselbe Phänomen aus soziologischer vs. neurowissenschaftlicher Perspektive; die mPFC-Forschung liefert das neuronale Substrat für Heitmeyers Beobachtungen
  • Aladin El-Mafaalani — Misstrauensgemeinschaften und was die AfD wirklich stoppt (taz FUTURZWEI-Talk) — El-Mafaalani beschreibt Misstrauensgemeinschaften soziologisch; Yus Meta-Dehumanisierungsforschung (Bruneau) liefert die kognitive Erklärung, warum Misstrauen so leicht aktiviert wird und Kooperation blockiert
  • Neue Akropolis — Der Mensch ist besser als sein Ruf — Gegenposition zu Yu: Wo „Neue Akropolis” auf evolutionäre Kooperation setzt, warnt Yu, dass kooperative Fähigkeiten an In-Group-Grenzen enden; Yus Hobbes-Rahmen steht gegen den Rousseau-Optimismus
  • Walther Ziegler — Rawls in 60 Minuten — Yu kritisiert Rawls explizit: Dessen Theorie der Gerechtigkeit operiert im rationalistischen Rahmen und unterschätzt systematisch, welche Formen der Ausgrenzung neuronal am destruktivsten wirken
  • Nicholas Potter — Die neue autoritäre Linke (taz Talk) — Yu kritisiert Cancel Culture als „potenziell totalitär”, weil sie Mentalisierung verhindert; Potter beschreibt dieselbe Dynamik aus der Perspektive des linken Antisemitismus — beide sehen die Linke in einem Reinheitsparadox gefangen
  • Götz Aly — Wie konnte das geschehen — Alys historische Analyse der Mittäterschaft im Nationalsozialismus trifft auf Yus neurowissenschaftliche Erklärung: Dehumanisierung als kognitive Fähigkeit, die unter bestimmten Bedingungen systematisch aktiviert wird
  • Gefangene des Systems — Elitenerziehung und die Verrohung der Macht — Yus mPFC-Abschaltung als neuronaler Mechanismus der Dehumanisierung, die in Elite-Erziehungssystemen systematisch gefördert wird; ihr Kritik am rationalistischen Menschenbild erklärt, warum Information die Gefangenen strukturell nicht erreicht
  • Gerald Huether — Lebendigkeit und das Ende der Hierarchien — Hüther argumentiert für Potenzialentfaltung und gegen Hierarchien; Yu liefert den neuropolitischen Rahmen: Hierarchien aktivieren Dehumanisierungsmechanismen, flache Strukturen fördern Mentalisierung