Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Ludwig Wittgenstein (1889, Wien — 1951, Cambridge) — Pionier und Begründer der Sprachphilosophie, einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Sohn einer der reichsten Familien Österreichs (Vater Karl Wittgenstein: Stahlindustrieller und Kunstmäzen — Brahms, Mahler, Klimt verkehrten im Wiener Salon). Statt ein bequemes Leben zu führen: Frontsoldat im Ersten Weltkrieg, Volksschullehrer in der österreichischen Hinterprovinz, Klostergärtner, Architekt für seine Schwester, schließlich Professor in Cambridge. Kein Philosoph des 20. Jahrhunderts lebte ein widersprüchlicheres Verhältnis zu seiner eigenen Philosophie — er verbot sich selbst, über das zu sprechen, was ihn am meisten umtrieb.

Wichtigste Werke: Tractatus logico-philosophicus (1921), Philosophische Untersuchungen (posthum 1953) Kernkonzepte: Linguistic Turn, Bildtheorie der Sprache, Wovon man nicht sprechen kann, Sprachspiele, Lebensform, beredetes Schweigen


Biografie

Ludwig Josef Johann Wittgenstein wird am 26. April 1889 in Wien geboren — als jüngstes von acht Kindern in einer der wohlhabendsten und kulturell bedeutendsten Familien der k.u.k. Monarchie. Sein Vater Karl Wittgenstein ist Stahlindustrieller, sein Familienpalais in der Wiener Alleegasse ein Zentrum des intellektuellen Wien: Johannes Brahms musizierte dort, Gustav Klimt malte Familienportraits, Gustav Mahler gab Konzerte. Wittgenstein wächst in Reichtum auf — und in Tragödie. Drei seiner Brüder sterben durch Suizid. Sein Bruder Paul wird im Ersten Weltkrieg den rechten Arm verlieren und dennoch als Pianist berühmt werden (Maurice Ravel komponiert für ihn das Klavierkonzert für die linke Hand).

Ludwig selbst zeigt früh mechanisches Talent — er baut mit zehn Jahren eine Nähmaschine. Sein Bildungsweg ist verzweigt: Er studiert zunächst Maschinenbau in Berlin, dann Ingenieurswissenschaften in Manchester, wo er sich für Aerodynamik begeistert. Die Beschäftigung mit mathematischen Grundlagen führt ihn zu Gottlob Freges Logik — und dieser verweist ihn an Bertrand Russell nach Cambridge. Ab 1911 studiert Wittgenstein dort Philosophie. Russell ist sofort überzeugt, einen Genius vor sich zu haben.

Der Erste Weltkrieg reißt alles auseinander. Wittgenstein meldet sich freiwillig an die österreichische Front — obwohl er als Sohn einer Industriellenfamilie davon befreit wäre. Er dient als einfacher Soldat, später als Offizier, und schreibt in den Schützengräben und in Kriegsgefangenschaft an einem philosophischen Werk, das die Geschichte der Philosophie erschüttern wird: dem Tractatus logico-philosophicus.

Das Buch erscheint 1921, mit einem Vorwort von Russell. Es ist nur 80 Seiten lang, durchnummeriert wie Bibel-Verse, und endet mit dem berühmtesten Satz der analytischen Philosophie: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.” Der junge Wittgenstein glaubt, alle philosophischen Probleme damit ein für allemal gelöst zu haben.

Er verlässt die Philosophie. Er verschenkt sein gesamtes väterliches Erbe — mehrere Millionen Kronen — an seine Geschwister und besteht auf Anonymität. Er zieht als Volksschullehrer in die österreichische Tiefprovinz: Trattenbach, Puchberg am Schneeberg, Otterthal. Die Jahre dort sind schwer. Wittgenstein ist streng mit seinen Schülern — nach heutigen Maßstäben zu streng; ein Vorfall mit einem Schüler, den er körperlich bestraft, führt 1926 zu einem Untersuchungsverfahren, dem er sich durch Rücktritt entzieht. Er wird Gärtnergehilfe in einem Kloster bei Wien.

Dann ein radikaler Bruch: Seine Schwester Margarethe Stonborough-Wittgenstein beauftragt ihn, ihr ein Stadthaus in Wien zu entwerfen. Wittgenstein macht daraus ein philosophisches Projekt. Das Haus Wittgenstein in der Kundmanngasse entsteht 1926–1928: radikal minimalistisch, jedes Detail bis zu den Türklinken und Heizkörpern durchdacht, kein ornamentales Element. Seine Schwester nennt es nach dem Einzug: „Das ist Haus gewordene Logik.” Wittgenstein selbst kommentiert es später als Produkt „entschiedener Feinhörigkeit” — und gesteht, dass er dahinter das „wilde Leben” vermisse.

1929 kehrt er nach Cambridge zurück. Er promoviert mit dem Tractatus — das Werk ist bereits weltberühmt. Er wird Fellow am Trinity College, später Professor (1939). Die britische Staatsbürgerschaft nimmt er 1939 an, kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. Während des Krieges arbeitet er freiwillig als Krankenpfleger in einem Londoner Hospital und als Assistent in einem Newcastle-Labor, das sich mit Wundschock beschäftigt.

Im Alter schreibt er sein Spätwerk — hauptsächlich für sich selbst und den engsten Kreis. Die Philosophischen Untersuchungen erscheinen erst 1953, zwei Jahre nach seinem Tod. Sie sind das Gegenteil des Tractatus: keine sieben Thesen, sondern über 600 nummerierte Bemerkungen, eine offene Philosophie der Praxis, des Gebrauchs, des Lebens. Das Schlüsselwort: Sprachspiel.

Wittgenstein stirbt am 29. April 1951 in Cambridge an Prostatakrebs. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: „Tell them I’ve had a wonderful life.” Er ist 62 Jahre alt.


Bücher & Publikationen

Zu Lebzeiten erschienen

Posthum erschienen


Empfehlenswerte Videos & Vorträge

InhaltLinkIm Vault
Walther Ziegler: Wittgenstein in 60 MinutenYouTubeWalther Ziegler — Wittgenstein in 60 Minuten

Kernthesen

  1. Sprache konstituiert Denken — Es gibt kein Denken jenseits von Wörtern und Sätzen. „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.”

  2. Frühwerk: Bildtheorie — Sätze sind Bilder der Wirklichkeit. Nur sinnvolle (überprüfbare) Sätze beschreiben die Welt. Ethische, religiöse und metaphysische Sätze sind „unsinnig” — nicht falsch, sondern jenseits des Sagbaren.

  3. Das Schweigen als Konsequenz — „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.” Der Tractatus hebt sich selbst auf: Er ist erkenntnistheoretisch, also selbst nicht empirisch nachweisbar — eine Leiter, die man wegwirft, nachdem man sie bestiegen hat.

  4. Spätwerk: Bedeutung ist Gebrauch — „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.” Sprache ist keine neutrale Abbildung der Wirklichkeit, sondern eine soziale Praxis — eingebettet in Lebensformen.

  5. Sprachspiele als Machtinstrumente — Was Menschen als richtig und falsch ansehen, bestimmt sich durch das Sprachspiel, in dem sie sich bewegen. Diktatoren haben das immer gewusst: Wer die Sprache kontrolliert, kontrolliert das Denken.


Politische Einordnung

Wittgenstein selbst war dezidiert unpolitisch — er hat sich nie öffentlich politisch geäußert. Dass seine Sprachspieltheorie hochpolitische Implikationen hat, hat ihn offenbar irritiert. Herbert Marcuse kritisierte ihn dafür: Die Forderung, Philosophie dürfe Sprachspiele nur beschreiben, nicht bewerten, ist selbst eine politische Haltung — nämlich die der affirmativen Neutralität.

Die politische Wirkung kam nach ihm: Die Kritische Theorie (Adorno, Marcuse, Habermas) und die Kritische Diskursanalyse (Foucault, Norman Fairclough) haben Wittgensteins Sprach-Einsichten in Ideologiekritik übersetzt.


Verbindungen zu anderen Denkern

(Montaigne befüllt diesen Abschnitt)


Gedankenwelten-Notes