Quelle: Wittgenstein in 60 Minuten
Wer spricht?
Dr. Walther Ziegler — Philosoph, Hochschuldozent und Autor der Reihe „Große Denker in 60 Minuten”. Ziegler hat sich einer seltenen Aufgabe verschrieben: die komplexesten Gedankengebäude der abendländischen (und östlichen) Philosophie in jeweils einer Stunde zugänglich zu machen — ohne zu trivialisieren. Seine Vorlesungen verbinden akademische Strenge mit lebendigen Alltagsbeispielen. → DenkerVita
Ludwig Wittgenstein (1889, Wien — 1951, Cambridge) — Pionier und Begründer der Sprachphilosophie, einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Als Sohn einer der reichsten Familien Österreichs hätte er ein bequemes Leben führen können. Stattdessen: freiwillig an die Front im Ersten Weltkrieg, Volksschullehrer in der österreichischen Provinz, Gärtnergehilfe in einem Kloster, Architekt für seine Schwester, am Ende Professor in Cambridge. Kein Denker des 20. Jahrhunderts führte ein gesprocheneres und zugleich widersprüchlicheres Verhältnis zu seiner eigenen Philosophie. Der Tractatusverfasser, der erkannte, dass sein Werk selbst unsinnig ist. Der Logiker, der sagte: „Wie kann ich Logiker sein, wenn ich noch kein Mensch bin?” Das beredete Schweigen seiner Philosophie — lauter als jedes geschriebene Wort.
Wichtigste Werke: Tractatus logico-philosophicus (1921), Philosophische Untersuchungen (1953, posthum) Kernkonzepte: Linguistic Turn, Bildtheorie der Sprache, Sprachspiele, Lebensform, beredetes Schweigen
Inhalt
Der Linguistic Turn — Alle Philosophen waren auf beiden Augen blind
Wittgenstein eröffnet mit einer Anklage, die die gesamte Philosophiegeschichte trifft: Alle Denker seit der Antike haben ihr zentrales Werkzeug übersehen. Platon analysierte das Gute, Kant die Vernunft, Hegel den Weltgeist — aber keiner von ihnen hat gefragt, was sie dabei eigentlich taten: mit Sprache denken. Wittgenstein nennt das schlicht ein kollektives Versagen. Die Philosophen waren, wie er es formuliert, „auf beiden Augen blind.”
„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.”
Dieser Satz ist radikaler als er klingt. Wittgenstein behauptet nicht, dass Sprache die Welt beschreibt. Er behauptet, dass Sprache die Welt konstituiert — für den Denkenden. Es gibt keine Gedanken jenseits von Wörtern. Ziegler lässt das die Zuhörer selbst erfahren: Versuchen Sie, ohne Wörter zu denken. Es geht nicht. Sobald man greift, ist man schon in Syntax, Grammatik, Semantik — im „ganzen Sprachspiel Deutsch” gefangen.
„Die Sprache selbst ist das Vehikel des Denkens.”
Daraus folgt Wittgensteins programmatische Konsequenz: Die erste Aufgabe der Philosophie ist Sprachkritik. Nicht Weltanschauung, nicht Ethik, nicht Ontologie — sondern zu verstehen, was wir mit unserer Sprache überhaupt aussagen können und was nicht. „Alle Philosophie ist Sprachkritik”, schreibt er im Tractatus. Und: „Die meisten Fragen und Sätze der Philosophen beruhen darauf, dass wir unsere Sprachlogik nicht verstehen.”
Eigene Einschätzung
Wittgenstein trifft hier etwas Fundamentales — aber der Zug geht, glaube ich, etwas zu weit. Dass wir ohne Sprache nicht denken können, ist empirisch stark. Aber dass es deshalb nichts jenseits der Sprache gibt, ist ein Schluss, den Wittgenstein sich nicht erlauben dürfte: Er schließt von einem epistemischen Limit auf eine ontologische Aussage. Gerade das ist der Fehler, den er anderen Philosophen vorwirft. Das beredete Schweigen am Ende des Tractatus ist vielleicht seine ehrlichste Reaktion auf diese Erkenntnis.
Weitergedacht
Wenn Sprache wirklich das Vehikel des Denkens ist — kann dann eine Person, die zwei Sprachen spricht, tatsächlich anders denken als eine Einsprachige? Was wäre das konkret?
Der Tractatus — Sätze als Bilder der Wirklichkeit
Der Tractatus logico-philosophicus ist ein merkwürdiges Buch. Nur 80 Seiten. Durchnummeriert wie eine Bibel. Messerscharf formuliert. Es beginnt mit sieben Thesen, von denen die erste lautet:
„Die Welt ist alles, was der Fall ist.”
Klingt banal. Ist es nicht. Denn schon im zweiten Satz kommt die Wende: Die Welt besteht nicht aus Dingen, sondern aus Tatsachen. Und Tatsachen erkennen wir, indem wir uns Bilder von der Wirklichkeit machen.
Die Bildtheorie der Sprache hat Wittgenstein — so die Biographen — aus einem konkreten Erlebnis entwickelt: Im Gerichtssaal sah der junge Wittgenstein, wie ein Richter einen Autounfall mit kleinen Modellen nachstellte, um die widerstreitenden Aussagen der Parteien zu überprüfen. Das Bild als Modell der Wirklichkeit. Das war der Funke. Sätze sind, so Wittgenstein, präzis das: sprachliche Modelle der Wirklichkeit. Jeder Satz, den wir sprechen, bildet einen Sachverhalt ab.
Die entscheidende Forderung, die daraus folgt, ist einfach und radikal:
„Um zu erkennen, ob das Bild wahr oder falsch ist, müssen wir es mit der Wirklichkeit vergleichen.”
Dieser Satz ist, so Ziegler, „die Grundlage der gesamten modernen Naturwissenschaft bis heute.” Ein Naturwissenschaftler, der eine Hypothese aufstellt, muss sie am Experiment messen. Immer. Schutzengel? Nicht wiederholbar. Meerjungfrauen? Auch nicht.
Wittgenstein untersucht alle 16 logischen Wahrheitsoperationen und kommt zu drei Arten von Sätzen:
- Sinnvolle Sätze — beschreiben einen Sachverhalt, sind an der Wirklichkeit überprüfbar: „Die Erde ist rund.”
- Sinnlose Sätze — tautologisch („Bei nasser Fahrbahn ist die Fahrbahn nass”) oder kontradiktorisch („Ich sehe einen roten Punkt, der grün ist”): immer wahr bzw. immer falsch, sagen deshalb nichts über die Wirklichkeit aus.
- Unsinnige Sätze — geben Gegenständen abstrakte Bedeutungen, die nicht verifizierbar sind: religiöse Sätze, ethische Sätze, metaphysische Sätze.
Als Beispiel für einen unsinnigen Satz nennt Ziegler: „Die Ursache alles Lebens auf der Welt ist Gott.” Nicht falsch, sondern unsinnig — weil wir dem Wort „Gott” keine innerweltliche, überprüfbare Bedeutung geben können. Und dasselbe gilt für Hegels Weltgeist: „Die Geschichte wird angetrieben vom Weltgeist” — für Wittgenstein ein Beispiel philosophischen Unsinns, nicht philosophischer Erkenntnis.
Eigene Einschätzung
Hier berührt Wittgenstein etwas, das auch Kant schon gesehen hatte: Metaphysische Aussagen überschreiten die Grenzen möglicher Erfahrung. Aber wo Kant noch versuchte, eine Kritik der reinen Vernunft zu formulieren, die den Vernunftbegriffen ihre legitime Sphäre zuwies, zieht Wittgenstein einen radikaleren Schlussstrich: Wovon man nicht reden kann, darüber schweigt man. Der Unterschied ist entscheidend: Kants Diagnose ist klinisch, Wittgensteins fast asketisch.
Das siebte Gebot — Schweigen als Programm
Der Tractatus endet mit dem berühmtesten Satz der analytischen Philosophie:
„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.”
Wittgenstein lässt ihn ohne Kommentar als letzten Satz stehen. Er kommentiert ihn nicht. Er verteidigt ihn nicht. Er schließt einfach das Buch. Das ist Programm — und zugleich Enthüllung. Denn er hatte zuvor ethische Sätze, religiöse Sätze, alle Aussagen über das Gute als „unsinnig” klassifiziert. Die Konsequenz: Philosophen sollen schweigen, wo sie bisher am lautesten gesprochen haben.
Wittgenstein zieht die Linie scharf: Ethische Sätze wie „Du sollst nicht töten” richten sich auf die Zukunft — sie sind nicht empirisch nachweisbar. Sätze über Gerechtigkeit, Seele, Unsterblichkeit, das Gute: alles unsinnig. Er schreibt: „In der Ethik macht man immer den Versuch, etwas zu sagen, was das Wesen der Sache nicht betrifft und nie betreffen kann.”
Weitergedacht
Wenn ethische Sätze unsinnig sind — wie erklärt Wittgenstein, dass er selbst so streng moralisch lebte? Ist das Handeln dann das Einzige, was bleibt?
Die Leiter, die man wegwirft — der interne Widerspruch
Wittgenstein war hellsichtig genug, um den Einwand selbst zu formulieren: Wenn nur naturwissenschaftliche Sätze sinnvoll sind — ist dann nicht der Tractatus selbst unsinnig? Er ist ja keine Naturwissenschaft, sondern Erkenntnistheorie. Man kann ihn nicht empirisch nachweisen.
Wittgenstein antwortet im vorletzten Satz des Tractatus:
„Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie auf ihnen über sie hinausgegangen ist.”
Die Leiter-Metapher. Man steigt auf eine Leiter, um auf ein Dach zu gelangen — und wirft die Leiter danach weg. Der Tractatus ist eine Leiter: nützlich für die Bewegung, am Ende überflüssig. Es ist eine der seltsamsten Selbst-Destabilisierungen in der Philosophiegeschichte. Ein Buch, das ankündigt, dass sein eigener Inhalt unsinnig ist — und trotzdem Wirkung hat.
Wittgenstein gegen Popper — Der Schürhaken-Streit
Die berühmteste Anekdote der analytischen Philosophie: Karl Popper kommt extra aus Neuseeland angereist nach Cambridge, hält einen Vortrag über philosophische Probleme. Wittgenstein — der keine philosophischen Probleme kennt, nur sprachlich falsch gestellte Fragen — stochert unruhig mit dem Schürhaken im Kamin.
Popper, angestachelt, sagt: Man soll Gastdozenten nicht mit dem Schürhaken bedrohen. Wittgenstein springt auf und fragt herausfordernd: „Geben Sie mir ein Beispiel für eine moralische Regel!” — für Wittgenstein eine Fangfrage, denn moralische Regeln können nicht logisch begründet werden. Popper antwortet trocken und vollkommen ruhig: „Man soll Gastdozenten nicht mit dem Schürhaken bedrohen.”
Wittgenstein schmeißt den Schürhaken in den Kamin, verlässt den Raum, knallt die Tür zu.
Ziegler deutet diese Episode zweifach: Zum einen Wittgensteins Ärger über Poppers spielerische Leichtigkeit im Umgang mit ethischen Sätzen. Zum anderen — und das ist der tiefere Punkt — kämpfte Wittgenstein hier auch gegen sich selbst. Er wollte über Ethik reden. Er konnte es nach seinem eigenen System nicht.
Eigene Einschätzung
Popper hat die besseren Argumente — und Wittgenstein weiß das, deshalb wirft er den Schürhaken. Die Fähigkeit, aus dem gelebten Leben eine moralische Regel zu destillieren („Man soll Gastdozenten nicht bedrohen”), zeigt genau das, was Wittgenstein leugnet: Ethische Sätze entstehen aus Lebensform und Praxis — und gewinnen genau dadurch Geltung. Das ist eigentlich Wittgensteins Sprachspiellehre avant la lettre.
Das beredete Schweigen — Wittgenstein als mystischer Mensch
Hinter dem nüchternen Logiker steckt ein zutiefst religiöser Mensch. Wittgenstein las Kierkegaard, Pascal, Tolstoi. Er beschäftigte sich intensiv mit Musik — so intensiv, dass sein Mentor Bertrand Russell ihn ermahnen musste: „Du bist doch Logiker!” Wittgensteins Antwort:
„Wie kann ich Logiker sein, wenn ich noch kein Mensch bin?”
Er schreibt bereits im Tractatus, dass die Naturwissenschaft die Lebensprobleme nicht berührt. Und formuliert das Mystische:
„Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist.”
Dass die Welt überhaupt existiert — warum ist da etwas und nicht nichts? Diese Frage lässt sich weder logisch noch empirisch beantworten. Sie gehört ins Schweigegebot. Und quält Wittgenstein lebenslang. Die heutige Wittgenstein-Forschung spricht vom beredeten Schweigen: Im Schweigegebot liegt gleichzeitig eine implizite Aufforderung, als Mensch ethisch zu handeln — auch wenn man darüber nicht sprechen darf.
Weitergedacht
Wittgenstein sagt: Das Mystische ist, dass die Welt ist. Lässt sich darin eine Verbindung zu östlichen Traditionen ziehen — zum buddhistischen Staunen über das bloße Dasein? Und wenn ja: Würde Wittgenstein das als sinnvollen oder unsinnigen Satz klassifizieren?
Wittgenstein 2 — Die Theorie der Sprachspiele
Nach dem Tractatus zog sich Wittgenstein zurück — erst in die Einsamkeit seines norwegischen Hauses, dann als Volksschullehrer in der österreichischen Provinz. Dort beobachtete er Kinder beim Spielen, beim Streiten, beim Kommandieren. Die Erfahrung war philosophisch erschütternd: Sprache ist viel mehr als das Beschreiben von Sachverhalten.
„Führe dir die Mannigfaltigkeit der Sprachspiele an diesen Beispielen und anderen vor Augen.”
Befehlen und nach Befehlen handeln. Eine Geschichte erfinden. Einen Witz machen. Bitten, danken, fluchen, beten, grüßen. Das alles ist Sprache — aber keines davon ist eine Beschreibung der Wirklichkeit im Sinne des Tractatus.
Der Schlüsselsatz des Spätwerks:
„Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.”
Das ist die Umkehrung des Tractatus. Nicht die logische Struktur bestimmt den Sinn — sondern die soziale Praxis. Das Wort „Bank” bedeutet Sitzgelegenheit oder Kreditinstitut, je nach Kontext. Die Zahl „Fünf” bedeutet Note, Uhrzeit, Freundinnenanzahl oder Displaygröße — je nachdem, wer es wann in welchem Zusammenhang sagt.
Ein Sprachspiel ist eine Lebensform. Wittgenstein illustriert das mit dem Bauarbeiter-Beispiel: Ein Meister ruft „Platte!” — der Gehilfe bringt eine Platte. Fünf Platten: Zählen und Bringen. Das funktioniert nur, weil beide einem gemeinsamen Regelwerk folgen. Genau wie beim Schach — wenn einer den Turm diagonal bewegt, bricht das Spiel zusammen.
Eigene Einschätzung
Diese Wende ist, glaube ich, Wittgensteins eigentliche Entdeckung. Der Tractatus war brillant — und zu streng. Die Sprachspiel-Theorie hat eine viel größere Reichweite: Sie erklärt, warum Kinder in Familien unterschiedliche Weltbilder aufbauen, warum Fachleute aneinander vorbeireden, warum politische Debatten so oft taub verlaufen. Das sind keine Missverständnisse über Fakten — es sind kollidierende Sprachspiele.
Sprachspiele und Macht — von der Aufklärung bis Hitler
Wittgenstein selbst blieb politisch. Aber die Büchse der Pandora, die er öffnete, war hochpolitisch. Wenn Menschen das für richtig und falsch halten, worin sie sprachlich übereinstimmen — dann sind Sprachspiele politische Macht.
Die französischen Enzyklopädisten — Voltaire, Rousseau — führten neue Begriffe ein: Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit. Neue Sprachspiele, die einer neuen Lebensform vorausgingen. Ludwig XVI. soll beim Anblick der Bücher in Voltaires Zelle gesagt haben: „Diese beiden Männer haben Frankreich zerstört.” Er meinte: durch ihre Sprachspiele haben sie die Revolution in Gang gesetzt.
Hitler — der mit Wittgenstein dieselbe Schule in Linz besuchte (eine Klasse Unterschied, wissenschaftlich nicht gesichert ob sie sich kannten) — erkannte die Kraft der Sprache intuitiv. Er schreibt in Mein Kampf über die Grundregeln der Propaganda: Immer wiederholen. Kurz halten. Wenige Begriffe. Und dann: Volksgesundheit, Arische Rasse, Höherwertig auf der einen Seite — Volksfeinde, Volksschädlinge, Parasiten auf der anderen. Neue Sprachspiele. Und Wittgenstein hätte hinzugefügt: Mit ihnen wurde die kognitive Infrastruktur für die Verbrechen geschaffen, lange bevor sie vollzogen wurden.
Eigene Einschätzung
Hier liegt das Vermächtnis der Sprachspiel-Theorie, das Wittgenstein selbst nicht ausformuliert hat — aber das Herbert Marcuse, die Frankfurter Schule, später die Kritische Diskursanalyse ausgearbeitet haben. Sprache ist nie neutral. Jedes Vokabular trägt Machtstrukturen in sich. „Flüchtlingskrise” vs. „Migrationsphänomen.” „Steuerzahler” vs. „Gemeinschaft.” Die Wahl des Sprachspiels ist immer auch eine politische Wahl.
Weitergedacht
Wenn Propaganda als Sprachspiel-Manipulation verstanden werden kann — folgt daraus eine Pflicht zur Sprachkritik? Wittgenstein selbst sagte: Die Philosophie darf Sprachspiele nur beschreiben, nicht bewerten. War das feige — oder weise?
Die Sprache als alte Stadt — Wittgensteins schönste Metapher
Der späte Wittgenstein schreibt:
„Unsere Sprache kann man ansehen als eine alte Stadt: ein Gewirr von Gässchen und Plätzen, alten und neuen Häusern, und Häusern mit Zubauten aus verschiedenen Zeiten; und dies umgeben von einer Menge neuer Vororte mit geraden und regelmäßigen Straßen und mit einförmigen Häusern.”
Das Bild ist präziser als es zunächst scheint. Im Kern der Stadt: alte Wörter mit tiefer Geschichte — abwägen (aus dem Mittelalter, von der realen Waage), Feldzug (das Heer zog ins Feld). Dann moderne Neubauten: Wellness, Burnout, Chillen. Und Anbauten: Werbefeldzug, Crossmedia-Kampagne — alte Wörter mit neuer Bedeutung.
Sprache wächst wie eine Stadt: organisch, ungeplant, voller Sedimentschichten. Man kann sie nicht entwerfen wie eine ideale Wissenschaftssprache — das scheiterte, wie das Wiener Kreisexperiment zeigt. Sie lebt.
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung:
- Walther Ziegler: Wittgenstein in 60 Minuten (Buch) — erweiterte Fassung des Vortrags mit dreifacher Zitatedichte bei Books on Demand (BoD)
Im Vortrag zitierte / genannte Werke:
- Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus (1921) — das Frühwerk; 80 Seiten, die die Philosophie erschüttern
- Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen (1953, posthum) — das Spätwerk; Sprachspieltheorie
- Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (1945) — Poppers Gegenposition, die den Schürhaken-Streit auslöste
- Herbert Marcuse: Kritik an Wittgensteins Apolitismus — Marcuse forderte, Philosophie müsse Sprachspiele kritisieren dürfen
Verbindungen
→ Walther Ziegler — Habermas in 60 Minuten
Habermas und Wittgenstein teilen die Einsicht, dass Sprache das Fundament menschlicher Wirklichkeit ist — und trennen sich in der Konsequenz. Wittgenstein: Philosophie beschreibt Sprachspiele, ohne sie zu bewerten. Habermas: Im kommunikativen Handeln liegt eine normative Kraft — Verständigung als Telos der Sprache. Wittgenstein wäre das ein unsinniger Satz. Habermas macht ihn zum Programm.
→ Walther Ziegler — Kant in 60 Minuten
Kant und Wittgenstein kämpfen gegen denselben Fehler — das Überschreiten der Grenzen möglicher Erkenntnis. Kant zieht die Grenze bei der Erfahrung (was außerhalb der Anschauungsformen liegt, entzieht sich Erkenntnis). Wittgenstein zieht sie bei der Sprache (was nicht sinnvoll formulierbar ist, darf nicht gesagt werden). Beide landen beim Schweigen — Kant beim „regulativen Ideal”, Wittgenstein beim radikalen Aphorismus.
→ Walther Ziegler — Popper in 60 Minuten
Der Schürhaken-Streit ist keine Anekdote — er ist ein Philosophenstreit. Popper glaubt an echte Probleme, falsifizierbare Hypothesen und die Möglichkeit rationaler Ethik. Wittgenstein hält beides für Scheinprobleme schlechter Sprachverwendung. Beide teilen den Empirismus, trennen sich in der Frage: Gibt es rationale Ethik?
→ Walther Ziegler — Foucault in 60 Minuten
Wittgensteins Sprachspiele und Foucaults Diskurs-Konzept sind Parallelentwicklungen, die sich nie trafen. Für beide ist Sprache Macht: Sprachspiele bestimmen, was als wahr, normal, legitim gilt. Foucault radikalisiert das — er zeigt, wie Diskurse Körper, Institutionen und Wissen formen. Wo Wittgenstein beschreibt, kritisiert Foucault.
→ Walther Ziegler — Hegel in 60 Minuten
Wittgenstein nennt Hegels Weltgeist explizit einen „unsinnigen Satz.” Das ist nicht nur polemisch — es markiert den größtmöglichen Abstand zweier philosophischer Projekte: Hegel will das Absolute denken. Wittgenstein sagt, das sei sprachlich unmöglich. Die ganze Geschichte des deutschen Idealismus ist für Wittgenstein ein philosophischer Irrtum ersten Ranges.
→ Walther Ziegler — Adorno in 60 Minuten
Adorno und die Frankfurter Schule übernahmen Wittgensteins Sprachkritik — und radikalisierten sie. Wo Wittgenstein noch sagte, Philosophie dürfe Sprachspiele nur beschreiben, forderte Adorno Ideologiekritik: Sprache trägt Herrschaft in sich, und genau das muss aufgedeckt werden. Das ist der Konflikt, den Marcuse gegen Wittgenstein formuliert.
→ Walther Ziegler — Sartre in 60 Minuten
Sartre und Wittgenstein teilen die Diagnose der Kontingenz — die Welt hätte auch anders sein können — und ziehen entgegengesetzte Konsequenzen. Sartre: Radikale Freiheit und Verantwortung folgen daraus, in einer sinnlosen Welt Sinn zu setzen. Wittgenstein: Schweigen über das, was nicht gesagt werden kann — und Sprachkritik statt Ontologie.
→ scobel — Lyotard das Ende der Wahrheit
Lyotard radikalisiert Wittgensteins Sprachspiel-Begriff zu einer Gesellschaftstheorie: Wo Wittgenstein noch beschreibt (Philosophie darf Sprachspiele nur beschreiben, nicht hierarchisieren), macht Lyotard daraus eine Diagnose — es gibt keine Metasprache, die über allen Sprachspielen steht. Das ist die postmoderne Konsequenz aus dem Spätwerk, die Wittgenstein selbst nie gezogen hätte.
→ Souleymane Bachir Diagne — Der Philosoph als Uebersetzer
Diagnes „Denke in Gegenwart der Vielheit der Sprachen” steht auf Wittgensteins Fundament: Sprachspiele, Bedeutung als Gebrauch, die Grenzen meiner Sprache als Grenzen meiner Welt. Diagne zieht daraus die dekoloniale Konsequenz — jedes Argument muss die Prüfung durch das Fremde bestehen.
Weiterdenken
Was Aristoteles vielleicht gefragt hätte
- Wenn Sprache wirklich die Grenzen der Welt bestimmt — kann dann ein Mensch durch Sprachenlernen buchstäblich eine andere Welt betreten? Und was passiert an den Rändern?
- Wittgenstein verbietet sich selbst, über Ethik zu sprechen — und lebt trotzdem ein zutiefst moralisches Leben. Ist das beredete Schweigen ehrlicher als alle Ethikphilosophie?
- Die Sprachspiel-Theorie erklärt, wie Propaganda funktioniert. Aber sie sagt nichts darüber, wie man ihr widersteht. Ist das ein Versagen — oder war das nicht Wittgensteins Frage?
- Was wäre stärker: Adornos Ideologiekritik oder Wittgensteins Beschreibung — um politische Sprachspiele zu durchschauen?
- „Bringt die Menschen in die unrichtige Atmosphäre und nichts wird funktionieren, wie es soll. Bringt sie wieder in das richtige Element, und alles wird sich entfalten und gesund erscheinen.” — Was ist damit gemeint? Und gilt das auch für politische Kulturen?












