Lukas Bärfuss

Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Lukas Bärfuss (30. Dezember 1971, Thun) — Schweizer Schriftsteller, Dramatiker, Essayist und Theaterregisseur. Georg-Büchner-Preis 2019, Schweizer Buchpreis 2014. Lebt in Zürich.

Neun Jahre Primarschule, kein Gymnasium, kein Abschluss: Bärfuss arbeitete als Tabakbauer, Eisenleger, Gabelstaplerfahrer und Gärtner und war zwischen dem 16. und 20. Lebensjahr mehrfach obdachlos — „arm in einem Land, in dem es Armut eigentlich nicht geben sollte”. Sein Vater, kleinkriminell und verschuldet, starb als Obdachloser; das Erbe schlug Bärfuss aus, geblieben ist eine Bananenkiste mit Schuldscheinen. Über eine Buchhandlung in Bern, das nachgeholte Buchhändler-Diplom und die Lektüre fand er den Weg heraus — ein Autodidakt, der heute an drei Hochschulen lehrt und dessen Archiv das Schweizerische Literaturarchiv verwahrt.

Wichtigste Werke: Die sexuellen Neurosen unserer Eltern (2003), Hundert Tage (2008), Koala (2014), Vaters Kiste (2022), Königin der Nacht (2026) Kernkonzepte: Herkunft als Fessel, Erbe und Klassismus, Literatur als politische Handlung, Schweiz-Kritik


Biografie

Lukas Bärfuss wurde am 30. Dezember 1971 in Thun im Berner Oberland geboren. Die Familie zerfiel früh. Der Vater war ein Kleinkrimineller, dauerbetrieben, von Schuldscheinen und Betreibungsbriefen verfolgt; er starb schließlich als Obdachloser im Treppenhaus seiner letzten Wohnung. Die Mutter — Bärfuss beschreibt sie 2026 in Königin der Nacht — war eine Frau ohne Bildung und ohne Aussicht, mit einem unstillbaren Verlangen nach Freiheit, das für den Sohn wenig Platz ließ: Sie nahm ihm das verdiente Geld, verschwand über Nacht mit einem neuen Mann und ließ ihn zurück. Kellnern in düsteren Lokalen, die Blicke der Männer — daher der Titel. Ein Bruder nahm sich später das Leben; dieser Tod steht am Anfang des Romans Koala.

Nach neun Jahren Primarschule war Schluss mit der Schule. Bärfuss arbeitete als Tabakbauer, Eisenleger, Gabelstaplerfahrer und Gärtner. Zwischen dem sechzehnten und zwanzigsten Lebensjahr war er mehrfach obdachlos und lernte, wie er es später formulierte, „was es heisst, arm zu sein in einem Land, in dem es Armut eigentlich nicht geben sollte”. Was ihn von der Straße holte, waren Bücher. Nach der Rekrutenschule fand er Arbeit als Buchhändler in Bern, später in einer kollektiv geführten Buchhandlung in Fribourg, und holte parallel das Buchhändler-Diplom nach. Der Bildungsweg blieb autodidaktisch — es gibt kein Studium, keine Matura, keinen akademischen Grad außer dem, den ihm 2022 die Philosophische Fakultät der Universität Freiburg (Schweiz) ehrenhalber verlieh.

Seit 1997 arbeitet er als freier Schriftsteller. Etwa in dieser Zeit schlug er auch das väterliche Erbe aus — es bestand aus Schulden. Übrig blieb eine Kiste, die er jahrelang nicht anrührte; als er sie öffnete, fand er nichts Bemerkenswertes darin, aber genug, um über Herkunft, Erbe und die Frage nachzudenken, was Menschen einander hinterlassen. Daraus wurde 2022 Vaters Kiste.

Den Einstieg ins Theater fand Bärfuss über die Künstlergruppe 400asa, die er mit dem Regisseur Samuel Schwarz gründete — freies, schnelles, respektloses Theater abseits der Stadttheater-Apparate. Der Durchbruch kam 2001 mit der Groteske Meienbergs Tod über den Journalisten Niklaus Meienberg und die Heucheleien des Kulturbetriebs. Zwei Jahre später machte Die sexuellen Neurosen unserer Eltern ihn international bekannt: Das Stück wurde in zwölf Sprachen übersetzt, Theater heute kürte ihn zum Nachwuchsautor des Jahres, 2015 folgte die Verfilmung mit Lars Eidinger. Von 2009 bis 2013 war er Dramaturg am Schauspielhaus Zürich, wo er bis heute Gesprächsreihen moderiert.

Als Prosaautor debütierte er 2002 mit der Novelle Die toten Männer. Hundert Tage (2008) über den Völkermord in Ruanda und die Rolle der Schweizer Entwicklungshilfe wurde in fünfzehn Sprachen übersetzt; Koala (2014), das den Suizid des Bruders mit der Kolonialgeschichte Australiens verschränkt, brachte ihm den Schweizer Buchpreis. 2019 erhielt er den Georg-Büchner-Preis — die höchste literarische Auszeichnung des deutschen Sprachraums, verliehen an einen Mann ohne Schulabschluss.

Bärfuss lehrt an der Hochschule der Künste Bern (seit 2017, Y-Institut und Master Contemporary Arts Practice), am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel (seit 2007) und an der Zürcher Hochschule der Künste (seit 2013) — nicht am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2013 hatte er die Heiner-Müller-Gastprofessur an der FU Berlin inne, 2015 die Poetikprofessur in Bamberg. Seit 2015 ist er Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, 2023 übernahm das Schweizerische Literaturarchiv seinen Vorlass. Er lebt in Zürich und ist Vater einer Tochter und eines Sohnes.

2025/2026: Im Mai 2025 wurde am Schauspielhaus Zürich sein Monolog Sex mit Ted Cruz über politischen Opportunismus uraufgeführt (Regie: Wojtek Klemm, gesprochen von Michael Neuenschwander). 2026 erschien bei Rowohlt Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter — das Gegenstück zu Vaters Kiste und der Abschluss einer Herkunftstrilogie in Essayform.


Bücher & Publikationen

Prosa

TitelJahrWorum es geht
Die toten Männer2002Debüt-Novelle bei Suhrkamp
Hundert Tage2008Ein Schweizer Entwicklungshelfer im Ruanda des Genozids — über die Blindheit gut gemeinter Hilfe. In 15 Sprachen übersetzt
Koala2014Der Suizid des Bruders, verschränkt mit der Kolonialgeschichte Australiens und der Naturgeschichte eines trägen Tiers. Schweizer Buchpreis
Hagard2017Ein Mann folgt einer fremden Frau durch die Stadt — Obsession als Diagnose der Gegenwart. Shortlist Leipziger Buchmesse
Malinois2019Erzählungen
Vaters Kiste. Eine Geschichte über das Erben2022Aus der Bananenkiste des verstorbenen Vaters wird ein Essay über Erbe, Eigentum, Klassismus — und ein Plädoyer für ein neues Erbrecht
Die Krume Brot2023Roman über eine Frau am Rand der Wohlstandsgesellschaft, Armut in der reichen Schweiz
Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter2026Die Mutter: ohne Bildung, ohne Aussicht, mit unstillbarem Freiheitsverlangen — und ein Kind, das ihr im Weg stand

Essays

TitelJahrWorum es geht
Stil und Moral2015Essays über Sprache und Verantwortung — der Band, der ihn als Essayisten etablierte
Krieg und Liebe2018Politische Essays zu Europa, Nation, Gewalt
Die Krone der Schöpfung2020Über den Menschen als Maß aller Dinge — und was dieser Anspruch anrichtet
Wir kennen uns nicht. Rede an die Abiturienten des Jahrgangs 20202020Abiturrede eines Mannes ohne Abitur
Contact2018Lyrik/Bildband mit Michael Günzburger über das Verhältnis von Mensch und Tier

Theater (Auswahl)

StückUraufführungWorum es geht
Meienbergs TodTheater Basel 2001Groteske über den Journalisten Niklaus Meienberg und die Heucheleien des Kulturbetriebs
Die sexuellen Neurosen unserer ElternTheater Basel 2003Eine geistig behinderte junge Frau wird von den Medikamenten genommen und entdeckt ihre Sexualität — wer schützt hier wen? In 12 Sprachen übersetzt, 2015 verfilmt
Der Bus (Das Zeug einer Heiligen)Thalia Theater Hamburg 2005Eine Pilgerfahrt, ein Unfall, eine Frau im Schnee — Mülheimer Dramatikerpreis 2005
Alices Reise in die SchweizTheater Basel 2005Szenen aus dem Leben eines Sterbehelfers — Sterbetourismus als Schweizer Geschäftsmodell
ÖlDeutsches Theater Berlin 2009Die Abhängigkeit vom wichtigsten Rohstoff des Industriezeitalters
Zwanzigtausend SeitenSchauspielhaus Zürich 2012Die Abweisung jüdischer Flüchtlinge an der Schweizer Grenze — in der Schweiz überwiegend negativ aufgenommen
Frau SchmitzSchauspielhaus Zürich 2016Groteske über Geschlecht, Verwandlung und bürgerliche Fassaden
Der ElefantengeistNationaltheater Mannheim 2018Kritische Auseinandersetzung mit Helmut Kohl, dem „Kanzler der Einheit”
Einsiedler WelttheaterEinsiedeln 2024Neubearbeitung von Calderóns Großem Welttheater für die traditionsreiche Klosterplatz-Aufführung
Sex mit Ted CruzSchauspielhaus Zürich 2025Monolog über Opportunismus in der Politik

Empfehlenswerte Videos & Vorträge

  • Die Fesseln der eigenen Herkunft sprengenSternstunde Philosophie, SRF Kultur, 27.11.2022 (57 Min.). Barbara Bleisch im Gespräch mit Bärfuss über Vaters Kiste: die Obdachlosigkeit, das ausgeschlagene Erbe, wem Klassismus nützt und warum wir mehr sind als unsere Herkunft. Das Referenzgespräch zu dieser Vita.
  • Das Leben als TreibjagdSternstunde Philosophie, SRF Kultur, 2014. Das frühere Sternstunde-Gespräch, geführt im Jahr von Koala — über den Suizid des Bruders, Scham und die Kolonialgeschichte des Nichtstuns.
  • Lukas Bärfuss bei Roger SchawinskiSchawinski, SRF, 02.02.2015 (27 Min.). Konfrontatives Studiogespräch kurz vor dem Skandal-Essay — der Provokateur gegen den Provokateur.
  • Was (ver)erben wir? — Literaturhaus Zürich, Podium mit Kaltërina Latifi und Katja Gentinetta (90 Min.). Das Erbe-Thema von Vaters Kiste im Streitgespräch mit Philosophie und Politikwissenschaft.
  • A Guest in Bern — Polit-Forum Bern (104 Min.). Langformat zu Politik, Literatur und der Schweiz.
  • Suissemania oder Die Schweiz ist des Wahnsinns — Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 03.11.2019. Die Fundamentalkritik an der Schweiz im Umfeld des Büchner-Preises, als Hörstück.
  • Lob der kritischen Vernunft — Deutschlandfunk, 26.05.2022. Rede zu 20 Jahren Bundeskulturstiftung über Geld, Kunst und Freiheit.

Kernthesen

  • Herkunft ist kein Schicksal — aber sie lässt sich auch nicht abstreifen. Der Kampf gegen die eigene Herkunft ist lebenslang; wer aufsteigt, trägt die alte Angst mit. Bärfuss beschreibt keinen Aufstiegsmythos, sondern eine Dauerarbeit.
  • Erben ist ein politischer Skandal, kein privates Glück. Vermögen wird weitergereicht wie ein Adelstitel, Schulden ebenso. Wer nichts erbt, startet nicht bei null, sondern im Minus. In Vaters Kiste plädiert er für ein grundlegend neues Erbrecht — Eigentum ist geliehen, nicht angestammt.
  • Klassismus ist die letzte akzeptierte Verachtung. Über Herkunft zu sprechen gilt als peinlich; genau darin liegt ihre Macht. Die entscheidende Frage lautet nicht „wer ist arm?”, sondern „wem nützt es, dass Armut als persönliches Versagen erscheint?“.
  • Bildung ist Rettung, aber kein Verdienst. Bücher haben ihn von der Straße geholt — ein Zufall, kein System. Eine Gesellschaft, die auf solche Zufälle baut, hat ihre Aufgabe nicht erfüllt.
  • Die Schweiz lebt von einer Erzählung, die nicht stimmt. Wohlstand und Neutralität dienen als moralisches Alibi; die Mitschuld — abgewiesene Flüchtlinge, Fluchtgelder, Rohstoffhandel — wird verdrängt. Zwanzigtausend Seiten und der Essay von 2015 zielen auf diese Lücke.
  • Literatur ist eine politische Handlung. Nicht weil sie Meinungen transportiert, sondern weil sie Sprache genau nimmt, wo Politik sie verwischt. „Stil und Moral” sind für Bärfuss dasselbe Problem.
  • Ohnmacht macht laut. „Als Schweizer hat man in der globalisierten Welt nichts mehr zu sagen. Gefühle der Ohnmacht werden gerne mit großen Worten kompensiert. Und wenn große Worte nicht mehr reichen, nimmt man eben unanständige.” — seine Erklärung für die Verrohung des Diskurses.

Politische / ideologische Einordnung

Bärfuss ist ein dezidiert linker, europäisch orientierter öffentlicher Intellektueller — und in der Schweiz eine Reizfigur. Er kritisiert die nationalkonservative und wirtschaftsliberale Politik seines Landes scharf, insbesondere die SVP und Christoph Blocher. Manche nennen ihn den neuen Max Frisch oder Dürrenmatt, andere einen Linksintellektuellen, der seine Themen nur streift.

Der Eklat von 2015. Drei Tage vor den Schweizer Parlamentswahlen erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sein Essay Die Schweiz ist des Wahnsinns — eine Fundamentalkritik am politischen, sozioökonomischen und kulturellen Zustand des Landes. Am meisten empörte sein Vorwurf an die Schweizer Medienhäuser, sie hätten Rechtspopulisten ihre Stimme verkauft und so zur Verrohung des Diskurses beigetragen. Die Reaktionen fielen überwiegend negativ aus: Die Berner Zeitung sprach von „provozierender Polemik”, der Tages-Anzeiger vom „undifferenzierten Zerzausen von allem und jedem”, die NZZ warf ihm in einem offenen Brief übertriebenen Moralismus vor. Dass der Essay im Ausland erschien, wurde ihm als Nestbeschmutzung ausgelegt.

Der Streit um den Buchpreis (2017). Bärfuss erklärte den Schweizer Buchpreis — den er 2014 selbst gewonnen hatte — in der FAZ für tot und forderte einen Neustart: mangelnde Juryunabhängigkeit, Eingriffe von Verbandsfunktionären. Die Veranstalter gaben nach; gemeinsam mit Melinda Nadj Abonji setzte er ein neues Reglement durch. Ein seltener Fall, in dem seine Provokation direkt Institutionen veränderte.

Weitere Positionen. Unterstützer der Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union (2016). Klare Positionierung gegen den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine im Rahmen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. In der Erbschaftsfrage steht er links der sozialdemokratischen Mitte: Er fordert nicht höhere Erbschaftssteuern, sondern eine grundsätzliche Neubestimmung dessen, was vererbbar sein darf.

Die Gegenseite. Der Vorwurf, der ihn am ehesten trifft: Wer die eigene Aufstiegsgeschichte zum Argument macht, läuft Gefahr, sie zum Maßstab zu erheben — und die Herkunftsdebatte zur Autorenbiografie zu verengen. Kritiker halten seinen Essays vor, mit großer Geste zu diagnostizieren und die Belege schuldig zu bleiben. Bärfuss selbst kennt diesen Einwand und wehrt sich gegen die Rolle des „Vorzeigeintellektuellen von der Gasse” — die Aufstiegsgeschichte, sagt er, ist die Ausnahme, nicht der Beweis, dass das System funktioniert.


Verbindungen zu anderen Denkern

(wird von Montaigne befüllt)


Gedankenwelten-Notes