Worum es geht

Lukas Bärfuss hat das Erbe seines Vaters ausgeschlagen — es bestand aus Schulden und einer Bananenschachtel, die er jahrelang von Wohnung zu Wohnung schleppte, ohne sie zu öffnen. Im Gespräch mit Barbara Bleisch geht er der Frage nach, was Herkunft überhaupt ist: ein biologisches Schicksal, eine soziale Fessel oder eine Erzählung, über die gestritten werden muss. Dabei weigert er sich hartnäckig, seine eigene Geschichte — Obdachlosigkeit mit 16, Büchner-Preis mit 48 — als Beweis für die Macht des Willens zu erzählen. Und er verschiebt die Frage dorthin, wo sie wehtut: zum Pass, der über Leben und Tod entscheidet.

Quelle: Lukas Bärfuss: Die Fesseln der eigenen Herkunft sprengen — Sternstunde Philosophie, SRF Kultur (27.11.2022)

Wer spricht?

Lukas Bärfuss (30. Dezember 1971, Thun) — Schweizer Schriftsteller, Dramatiker, Essayist und Theaterregisseur. Georg-Büchner-Preis 2019, Schweizer Buchpreis 2014. Lebt in Zürich.

Neun Jahre Primarschule, kein Gymnasium, kein Abschluss: Bärfuss arbeitete als Tabakbauer, Eisenleger, Gabelstaplerfahrer und Gärtner und war zwischen dem 16. und 20. Lebensjahr mehrfach obdachlos. Sein Vater, kleinkriminell und verschuldet, starb als Obdachloser; das Erbe schlug Bärfuss aus, geblieben ist eine Bananenkiste mit Schuldscheinen. Über eine Buchhandlung in Bern, das nachgeholte Buchhändler-Diplom und die Lektüre fand er den Weg heraus — ein Autodidakt, der heute an drei Hochschulen lehrt und dessen Archiv das Schweizerische Literaturarchiv verwahrt.

Wichtigste Werke: Die sexuellen Neurosen unserer Eltern (2003), Hundert Tage (2008), Koala (2014), Vaters Kiste (2022), Königin der Nacht (2026) Kernkonzepte: Herkunft als Fessel, Erbe und Klassismus, Literatur als politische Handlung, Schweiz-Kritik

DenkerVita


Die Kiste, in der nichts war

▶ 0:45 Der Vater starb auf der Straße. Er brach zusammen, kam ins Krankenhaus, und weil niemand die Überreste haben wollte, bekam der Sohn eine Liste von Bestattern und musste sie alle abtelefonieren, um herauszufinden, wo die Urne stand. Bärfuss erzählt das ohne Anklage, fast beiläufig, und fügt dann einen Satz an, der die ganze Szene kippt:

„Das hat mich irgendwo auch zum Schriftsteller gemacht.”

▶ 3:04 Was er dort lernte, in sehr kurzer Zeit: worüber eine Familie redet und worüber nicht, was Scham bedeutet, wie schnell ein Mensch verschwinden kann. Der Vater saß mehrfach wegen Vermögensdelikten und Urkundenfälschung, war das schwarze Schaf einer ansonsten unauffälligen Familie. Der Kontakt war längst abgerissen — die letzte Begegnung: der Vater erscheint an Bärfuss’ Arbeitsplatz in der Buchhandlung, er habe sein Portemonnaie liegen lassen, er brauche Geld. Fünfzig Franken konnte der Sohn entbehren.

Geblieben ist eine Bananenschachtel. Bärfuss zog jahrelang mit ihr um, ohne sie zu öffnen. Als er es schließlich tat, fand er Rechnungen, Betreibungsurkunden, Pfändungsankündigungen und einen Sanyo-Kassettenrekorder. Auf die Frage, was er sich erhofft habe, antwortet er, Hoffnung habe dabei keine Rolle gespielt — eher Neugier, und ein Verantwortungsgefühl seinen Kindern gegenüber: Irgendwann würde die Kiste in ihre Hände fallen, und dann sollten sie wenigstens das Handbuch dazu haben.

Die Leerstelle als Werkzeug

▶ 7:39 Es gibt keine Fotos. Keine Zeugnisse des kleinen Jungen, keine Erinnerungsstücke aus besseren Zeiten. Bärfuss nennt drei Gründe, und sie liegen alle in derselben sozialen Schicht: Wer etwas dokumentiert, macht sich haftbar — und im Leben seiner Familie gab es viel, wofür man nicht haften wollte. Seine Mutter schaute nach vorn und schaffte alles weg, was Nostalgie brachte. Und dann war da die Straße: Man trägt nur das Allernötigste mit sich.

„Wenn es keine Dokumente gibt und keine Zeugnisse — die Möglichkeit, die Erfindungsgabe als erkenntnistheoretisches Instrument zu benutzen, das war für mich das Schreiben immer.”

▶ 8:25 Das ist die zentrale Wendung, und sie steht früh im Gespräch. Der Mangel an Überlieferung wird zur Voraussetzung der Literatur. Wo die bürgerliche Familie ein Archiv hat, hat die arme Familie ein Loch — und wer das Loch füllen will, muss erfinden. Es sei ihm nie um eine nette Geschichte gegangen, sagt Bärfuss ausdrücklich, sondern um das Recht, die Leerstelle selbst zu deuten. Schreiben als Orientierung, nicht als Kunstgewerbe: „Orientierung ist etwas Existenzielles”, sagt er an anderer Stelle ▶ 19:07, und meint damit die Fähigkeit, sich überhaupt in einer Welt zu verorten, in der niemand einem den Platz zuweist.

Dazu gehört auch der Name. Bärfuss trug den Namen seines Stiefvaters; den des leiblichen Vaters nahm er mit 15 oder 16 selbst an — in der Zeit, in der er alleine auf der Straße lebte. Er beschreibt das als Entscheidung, nicht als Schicksal.

Kein Groll

▶ 11:30 Bleisch bohrt hier am beharrlichsten. Sie sagt, ihr sei die Geschichte der Mutter fast noch näher gegangen — eine Barfrau, eine Wäscherin, eine Frau auf abschüssigem Gelände, die ihren Sohn mit 15 verließ, um dem Stiefvater zu folgen. Sie spüre keine Bitterkeit bei ihm, obwohl sie finde: furchtbar, was man ihm angetan habe.

Bärfuss widerspricht der Prämisse. Er habe es nie persönlich genommen, nie das Gefühl gehabt, im Zentrum dieser Missachtung zu stehen. Was er sah, war Überforderung — und die Lage einer geschiedenen Frau ohne Ausbildung im Schweizer Eherecht der 1980er Jahre.

„Ich war da eigentlich ein Kollateralschaden, wenn man so will.”

▶ 12:15 Das ist ein hartes Wort für die eigene Kindheit, und er sagt es ohne Selbstmitleid. Es verschiebt die Schuld weg von der Mutter, hin zu einer Rechtslage und einer Zeit. Was blieb, war die Großmutter — dort erfuhr er Zuneigung und Pflege „auf eine ganz besondere und einzigartige Weise”. Und was er von der Mutter lernte, zählt er auf, ohne es aufzulisten: Er bewundere vieles an ihr.

Weitergedacht

Bärfuss entlastet seine Mutter, indem er ihre Lage erklärt — das alte Eherecht, die fehlende Ausbildung, die Schweiz der Achtziger. Wo endet die Erklärung und wo beginnt die Entschuldigung? Und wem gegenüber wäre die Unterscheidung überhaupt schuldig?

Nachtrag 2026 — die Fassung hält nicht

Vier Jahre nach diesem Gespräch erschien Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter (Rowohlt, 2026), das erklärte Gegenstück zu Vaters Kiste. Der SRF kündigte es an mit dem Satz, Bärfuss schreibe über „seine Mutter, die ihn nie liebte” — ein deutlich schrofferer Ton als die Gelassenheit von 2022. Was 2022 als soziale Erklärung stand, hat sich offenbar noch einmal bewegt. Wer diese Note liest, sollte den Gleichmut hier als Momentaufnahme lesen, nicht als Endstand.

Das Glück, das kein Verdienst ist

Hier liegt der Punkt, an dem sich diese Note von hundert anderen Aufsteigergeschichten unterscheidet. Bleisch fragt, wie er nach so früh erschüttertem Vertrauen so gut vertrauen könne. Bärfuss antwortet nicht mit Charakterstärke.

„Ein wesentlicher Grund, warum ich heute hier sitze, ist ganz einfach die Gesundheit. Ich bin in all dieser Zeit gesund geblieben, auch psychisch gesund geblieben, und ich habe nie an einer schweren Suchterkrankung gelitten — was überhaupt nicht selbstverständlich ist.”

▶ 14:34 Und dann der Satz, der die ganze Gattung „Vom Obdachlosen zum Büchner-Preisträger” demontiert: „Ich würde nicht behaupten, dass das alles durch meinen Willen und durch meine Kraft geschehen ist. Überhaupt nicht.” Er nennt das entscheidende Parameter — als spräche er über eine fremde Statistik, in der er zufällig auf der günstigen Seite gelandet ist. Vier Mal in diesem Gespräch sagt er, er habe Glück gehabt.

Was er sich zuschreibt, ist etwas anderes, und es klingt fast banal: eine früh getroffene strategische Entscheidung.

„Ich habe früh begriffen, dass Konkurrenz keine Möglichkeit war für mich, sondern Kooperation.”

▶ 9:58 Wer nichts hat, kann im Wettbewerb nichts gewinnen — also die eigene Theatergruppe, die selbstverwalteten Betriebe, das Teilen von Geschichten in der Öffentlichkeit. Sicherheit, sagt er, habe ihm nie Eigentum gegeben, immer nur die lebendige Beziehung zu anderen Menschen. Bei jemandem, der zwischen 16 und 20 auf der Straße lebte, ist das eine Kalkulation, die aufging — keine Lebensweisheit.

Eigene Einschätzung

Die Verweigerung ist das Bemerkenswerte an diesem Gespräch. Aufstiegsgeschichten werden gebraucht — sie beweisen, dass das System durchlässig ist, und entlasten damit alle, die drinnen sitzen. Bärfuss liefert die Geschichte, aber nicht die Moral. Indem er auf Gesundheit, Nicht-Sucht und Zufall zeigt, nimmt er dem Beispiel seine Beweiskraft: Wer es nicht schafft, hat dann eben nicht zu wenig gewollt, sondern weniger Glück gehabt. Das ist eine ungewöhnlich disziplinierte Form der Ehrlichkeit — sie kostet ihn die Heldenrolle, die man ihm gerne gäbe.

Der Onkel, der auftaucht

▶ 20:42 Bleisch spielt ein Lied ein: Mani Matters Bärnhard Matter, über einen Aargauer Dieb und notorischen Ausbrecher, der 1854 in Lenzburg vor über zweitausend Zuschauern öffentlich enthauptet wurde — die letzte öffentliche Hinrichtung des Kantons. Matter hatte nie jemanden getötet. Das Lied beginnt mit der Zeile, die Bärfuss sofort aufgreift: Um mich mir selbst zu erklären, ging ich meinem Stammbaum hinterher. Und es endet mit der Pointe, für die der Liedermacher nicht garantieren kann — die Vererbung spiele schließlich eine Rolle, es könne immer ein solcher Onkel auftauchen.

Bärfuss dreht die Pointe um. Entscheidend ist für ihn das Auftauchen, nicht der Onkel:

„Wir würden nicht wissen, welches Leben wir führen würden, wenn wir irgendeine Kenntnis hätten über unsere Ahnen … Die Zusammenhänge sind nicht gegeben, die muss man herstellen.”

▶ 22:13 Was hat ein Schwerkrimineller des 19. Jahrhunderts mit dem Leben eines Menschen von heute zu tun? Nichts — bis jemand die Verbindung zieht. Herkunft ist für Bärfuss eine Konstruktionsleistung, kein Fund. Das ist die These, an der sich das restliche Gespräch reibt, denn Bleisch hält dagegen: Wir wissen heute viel über Vererbung, auch über die von Traumata; bei der Geburt ist manches längst entschieden, wir sind kein unbeschriebenes Blatt.

Der Habitus und der Ehrendoktor

▶ 24:30 Bleisch bringt Bourdieu ins Spiel: Der Habitus stecke uns in Blut und Knochen, die soziale Herkunft lasse sich nicht abstreifen, man erkenne einen Menschen daran, aus welchem Stall er komme. Bärfuss widerspricht nicht. Er bestätigt und wird dabei konkret bis zur Schmerzgrenze: „Nicht alleine meine Zahnstellung gehört zu dieser Sache.”

Aber er zieht daraus nicht den fatalistischen Schluss:

„Wenn wir vollständig determiniert werden durch unsere Herkunft, dann wird der Freiheitsbegriff unnütz, absurd.”

▶ 25:17 Freiheit heiße auch Befreiung von der eigenen Herkunft; er beschreibt das als dialektisches Verhältnis — die Kräfte, die uns zurückführen auf das, was einmal war, und das Ideal, sich davon zu lösen, bestehen gleichzeitig. Beides stimmt. Er nennt es später einen produktiven Widerspruch und formuliert die Pointe so, dass man sich zuerst zuwenden muss, um sich entfernen zu können.

Wie das aussieht, zeigt eine Szene am Ende des Gesprächs. Bärfuss hat 2022 einen Ehrendoktor der Universität Freiburg erhalten. Bleisch fragt, ob er sich vorbehaltlos freuen könne — Universitäten seien Aufstiegsorte und geschlossene Orte zugleich. Er sagt: Ja, er freue sich, und er habe selbst nie Zugang gefunden, obwohl er es immer gewollt habe. Und dann:

„Ich muss mir einen Zugang zu diesem Ehrendoktortitel noch ein bisschen erarbeiten. Ich kann das noch nicht wirklich kontextualisieren. Ich weiß zum Beispiel nicht: Drucke ich das auf die Visitenkarte, oder wirkt das blöd? Darf ich das in den Pass hineinschreiben? … Da merke ich, da fehlt mir die Übung.”

▶ 51:08 Das ist Habitus in Reinkultur, vorgeführt am eigenen Körper. Die höchste akademische Ehre liegt in seiner Hand, und ihm fehlt das Wissen, wie man sie trägt — weil in seiner Familie niemand je einen Doktortitel hatte. Der Aufstieg ist vollzogen und trotzdem unvollständig. Er fügt versöhnlich hinzu, eine schlimme Belastung sei das nicht.

Eigene Einschätzung

Diese Passage ist ehrlicher als jede Klassismus-Theorie, weil sie nichts behauptet — sie führt etwas vor. Was Bourdieu abstrakt beschreibt — dass die einverleibte Herkunft im Körper und in den Selbstverständlichkeiten sitzt —, wird hier zu einer praktischen Frage: Visitenkarte, ja oder nein? Wer im Bildungsbürgertum aufwuchs, kennt die Antwort, ohne je darüber nachgedacht zu haben. Das ist der eigentliche Vorsprung, und er lässt sich nicht durch Leistung einholen, nur durch Übung — die Zeit braucht, die man vorher nicht hatte.

Woher die Herkunftsneurose kommt

▶ 26:02 Warum leiden wir überhaupt an der Herkunft? Bärfuss nennt drei Achsen, und keine davon ist psychologisch.

Erstens die positivistische Wissenschaft. Darwin sei im Kern eine Analyse der Herkunft gewesen — der biologischen —, und diese Methode war ungeheuer erfolgreich. Wer Herkunft klärt, erklärt die Welt: Das Verfahren strahlte weit über die Biologie hinaus.

Zweitens der bürgerliche Zweifel. Anders als der Aristokrat, dessen Herkunft feststeht, zweifelt der bürgerliche Mensch an der eigenen, und dieser Zweifel muss ausgeräumt werden. Die Fixierung auf die gute Herkunft wird zur Standesnotwendigkeit — eine Anstrengung, die nur nötig ist, wenn die Sache unsicher ist.

Drittens der Nationalstaat. Nationen sind Gemeinschaften, die sich über Herkunft definieren; die Nationalstaatsbildung hat die Frage von der Familie auf ganze Bevölkerungen ausgeweitet.

Bleisch hält dagegen, dass es neben der Neurose auch eine Herkunftsbegeisterung gebe: das Begräbnis der Queen, The Crown, Young Royals. Millionen schauen fasziniert zu, wie Dynastien funktionieren, wie die Krone etwas verlangt. Bärfuss winkt ab. An einer Monarchie interessiere ihn die Verteilung, nicht der Atavismus. Großbritannien sei beim Grundbesitz unglaublich ungerecht, die Kumulierung von Vermögen in wenigen Clans schade der Gesellschaft, und darunter litten sehr viele Menschen.

Die Herkunft, die wirklich entscheidet

Und dann verschiebt er die ganze Diskussion.

„Der wirklich entscheidende Faktor in meinem Leben war meine schweizerische Nationalität. Fern von allen biologischen und familiären Zusammenhängen hat mich das definiert, weil es mir die Möglichkeit gab, an einer äußerst erfolgreichen Volkswirtschaft zu partizipieren.”

▶ 22:59 Der Mann, der auf der Straße lebte, sagt: Der Pass hat mehr über mein Leben entschieden als mein Vater. Und er zieht die Konsequenz dort, wo sie tödlich wird:

„In den letzten sieben Jahren sind 20.000 Menschen im Mittelmeer ertrunken aufgrund ihrer Herkunft. Das ist der einzige Grund — sie hatten die falschen Papiere. Es gibt keinen anderen.”

▶ 30:34 Das ist der politische Kern des Gesprächs, und er kommt fast nebenbei, als Antwort auf eine Frage über Netflix-Serien. Herkunft als Salongespräch — welche Familie, welcher Stammbaum, welches Erbe — ist ein Luxus der Menschen, deren Papiere stimmen. Für alle anderen ist Herkunft eine Grenze mit einem Meer davor.

Was setzt er dagegen? Bleisch bringt Donna Haraway und ihren Slogan Make Kin, not Babies ins Spiel: aufhören, in genealogischen Linien zu denken, in Verbünden über die biologischen Grenzen hinweg denken. Bärfuss greift das auf und macht daraus eine sozialpolitische Aussage:

„Fürsorge für andere Menschen ist nichts Familiäres, nichts Weibliches oder Männliches — das ist etwas Existenzielles. Wir alle brauchen Geborgenheit, und es ist eine Illusion zu glauben, dass wir das nur in diesen bürgerlichen kleinen Familien finden sollten.”

▶ 32:51 Es komme darauf an, eine fürsorgekompetente Gesellschaft zu haben — eine, die möglichst viele Menschen in diese Geborgenheit einschließt. Was er stattdessen sieht: „Geborgenheit und Sicherheit drohen ein exklusives Recht zu werden.” Das schaffe Spannungen. Wer die Familie zum einzigen Ort der Fürsorge erklärt, überlässt alle, die keine haben, sich selbst.

Weitergedacht

Wenn der Pass mehr über ein Leben entscheidet als die Eltern — warum wird über Herkunft fast ausschließlich als Familiengeschichte gesprochen und fast nie als Staatsangehörigkeitsrecht? Wem nützt es, dass die eine Frage privat verhandelt wird und die andere kaum?

Die Krone gehört dem Leben

▶ 34:23 Bärfuss’ Essayband heißt Die Krone der Schöpfung, und Bleisch spielt ihm eine Passage aus Hamlet vor, gelesen von Sandra Hüller — jene Stelle, an der Hamlet die Erde ein unfruchtbares Vorgebirge nennt, das Firmament eine bloße Ansammlung von Dünsten, und dann den Menschen preist: Welch ein Meisterwerk, wie edel durch Vernunft, im Handeln wie ein Engel, im Denken wie ein Gott. Und doch — was ist er?

Bärfuss hört darin eine Beschreibung der Einsamkeit.

„Die Krone der Schöpfung, müsste man sagen, ist das Leben an und für sich, nicht einfach das menschliche Leben.”

▶ 38:14 Das Artensterben, das Verschwinden der Bienen und Insekten — als Spezies überlebe man das nicht, wenn man sich weiterhin in Konkurrenz zum übrigen Lebendigen begreife. Es ist dieselbe Bewegung wie zu Beginn, nur eine Ebene höher: Kooperation statt Konkurrenz, diesmal als Überlebensstrategie einer Gattung statt eines Obdachlosen.

Wie kommt man dahin? Hier wird er überraschend unmoralisch.

„Das ist zuerst ein Gefühl zur Welt, das man entwickeln muss — das ist nicht zuerst ein Gedanke.”

▶ 39:00 Bleisch erkennt darin eine laufende Debatte der Umweltethik: ob moralische Gebote uns überhaupt zum Handeln bringen oder ob es die ästhetische Erfahrung ist — die Schönheit eines Gletschers, die einen angeht. Bärfuss geht weiter. Menschen handeln, wenn sie empfinden, dass es so nicht weitergehen kann; dann verlangen sie Handlungshoheit über ihr Leben. Unsere Gesellschaft aber minimiere diese Empfindung: Man begebe sich in so vielen Bereichen in Simulationen und werde von der Wirklichkeit getrennt. Das Niederreißen dieser Plexiglaswände nennt er eine Überlebensnotwendigkeit.

Das herrenlose Gut

▶ 43:33 Bleisch verteidigt die Bilanz der Gegenwart, als Bärfuss sagt, was seine Generation den Nachgeborenen hinterlasse, sei vor allem Müll. Sie hält dagegen: das Internet, der Zugang zu Wissen, Krebsmedikamente, historisch niedrige Tötungsraten. Nicht alles sei schlechter geworden.

Bärfuss gibt ihr recht — und genau darin liegt für ihn das Problem:

„Es gibt eine Aporie in unserer Gesellschaft. Diesen Fortschritt gibt es tatsächlich, aber die Bedingungen für diesen Fortschritt sind leider suizidal.”

▶ 43:33 Was die westlichen Gesellschaften in 150 Jahren erfolgreich gemacht habe, sei die leichte Verfügbarkeit des Erdöls gewesen — und das Erdöl ist überall: im Tisch, in der Schminke, in den Kleidern, in den Farben. „In unseren Gedanken”, fügt er an. Beides stimmt gleichzeitig, und die Ressourcen sind endlich.

Daraus wird eine juristische Beobachtung, die man so selten hört. Das Erbrecht verteilt Vermögen und Schulden. Aber es gibt eine dritte Kategorie:

„Das herrenlose Gut — so heißt es in der erbrechtlichen Definition —, die Dinge, die keinen Besitzer haben. Das ist das, worum wir uns kümmern sollten. Und das CO₂ gehört leider auch dazu.”

▶ 46:34 (Faktencheck: vereinfacht — die „herrenlose Sache” steht im Sachenrecht, nicht im Erbrecht; siehe unten.) Profite werden privatisiert und vererbt; für den Müll gibt es keine Erben. Bärfuss verweist auf Eugen Huber und die Väter des Schweizerischen Zivilgesetzbuchs — es waren nur Väter — und darauf, dass man vor über hundert Jahren ein exponentiell wachsendes Abfallproblem nicht in die Perspektive nehmen konnte. Vernünftig wäre, diese neue Wirklichkeit rechtlich zu fassen. Sonst lasse man einen wesentlichen Teil einfach aus.

Eigene Einschätzung

Das Bild vom herrenlosen Gut trägt weiter als die übliche Generationengerechtigkeits-Rhetorik, weil es eine konkrete Lücke benennt statt eines moralischen Versäumnisses. Ein Rechtssystem, das jedes Grundstück und jede Schuld einem Namen zuordnet, kennt für die Atmosphäre keinen Eintrag. Wer sich fragt, warum Klimapolitik so schwer durchsetzbar ist, findet hier eine unspektakuläre Teilantwort: Es fehlt nicht nur der Wille, es fehlt die Rechtsfigur. Die Schwäche des Gedankens ist seine Rückseite — wer alles zu Eigentum macht, öffnet auch den Handel damit, und Emissionszertifikate haben gezeigt, wohin das führen kann. Bärfuss geht diesen Schritt im Gespräch nicht.

Wer keine Ahnengalerie hat, hat Geschichten

▶ 52:42 Zum Schluss dreht Bleisch die Frage um: Vielleicht habe er das Erzählen doch von seinem Vater geerbt — der habe sich seine Geschichte schließlich auch immer selbst zurechtgelegt. Bärfuss nimmt das an und baut daraus die härteste These des Gesprächs.

„Die Armen, die Marginalisierten haben nichts, um zu beweisen, woher sie kommen. Sie haben keine Stammbäume, keine Dokumente, keine Liegenschaften, keine Familienporträts, keine Ahnengalerie — und gleichzeitig haben sie eine lebendige Erinnerung.”

Und dann: Der erste Kampf der bürgerlichen Gesellschaft habe den Fahrenden und den Armen gegolten. Warum? Weil sie gegen eine Ahnengalerie, die etwas versteinert, was es so nie gegeben hat, eine gelebte Erfahrung mitbringen. Was Schriftstellerinnen und Schriftsteller tun, sei genau das: eine Geschichte erzählen, die sich in dem Augenblick, in dem man sie erzählt, wieder ereignet.

Von dort ist es ein kurzer Weg zur Wahrheit. In Vaters Kiste steht ein Essay über das Erzählen, und Bärfuss’ Position darin ist unbequem: Jede Erzählung schafft eine Deutung; man könnte auch andere Details betonen, und dann wäre die Geschichte anders gefärbt. Das gelte für Biografien wie für ganze Gesellschaften — welche Denkmäler sie errichten, welche Bücher sie nachdrucken, worauf sie sich beziehen. Es gebe starke Interessen, immer dasselbe zu favorisieren, und man merke erst, wie eng diese Geschichten sind, wenn bisher Marginalisierte auftauchen und sagen: Wir kommen darin auch vor, nur in euren nicht.

„Die Wahrheit hat etwas Totalitäres.”

▶ 55:45 Er meint damit nicht, dass alles gleich gültig sei — die Wahrheit bleibe ein Ideal, um das gerungen werde. Aber zu einer demokratisch verfassten Gesellschaft gehöre die Einsicht, dass es nicht die eine gibt; das Gegenmodell wäre eine politische Theologie, die endgültig definiert, wo die Wahrheit liegt.

Weitergedacht

„Die Wahrheit hat etwas Totalitäres” ist ein gefährlicher Satz in einer Zeit, in der jede Desinformationskampagne mit demselben Argument arbeitet. Wie unterscheidet man das demokratische Aushandeln von Deutungen vom strategischen Zerlegen der gemeinsamen Faktenbasis? Bärfuss zieht die Grenze im Gespräch nicht.

Die letzte Figur des Gesprächs ist kein Verwandter. Christian Stauffacher, Berner Buchhändler, kürzlich verstorben, stellte Bärfuss praktisch von der Straße weg an — und mit ihm andere ohne Diplome, die für eine Anstellung nicht qualifiziert gewesen wären. Stauffacher hatte die Buchhandlung selbst geerbt, gegen seinen Willen; eigentlich wollte er singen. ▶ 48:52

„Er hat sein Erbe überwunden, indem er es angenommen hat.”

Er führte den Laden weiter, aber auf seine Weise, und machte ihn zu einer Koordinate im geistigen Leben der Stadt. Bärfuss nennt das die Pointe seines eigenen Buches: Man brauche Aufmerksamkeit und Anerkennung, um zu verstehen, woher man kommt — damit man weiß, wohin man will, damit man nicht dort bleibt, wo man war. ▶ 49:37

Auf die Schlussfrage, was er seinen drei Kindern hinterlassen wolle, antwortet der Mann, der eine Bananenschachtel geerbt hat:

„Ich möchte, dass die Beziehung, die ich zu meinen Kindern habe, etwas ist, das bleibt. Und ich kann mir nichts vorstellen, das ich ihnen geben könnte als meine bedingungslose und vorbehaltlose Liebe.”

▶ 56:31


Faktencheck

Bestätigt — 20.000 Ertrunkene im Mittelmeer

Bärfuss nennt für die sieben Jahre bis 2022 rund 20.000 Menschen, die im Mittelmeer ertranken, weil sie die falschen Papiere hatten. Die Zahl ist eher zu niedrig gegriffen als zu hoch: Das Missing Migrants Project der IOM zählt seit Beginn der Erhebung 2014 über 25.000 Tote und Vermisste allein im Mittelmeer, für den Zeitraum 2015–2022 rund 22.000. Wer das Elend übertreiben wollte, hätte eine größere Zahl zur Hand gehabt. Quelle: IOM Missing Migrants Project — Mediterranean · Mediendienst Integration: Todesfälle auf den Fluchtrouten

Bestätigt — Bernhard Matter, geköpft 1854

Der Aargauer Dieb und Ausbrecher Bernhard Matter (1821–1854) wurde am 24. Mai 1854 in Lenzburg vor über 2.000 Zuschauern öffentlich enthauptet — die letzte öffentliche Hinrichtung in der Geschichte des Kantons Aargau. Auch der Rest hält: Matter brach mehrfach aus (Baden, Lenzburg 1851, drei gescheiterte Versuche in der Festung Aarburg), und er hatte nie jemanden verletzt oder getötet. Seine Hinrichtung löste eine Debatte aus, die 1857 in ein neues Strafprozessrecht mündete; bundesweit verbot erst die Verfassung von 1874 die Todesstrafe. „Eines der letzten Justizopfer” ist damit keine Legende, sondern die historische Lage. Quelle: Historisches Lexikon der Schweiz: Matter, Bernhard · SRF: Letzter öffentlich geköpfter Aargauer

Bestätigt — Ehrendoktor der Universität Freiburg

Bärfuss erhielt am 15. November 2022 die Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg (Schweiz), verliehen für sein literarisches und essayistisches Werk. Seine Dankesvorlesung trug den Titel „Wie wollen wir leben?” — die Sendung vom 27.11.2022 lag also nur zwei Wochen danach; „kürzlich” trifft es genau. Quelle: Universität Freiburg: Der Titel des Doktors Honoris Causa geht an Lukas Bärfuss

Bestätigt — Haraways „Make Kin, not Babies"

Der Slogan stammt von Donna Haraway und steht in Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene (Duke University Press, 2016), wo ihn in den „Camille Stories” die fiktiven „Communities of Compost” tragen. Haraway entwickelte ihn 2018 im Band Making Kin Not Population (mit Adele Clarke) weiter. Quelle: Staying with the Trouble (Verlagsnachweis via Wikipedia)

Vereinfacht — „Herrenloses Gut" im Erbrecht

Das Zivilgesetzbuch nach Eugen Huber trat 1912 in Kraft — 2022 also 110 statt 100 Jahre; die Zuschreibung an Huber stimmt. Der Rechtsbegriff „herrenlose Sache” existiert, aber im Sachenrecht (Art. 664 und Art. 718 ZGB, Aneignung), nicht im Erbrecht. Dort gilt sogar das Gegenteil: Nach Art. 466 ZGB erbt bei fehlenden Erben das Gemeinwesen — der Kanton des letzten Wohnsitzes. Ein Nachlass wird nach Schweizer Recht gerade nicht herrenlos; der Gesetzgeber hat das bewusst verhindert. Bärfuss’ Sache trifft zu (Vermögen ohne Erben fällt an die Allgemeinheit, für CO₂ gibt es keine solche Zuordnung), der Begriff ist verrutscht. Quelle: HLS: Zivilgesetzbuch (ZGB) · caselaw.ch: Gesetzliche Erbfolge, Art. 466 ZGB · Art. 718 ZGB — Aneignung

Vereinfacht — „Rekordtiefe Zahl an Mord und Totschlag weltweit"

Bleischs Einwand gegen Bärfuss’ Müll-Bilanz stützt sich auf einen Befund, der für Westeuropa massiv belegt ist: Manuel Eisners historische Reihen zeigen einen Rückgang von 30–40 Tötungsdelikten je 100.000 Einwohner im Spätmittelalter auf rund eines heute. Weltweit fehlt für „Rekordtief” die Datengrundlage — belastbare globale Zeitreihen reichen nur bis in die 1990er zurück. Und der jüngste Trend ist gebrochen: Die UNODC misst zwar einen Rückgang von 2,7 (2010) auf 2,3 je 100.000 (2021), doch 2021 stieg die Rate wieder auf ein Niveau, das es seit 2016 nicht gab — bei etwa 458.000 Getöteten. Quelle: UNODC Global Study on Homicide 2023, Kapitel 2 (PDF) · Eisner, Long-Term Historical Trends in Violent Crime, Crime and Justice 2003 — doi:10.1086/652229 (Review-Arbeit, Grundlage der Pinker-Debatte)

Vereinfacht — Die Kleinfamilie „begann in den 1950ern"

Bleischs Kernpunkt stimmt: Die bürgerliche Kleinfamilie ist ein historisches Konstrukt, keine Naturform. Die Datierung stimmt nicht. Das Modell entsteht im 18. Jahrhundert mit der Trennung von Wohn- und Arbeitsstätte und dem Auseinandertreten von männlicher Erwerbs- und weiblicher Haussphäre; im 19. Jahrhundert wird es zum bürgerlichen Leitbild. Die 1950er sind der Höhepunkt seiner Verallgemeinerung über alle Schichten hinweg. Die Verkürzung schwächt das eigene Argument eher: Ein 250 Jahre altes Konstrukt ist nicht weniger kontingent als ein 70 Jahre altes. Quelle: Uni Wuppertal — Kuster: Die bürgerliche Familie im Wandel (PDF) · socialnet Lexikon: Familie


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

  • Sternstunde Philosophie vom 27.11.2022 — SRF Kultur — das vollständige Gespräch, Moderation Barbara Bleisch
  • Lukas Bärfuss: Vaters Kiste. Eine Geschichte über das Erbe (Rowohlt, 2022) — das Buch, aus dem das Gespräch hervorgeht → genialokal
  • Lukas Bärfuss: Die Krone der Schöpfung. Essays (Wallstein, 2020) → genialokal
  • Lukas Bärfuss: Koala (Wallstein, 2014) — die im Gespräch erwähnte Auseinandersetzung mit dem Suizid seines Bruders → genialokal

Im Gespräch erwähnt:

  • Mani Matter: Bärnhard Matter — das Lied über den hingerichteten Vorfahren, mit der Zeile „Um mich mir selbst z’erkläre, gieng i mym Stammbaum hindenache”
  • Donna Haraway: Staying with the Trouble (2016) — Herkunft des Slogans „Make Kin, not Babies” → genialokal
  • Pierre Bourdieu — der Habitus-Begriff, von Bleisch eingebracht
  • Peter Weiss: Abschied von den Eltern · Franz Kafka: Brief an den Vater — von Bleisch als Gegenbeispiele genannt
  • William Shakespeare: Hamlet, II/2 („Welch ein Meisterwerk ist der Mensch”) — gelesen von Sandra Hüller
  • Hannah Arendt — der Begriff der Natalität, von Bleisch eingebracht

Belege zum Faktencheck:


Verbindungen

Steffen Mau — Spaltung der Gesellschaft

Maus Sortiermaschinen geben Bärfuss’ Pass-These den soziologischen Namen: Grenzen verschwinden nicht, sie filtern — wer den richtigen Pass hat, gehört zum globalen Mobilitätsadel, wer in Burkina Faso geboren wird, bleibt an seinen Ort gebunden. Maus zweiter Befund dreht sich gegen Bärfuss’ Umfeld: Die stärkste Zustimmung zur Meritokratie findet sich in der Arbeiterklasse, nicht oben. Bärfuss ist die lebende Gegenprobe — der Aufsteiger, der die Erzählung verweigert, die ihn erklären soll.

Arlie Hochschild — Stolen Pride

Hochschilds Stolz-Paradox ist die Kehrseite von Bärfuss’ Ehrlichkeit. Wer seinen Stolz auf Individualismus gründet, schreibt sich den Erfolg zu — und das Scheitern gleich mit; die am härtesten Getroffenen sind kulturell am stärksten auf Selbstbeschuldigung programmiert. Bärfuss zerschneidet diesen Mechanismus an der Wurzel, indem er sich schon den Erfolg nicht zuschreibt. Wo Pikeville seine Scham an einen Demagogen verkauft, der sie in Fremdschuld verwandelt, kommt er ohne beides aus. Warum das so selten gelingt, hängt zwischen den beiden Notes.

Martyna Linartas — Unverdiente Ungleichheit

Linartas beziffert, was Bärfuss erzählt: über die Hälfte der Vermögen in Deutschland ist ererbt, sechs Generationen dauert ein Aufstieg aus der Armut in die Mitte. Sein ausgeschlagenes Erbe — Schulden und eine Bananenkiste — ist der Negativabdruck der Erbengesellschaft. In der Konsequenz gehen beide auseinander: Linartas will das Erbe fiskalisch umverteilen (Grunderbe), Bärfuss verschiebt die Frage auf das, was niemandem gehört und darum von keiner Erbschaftsteuer erfasst wird.

Tilo Wesche - Rechte der Natur Eigentum Kolonialismus

Bärfuss benennt die Lücke und bleibt stehen: Für das CO₂ fehlt die Rechtsfigur. Wesche geht den Schritt weiter — Natur als Rechtssubjekt statt als Eigentumsobjekt, und zwar als Fortschreibung des bestehenden Rechts. Auch Bärfuss’ Satz, die Krone der Schöpfung sei das Leben selbst, bleibt bei ihm ein Gefühl zur Welt und bekommt bei Wesche eine juristische Form. Umgekehrt zeigt Wesches Eigentumskritik die Rückseite, die Bärfuss übersieht: Wer alles zuordnet, öffnet auch den Handel damit.

Akala — Die verlorenen Seiten der Menschheitsgeschichte

Zwei Autodidakten ohne Abschluss, die sich das Recht auf die eigene Erzählung nehmen — und dabei entgegengesetzt argumentieren. Bärfuss sagt, wer keine Ahnengalerie hat, habe dafür lebendige Erinnerung, und die Wahrheit habe etwas Totalitäres. Akala kämpft in der Oxford Union mit Herodot, Diodor und Grabungsbefunden darum, dass es sehr wohl eine belegbare Wahrheit gibt, die man ihm gestohlen hat. Für Bärfuss ist die fehlende Überlieferung Armut und wird zum Werkzeug; für Akala ist sie produzierte Auslöschung und muss zurückerobert werden. Dieselbe Leerstelle, zwei unvereinbare Antworten.

Dominik Finkelde — Nietzsche Ueber Wahrheit und Luege

„Die Wahrheit hat etwas Totalitäres” ist die praktische Kurzfassung dessen, was Finkelde an Nietzsche entfaltet: Wahrheit als gesellschaftlicher Friedensschluss, als erstarrte Metapher, als Konvention, die wir mit Erkenntnis verwechseln. Finkelde markiert auch die Gabelung, an der Bärfuss stehenbleibt — der Habermas-Weg, nach dem jedes Sprechen Geltungsansprüche erhebt, oder der Nietzsche-Weg, nach dem genau das die raffiniertere Täuschung ist. Die offene Frage dieser Note ist wörtlich diese Gabelung.

Das verwobene Denken — im Geiste Edgar Morins

Bärfuss’ produktiver Widerspruch — durch die Herkunft determiniert und trotzdem frei, beides gleichzeitig, ohne Auflösung — ist Morins dialogique am eigenen Leib. Beide sagen dasselbe von zwei Seiten: Wenn zwei Wahrheiten kollidieren, liegt der Fehler im zu engen Rahmen. Bärfuss liefert dazu die konkrete Formel, die dem Morin-Gedanken fehlt: Man muss sich zuerst zuwenden, um sich entfernen zu können.

Gefangene des Systems — Elitenerziehung und die Verrohung der Macht

Beide arbeiten mit Bourdieus Habitus, von entgegengesetzten Enden der Leiter. Dort lernen junge Menschen an Eliteschulen, ihre Privilegien als natürlich zu erleben; hier führt Bärfuss vor, wie sich das Fehlen dieser Natürlichkeit anfühlt — der Ehrendoktor liegt in der Hand, und es fehlt das Wissen, wie man ihn trägt. Zusammengelesen: Der Vorsprung liegt nicht im Titel, sondern in der Selbstverständlichkeit, mit der man ihn führt.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte

  • Bärfuss führt sein Ankommen auf Gesundheit und Glück zurück statt auf Willen. Was ändert sich an einer Gesellschaft, die Aufstiegsgeschichten als Glücksfälle liest statt als Beweise? Und was verliert sie dabei?
  • Er sagt, Freiheit bedeute auch Befreiung von der eigenen Herkunft — und gibt zugleich zu, dass ihn der Habitus bis in die Zahnstellung prägt. Wenn beides gleichzeitig wahr ist: Woran erkennt man, wann man sich befreit hat, und wann man sich das nur erzählt?
  • Die 20.000 Ertrunkenen sind für Bärfuss der eigentliche Herkunftsskandal. Warum empört uns eine ererbte Villa mehr als ein ererbter Pass, obwohl der Pass ungleich mehr entscheidet?
  • Wer keine Ahnengalerie hat, hat Geschichten — und Geschichten lassen sich nicht vererben wie Grundbesitz. Was bedeutet das für ein Land, dessen Erinnerungskultur überwiegend aus Dokumenten besteht?
  • Bärfuss nennt das herrenlose Gut die eigentliche Erblast. Welche anderen Dinge, die uns alle betreffen, haben in unserem Recht bis heute keinen Namen?