Wer spricht?
Margarita Šešelgytė (*7. März 1977 in Vilnius) ist litauische Politikwissenschaftlerin und seit 2019 Direktorin des Instituts für Internationale Beziehungen und Politikwissenschaft (IIRPS / lit. TSPMI) der Universität Vilnius — der wichtigsten politikwissenschaftlichen Adresse des Landes. Ihr Fach ist die europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik, ihr Spezialgebiet die Lage der Kleinstaaten an der NATO-Ostflanke. Bevor sie an die Universität ging, unterrichtete sie am Baltic Defence College in Tartu und an der litauischen Militärakademie. Wenn sie über Aufrüstung spricht, spricht sie aus einem Frontstaat: Litauen grenzt an Kaliningrad und an Belarus, der Suwałki-Korridor ist die schmalste Landverbindung des Baltikums zum Rest der NATO. Abschreckung ist für sie keine theoretische Kategorie, sondern die Frage, wie lange man im eigenen Land allein bleibt.
Biografie
- Beruf: Politikwissenschaftlerin, Professorin am Institut für Internationale Beziehungen und Politikwissenschaft (IIRPS/TSPMI) der Universität Vilnius — Lehrstuhlbereich Internationale Beziehungen, Zentrum für Europastudien, Forschungsgruppe „Politics of Technology”
- Amt: Direktorin des IIRPS/TSPMI seit 2019 (davor 2007–2019 stellvertretende Direktorin für Studienangelegenheiten am selben Institut)
- Geboren: 7. März 1977 in Vilnius, litauisch
- Ausbildung: Bachelor Politikwissenschaft 1999 und Master 2001, beides am IIRPS der Universität Vilnius; 2007 Promotion ebendort mit einer Arbeit über die gemeinsame Verteidigungsidentität der EU
- Werdegang: 2001–2004 Dozentin am Baltic Defence College in Tartu (Estland); seit 2001 an der Generolo Jono Žemaičio Lietuvos karo akademija (Litauische Militärakademie); zwischenzeitlich am Europa-Komitee bei der Regierung der Republik Litauen; seit 2004 Lehre am IIRPS
- Lehre: Internationale Politik, Security Studies, Einführung in die Sicherheitsstudien
- Forschungsschwerpunkte: EU-Außen- und Sicherheitspolitik · Sicherheits- und Verteidigungsstudien · Theorie der Internationalen Beziehungen · Außenpolitikanalyse · Verteidigungspolitik von EU und NATO · Kleinstaatenforschung · Leadership Studies
- Ämter & Mitgliedschaften: Ehrenmitglied (Honorary Fellow) des Baltic Defence College · Vorstandsmitglied der Ares Group (Armament Industry European Research Group) · Redaktionsbeirat der Baltic Security and Defence Review · Expertennetzwerk der EU-Kommissionsvertretung in Litauen (Team Europe Direct)
- Auszeichnung: Constance Council Prize, verliehen am 5. November 2024 an der Universität Konstanz — verbunden mit einem Vortrag über die Sicherheit Nordosteuropas nach der russischen Invasion der Ukraine
- Netzwerke: wiederkehrende Stimme bei ICDS (Tallinn), Foreign Policy Research Institute (Philadelphia), European Leadership Network, Lennart Meri Conference
Öffentliche Arbeit, Publikationen & Engagement
Šešelgytė publiziert als Wissenschaftlerin — Fachaufsätze, Buchbeiträge, Policy Papers — und nicht als Sachbuchautorin für den deutschen Markt. Ihre beiden Monografien erschienen auf Litauisch und sind im deutschen Buchhandel nicht erhältlich; hier deshalb die zugänglichen Fachtitel mit Direktlinks.
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Three Waves of European Union Security and Defence Policy Transformation and the Role of Lithuania | 2024 | Buchbeitrag in Twenty Years of Lithuania’s EU Membership (Hg. Gediminas Vitkus, Vilnius University Press). Drei Umbrüche der europäischen Verteidigungspolitik — und was ein kleines Mitgliedsland darin bewirken kann. |
| Critical technologies and industrial capabilities: the case of the Baltic States | 2022 | Mit Emilė Indrašiūtė, Ares Group Policy Paper 79 (IRIS, kein stabiler Direktlink). Wie die baltischen Staaten kritische Technologien national definieren — und was daraus für Rüstungsindustrie und Abhängigkeiten folgt. |
| Estonia, Latvia, and Lithuania | 2022 | Mit Kristi Raik, in The Nations of NATO (Hg. Thierry Tardy, Oxford University Press). Die drei baltischen Staaten als Bündnispartner: Erwartungen, Beiträge, Verwundbarkeiten. |
| How to defend society? Baltic responses to hybrid threats | 2021 | Mit Neringa Bladaitė, in Small States and the New Security Environment (Springer). Gesellschaftliche Resilienz als Verteidigungsressource kleiner Staaten. |
| Lithuania as host nation | 2020 | In Lessons from the Enhanced Forward Presence, 2017–2020, NDC Research Paper 14, NATO Defense College Rom. Was es für ein Land bedeutet, dauerhaft Bündnistruppen zu beherbergen. |
| Three themes for NATO 2030 in the Eastern flank | 2020 | In Towards NATO 2030 (Latvian Institute of International Affairs). Ihr Dreiklang für die Ostflanke: konventioneller Aufwuchs, Antwort auf hybride Bedrohungen, Stärkung der Wertegemeinschaft. |
| European defence version 2.0: what does it offer for Lithuania? | — | Mit Emilė Indrašiūtė. Was die neue Welle europäischer Verteidigungsinitiativen einem kleinen Frontstaat konkret bringt. |
| Europos Sąjungos bendro gynybos identiteto problema | 2007 | Monografie (litauisch), hervorgegangen aus ihrer Dissertation über die gemeinsame Verteidigungsidentität der EU. |
| Strateginė autonomija ir Europos gynyba: Europos kariuomenės link? | 2017 | Sammelband-Mitautorin (litauisch): Strategische Autonomie und die Verteidigung Europas — auf dem Weg zu einer europäischen Armee? |
Institutionelle Arbeit: Als Direktorin verantwortet sie das IIRPS/TSPMI mit seinen Studiengängen zu Osteuropa- und Russlandstudien, Internationalen Beziehungen und Diplomatie; sie betreut Promotionen zu gesellschaftlicher Sicherheit in NATO-Kleinstaaten und zu Machtverhältnissen im Cyberraum. Öffentlich ist sie vor allem als erklärende Stimme präsent — in litauischen Medien (LRT, Delfi), in englischsprachigen Formaten (TVP World, FPRI, ICDS) und zunehmend auf europäischen Bühnen.
- Institutsprofil an der Universität Vilnius (TSPMI)
- Autorenseite beim International Centre for Defence and Security, Tallinn
- Profil beim Foreign Policy Research Institute
- Profil beim European Leadership Network
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- WDR Europaforum: Frieden schaffen mit immer mehr Waffen? Aufrüstung und die Angst vor Krieg — re:publica 26, 20.05.2026. Panel mit Jan van Aken (Die Linke) und Jana Puglierin (ECFR); Šešelgytė bringt die Frontstaat-Perspektive in eine deutsche Aufrüstungsdebatte.
- Trump 2.0 and the Baltic States — Foreign Policy Research Institute, April 2025. Ausführliches Panel zur Frage, was die zweite Trump-Amtszeit für die Sicherheitsgarantien im Baltikum bedeutet.
- Russia is a specialist in creating chaos — TVP World, Juli 2024. Kompakte Einordnung russischer Destabilisierungsstrategien.
- Geopolitics in 2024 — TVP World, Dezember 2024. Jahresrückblick auf die europäische Sicherheitslage.
- How Lithuania is navigating security as Pax Americana fades — ausführliches Interview, ECPR The Loop, geführt am 28.01.2026. Das derzeit dichteste Dokument ihrer Position: Total Defence, Ballons aus Belarus, Cyberverwundbarkeit, Suwałki.
- Šešelgytė įvardijo, kokią grėsmę Europai kelia Putinas — Delfi savaitė, Juli 2026 (litauisch).
- Geopolitikos tendencijos — Telia VIP Gyvai, Dezember 2023 (litauisch). Vortragsformat vor Wirtschaftspublikum.
Kernthesen
- Abschreckung ist psychologisch, nicht nur militärisch. Was Angriffe verhindert, ist nicht allein die Zahl der Panzer, sondern die Gewissheit des Gegners, dass gehandelt wird. Deshalb wiegt für Šešelgytė sichtbare Solidarität so schwer wie Material — Litauen selbst hat keine eigene Luftverteidigung und ist seit dem EU-Beitritt auf das NATO Baltic Air Policing angewiesen.
- Pax Americana ist vorbei — aber die NATO ist es nicht. Sie hält die Frage „Amerika oder europäische Autonomie” für falsch gestellt: Europa sei noch nicht in der Lage, allein zu stehen. Zugleich vertraut sie den amerikanischen Institutionen mehr als der Tagespolitik und beschreibt die Ordnung als multipolar werdend, nicht als zusammengebrochen.
- Bedrohung wird geografisch, finanziell und kulturell verschieden gefühlt — daraus folgt „strategische Empathie”. Für Deutschland ist Russland eine andere Größe als für Litauen, für Italien ist Migration die drängendere Sorge. Ihre Antwort ist nicht der Vorwurf, sondern eine Doppelforderung: strategische Empathie für die Lage der anderen, operative Solidarität im Ernstfall. Die deutsche Brigade in Litauen liest sie als echten Bruch mit einer alten Zurückhaltung.
- Total Defence: Verteidigung ist eine Aufgabe der ganzen Gesellschaft. Litauens Doktrin setzt auf Resilienz statt nur auf Streitkräfte — Zusammenarbeit von Staat und Zivilbevölkerung, Vorsorge in Gesundheit, Bildung und Kommunikation, klare öffentliche Kommunikation, die Fähigkeit jedes Haushalts, 72 Stunden allein zurechtzukommen. Vorbilder sind Schweden und Finnland.
- Der eigentliche Krieg läuft unterhalb der Schwelle. Hybride Angriffe sind litauischer Alltag: Schmuggelballons aus Belarus, die den Flughafen Vilnius lahmlegen und Abwehrsysteme binden; Cyberattacken; Bombendrohungen an Schulen. Digitale Stärke ist dabei zugleich Verwundbarkeit — je vernetzter ein Land, desto größer die Angriffsfläche.
- Der Suwałki-Korridor ist entschärft — vorläufig. Weil russische Truppen aus Kaliningrad in die Ukraine verlegt wurden und auf polnisch-litauischer Seite Aufklärung und Manöver stark ausgebaut sind, hält sie die Landbrücke derzeit nicht mehr für die verwundbarste Stelle Europas. Ihre Warnung: Endet der Krieg in der Ukraine, kann sie es sehr schnell wieder werden.
Politische / ideologische Einordnung
Keine Parteibindung erkennbar; sie tritt als Wissenschaftlerin und Institutsleiterin auf, nicht als Politikerin. Ihre Grundhaltung ist klar transatlantisch und proeuropäisch — europäische Verteidigungsfähigkeit ja, aber als Ergänzung der NATO, nicht als deren Ersatz. In der deutschen Debatte steht sie damit auf der Seite derer, die Aufrüstung für notwendig halten; ihre Begründung ist jedoch weniger machtpolitisch als lagebedingt: Sie argumentiert aus der Position eines Kleinstaats, für den die Frage der Bündnisverlässlichkeit existenziell ist. Zu ihrem Profil gehört auch die Nähe zur europäischen Rüstungsforschung (Vorstand der Ares Group, Arbeiten zu kritischen Technologien und industriellen Kapazitäten) — das erweitert ihre Expertise und ist zugleich der Punkt, an dem sich Interesse und Analyse berühren. Auffällig gegen das Klischee vom kompromisslosen Baltikum: Sie bemüht sich ausdrücklich um Verständnis für andere Bedrohungswahrnehmungen, statt sie als Naivität abzutun.
Verbindungen zu anderen Denkern
(wird von Montaigne befüllt)
Gedankenwelten-Notes
- WDR Europaforum — Frieden schaffen mit immer mehr Waffen — re:publica 26: Šešelgytė bringt den Frontstaat-Blick in die deutsche Aufrüstungsdebatte — Luftalarm in Vilnius am Morgen der Diskussion, „Löcher im Himmel”, das Geschichtsbuch des Großvaters in der Schublade












