Biographischer Snapshot

Wer spricht?

René Descartes (1596, La Haye en Touraine — †1650, Stockholm) — Begründer des Rationalismus und „Vater der modernen Philosophie”. Sohn eines Juristen und Parlamentsrats; studiert Jura in Poitiers, dient als Soldat, und widmet sich dann dem Denken — unter permanenter Angst vor der Inquisition.

In einem abgelegenen Landhaus in den Niederlanden zieht er sich zurück, setzt sich in seinen Ohrbackensessel vor den offenen Kamin und beginnt sechs Meditationen, die alles erschüttern. Aus dem Trümmerfeld des Zweifels rettet er einen einzigen unerschütterlichen Satz: Cogito ergo sum. Er wechselt 20 Mal den Wohnsitz und hält seine Adresse geheim. Als Galilei verurteilt wird, verbrennt er Teile seines eigenen Manuskripts. Kurz nach seinem Tod werden alle Bücher vom König und vom Papst verboten.

Wichtigste Werke: Discours de la méthode (1637), Meditationes de prima philosophia (1641), Principia philosophiae (1644) Kernkonzepte: Cogito ergo sum, methodischer Zweifel, Cartesischer Dualismus, res cogitans / res extensa, Gottesbeweis, vier Regeln der Methode


Biografie

René Descartes wird 1596 in La Haye en Touraine geboren — ein Städtchen, das sich später in Descartes umbenennt, so groß ist sein Nachruhm. Sein Vater ist Parlamentsrat in der Bretagne, die Mutter stirbt ein Jahr nach seiner Geburt. Schon als Kind zeigt er eine unstillbare Neugier; am Jesuitenkolleg in La Flèche erhält er eine hervorragende klassische Ausbildung, die ihn paradoxerweise zu dem Schluss bringt, dass fast alles, was man ihm beigebracht hat, unsicher ist.

Er studiert Jura in Poitiers, meldet sich dann als Soldat — weniger aus Kampflust als aus Neugier auf die Welt. Am 10. November 1619, in einem beheizten Zimmer in Ulm, hat er eine dreifache Traumvision, die er als göttlichen Auftrag deutet: Er soll eine universelle Methode der Wahrheitsfindung entwickeln. Dieser Tag gilt als Geburtsstunde der modernen Philosophie.

In den 1620er Jahren lebt er in Paris, zieht sich dann in die Niederlande zurück — liberaler, toleranter, weniger gefährlich als das katholische Frankreich. Dort führt er ein Nomadenleben: 20 verschiedene Wohnsitze in 20 Jahren, keiner kennt seine Adresse außer seinem Freund Marin Mersenne, der als Briefverteiler fungiert.

1633 der Schock: Galilei wird wegen Ketzerei verurteilt. Descartes, der gerade an Le Monde schreibt (einem Buch, das ebenfalls das heliozentrische Weltbild vertritt), zerfetzt und verbrennt Teile des Manuskripts. Was er veröffentlicht, erscheint unter Pseudonym.

1637 der Discours de la méthode — bewusst auf Französisch statt Latein, um ein breiteres Publikum zu erreichen. 1641 die Meditationes de prima philosophia, sein Hauptwerk. Er widmet es der theologischen Fakultät in Paris und schickt vorab Abschriften — ein verzweifelter Versuch, die Kirche einzubinden.

1649 folgt er einer Einladung von Königin Christina von Schweden nach Stockholm. Die Königin besteht auf Philosophieunterricht um fünf Uhr morgens, im Winter, in einem unbeheizten Saal. Descartes, der zeitlebens gern lange im Bett blieb und dort seine besten Gedanken hatte, erkrankt an einer Lungenentzündung und stirbt am 11. Februar 1650 — mit 53 Jahren.

Kurz nach seinem Tod werden alle seine Bücher sowohl vom französischen König als auch vom Papst auf den Index gesetzt.


Bücher & Publikationen

JahrTitelBedeutung
1637Discours de la méthodeVier Regeln des richtigen Denkens; bewusst auf Französisch
1641Meditationes de prima philosophiaDas Hauptwerk: sechs Meditationen, Cogito ergo sum
1644Principia philosophiaeSystematische Darstellung seiner Naturphilosophie
1649Les Passions de l’âmeÜber die Leidenschaften der Seele; letztes Werk

Descartes bei Genialokal


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ThemaLinkIm Vault
Descartes in 60 Minuten (Ziegler)YouTubeWalther Ziegler — Descartes in 60 Minuten

Kernthesen

  1. Cogito ergo sum — Das einzig Unbezweifelbare ist das denkende Ich selbst. Wer zweifelt, muss existieren.
  2. Methodischer Zweifel — Alles, was auch nur den geringsten Anlass zum Zweifel gibt, muss als falsch betrachtet werden — Sinne, Traum und Wachsein, sogar die Axiome der Mathematik.
  3. Cartesischer Dualismus — Das Universum besteht aus zwei grundverschiedenen Substanzen: res cogitans (Geist/Denken) und res extensa (ausgedehnte Materie). Der Mensch muss sich mit seiner Vernunft zum „Herrn und Meister der Natur” aufschwingen.
  4. Vier Regeln der Methode — (1) Nichts für wahr halten, was nicht klar erkannt ist; (2) jede Frage in Teilfragen zerlegen; (3) vom Einfachen zum Komplexen aufsteigen; (4) vollständig prüfen, ob nichts übersehen wurde.
  5. Rationaler Gottesbeweis — Die Idee der Vollkommenheit kann nicht aus dem unvollkommenen Menschen stammen, also muss Gott als ihre Ursache existieren (heute als Zirkelschluss bewertet).

Politische Einordnung

Descartes selbst war kein politischer Denker — aber sein Werk hat enorme politische Konsequenzen. Die Ablösung des Glaubens durch das Denken als Erkenntnisquelle untergräbt die Autorität der Kirche und legt den Grundstein für die Aufklärung. Der Rationalismus wird zur intellektuellen Grundlage der Französischen Revolution und der Menschenrechtserklärung. Zugleich ermöglicht der Cartesische Dualismus eine instrumentelle Naturbeherrschung, die in der Industrialisierung und letztlich in der ökologischen Krise kulminiert.


Verbindungen zu anderen Denkern

  • Walther Ziegler — Vermittler: Descartes ist Teil der Reihe „Große Denker in 60 Minuten”
  • Immanuel Kant — Kant synthetisiert Descartes’ Rationalismus mit dem Empirismus und überwindet den Dualismus von Anschauung und Verstand
  • Georg Wilhelm Friedrich Hegel — Hegel überwindet Descartes’ Dualismus dialektisch: Geist und Natur sind Momente desselben Prozesses
  • Arthur Schopenhauer — Schopenhauer ersetzt Descartes’ Primat des Denkens durch den blinden Willen als Weltprinzip

Gedankenwelten-Notes