Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Prof. Dr. Simon Schaupp ist ein Arbeitsforscher und Soziologe, der die digitale Kontrolle von Arbeit untersucht — nicht als technisches Phänomen, sondern als neue Form von Klassenherrschaft. Er arbeitet mit Graeber und Adorno im Hintergrund und analysiert, wie Algorithmen Arbeiter nicht nur effektiver machen, sondern zugleich für ihre eigene Überflüssigkeit programmieren. Sein Ton ist analytisch, aber zugleich politisch engagiert: Arbeit ist ein Ort der Emanzipation oder Ausbeutung, es gibt kein Drittes.

Biografie

Simon Schaupp promovierte an der Universität Basel und hat danach Gastprofessuren am Karlsruhe Institute of Technology (KIT) und der Technischen Universität Berlin inne. Heute ist er Assistant Professor an der KU Leuven (Belgien) und Forschungsleiter des Projekts „Ecological Obstinacy” am Institut für Sozialforschung Frankfurt.

Er arbeitet an der Schnittstelle von Arbeitssoziologie, kritischer Theorie und Ökologie — eine Perspektive, die die meisten Linken ignorieren: Dass der Kampf um Arbeitszeitverkürzung direkt mit CO₂-Emissionsreduktion zusammenhängt (weniger Arbeit = weniger Konsumzwang = weniger Produktion).

Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Technopolitik von unten — Algorithmische Arbeitssteuerung und kybernetische Proletarisierung2021Monografie zur algorithmischen Kontrolle in Fertigungsproduktion und Logistik; zentrale Arbeit zur kybernetischen Proletarisierung
Digitalization in Industry: Between Domination and Emancipation2018Co-Autor (mit Uli Meyer, David Seibt); Perspektiven auf Emanzipation vs. Herrschaft in der Industrie 4.0
Cybernetic Proletarianization: Spirals of Devaluation and Conflict in Digitalized Production2022Peer-reviewed Artikel; Kerntheorie zur kybernetischen Proletarisierung
The Fear of Uselessness: From the Normalization to the Enjoyment of Ecological Destructiveness2025Neuste Publikation; psychoanalytische Wendung seiner Theorie

Empfehlenswerte Videos & Vorträge

Kernthesen

  1. Kybernetische Proletarisierung ersetzt alte Proletarisierung — Die neuen Arbeiter sind nicht in Fabriken, sondern in Logistik, Lieferdiensten und Fertigungslinien. Sie werden nicht entlassen, sondern in digitale Feedback-Schleifen eingespannt, in denen sie ihre eigene Überflüssigkeit programmieren müssen.

  2. Der Arbeiter macht sich selbst überflüssig — Das ist das Neue: Es ist nicht mehr nur der Kapitallist, der Maschinen einsetzt. Der Arbeiter selbst wird zum Algorithmus-Optimierer, der die Prozesse rationalisiert, die ihn dann ersetzen.

  3. Gewerkschaften sind ambivalent zu Digitalisierung — In vielen Fällen haben Gewerkschaften Digitalisierungsprojekte mitgetragen; nachher sind die Arbeiter traumatisiert. Das ist Klassenkollaboration, aber unbewusst.

  4. Arbeitzeitverkürzung ist Klimapolitik — Weniger Arbeitszeit = weniger Konsumzwang = weniger Produktion = weniger CO₂. Das ist die politische Antwort, die die Grünen nicht sehen wollen.

  5. Technopolitics from Below ist keine Sabotage, sondern Reorganisation — Arbeiter organisieren sich gegen digitale Kontrolle nicht durch Zerstörung, sondern durch Aushandlung neuer Spielregeln — Streiks, Arbeitsniederlegungen, Widerstand im System.

Politische Einordnung

Links, kritisch-theoretisch, ökologisch. Schaupp sitzt explizit im Umfeld der Frankfurter Schule (Institut für Sozialforschung) und verweist ständig auf Adorno, Graeber, Lukács. Sein Unbehagen gegenüber der Bundesregierung (die „mehr arbeiten” propagiert) ist grundsätzlich: Sie verteidigt ein Produktionssystem, das ökologisch am Ende ist.

Verbindungen zu anderen Denkern

  • Fabian Braesemann — Anderer Zugang zum gleichen Phänomen; Braesemann datengestützt und neutral, Schaupp politisch-emanzipatorisch
  • David Graeber — Methodischer Einfluss; auch Graeber zerlegt die „Bullshit Jobs”-Logik und kritisiert sinnlose Arbeit
  • Hartmut Rosa — Beide kritisieren Beschleunigung; Rosa von der Resonanz her, Schaupp von der Klassenherrschaft her
  • Heiner Flassbeck — Beide sehen Lohnpolitik und Arbeitszeitverkürzung als zentral; Flassbeck ökonomischer, Schaupp soziologischer

Gedankenwelten-Notes


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte

  • Wenn Arbeiter ihre eigene Überflüssigkeit programmieren — können sie das verweigern, oder ist das strukturell unvermeidbar?
  • Schaupp kritisiert „mehr arbeiten” als Klassenpolitik — aber was ist die Alternative ohne Massenverelendung?
  • Arbeitzeitverkürzung und Klimapolitik sind verbunden — warum ist das so schwer in den Kopf der Politikerinnen?
  • Gewerkschaften haben Digitalisierung mitgetragen — war das naive Kollaboration oder rationale Wahl angesichts des Alternativen?