Quelle: Arbeiten wir zu wenig – oder völlig falsch? | NANO Talk (3sat, 2026)

Wer spricht?

Fabian Braesemann — Ökonom und Datenanalyst an der Oxford Internet School. Forscht zur Transformation von Arbeitsmärkten durch Digitalisierung und KI; arbeitet selbst mit KI-Agenten für Großdatenanalysen. Vertritt eine empirisch-differenzierende Position: kein Epochenbruch, sondern beschleunigte Entwicklung.

Simon Schaupp — Soziologe und Arbeitsforscher, Professor. Beschäftigt sich mit digitaler Transformation, Gewerkschaften und dem Zusammenhang von Arbeitszeit und CO₂-Emissionen. Orientiert sich an der kritischen Theorie (David Graeber, u.a.). Scharf kritisch gegenüber der Regierungsrhetorik von “mehr arbeiten”.

Eva von Redecker — Philosophin und freie Autorin. Promoviert bei Rahel Jaeggi an der Humboldt-Universität, Lehrauftrag an der HFBK Hamburg. Lebt in einer ländlichen Gemeinschaft in Brandenburg. Werke: Revolution für das Leben (2020), Bleibefreiheit (2023), Dieser Drang nach Härte (2026). Bringt den feministischen und ökophilosophischen Blick: Sorgearbeit als patriarchal privatisiertes Eigentum, die “dritte Arbeit” der Natur.

Moderation: Stephanie Rohde (3sat NANO)


Epochenbruch oder stetige Beschleunigung?

▶ 6:05

Die Runde beginnt mit einer Diagnose, die sofort in Differenzen führt. Schaupp sieht einen doppelten Epochenbruch: technologisch und ökologisch — aber keiner davon realise sich gesellschaftlich. Die KI verspricht enorme Produktivitätspotenziale, die nicht ankommen. Die fossile Energie untergräbt die Arbeitsproduktivität durch Klimafolgen, wird aber weiter subventioniert. „Wir leben in einer Art Interregnum, wo das Alte sozusagen eigentlich tot ist, aber zombiemäßig weiter marschiert.”

Braesemann widerspricht: Zumindest auf der digitalen Ebene sieht er keinen Bruch, sondern eine „stetige Entwicklung, die jetzt natürlich rasanter beschleunigt wurde.” KI-Bilderkennung am Flughafen, Smartphone-Algorithmen — das sei keine Singularität, sondern Kontinuität. Der Transformer-Algorithmus hinter ChatGPT existiert seit 2017.

Redecker kritisiert die Rahmung selbst. Die Frage, ob wir von KI ersetzt werden, kommt aus einer „Doppelgängerfurcht” — sie fixiert auf das isolierte Produkt, nicht auf die gesellschaftlichen Produktions- und Eigentumsverhältnisse dahinter. „So eine KI fällt ja nicht vom Himmel.” Dahinter stehen spezifische Investitionen, Firmen, staatliche Infrastruktur — und monopolistische Interessen.

Weitergedacht

Das Interregnum-Bild (Gramsci!) — wenn das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann: Wer profitiert genau davon, dass der Epochenbruch verdrängt wird?


KI als Beschleunigungsmaschine — nicht als Entlaster

▶ 22:10

Schaupp benennt den seiner Meinung nach eigentlichen ökologischen Kern, der in der KI-Debatte fehlt: „KI ist insbesondere eine Beschleunigungsmaschine.” In den meisten Anwendungen geht es nicht um Ersatz, sondern um die Beschleunigung bestehender Produktions-, Distributions- und Konsumptionsprozesse — was zwingend an einen erhöhten Materie- und Energiedurchsatz gekoppelt ist. Das sei die viel größere Gefahr als der reine Energieverbrauch der Rechenzentren.

Die empirischen Daten zeigen: Berufe mit hoher KI-Exposition brauchen mehr Arbeitszeit, nicht weniger. „Paradoxerweise genau das Gegenteil tritt ein.” Eine Berkeley-Studie von Februar belegt, dass KI-unterstützte Bereiche arbeitsintensiver werden. Die BBC fand 20% Fehlerquote bei KI-generierten Nachrichtenzusammenfassungen — was Nacharbeit erzeugt statt sie zu sparen.

Braesemann plädiert für die Möglichkeit eines anderen Outcomes — wenn administrative Prozesse übernommen werden, könnte das Zeit für echte Patienteninteraktion freimachen. Aber er räumt ein: das passiert eben nicht automatisch. Es braucht politische Entscheidungen, wie Produktivitätsgewinne verteilt werden.

Redecker ergänzt die geopolitische Dimension: Die aktuelle KI-Entwicklung mit riesigen monopolisierten Sprachmodellen „ökologisch eine Katastrophe” — und wird gerade dazu genutzt, die Energiewende rückabzuwickeln. „Wir erleben, dass der Stoff der Demokratie eingehegt wird” — ähnlich wie die Frühneuzeit Land einhegte für die Wollproduktion, wird heute Sprache zu einer möglichen Ware.

Weitergedacht

Die Einhegungsthese ist stark: Wenn Sprachfähigkeit als demokratischer Rohstoff kommodifiziert wird — wie unterscheidet sich das von der Einhegung der Gemeinschaftsländereien im 16. Jahrhundert? Und wer könnte dagegen heute das Äquivalent einer Allmende bilden?


Die unsichtbare Arbeit: Sorgearbeit als strukturelles Problem

▶ 28:15

Ein zentrales Thema, das die Arbeitsdebatte systematisch ausblendet: Reproduktionsarbeit. Die Zahlen aus dem Einspieler sind prägnant: Frauen leisten in Deutschland 44% mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer — das entspricht einem Vollzeitarbeitstag pro Woche. Knapp 70% der Mütter leisten den überwiegenden Teil der Kinderbetreuung, nur 4% der Väter. 430.000 fehlende Kita-Plätze. Das Ehegattensplitting belohnt strukturell die Hausfrauenehe.

Redecker entwickelt dafür einen philosophischen Erklärungsrahmen: Sorgearbeit sei patriarchal privatisiert als Eigentum behandelt worden. „Ein Teil des Lebens der Frau, ihre Sorgetätigkeiten, auch ihre Fruchtbarkeit, sexueller Zugang — wie ein Eigentum im Ehevertrag an den Ehemann übertragen.” Diese Prägung wirkt fort: Fürsorge wird wie eine Natureigenschaft behandelt, nicht wie eine Tätigkeit, die Lohn verdient oder gerecht verteilt werden müsste. Wenn man Dinge gar nicht erst als Arbeit sieht, kommt auch nicht in den Blick, dass sie bezahlt und gewürdigt gehören.

Das isländische Beispiel zeigt: Wenn man Gleichstellung als Systemfrage begreift — paritätische Elternzeit, gesetzliche Lohngleichheit, frühe Bildung — sinkt der bereinigte Gender Pay Gap auf rund 3,6% (unbereinigt liegt er bei 10,4%). (Faktencheck: vereinfacht) Deutschland liegt fünfmal schlechter.

Weitergedacht

Redecker sagt: je notwendiger etwas ist, desto mehr wird versucht, es unsichtbar zu halten. Gilt das auch jenseits des Patriarchats — für Klimaschutz, für Demokratiepflege, für Bildung? Warum ist Notwendigkeit offenbar kein politischer Schutz?


Arbeitszeitverkürzung als ökologische Kernforderung

▶ 39:37

Schaupp macht den direktesten politischen Vorschlag: Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich. Das sei historisch die Kernantwort der Gewerkschaftsbewegung — und sie sei ökologisch begründbar. Wer weniger arbeitet, pendelt weniger, konsumiert weniger energieintensiv zur Kompensation von Arbeitsleid, braucht weniger Reproduktionsaufwand. Ein Kollege habe ausgerechnet: Wenn man beim heutigen Energieniveau bliebe und nur die Arbeitszeit reduzierte, käme man auf eine 10-Stunden-Woche. Das sei als Provokation gemeint — aber zeige die Richtung.

„In der ökologischen Krise ist die Kompensation von Arbeitsleid über mehr Konsum immer problematischer.”

Braesemann ist skeptischer gegenüber Makrolösungen. Der Coronaschock habe gezeigt, wie schnell pauschale Reduzierungen negative Folgen haben. Lieber kleinere, maßgeschneiderte Interventionen — wie beim Elterngeld im Vergleich zu Island. Schaupp und Redecker widersprechen nicht dem Prinzip, wohl aber der Bescheidenheit: „Man muss an allen Schrauben drehen” (Redecker). Die strukturellen Probleme sind zu groß für Mikropolitik.

Schaupp schärft nach: Technologischer Fortschritt hat historisch noch nie zu weniger Arbeit geführt — nicht bei der Dampfmaschine, nicht danach. Im Gegenteil: Die Möglichkeit, Arbeitskräfte durch Maschinen zu ersetzen, verbessert die Verhandlungsposition der Arbeitgeber. „Entsprechend haben wir die Entwicklung, dass bei den großen Industrialisierungsschüben die Arbeitszeit tendenziell eher zunimmt.”


Demokratisierung der Arbeit: Die halbe Demokratie

▶ 50:16

Schaupp formuliert die grundlegende Kritik: „Wir haben aktuell eine halbe Demokratie, wo wir unsere Regierungen wählen können. Wir können aber nicht unsere Chefs wählen. Wir können nicht wählen, was und wie wir produzieren wollen.”

In der Donut-Ökonomie (Kate Raworth) wäre Arbeit nicht länger Selbstzweck. Es ginge nicht mehr darum, das BIP zu steigern, sondern demokratisch auszuhandeln, was gesellschaftlich nützliche Arbeit ist. 40% der Beschäftigten in Deutschland bezweifeln laut aktuellen Umfragen, ob ihre Arbeit überhaupt irgendeinen Zweck hat — Graeber würde sagen: zu Recht.

Redecker präzisiert das ökologische Argument: Es gibt eine „dritte Arbeit” — die Arbeit der Natur selbst. Ökologische Kreisläufe, Selbstregulation, Wiederherstellungsprozesse. Diese werden in ökonomischen Debatten nicht als Arbeit gesehen, sondern als Bestand, den man schonen oder verbrauchen kann. Das ist die blinde Stelle: „Zu verstehen, wie viel Zeit schafft oder kostet unsere Arbeit [die natürliche Arbeit] — das ist eine ganz wichtige Perspektive.”

Braesemann stimmt der Analyse zu, bleibt aber bei konkreten Schritten: Das Elterngeldmodell im Vergleich zu Island zeige, dass gezielte Institutionengestaltung funktioniert. An dieser Stelle kommen alle drei zur selben Schlussfolgerung: Nicht das Ausmaß der Arbeit ist das Problem, sondern ihre Verteilung, Sichtbarkeit und Bewertung.


Faschismus als Kapitulation vor der Sorge

▶ 56:20

Auf die Frage, wie stabile Demokratie und demokratischere Arbeit zusammenhängen, antwortet Redecker mit einem der schärfsten Gedanken des Gesprächs: Ein Aspekt des Faschismus ist „eine Kapitulation vor der Möglichkeit von Sorgetätigkeit.” Die Bereitschaft zu sagen: für diese Menschen können wir uns nicht kümmern — das sei die politische Logik hinter Euthanasie, hinter sozialer Ausgrenzung, und hinter dem ökologischen Desinteresse.

„Der Faschismus als gewissermaßen todespolitisches Projekt bejaht diese Lektion und lehnt sich zurück, tut so, als hätte das nichts mit uns zu tun.”

Dagegen setzt sie das älteste sozialpolitische Versprechen: Dass auch für die Schwachen gesorgt wird. Das sei keine Erfindung dekadenter Wohlstandsgesellschaften — archäologische Funde zeigen Menschen, die mit gebrochenen Gliedern alt wurden: „Das heißt, zu sorgen ist eigentlich unsere ureigenste Fähigkeit. Darauf müssen wir uns besinnen.”

Das ist kein Sentimentalismus. Es ist eine politische Herleitung: Wer Sorgearbeit systematisch entwertet und unsichtbar macht, bereitet den Boden für das, was Redecker in ihrem Buch den neuen Faschismus nennt.

Weitergedacht

Wenn Sorgeunfähigkeit ein Merkmal des Faschismus ist — was sagt das über Gesellschaften, in denen Pflegeberufe am schlechtesten bezahlt werden? Ist das bereits Vorstufe oder schon Symptom?


Faktencheck

Bestätigt — Gender Pay Gap Deutschland 16%

Laut Statistischem Bundesamt lag der unbereinigte Gender Pay Gap 2024 bei 16% und blieb 2025 unverändert. Quelle: Gender Pay Gap 2025 unverändert bei 16% — Destatis

Bestätigt — Island 16 Jahre an erster Stelle im WEF Gender Gap Report

Island hält Platz 1 zum 16. Mal in Folge (Stand 2025). Quelle: Global Gender Gap Report 2025 — WEF Key Findings

Vereinfacht — Gender Care Gap 44%

Frauen leisten laut Destatis 44,3% mehr unbezahlte Sorgearbeit (korrigierter Wert 2024, Bezugsjahr 2022). Die Formulierung “ein Vollzeitarbeitstag pro Woche” ist eine Übertreibung: der tatsächliche Unterschied beträgt 1h 19min täglich / ~9h wöchentlich. Quelle: KORREKTUR Gender Care Gap 2022: 44,3% — Destatis

Falsch — 430.000 fehlende Kita-Plätze

Aktuelle Primärerhebungen liegen deutlich darunter. Das IW Köln beziffert die Lücke für unter Dreijährige auf ~306.000 Plätze (2024/25). Die Zahl 430.000 kursiert in GEW-Quellen mit anderen Berechnungsgrundlagen, ist aber nicht durch aktuelle Haupterhebungen gedeckt. Quelle: IW Köln: Bundesweit fehlen über 306.000 U3-Kitaplätze

Vereinfacht — Island Gender Pay Gap 3,5%

Der bereinigte Gap lag 2023 bei ~3,6% — der unbereinigte Gap betrug 2024 jedoch 10,4% (zuletzt sogar gestiegen von 9,3% in 2023). Ohne diese Unterscheidung entsteht ein falsches Bild, zumal der Vergleich mit Deutschland (16% unbereinigt) methodisch inkonsistent wird. Quelle: Statistics Iceland: Unadjusted gender pay gap 10.4% in 2024

Vereinfacht — IWF: 2 von 3 Jobs betroffen

Der IWF-Bericht (Januar 2024) nennt für fortgeschrittene Volkswirtschaften ~60% der Jobs als potenziell betroffen — nicht “2 von 3” (≈66%). Weltweit sind es 40%. Quelle: IMF: Gen-AI and the Future of Work (2024)

Vereinfacht — Produktivitätslücke USA–Deutschland

Braesemann nennt 20–25% höhere Produktivität pro Stunde in den USA. Die Größenordnung ist plausibel, aber die Kausalität (reine Digitalisierung) ist umstritten — Wirtschaftsstruktur und Sektorenmix spielen erheblich mit. Keine unabhängige Quelle gefunden für die genaue Zahl.

Bestätigt — KI-exponierte Berufe: mehr Arbeit, nicht weniger

Berufe mit hoher KI-Exposition werden arbeitsintensiver, nicht weniger. Genereller Befund gut belegt; die BBC-Zahl (20% Fehler bei KI-Zusammenfassungen) wurde nicht spezifiziert. Quelle: Keine unabhängige Quelle für die BBC-Zahl; Befund bestätigt durch Brynjolfsson et al., Stanford 2023

Bestätigt — Island Frauenstreik 1975: 90% der Frauen

Am 24. Oktober 1975 streikten rund 90% der isländischen Frauen. Quelle: Icelandmag: The 1975 Women’s Strike

Bestätigt — Historisch: Technologisierung führt nicht zu weniger Arbeit

Technologischer Fortschritt hat seit der Dampfmaschine nicht systematisch zu Arbeitszeitreduktion geführt — Arbeitszeitverkürzungen wurden erkämpft, nicht geschenkt. Quelle: Huberman/Minns, 2007 — The times they are not changin’


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

Faktencheck-Quellen (Sherlock):

Im Gespräch erwähnte Werke und Konzepte:

  • Eva von Redecker: Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus (2026, S. Fischer)
  • Kate Raworth: Donut Economics (2017) — Wirtschaft zwischen sozialem Minimum und planetaren Grenzen
  • David Graeber: Bullshit Jobs (2018) — Kritik sinnloser Lohnarbeit; Schaupp zitiert Graeber implizit zur Umverteilung
  • John Maynard Keynes: Economic Possibilities for our Grandchildren (1930) — Prognose der 15-Stunden-Woche bis 2030
  • IWF-Studie zu KI und Arbeit: ~60% der Jobs in fortgeschrittenen Volkswirtschaften von KI betroffen — IMF: Gen-AI and the Future of Work (2024) (keine Massenarbeitslosigkeit erwartet)

Verbindungen

Eva von Redecker — Dieser Drang nach Härte

Redecker entwickelt im NANO Talk den Faschismus-Begriff direkt weiter: Sorgeunfähigkeit als faschistische Kernlogik. Dort analysiert sie Phantombesitz als Erklärung für autoritäre Wut — hier verlinkt sie das mit der Entwertung von Sorgearbeit als strukturellem Muster.

Eva von Redecker — Über den neuen Faschismus (Jung & Naiv 811)

Der Jung & Naiv-Talk vertieft Redeckers Faschismus-Analyse. Die NANO-Diskussion ergänzt die ökonomische und feministische Dimension: Wer Sorgearbeit entwert, schafft die Bedingungen für das, was sie dort beschreibt.

Teresa Buecker — Zeit NEU DENKEN

Bücker und der NANO-Talk sind konzeptuell untrennbar: Beide benennen Sorgearbeit als das “unsichtbare Drittel” der statistisch ausgeblendeten Reproduktionsarbeit. Bücker führt “Zeitgerechtigkeit” als politische Kategorie ein — der NANO-Talk liefert mit Redecker und Schaupp die strukturelle Erklärung warum diese Arbeit unsichtbar bleibt: weil der Kapitalismus sie als patriarchales Privateigentum behandelt. Von der Diagnose (Bücker) zur Systemursache (NANO).

Der Dara — Merz 72-Stunden-Arbeitswoche

Spiegelverkehrtes Argument: Der NANO-Talk stellt die These auf, dass wir nicht zu wenig, sondern falsch arbeiten. Der Dara dokumentiert, wie die Merz-Regierung exakt das Gegenteil fordert — mehr Stunden als ökonomisches Heilmittel. Der NANO-Talk ist die theoretische Rahmung für die politische Konfrontation, die Der Dara empirisch zeigt.

Walther Ziegler — Marx in 60 Minuten

Der NANO-Talk greift Marx’ “Maschinenfragment” auf, ohne es zu benennen: Die historische Beobachtung, dass technologischer Fortschritt nie zu weniger Arbeit führte, ist Marx’ Paradox der Automatisierung im Kapitalismus — Maschinen steigern Profit, nicht Freizeit. Schaupp macht dasselbe Argument für KI. Die Marx-Note liefert die ideengeschichtliche Tiefenschicht für Schaupps Analyse.

Clara Mattei — Geschichte der Austeritaetspolitik

Matteis historische These — Austerität als Instrument zur Disziplinierung der Arbeiterklasse — verbindet sich mit der “halben Demokratie”-Kritik des NANO-Talks: Wir wählen Regierungen, nicht unsere Arbeitsbedingungen. Mattei zeigt, dass diese Asymmetrie historisch konstruiert wurde — die Demokratisierung der Arbeit wäre genau das, was Austeritätspolitik strukturell verhindert.

Maja Goepel — Mut zur Zukunft

Göpels Kritik am BIP als blinder Fortschrittsindikator und ihre Rezeption der Donut-Ökonomie trifft die NANO-These direkt: Die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung als ökologischer Notwendigkeit ist die konkrete Policy-Implikation von Göpels These, dass Wachstum als Ziel aufgegeben werden muss. Beide arbeiten mit Kate Raworths Rahmen — Göpel theoretisch, NANO als politische Forderung.

Teresa Bücker

Teresa Bücker hat mit Alle Zeit (2022) eine der wichtigsten deutschsprachigen Analysen zur Zeitgerechtigkeit vorgelegt — konzeptuelle Grundlage für die gesamte NANO-Debatte.


rp26 — KIs unsichtbare Arbeitskraefte

„So eine KI fällt ja nicht vom Himmel” — diese Note zeigt, was wirklich dahinter steckt: 150–430 Mio. Menschen, 18–20 Stunden täglich, $20/Woche. Während NANO über die Zukunft der Arbeit diskutiert, arbeitet Joan Kinyua in einem System, das diese Zukunft produziert — ohne Tarifvertrag, ohne Krankenversicherung, mit PTSD.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte

  • Braesemann plädiert für maßgeschneiderte Mikro-Interventionen, Schaupp für strukturelle Transformation. Können beide recht haben — oder schließen sie sich aus?
  • Wenn technologischer Fortschritt historisch noch nie zu weniger Arbeit geführt hat — warum glauben wir weiterhin daran, dass KI der erste Ausnahmefall sein könnte?
  • Redecker sagt: Das älteste Zeichen von Sorge sind bronzezeitliche Skelette mit geheilten Knochen. Wie viel politische Kraft steckt in dieser Erinnerung — und warum reicht sie offenbar nicht?
  • Ist die Donut-Ökonomie eine realistische Utopie oder ein beruhigendes Bild, das die Machtfrage umgeht?