Steffen Mau

Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Steffen Mau (1968, Rostock) — Makrosoziologe, einer der meistzitierten deutschen Sozialwissenschaftler in der öffentlichen Debatte.

Aufgewachsen im Rostocker Plattenbauviertel Lütten Klein, geprägt durch DDR-Kindheit und die Erfahrung des Mauerfalls als NVA-Soldat. Diese biographische Doppelperspektive — Diktaturerfahrung und Transformationsschock — durchzieht sein gesamtes Werk. Vom vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforscher wandelte er sich zum Chronisten der deutschen Gesellschaft und ihrer Bruchlinien.

Wichtigste Werke: Lütten Klein (2019), Sortiermaschinen (2021), Triggerpunkte (2023), Ungleich vereint (2024) Kernkonzepte: Triggerpunkte, Polarisierungsunternehmer, Veränderungsmüdigkeit, Sortiermaschinen


Biografie

Kindheit in der DDR (1968–1988): Steffen Mau wächst in Lütten Klein auf, einem Rostocker Plattenbauviertel, in dem Opernsänger und Ungelernte Tür an Tür leben. Sein Vater — Diplomnordist, SED-Mitglied mit Distanz — rät ihm klar davon ab, drei Jahre zur NVA zu gehen: „verschenkte Lebenszeit”. Zu Hause empfängt man dänisches Fernsehen, die Olsenbande läuft auf Dänisch. Die Kindheit ist nicht die eines Dissidenten, aber auch nicht die eines Überzeugten — sie ist geprägt von „Halbdistanz” und ironischem Verhältnis zum System.

Wendezeit als Soldat (1988–1990): Nach einer Elektronik-Lehre und einem Trick mit einem Mathematik-Physik-Studienplatz wird Mau als Funker zur NVA eingezogen. Als Soldat erlebt er den Herbst 1989 aus der denkbar paradoxesten Position: eingesperrt in der Kaserne, mit Kalaschnikow auf Wache, während draußen die Mauer fällt. Er gründet einen Soldatenrat und erlebt die „Pulverisierung von Macht” hautnah.

Akademischer Aufstieg (1991–2015): Studium der Soziologie an der FU Berlin, Promotion am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz — als erster ostdeutscher Doktorand dort. Professur in Bremen (2005), dann seit 2015 an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Öffentlicher Intellektueller (2019–heute): Mit Lütten Klein gelingt der Übergang vom Fachsoziologen zum öffentlichen Autor. Leibniz-Preis (2021), Communicator-Preis (2023), Bayerischer Buchpreis (2024). Seit Oktober 2025 Direktor am Max-Planck-Institut in Göttingen.


Bücher & Publikationen


Empfehlenswerte Videos & Vorträge


Kernthesen

  1. Deutschland ist nicht gespalten — es gibt keine Polarisierung durch die Mitte. Was es gibt, sind spezifische Triggerpunkte: neuralgische Zonen, an denen Erregung eskaliert.
  2. Polarisierungsunternehmer nutzen diese Triggerpunkte gezielt, um elektorale Erfolge zu erzielen — durch Spaltung zwischen „wir” und „die”.
  3. Ungleichheit ist folgenlos bewusst — 80% halten sie für zu groß, aber die Arbeiterklasse stimmt der Meritokratie stärker zu als die Oberschicht. Ideologische Verwirrung als Ergebnis des Neoliberalismus.
  4. Veränderungsmüdigkeit betrifft 40% der Bevölkerung — diese Menschen sind hochempfänglich für Anti-Transformations-Narrative, besonders im Osten nach der Transformationserfahrung der 90er.
  5. Grenzen werden zu Sortiermaschinen — sie verschwinden nicht, sondern werden smart und selektiv. Der globale Mobilitätsadel vs. die an ihren Ort Gefesselten.

Politische Einordnung

Mau versteht sich als empirischer Soziologe, nicht als politischer Aktivist. Er berät die Bundesregierung (Sachverständigenrat für Integration und Migration), publiziert mit Ricarda Lang (Grüne), wird aber auch von konservativer Seite rezipiert. Seine Haltung: DDR als Diktatur kritisch sehen, ohne ostdeutsche Lebenswelten zu entwerten. Anti-ideologisch, datenbasiert, mit einer DDR-geprägten Skepsis gegenüber jeder Form von Meinungskontrolle.


Verbindungen zu anderen Denkern

  • Aladin El-Mafaalani — Meritokratie-Kritik aus Bildungsperspektive, ergänzt Maus empirische Befunde zur ideologischen Verwirrung der Arbeiterklasse
  • Hartmut Rosa — Resonanztheorie als mögliche Antwort auf Maus Veränderungsmüdigkeit: Wer resonante Beziehungen zur Welt hat, kann Wandel besser ertragen

Gedankenwelten-Notes