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Gedankenraum
Denker·28. April 2026·3:41 h·32 Belegstellen

Steffen Mau — Die (gefühlte) Spaltung der Gesellschaft

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Ben Shahn — sozialer Realismus der Jahrhundertmitte, drahtige Tuschelinie über flachen Gouache-Feldern in Ocker, Graublau und Zinnober. Shahn malte die Menge als Menge, ohne sie zu verhöhnen — genau Maus Befund: keine gespaltene Gesellschaft, sondern eine breite ruhige Mitte mit wenigen entzündeten Triggerzonen, in die die Polarisierungsunternehmer von oben ihre Magnet-Köder hängen.

Prompt: A mid-century social realist illustration in the style of Ben Shahn, wiry scratchy ink line over flat muted gouache color fields: a wide dense crowd of simple standing figures filling the lower banner, mostly calm in muted grey-blue and ochre tones, standing peacefully together; at three small spots in the crowd a glowing inflamed red-orange patch where a few figures throw their arms up in agitation; above the crowd, two large figures in dark suits lean down from the top edge dangling fishing lines with horseshoe magnets as bait over exactly those red spots; palette of ochre, grey-blue, cream paper, vermilion accents and black ink line, flat poster-like composition, wide banner, no photorealism, no realistic faces

Quelle: Jung & Naiv: Folge 668 — Soziologe Steffen Mau

Wer spricht?

Steffen Mau (1968, Rostock) — Makrosoziologe, einer der meistzitierten deutschen Sozialwissenschaftler in der öffentlichen Debatte.

Aufgewachsen im Rostocker Plattenbauviertel Lütten Klein, geprägt durch DDR-Kindheit und die Erfahrung des Mauerfalls als NVA-Soldat. Diese biographische Doppelperspektive — Diktaturerfahrung und Transformationsschock — durchzieht sein gesamtes Werk. Vom vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforscher wandelte er sich zum Chronisten der deutschen Gesellschaft und ihrer Bruchlinien.

Wichtigste Werke: Lütten Klein (2019), Sortiermaschinen (2021), Triggerpunkte (2023), Ungleich vereint (2024) Kernkonzepte: Triggerpunkte, Polarisierungsunternehmer, Veränderungsmüdigkeit, Sortiermaschinen

→ DenkerVita


Triggerpunkte — Keine Spaltung, aber neuralgische Zonen

82:58 — Mau widerlegt die These einer gespaltenen Gesellschaft empirisch. Deutschland zerfällt nicht in zwei feindliche Lager — es gibt eine breite Mitte mit erstaunlich viel Konsens. Was es gibt, sind spezifische Triggerpunkte: neuralgische Stellen, an denen Erregungszustände plötzlich eskalieren.

„Es gibt sozusagen diese dann auch Erregungszustände, positive und negative Gefühle [...] wir sehen das eigentlich so als neuralgische, inflammatorische Zonen der Gesellschaft."

Im Gespräch — 82:58

127:05 — Der Mechanismus funktioniert wie ein Angelspiel: Politische Akteure werfen Magneten in den öffentlichen Diskurs, und wer affizierbar ist, bleibt hängen. Klimakleber, Zahnersatz für Geflüchtete, Gendern — das sind die Themen, bei denen sofort der Puls steigt. Die Verteilungsfrage dagegen — obwohl 80% der Deutschen die Ungleichheit für zu groß halten — erzeugt kaum Erregung.

Eigene Einschätzung

Die Triggerpunkt-These ist bestechend, weil sie sowohl die gefühlte Polarisierung ernst nimmt als auch die empirische Realität eines breiten Konsenses. Was mich beschäftigt: Wenn Triggerpunkte konstruiert werden können — durch Medien, durch politische Akteure — dann ist die Frage nicht, ob die Gesellschaft gespalten ist, sondern wer ein Interesse daran hat, dass sie sich so fühlt. Das verschiebt die Verantwortung von der Gesellschaft auf ihre diskursiven Architekten.


Polarisierungsunternehmer — Wer die Triggerpunkte bedient

125:34 — Mau prägt den Begriff Polarisierungsunternehmer für politische Akteure, die systematisch Sollbruchstellen im Diskurs abscannen. Sie suchen, wo Gerechtigkeitsvorstellungen irritiert oder Normalitätserwartungen in Frage gestellt werden — und machen diese Bruchstellen dann groß.

„Es gibt politische Akteure, deren zentraler Zweck es ist, zur Erringung von elektoralen Erfolgen Spaltung herbeizuführen — zwischen wir und denen, durch Abwertung, durch Ausgrenzung, zum Teil durch Denunziation."

Im Gespräch — 125:34

130:06 — Entscheidend ist das Agenda Setting: Nicht jedes Thema lässt sich gleich gut politisieren. Migration und Klima sind „totale Aufreger-Themen", bei denen jeder sofort eine Meinung hat. Ungleichheit dagegen bleibt diskursiv unterbelichtet — auch weil diejenigen, die Medien besitzen, kein Interesse daran haben, die Verteilungsfrage ins Zentrum zu rücken.

Eigene Einschätzung

Der Begriff Polarisierungsunternehmer ist analytisch präziser als das pauschale „Populismus"-Label. Er macht sichtbar, dass Polarisierung kein Naturereignis ist, sondern ein Geschäftsmodell. Die BILD-Zeitung als „Triggermedium" — das bestätigt Mau explizit — ist dabei ebenso relevant wie die AfD. Was fehlt in seiner Analyse: die algorithmische Verstärkung durch Social Media, die jeden zum unfreiwilligen Polarisierungsunternehmer machen kann.


Meritokratie und ideologische Verwirrung

89:04 — Einer der verblüffendsten Befunde: Die stärkste Zustimmung zur Meritokratie — also zur Vorstellung, die Gesellschaft sei leistungsgerecht — findet sich nicht bei den Privilegierten, sondern in der Arbeiterklasse. In den 70er Jahren war es umgekehrt. Mau nennt das „ideologische Verwirrung".

„Wir haben die stärkste Zustimmung zur Meritokratie [...] nicht in den oberen Schichten, so war das früher in den 70er Jahren. Heute ist es so, dass die Mitglieder der Arbeiterklasse der Meritokratie stärker zustimmen als die oberen."

Im Gespräch — 89:04

Dabei wird das meiste Vermögen in Deutschland vererbt, nicht erarbeitet. Die Leistungsnorm wirkt als ideologische Selbstbindung: Wer glaubt, es gehe gerecht zu, hat keinen Grund zur Revolte — selbst wenn die eigene Position das Gegenteil nahelegt.

92:07 — Drei Erklärungen für dieses Phänomen: Erstens eine Schicksalsergebenheit, die kognitive Dissonanz vermeidet. Zweitens der Erfolg des Neoliberalismus, der die Ideologie marktgerechter Verteilung tief in die Köpfe eingeschrieben hat. Drittens eine Enttäuschung über die Heilkraft wohlfahrtsstaatlicher Umverteilung — Habermas' „Erschöpfung der utopischen Energien des Wohlfahrtsstaates".

Eigene Einschätzung

Dieser Befund ist gesellschaftspolitisch vielleicht der brisanteste im gesamten Gespräch. Die Arbeiterklasse verteidigt ein System, das gegen ihre Interessen arbeitet — nicht aus Dummheit, sondern weil die Alternative (anzuerkennen, dass Leistung nicht belohnt wird) existenziell bedrohlich wäre. Das erinnert an Fromms Analyse der Flucht vor der Freiheit: Die Bindung an die herrschende Ideologie als psychischer Schutzmechanismus.


Veränderungsmüdigkeit und der konservative Trigger

134:42 — Über 40% der Bevölkerung zeigen laut Maus Daten etwas, das er Transformationsmüdigkeit nennt: Polykrisen, Klimawandel, Migration, Energiekrise — die Veränderungszumutungen überlasten. Diese Menschen sind „extrem gut ansprechbar für alle Trigger, die irgendwie heißen: Abwehr von Veränderungszumutung".

136:12 — Besonders betroffen: Menschen in unteren sozialen Positionen mit wenig beruflicher Autonomie. Amlinger und Nachtwey beschreiben das als verdinglichter Freiheitsbegriff: Diese Menschen insistieren auf kleinen Freiheiten — wie ich heize, was ich sage, wie ich esse — als letzte Bastion gegen staatliche Zudringlichkeit.

178:20 — Für Ostdeutschland verstärkt sich der Effekt: Wer in den 90er Jahren unfreiwillig durch eine brutale Transformation gegangen ist, wehrt sich gegen jede weitere Veränderungszumutung — egal wie rational begründet. Die AfD-Stärke im Osten erklärt Mau nicht über Rassismus, sondern über diese biographisch geronnene Veränderungsaversion.

Eigene Einschätzung

Maus Konzept der Veränderungsmüdigkeit ist ein Gegengift zum moralischen Hochmut der progressiven Milieus. Wenn jemand sagt „lass mich in Ruhe", dann kann das ein Zeichen von Reaktion sein — oder von Erschöpfung. Die politische Antwort darauf wäre nicht, lauter zu erklären, warum Transformation nötig ist, sondern Ownership herzustellen: Bürgerwindräder statt Investorenprojekte. Mau macht das am Solarpark-Beispiel wunderbar konkret.


Ostdeutschland — Ungleich vereint

84:30 — Jana Hensels Bild vom autoritären Elternhaus: Die DDR-Bürger befreien sich, ziehen in die schicke Wohnung des neuen Partners — aber die Hausordnung ist längst geschrieben. Mau ergänzt Habermas: Die DDR-Bürger hatten nicht die Möglichkeit, eigene Fehler zu machen. Alles, was schiefging, konnte externen Akteuren zugeschrieben werden.

111:08 — Die Vermögensfrage als Langzeitfolge: In Hamburg wird mehr Erbschaftssteuer bezahlt als in ganz Ostdeutschland. Die reichsten Ostdeutschen sind Westdeutsche — die Villenbesitzer in Potsdam. 95% aller ostdeutschen Betriebe wurden an Westdeutsche verkauft. Die Vermögensübertragung läuft über Familien, nicht über Leistung — die „Spermienlotterie".

„Wann ist die deutsche Wiedervereinigung vollendet? Wenn kein Ostdeutscher mehr im Grundbuch steht."

Im Gespräch — 111:08

Folgenloses Bewusstsein — Warum Ungleichheit nicht mobilisiert

89:04 — 80% der Deutschen halten die Ungleichheit für zu groß — aber es bleibt „extrem folgenlos". Es gibt keine linke Mobilisierung, die Parteien der Umverteilung schrumpfen. Mau identifiziert ein Paradox: Wachsende Ungleichheit führt nicht zu wachsendem Protest, sondern zu wachsender Zustimmung zur Leistungsgesellschaft.

108:06 — Die Asymmetrie des Agenda Settings: Wer Medien besitzt, bestimmt, welche Konflikte skandalisiert werden. Sozialleistungsbetrug wird skandalisiert, Steuervermeidung nicht — obwohl die Schadensbilanzen himmelweit auseinanderklaffen.


DDR-Biografie und Pulverisierung von Macht

65:26 — Als NVA-Soldat erlebt Mau im Herbst 1989 die „Pulverisierung von Macht" hautnah. In der Kaserne, als Funker auf einem Schützenpanzerwagen, sieht er, wie die Vorgesetzten über Nacht ihre Autorität verlieren. Die Soldaten gründen einen Soldatenrat, werden vom Befehlsempfänger zum Verhandlungspartner.

80:39 — In der Nacht des Mauerfalls steht Mau mit geladener Kalaschnikow auf Wache, hört Westsender im Radio. Jemand besorgt aus der Geheimreserve eine Flasche Schnaps. Draußen jubeln die Menschen — und er sitzt eingesperrt in der Kaserne.

„Man sitzt da irgendwie in dieser stickigen Stube und muss dann immer raus, und es ist irgendwie alles so unwirklich — und woanders jubeln die Menschen und fahren Trabbis nach Westberlin rein."

Hören — 80:39

Zuschauerfragen — wo Soziologie konkret werden muss

171:28 — Im zweiten Teil übernimmt Hans Jessen die Fragen aus dem Live-Chat. Bei Mau testet das Publikum die Soziologie der Triggerpunkte am Migrationskonsens, am Wissenschaftsbetrieb (#IchbinHanna), am DDR-Erbe und an Grundsatzfragen wie Cancel Culture, Grundeinkommen und Wagenknechts politischem Potenzial.

Das Teufelsrad — sind wir gesellschaftlich überschleudert?

172:58 — Hans Jessen bringt zum Einstieg sein eigenes Bild ein: Das Teufelsrad auf alten Jahrmärkten — eine Scheibe, die immer schneller dreht, bis die Leute reihenweise herunterfliegen. Passt das auf die heutige Beschleunigungsgesellschaft mit ihren vielfachen Krisen?

Mau bestätigt vorsichtig: Wandel ist für viele Leute eine Befreiung, aber für viele auch eine „extreme Umstellungsanforderung". In seiner Studie fanden sich Kategorien-Unsicherheiten — viele wissen nicht mehr, ob „queer" und „quer" dasselbe ist, welche Sprache opportun ist. Dazu kommt der Wegfall der Kontinuitätsversprechen (ein Leben lang ein Beruf), der Fortschrittsoptimismus ist verschwunden, und die alten Bindungskräfte der Parteimilieus und Vereine wirken nicht mehr.

Daraus erklärt sich die ostdeutsche AfD-Stärke nicht durch Armut, sondern durch „veränderungserschöpfte Punkte": Leute, die in 30 Jahren unglaubliche Turbulenzen hinter sich haben und jetzt „festen Grund unter den Füßen" wollen — keine Migration, keine ökologische Transformation. Mau verweist auf eine Lausitz-Studie zu „moral rifts": Die Transformationsbereitschaft heute hängt extrem stark mit den oft enttäuschenden Transformationserfahrungen der 90er zusammen.

„Man muss versuchen, an den Alltagssinn für Gerechtigkeit anzuschließen — und verstehen, aus welcher Perspektive die Leute Veränderungsprozesse betrachten. Das ist eine andere Perspektive als die von jemandem, der sagt: Ich bin jung, gut gebildet, spreche drei Sprachen — wo ist das Problem?"

Im Gespräch — 172:58

„Gesunde" und „ungesunde" Migration?

181:23 — Mau lehnt diese Begrifflichkeit ab. Wichtig ist ihm der gesellschaftliche Status quo: Die allermeisten Leute akzeptieren mittlerweile, dass Deutschland Einwanderungsgesellschaft ist und Migration braucht. Die Debatte dreht sich nicht ob, sondern wie — Verteilung, Integration, Regulierung.

Mau wirft den großen Parteien Imitations-Rhetorik gegenüber Rechtspopulisten vor: Eine Million Geflüchtete in einem Jahr klingt gewaltig, sind aber 0,2 % der europäischen Bevölkerung — „Das soll nicht zu schaffen sein? Ich kann es mir nicht vorstellen."

Geht Einwanderung mit starkem Sozialstaat zusammen?

185:15 — Die alte These (homogene Gesellschaft = stärkerer Sozialstaat) bekommt Mau klar zurückgewiesen: Belgien (mehrsprachig) und die Schweiz sind heterogen und haben starke Sozialstaaten. Die amerikanische Prophezeiung, Europa würde sich „unter Migrations-Druck" auf US-Niveau absenken, hat sich nirgendwo bewahrheitet.

Mau dreht die Frage um: Bei gut organisierter Migration ist es eben keine Einwanderung in die Sozialsysteme, sondern in den Arbeitsmarkt, über den die Sozialsysteme finanziert werden. Konkret: 30 % der Beschäftigten im Gesundheitswesen haben Migrationshintergrund (in der 24-Stunden-Pflege 60–70 %), 28 % der Ärztinnen und Ärzte. „Würde man die abziehen, würde die gesundheitliche Daseinsvorsorge zusammenbrechen — man bekäme keinen Zahnarzttermin mehr."

Sind wir habituell unfähig, migrantische Erfahrung zu verstehen?

188:20 — Mau zitiert seine Kollegin Naika Foroutan: „Migranten haben ihr Land verlassen — die Ostdeutschen wurden von ihrem Land verlassen." Schon zwischen West- und Ostdeutschen ist gegenseitiges Verstehen schwer. Migrantische Erfahrung — biographischer Bruch, sprachliche Neuorientierung, sozialer Kontext — ist noch schwerer zu rekonstruieren. „Da haben wir habituelle, mentale, kognitive Grenzen."

#IchbinHanna — Ungleichheit im Wissenschaftssystem

189:51 — Eine spitze Chat-Frage: Wie viele #IchbinHannas kennt Mau eigentlich, und was tut er gegen die Prekarisierung dieser Arbeit?

Mau antwortet selbstkritisch und engagiert: Er hat sich wissenschaftspolitisch immer für Reformen eingesetzt — „leider nicht erfolgreich". Sein Vorschlag: Department-Strukturen mit Associate und Assistant Professorships, dauerhafte Stellen unterhalb der Professur (Lecturer, Researcher).

„Es ist ungesund, in Institutionen zu arbeiten, in denen 90 % der Leute befristet beschäftigt sind. Das würde sich kein Unternehmen leisten — weil der Wissensumschlag und der Wissenstransfer einfach verloren gehen. Jeder fängt immer wieder von Null an."

Im Gespräch — 189:51

Klimawandel und soziale Konflikte

192:54 — Eine kurze, aber programmatisch wichtige Selbstauskunft: Im Buch Triggerpunkte sind die Klima- und Nachhaltigkeitsfragen eine der vier zentralen Arenen — nicht nur die Verteilung. Mau hält das Klimakapitel für eines der innovativsten des Buches, weil es Ungleichheitsforschung und ökologische Konflikte zusammendenkt.

Kann der Staat Parallelgesellschaften aufbrechen?

193:39 — Mau mag den Begriff nicht — „die obersten 10.000 sind natürlich auch eine Parallelgesellschaft". Aber die Frage trifft etwas: Die Forschung zu ethnischen Vorurteilen zeigt eindeutig — je intensiver der Kontakt, desto geringer die Vorurteile. Gute Durchmischung (Wohnraumpolitik, Belegungspolitik, Daseinsvorsorge, Arbeitsmarktintegration) ist der beste Prädiktor für gelungene Integration. Auf die provokante Neukölln-Frage antwortet Mau ehrlich: „Ich bin zu selten in Neukölln, um da kompetent zu sein. Es war auch eine unfaire Frage."

Resonanz auf Lütten Klein

198:57 — Mau erzählt biographisch: Lütten Klein ist nicht sein meistzitiertes, aber sein meistgelesenes Buch. Mehrere hundert Briefe, oft 10–20 Seiten lang. Lesungen in Plattenbaugebieten — Halle Neustadt, Hellersdorf. Im Chat schreibt jemand: „Ich war auf der gleichen Schule wie Steffen — es stimmt alles." Diese Resonanz war Mau wichtig als Realitätscheck. Sein Ziel: die DDR weder als reine Diktatur abhaken noch nostalgisch verklären — „DDR-Diktatur sozialisiert" und „Transformationstrauma" als Erklärung erklären beide allein nichts.

„Menschen stillgelegt" — eine Generationen-Diagnose

202:48 — Zitat aus Lütten Klein: „So wie Betriebe wurden auch Menschen in ihren beruflichen Biografien stillgelegt." Frage: Gilt das für ganze Generationen?

Mau bestätigt: Es war massive Generationsschichtung. Eine fast unvorstellbare Statistik: Innerhalb von 2,5 Jahren gingen 75 % der ostdeutschen Industriearbeitsplätze verloren, 80 % aller ostdeutschen Familien erlebten bis 1995 Langzeitarbeitslosigkeit. Anderthalb Millionen wurden vorzeitig in den Vorruhestand geschickt — bei einer Erwerbsbevölkerung von ~10 Millionen. „Wenn morgen jemand käme und sagte: Du bist jetzt stillgestellt, du kommst in ein biografisches Moratorium, du wirst eigentlich nie wieder relevante Verwendung finden — das muss man auch erstmal mental verkraften."

Trauma-Weitergabe — Warum hatte Ostdeutschland kein 68er?

205:51 — Maus interessante These: 68er war im Westen eine Herausforderung der Eliten durch die Nachkriegsgeneration. In Ostdeutschland waren die Eliten und die Generation der Altvorderen (NS-Belastete) bereits abgeräumt. Das hat eine Art Stockholmsyndrom befördert: Die Nachfolgegenerationen entwickelten Mitgefühl mit ihren Eltern als Opfern statt sie zu konfrontieren. Das generationale Auseinandersetzungsdefizit wirkt bis heute. „Da gibt's ja so Bücher von Anne Rabe, das findet jetzt ein bisschen statt — aber lange Zeit war das ein Beschweigen."

Wissenschaft und Öffentlichkeit — wie verhindere ich Vereinnahmung?

207:23 — Mau beschreibt sein eigenes Modell: „Halbwegs öffentlicher Soziologe" — Öffentlichkeit suchen, wenn man wirklich was zu sagen hat, aber kein „Allerweltssoziologe" sein. Russland-Ukraine-Krieg, Palästina-Konflikt: Hat er Meinungen zu, „auch starke", würde sie aber öffentlich nicht positionieren. Das ist nicht Zurückhaltung aus Angst, sondern wissenschaftliche Selbstdisziplin: Auf das beschränken, wofür man fachlich einstehen kann.

Kriegssoziologie — was wissen wir über Gewaltexzesse?

208:55 — Eine erstaunliche Antwort: Es gibt sie, aber in Friedenszeiten ist sie schwach gefördert worden. Mau verweist auf Hans Joas und Wolfgang Knöbl (Hamburger Institut für Sozialforschung). Vor dem Hintergrund des Hamas-Angriffs auf Israel betont er einen Strang, der die Gewaltexzesse und Blutrausch-Zustände untersucht — Phänomene, die kausal-deterministisch nicht erklärbar sind. „Da muss etwas anderes noch dazu kommen — wie spontane, fast rauschhafte Zustände entstehen können." Die Brücke zur Sozialpsychologie.

Precht / Cancel Culture

211:11 — Mau kennt den konkreten Fall (Prechts Rücktritt von der Honorarprofessur) nicht im Detail. Allgemein: Er sei Freund der freien Rede und unterschiedlicher Positionen — „auch ein bisschen aus DDR-Erfahrung." Es gebe Positionen, die er für nicht satisfaktionsfähig hält (das N-Wort, rassistische Äußerungen). Aber ansonsten skeptisch gegenüber pauschalem Abräumen. Auf Nachfrage zu Prechts Lanz-Aussagen: „Die einzige Frage, die man sich stellen sollte, ist, warum ein Richard David Precht überhaupt eine Honorarprofessur braucht."

Woher kommt der Begriff „Trigger"?

213:28 — Mau bestätigt: nicht aus der Trauma-Psychologie, sondern aus der Waffenkunde (der Abzug) und der Körpertherapie (Triggerpunkte als Druck- und Verspannungszonen). Genau diese körperliche Metapher trägt das Buch: „neuralgische, inflammatorische Zonen der Gesellschaft, wo Erregungszustände — positive wie negative Gefühle — entstehen."

Ist DDR-Deutschnationalismus ein Wurzelboden für heute?

214:59 — Mau sagt überraschend klar: „Ja. In der DDR konnte man Deutscher sein, stärker als in der Bundesrepublik der 80er Jahre." Trotz aller offiziellen Völkerfreundschafts-Rhetorik prägte und pflegte die DDR ein DDR-spezifisches Deutsch-Sein — „auf dem sich dann später nochmal was entwickeln konnte." Rechte Netzwerke und Neonazi-Jugendszenen seien in der späten DDR sehr stark gewesen.

Ziviler Ungehorsam, Bedingungsloses Grundeinkommen, Wagenknecht

217:18 — Schneller Durchlauf:

Weitergedacht

Wenn Mau zeigt, dass die ostdeutsche „Veränderungserschöpfung" nicht aus Armut, sondern aus realer Transformationserfahrung stammt — was bedeutet das für die aktuelle Klimadebatte? Verlangt eine echte ökologische Transformation nicht genau jene Erschütterung von Lebensgrundlagen, deren erste Welle in den 90ern halbe Familien zerlegt hat?


Sortiermaschinen — Grenzen im 21. Jahrhundert

198:11 — In den 80er Jahren waren 5% aller Landgrenzen weltweit fortifiziert. Heute sind es 20%. Paradox: Genau als die Berliner Mauer fiel, begannen weltweit neue Grenzen zu entstehen. Europa, einst als „Festung" verspottet, hat heute fast keine nicht-fortifizierte Außengrenze mehr.

Grenzen verschwinden nicht — sie werden zu Sortiermaschinen: Smart Borders filtern nach Risikoprofil, biometrischen Daten, ökonomischem Nutzen. Wer einen deutschen Pass hat, gehört zum „globalen Mobilitätsadel" — wer in Burkina Faso geboren wird, ist an seinen Ort gefesselt.


Weiterführende Quellen

Im Gespräch zitierte Werke und Konzepte:

  • Steffen Mau, Thomas Lux, Linus Westheuser: Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft (Suhrkamp, 2023)
  • Steffen Mau: Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft (Suhrkamp, 2019)
  • Steffen Mau: Sortiermaschinen. Die Neuerfindung der Grenze im 21. Jahrhundert (C.H. Beck, 2021)
  • Karoline Amlinger, Oliver Nachtwey: Gekränkte Freiheit — verdinglichter Freiheitsbegriff in der libertären Revolte
  • Jana Hensel: Bild vom autoritären Elternhaus (DDR) und dem neuen Partner (BRD)
  • Jürgen Habermas: Die DDR-Bürger hatten nicht die Möglichkeit, eigene Fehler zu machen
  • Branko Milanović: Benefit of Place — der Vorteil, der allein durch den Geburtsort entsteht
  • John Rawls: Gerechtigkeitstheorie, weitergedacht auf globale Grenzen

Verbindungen

→ DW Reporter — AfD und rechte Influencer in Sachsen-Anhalt

Eine Clique im Querfurter Stadtbad, die sich über die AfD uneinig ist, das ausspricht und befreundet bleibt — der Befund gegen die gespaltene Gesellschaft, mitten in der Hochburg. Zugleich ein Gegentest zu den Polarisierungsunternehmern: Der erfolgreichste Satz des AfD-Spitzenkandidaten ist eine zutreffende Beschreibung, kein Trigger.

→ Lukas Bärfuss — Die Fesseln der eigenen Herkunft

Der Sortiermaschinen-Befund bekommt bei Bärfuss ein Gesicht: Der Schweizer Schriftsteller, der als Jugendlicher obdachlos war, nennt den Pass den entscheidenden Faktor seines Lebens und die 20.000 im Mittelmeer Ertrunkenen die eigentliche Herkunftsfrage. Zugleich ist er die Gegenprobe zu Maus Befund, dass der Leistungsglaube unten am festesten sitzt — der Aufsteiger, der sich weigert, den eigenen Aufstieg als Verdienst zu lesen.

→ Michael Hartmann — Herkunft schlägt Parteibuch

Mau zeigt die ideologische Verwirrung von unten: Die Benachteiligten verteidigen die Leistungsgesellschaft stärker als die Begünstigten. Hartmann liefert das obere Ende derselben Zange — Großbürgerkinder in der Elite halten die Verteilung für gerecht, weil sie sie als Leistung ihrer Väter und Großväter lesen.

Er beantwortet damit auch Maus offene Frage, warum die Verteilungsfrage keinen Triggerpunkt erzeugt, obwohl eine große Mehrheit die Ungleichheit für zu groß hält: Unter denen, die Themen setzen, war kein einziges Bürgerkind dafür.

→ Morpheus und Molly Crockett — Ragebait und moralische Empörung

Das algorithmische Stück zur gefühlten Spaltung: „Der Feed ist keine Volkszählung". Beim Klima würden 69 Prozent ein Prozent ihres Einkommens geben, geschätzt werden 43 Prozent, weil Zustimmung keine Kommentare erzeugt und der Feed nach Reaktion sortiert.

→ Björn Nölte und Heinz-Peter Meidinger — Besser lernen ohne Noten?

Maus „ideologische Verwirrung“ im Klassenzimmer: Nölte bleibt in der Elternversammlung der Einzige gegen Noten, und in Valtins Zeugnisstudie wollen gerade Kinder mit Hauptschulempfehlung klare Ziffern. Ob das Selbstbindung an den Leistungsmythos ist oder ein vernünftiges Misstrauen gegen offenes Ermessen, lässt das Gespräch offen.

→ Maja Göpel und Jagoda Marinić — Vertrauen, utopisch?

Weisbands These „wir sind nicht gespaltener, wir sehen einander nur“ gegen Marinićs jugoslawische Erinnerung: Erst schweigt der Esstisch, dann bilden sich Lager.

→ Würde im Alltag — wenn der Markt den Wert misst

Wenn gerade die Arbeiter an Leistungsgerechtigkeit glauben, wird das Scheitern zur eigenen Schuld. Der Gedanke fragt, wohin diese Kränkung geht, und antwortet mit einer Politik, die den Alltag trägt.

→ Oschmann und Kowalczuk — Kränkung oder Freiheitsschock

Maus Satz, die Ostdeutschen hätten keine eigenen Fehler machen dürfen, steht genau zwischen Oschmann und Kowalczuk. Für den einen ist das die Kränkung, für den anderen der Ursprung einer Erzählung, die jede Verantwortung nach außen schiebt.

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