Wer spricht?

Vijay Prashad (geb. 1967 in Kolkata) — indischer Historiker, Journalist und erklärter Marxist. Executive Director von Tricontinental: Institute for Social Research, Chefredakteur von LeftWord Books (Neu-Delhi), Chief Correspondent bei Globetrotter. Zwei Jahrzehnte Professor für International Studies am Trinity College (Hartford). Sein Lebensthema: die Geschichte der Dritten Welt nicht als Ort, sondern als Projekt — und die Frage, warum dieses Projekt scheiterte.


Biografie

Vijay Prashad wurde 1967 in Kolkata geboren und wuchs dort auf — in einer Stadt, die er später als Gegenbild zur westlichen Elendsikonografie beschreiben sollte: nicht als Ort des Mitleids, sondern als Ort kommunistischer Selbstorganisation. Sein Großvater war der Zoologe und Übersetzer Baini Prashad, seine Tante die CPI(M)-Politikerin Brinda Karat — die Linke ist bei ihm auch Familiengeschichte.

Er besuchte die elitäre Doon School in Dehradun; über diese Zeit hat er öffentlich gemacht, dass er als früher Teenager dort sexualisierte Gewalt erlebte. 1989 schloss er einen BA am Pomona College ab, 1994 promovierte er an der University of Chicago bei dem Historiker-Anthropologen Bernard Cohn — mit einer Arbeit über die Balmiki-Community, also über Dalit-Arbeit und Kastenherrschaft (später als Untouchable Freedom erschienen). Prashad ist offen queer.

Von 1996 bis 2017 lehrte er am Trinity College in Hartford, Connecticut, zuletzt als George-and-Martha-Kellner-Chair für südasiatische Geschichte und Professor für International Studies. Danach verlagerte er seinen Schwerpunkt vom akademischen Betrieb in die politische Wissensproduktion: Er gründete Tricontinental: Institute for Social Research — ein marxistisches Institut, dessen Name die Trikontinentale Konferenz von Havanna 1966 mit dem Frankfurter Institut für Sozialforschung kurzschließt — und wurde Chefredakteur von LeftWord Books, dem Verlag der indischen Linken. Er ist außerdem Senior Non-Resident Fellow am Chongyang Institute der Renmin-Universität in Peking und Beiratsmitglied der US-Kampagne für den akademischen Boykott Israels (BDS).

Prägungen: die indische kommunistische Tradition (besonders das Kerala-Modell), die Dritte-Welt-Diplomatie von Bandung bis zur NIEO, Frantz Fanon und W. E. B. Du Bois (schon der Titel The Karma of Brown Folk verbeugt sich vor The Souls of Black Folk), sowie Noam Chomsky, den er als „großen Mentor” bezeichnet und mit dem er zwei Bücher schrieb. Als 2026 Chomskys Kontakte zu Jeffrey Epstein publik wurden, distanzierte sich Prashad öffentlich und deutlich: es gebe „keine Verteidigung dafür”.


Bücher & Publikationen

Prashad hat rund vierzig Bücher geschrieben oder herausgegeben; hier die für die Gedankenwelten relevanten.

TitelJahrBeschreibung
The Karma of Brown Folk2000Südasiatische Migration in die USA und die Falle der „Model Minority” — wie eine Gruppe zum Beweismittel gegen eine andere gemacht wird. Titel und Anlage in Anlehnung an Du Bois.
Untouchable Freedom2000Aus der Dissertation: Sozialgeschichte der Balmiki — Kaste, Arbeit und die Grenzen der Gandhi’schen „Harijan”-Fürsorge.
Everybody Was Kung Fu Fighting2001Afro-asiatische Verbindungen und der Mythos der kulturellen Reinheit — Solidarität als Kulturgeschichte, nicht als Parole.
The Darker Nations: A People’s History of the Third World2007Sein Hauptwerk. Die Dritte Welt als politisches Projekt — Bandung, Blockfreie, NIEO — und die Geschichte ihrer Zerlegung durch Schuldenkrise, Putsche und IWF. Bestes Sachbuch 2008 (Asian American Writers’ Workshop), Muzaffar-Ahmad-Preis 2009.
The Poorer Nations: A Possible History of the Global South2012Fortsetzung: Was nach der Niederlage kam — Neoliberalismus, G77, BRICS, und die Frage, ob der Globale Süden wieder ein Subjekt wird. Vorwort von Boutros Boutros-Ghali.
Arab Spring, Libyan Winter2012Umstrittene Deutung des Aufstands und der NATO-Intervention in Libyen 2011.
The Death of the Nation and the Future of the Arab Revolution2016Der arabische Nationalstaat zwischen Ölrente, Islamismus und äußerer Intervention.
Red Star Over the Third World2019Die Oktoberrevolution als Ereignis der kolonialen Welt — wie 1917 in Kairo, Kanton und Kalkutta gelesen wurde.
Washington Bullets2020Kurz, wütend, populär: eine Chronik von CIA-Putschen und Regime Changes gegen linke Regierungen des Südens. Vorwort von Evo Morales.
Struggle Makes Us Human2022Gespräche mit Frank Barat — die persönlichste Fassung seines Denkens: Bewegungen als Lernorte, nicht als Vollzugsorgane.
The Withdrawal: Iraq, Libya, Afghanistan and the Fragility of U.S. Power2022Mit Noam Chomsky: die drei Rückzüge als Bilanz amerikanischer Machtgrenzen. Vorwort von Angela Davis.
On Cuba: Reflections on 70 Years of Revolution and Struggle2024Mit Chomsky: Kuba zwischen Revolution, Blockade und Erschöpfung.
Hyper-Imperialism: A Dangerous Decadent New Stage2024Tricontinental-Studie (frei online): Militärausgaben, Basenkarten und Bündnisstrukturen als Beleg für eine neue, konzentrierte Phase westlicher Militärmacht.

(Die Tricontinental-Newsletter erscheinen wöchentlich frei unter thetricontinental.org — Prashads eigentliches laufendes Werk.)


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Kernthesen

  1. Die Dritte Welt war kein Ort, sondern ein Projekt. Nicht ein Bündel armer Länder auf der Landkarte, sondern eine politische Idee: souveräne Entwicklung, Blockfreiheit, gemeinsame Verhandlungsmacht — von Bandung (1955) über Belgrad und Kairo bis zur Forderung nach einer Neuen Weltwirtschaftsordnung (NIEO) 1974. Wer sie als Ort liest, hält ihr Scheitern für Armut; wer sie als Projekt liest, sieht eine Niederlage — und Niederlagen haben Ursachen und Täter.

  2. Diese Niederlage wurde organisiert. Schuldenkrise, IWF-Strukturanpassung, Rohstoffpreisverfall und, wo das nicht reichte, Putsche und Interventionen. Washington Bullets ist die populäre, The Darker Nations die gelehrte Fassung derselben Chronik. Zentral ist der Bruch der frühen 1980er: Die Verschuldung machte aus Verhandlungsmacht Erpressbarkeit.

  3. Aber auch von innen. Prashad hält der Dritten Welt vor, was ihre Nostalgiker verschweigen: die Nationalbourgeoisien, die die Bodenreform verweigerten, die Einparteienherrschaft, die Unterdrückung der Arbeiterbewegung, die Kastenordnung, die Frauenfrage. „Die Dritte Welt war ein Projekt, das seine eigenen Klassenwidersprüche nicht löste.” Deshalb sein ausdrücklicher Widerwille gegen Dritte-Welt-Nostalgie — Erinnerung ohne Bilanz macht die Niederlage nur bequem.

  4. Hyperimperialismus. Die These der Tricontinental-Studie von 2024: Die westliche Militärmacht ist nicht im Niedergang, sondern in einer neuen, konzentrierten Phase — rund drei Viertel der Weltmilitärausgaben, ein Netz von Hunderten Auslandsbasen, verschmolzene Bündnisstrukturen. Zugleich ist dieses Imperium siegunfähig geworden: Es kann Staaten zerstören, aber keine Ordnungen mehr herstellen (Irak, Libyen, Afghanistan). Diese Kombination — maximale Zerstörungsmacht bei minimaler Gestaltungsfähigkeit — nennt er dekadent und gefährlich.

  5. „Neue Stimmung im Globalen Süden” statt „Multipolarität”. Den Begriff Multipolarität meidet er bewusst: Er beschreibt nur eine neue Anordnung von Polen, sagt aber nichts über deren Klassencharakter. Was er stattdessen beobachtet, ist eine Stimmung — die wachsende Weigerung von Regierungen und Bevölkerungen des Südens, sich Sanktionen, Militärbündnissen und westlichen Doppelstandards anzuschließen. Eine Stimmung ist noch kein Programm; genau das ist sein Punkt.

  6. Marxismus ist eine Methode, kein Katechismus. Sein Lenin-Zitat vom „lebendigen Geist des Marxismus”: die konkrete Analyse konkreter Bedingungen. Theorie hat sich am Fall zu bewähren, nicht umgekehrt.

  7. Kerala als Beweis, dass es geht. Der südindische Bundesstaat mit seiner langen kommunistischen Regierungsgeschichte ist für ihn kein Ideal, sondern eine Demonstration: Landreform, Alphabetisierung, öffentliches Gesundheitswesen und dezentrale Planung erzeugen Lebenserwartung und Bildungsniveau weit über dem indischen Durchschnitt — bei niedrigem Pro-Kopf-Einkommen. Entwicklung ist also eine Frage der Machtverhältnisse, nicht des Wachstums.

  8. Planung ist keine Nostalgie, sondern eine Gegenwartsfrage. Klima, Pandemien, Nahrungsmittelsicherheit: Prashad argumentiert, dass die Probleme, die den Markt überfordern, gerade zunehmen — und dass die Erfahrung des Südens mit öffentlicher Planung deshalb keine Vergangenheit, sondern ein Archiv sei.


Politische / ideologische Einordnung

Prashad macht keinen Hehl aus seiner Position: „Ich bin Marxist. Ich bin Kommunist.” Er steht der CPI(M) nahe (familiär wie politisch), arbeitet mit LeftWord und Tricontinental an einer ausdrücklich parteinehmenden Wissensproduktion und unterstützt BDS. Das ist keine verdeckte Agenda — es ist sein Programm, und er formuliert es offen.

Was daran trägt. Seine Geschichtsschreibung der Dekolonisierung ist ernstzunehmende Arbeit, nicht Pamphletistik: The Darker Nations wird auch von Historikern gelesen, die seine Politik nicht teilen, weil es eine Lücke füllt — die Blockfreien-Bewegung und die NIEO als eigenständige politische Geschichte, erzählt aus den Hauptstädten des Südens statt aus Washington und Moskau. Der Historiker Paul Buhle nannte ihn „ein literarisches Phänomen”, Amitava Kumar „unseren eigenen Fanon”. Auch seine Selbstkritik an der Dritten Welt (These 3) ist schärfer, als Kritiker ihm oft zugestehen.

Was ihm belegbar vorgeworfen wird. Aus der Linken selbst kommt der Vorwurf des „Campism”: politische Solidarität nicht nach dem Klassencharakter eines Staates zu bemessen, sondern nach seiner geopolitischen Lage gegenüber den USA — mit der Folge, dass Repression im „richtigen” Lager kleingeredet wird. Konkret:

  • Syrien. Kritiker (u. a. in der Los Angeles Review of Books und bei Red Pepper) werfen ihm vor, den Aufstand gegen Assad zu stark als von außen gekapertes Projekt gelesen und die Opposition zu pauschal als sektiererisch behandelt zu haben.
  • China / Xinjiang. 2021 nannte er den diplomatischen Boykott wegen der Uiguren eine US-Informationskampagne und erklärte, es gebe keine belastbaren Belege für den juristischen Tatbestand des Genozids (er verwies auf ähnliche Einschätzungen etwa von William Schabas). 2026 vertrat er das in einem Monthly-Review-Aufsatz erneut; der Historiker David Brophy warf dem Text Beschönigung und teils KI-generierte, nicht existierende Quellenangaben vor. Das ist der härteste konkrete Vorwurf gegen ihn — nicht bloß Deutung, sondern Handwerk.
  • Finanzierung. Seine Nähe zu Neville Roy Singham, dessen Netzwerk pro-chinesische Kommunikation finanziert (Tricontinental, The People’s Forum, BreakThrough News, NewsClick), ist dokumentiert. Prashad bestreitet nichts davon, hält es für öffentlich bekannt und sieht darin keine Verschwörung, sondern gewöhnliche linke Bewegungsfinanzierung.
  • Venezuela, Bolivien, Libyen. Er deutet Morales’ Sturz 2019 als Putsch (eine Lesart, die durch spätere Kritik am OAS-Bericht Rückhalt fand), verteidigt Venezuela gegen Sanktionen und Interventionsdrohungen — und wird dafür kritisiert, die inneren autoritären und ökonomischen Verhältnisse dieser Regierungen zu unterbelichten.

Wie ihn also lesen. Am tragfähigsten dort, wo er Machtströme nach außen verfolgt: Schulden, Sanktionen, Basen, Putsche, Rohstoffketten — hier ist seine Arbeit quellenreich und schwer zu widerlegen. Am unzuverlässigsten dort, wo dieselbe Analyse nach innen gerichtet werden müsste, in Staaten, die gegen den Westen stehen. Wer ihn liest, bekommt eine Perspektive, die im westlichen Diskurs tatsächlich fehlt — und sollte sie nicht für die ganze Karte halten. Prashads eigener Maßstab — die konkrete Analyse konkreter Bedingungen — ist dabei der fairste Prüfstein, den man an ihn anlegen kann.


Verbindungen zu anderen Denkern

(wird von Montaigne befüllt)


Gedankenwelten-Notes


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte

  • Wenn die Dritte Welt ein Projekt war und kein Ort — wer wäre heute ihr Subjekt? Regierungen, die Rohstoffe verkaufen, oder Bewegungen, die ihre eigenen Regierungen bekämpfen?
  • Prashads Maßstab ist „die konkrete Analyse konkreter Bedingungen”. Was passiert, wenn man diesen Maßstab an China, Venezuela oder Kuba anlegt, statt an die USA?
  • Kerala zeigt, dass Entwicklung ohne Wachstum möglich ist. Warum hat dieses Modell dann nicht einmal den Rest Indiens überzeugt — liegt es an der Macht, oder auch am Modell?
  • Wenn ein Imperium Kriege führen, aber nicht mehr gewinnen kann: Macht das die Welt sicherer oder gefährlicher?