Worum es geht
Ein eigener Gedanke über das Paradox und die Polarisierung — gedacht mit Edgar Morin, dem Meister des komplexen Denkens. Wenn ein Thema zwei wahre Seiten hat und ein Lager uns zwingt, eine davon zu verraten, dann liegt der Fehler im Rahmen, nicht in der Welt. Morins Werkzeug dafür ist eine Kunst: unterscheiden, ohne zu trennen; verbinden, ohne zu verschmelzen. Und der Schluss, den ich daraus ziehe: dass der Riss, den wir Kulturkampf nennen, durch jeden Menschen hindurchläuft.
Wessen Gedanke — und wessen Stimme
Dieser Gedanke ist meiner — er ist im Gespräch entstanden, aus eigener Erfahrung mit Polarisierung, mit Migration, mit einer Kultur, die sich wandelt. Ich denke ihn hier mit Edgar Morin (1921–2026), weil kaum ein anderer so genau das Werkzeug dafür geschliffen hat, und weil er wenige Wochen zuvor gestorben ist. Was kursiv steht, sind seine eigenen, belegten Worte — sie gehören ihm. Die Schlüsse ziehe ich selbst. Ich wollte sein Denken und seinen Klang ehren, ohne meine Worte in seinem Namen auszugeben.
Es gibt ein Wort, das mir Edgar Morin gegeben hat, und seit es da ist, ordnet es mein Sehen: complexus — das, was zusammengewoben ist. Keine Ansammlung von Teilen, ein Gewebe, in dem jeder Faden nur im Zusammenhang bedeutet, was er bedeutet. Ich glaube, die Welt ist so gemacht. Und ich glaube, unser Unglück beginnt dort, wo wir sie behandeln, als bestünde sie aus Fäden, die man einzeln herauslösen und für das Ganze halten könnte.
Seit ich das einmal gesehen habe, sehe ich das Paradox überall — wie das gelbe Auto, das dir jemand zeigt, und plötzlich ist die Straße voll davon. Aber ich habe aufgehört, es für einen Fehler der Wirklichkeit zu halten. Ein Paradox ist eher der blaue Fleck, der entsteht, wo eine reiche Welt durch eine arme Logik gezwängt wird. Nimm nur einen Aspekt einer menschlichen Sache — allein den ökonomischen, allein den politischen —, und schon prallen zwei Wahrheiten aufeinander, die einander gar nicht ausschließen. Weite den Rahmen, hol die anderen Aspekte herein, und der Widerspruch verlangt keine Auflösung mehr; er wird zu einer Spannung, in der man wohnen kann. Morin hatte einen Namen dafür, die dialogique: zwei Logiken, beide nötig, beide gegensätzlich, dauerhaft zusammengehalten, ohne dass eine die andere verschlingt.
Die blinde Intelligenz
Morin sprach von der blinden Intelligenz, die die Ganzheiten zerstört — die jeden Gegenstand aus seiner Umgebung reißt und dann meint, ihn verstanden zu haben. Genau das sehe ich in der Polarisierung. Sie nimmt eine Sache mit zwanzig Gesichtern und presst sie in ein Ja oder ein Nein. Und das Bittere daran: sie tut es, weil es sich lohnt — die scharfe Kante findet Beifall und ein Lager, das einen aufnimmt.
In solchen Gesprächen bleibt meine Haltung, wo sie ist. Das Schwerste ist etwas anderes: der Gegenseite überhaupt einen Punkt zuzugestehen. Denn kaum tut man es, endet das Gespräch schon — der eine eingeräumte Funke wird sofort zum ganzen Sieg: „Siehst du, ich hab doch recht.” Also stelle ich mich nur noch klarer dagegen, obwohl das Zugeben doch der erste Schritt jedes echten Denkens wäre; ein Austausch, der wirklich etwas bewegt, wird fast unmöglich. Beim Thema Migration zum Beispiel sehe ich viel Licht und auch Schatten; auf Dauer überwiegt für mich ganz klar das Licht, auch wo Schatten fallen. Ohne Zweifel. Wer beides benennt, gilt der einen Seite als naiv, der anderen als Verräter. So bestraft der Rahmen genau das Sehen, das die Sache bräuchte. Verstümmeltes Denken führt zu verstümmelten Handlungen, sagte Morin. Wir glauben, auf die Wirklichkeit zu antworten, und antworten doch nur auf ihr Zerrbild. Und wir schenken jenen Glauben, die uns einfache Lösungen versprechen — verständlich, denn das Einfache erleichtert, wo das Wirkliche überfordert. Doch wer uns die Komplexität abnimmt, nimmt uns auch das, woran wir wachsen könnten. Eine Gesellschaft reift an ihren schwersten Fragen — daran, sie gemeinsam auszuhalten und gemeinsam zu denken, statt sie an den erstbesten Vereinfacher abzugeben.
Unterscheiden, ohne zu trennen
Der ehrliche Einwand gegen mich selbst: Diese Haltung hat ihren eigenen Schatten. Wer alles bedenkt, kann sich im Bedenken einrichten und das Landen vermeiden — „es ist ja alles so vielschichtig” als bequeme Ausrede, nie Position zu beziehen. Komplexität ohne Haltung führt zu keiner Handlung, und das wäre fatal. Morin, der im Widerstand gelernt hatte, dass man handeln muss, ehe man alles weiß, hat die Ungewissheit nie gepredigt, um im Hafen zu bleiben: Erkennen heißt navigieren in einem Ozean der Ungewissheit, zwischen Archipeln der Gewissheit. Man muss hinaus — und weiterdenken, während man handelt.
Seine Regel dafür nehme ich mir zu eigen: unterscheiden, ohne zu trennen; verbinden, ohne zu verschmelzen. Den anderen als anders erkennen und ihn dennoch nicht zum Feind machen — darin liegt für mich die ganze Kunst. Eine klar umrissene Vorstellung, sagte Morin, erfasse nur das Skelett der Dinge; sie lasse die Wirklichkeit verarmen. Vielleicht misstraue ich auch deshalb den Begriffen, mit denen wir uns so schnell einig glauben — links, rechts, Freiheit, Heimat. Zwei Menschen sprechen dasselbe Wort und meinen das Gegenteil, und der Streit ums Wort verbirgt, dass sie von zwei verschiedenen Dingen reden. Ein Bild kann Licht und Schatten im selben Rahmen halten, wo das Etikett zur Wahl zwingt — vielleicht liebe ich es deshalb, Worte in Bilder zu verwandeln.
Die bewegliche Kultur
Eine Kultur, die sich nicht mehr wandelt, ist für mich schon halb gestorben. Ich habe nie geglaubt, dass man eine Kultur bewahrt, indem man sie einfriert. Sie lebt, wie alles Lebendige lebt: indem sie aufnimmt, verwandelt, weitergibt. Wer fürchtet, „seine Kultur zu verlieren”, hat vergessen, was Kultur je war — niemals ein Stein, immer ein Fluss, der nie ganz versiegt und nie derselbe bleibt. Nichts, was einmal eingewoben wurde, verschwindet vollständig; der alte Faden wird dünner und färbt trotzdem das neue Muster.
Hier reicht mir Morin am weitesten die Hand. Am Ende sprach er von der Terre-Patrie, dem Heimatland Erde: einer Schicksalsgemeinschaft aller Nationen, verbunden durch gemeinsame Gefahren auf einem einzigen, geschrumpften Planeten. Eine Brüderlichkeit, die keinen gemeinsamen Feind braucht, um zu entstehen — das ist der Gedanke, in dem ich mich am stärksten wiederfinde. Ich weiß, wie unwahrscheinlich sie ist. Die Brüderlichkeit, sagte er, lässt sich nicht durchsetzen wie die Gleichheit, nicht gewähren wie die Freiheit; sie muss wachsen.
Die Front verläuft durch jeden
Und hier ist der Schluss, den ich selbst ziehe. Der Riss, den wir Kulturkampf nennen, verläuft nicht sauber zwischen zwei Lagern da draußen. Er geht durch jeden von uns hindurch. In jedem Menschen wohnen — mit Morins Bild — der homo sapiens und der homo demens, der Ordnende und der Wahnhafte, der Faden, der bewahren will, und der, der sich häuten muss. Der bewahrende Trieb ist nicht mein Feind; er gibt Grund, er hält im Wandel. Verstümmelt wird er erst dort, wo er sich weigert, überhaupt noch zu weben. Der Streit ist also nicht draußen zu gewinnen, ehe er nicht in jedem Einzelnen ausgetragen und befriedet ist.
Ich will weder Optimist noch Pessimist sein; beides ist mir zu bequem. Morins Vertrauen galt dem Unwahrscheinlichen — der armseligen kleinen Stadt Athen, die dem gewaltigen Perserreich widerstand und uns die Demokratie hinterließ. Die Hoffnung ist nie eine Gewissheit, hat er gesagt. Aber sie ist erlaubt. Und für mich beginnt sie mit einem einzigen Entschluss: die Welt nicht länger zu zerschneiden, um sie zu begreifen, sondern sie zu verbinden, um mit ihr zu leben.
Morin im Original (frei zugänglich)
Wer die echte Stimme sucht statt meiner Aneignung: längere Originaltexte und Gespräche — verlinkt, nicht übernommen (Morins Werk ist urheberrechtlich geschützt).
- Les sept savoirs nécessaires à l’éducation du futur (UNESCO, 1999) — der frei zugänglichste längere Text: sieben Wissensgrundlagen, die jede zukunftsfähige Bildung braucht — vom Umgang mit dem Irrtum über die Verbundenheit bis zur planetaren Ethik. (Überblick)
- Edgar Morin ou l’éloge de la pensée complexe (CNRS Le Journal) — essayistischer Überblick über das komplexe Denken, offiziell und frei.
- « L’espoir n’est jamais une certitude » — das Interview (2015), aus dem der Satz stammt, mit dem dieser Gedanke schließt.
- Vorträge im Original (französisch) sind in der DenkerVita gesammelt (USI „Le défi de la complexité”, UNESCO-Weltkongress 2016).
Verbindungen
→ Edgar Morin — Das komplexe Denken
Die analytische Note über Morins Leben und Werk — dieser Gedanke denkt mit ihr weiter. Dort das Was (Biografie, Konzepte, Belege), hier ein eigener Schluss, der sich seiner Werkzeuge bedient. Wer die Grundlage sucht, geht dorthin.
→ Das unsichtbare Netzwerk — Die Macht in Dir
Das Bild der Kultur als Gewebe stammt von dort: was einmal verwoben wurde, verschwindet nie ganz — es wird schwächer und prägt trotzdem das Neue. Angewandt auf Kultur wird daraus die Widerlegung der Angst vor dem „Verlust”: ein Fluss verliert sich nicht, wenn neues Wasser hinzukommt.
→ Christine Braehler — Selbstmitgefuehl, Scham und reife Liebe
Die soziale Naht, die zusammenhält, und die Scham, die klein hält, sind oft dasselbe Band — der Satz „Was sollen die Leute denken?” trägt beides zugleich. Braehler zeigt die innere Seite dieses Paradoxes: wie aus der Scham reife Verbundenheit werden kann, statt Enge.
→ scobel — Lyotard das Ende der Wahrheit
Dieselbe Diagnose der Zersplitterung, die entgegengesetzte Antwort: Lyotard feiert den Zerfall der großen Erzählungen, Morin sucht das verbindende Denken, das die Teile hält, ohne sie zur alten Totalität zu zwingen.
Weiterdenken
Was bleibt zu bedenken
- Wie unterscheide ich im Moment — nicht erst im Rückblick — die komplexe Haltung von der bequemen Ausrede, sich nie festzulegen?
- Wenn der Riss durch mich selbst verläuft: welchen bewahrenden Faden in mir halte ich für Erdung, und welchen für Starre?
- Kann eine Brüderlichkeit ohne gemeinsamen Feind überhaupt tragen — oder braucht das Wir immer ein Gegenüber, um sich zu spüren?
- Was an meiner eigenen Kultur würde ich verteidigen, auch wenn es der Freiheit im Weg steht — und woran erkenne ich, dass es Zeit wäre, es ziehen zu lassen?










