Die gefährlichste Frage unseres Lebens

Worum es geht

Wozu? Die Frage, die alles in Mittel und Zwecke verwandelt — und der Moment des Aufwachens, in dem noch niemand zu Hause ist, der sie stellen könnte. Scobel geht mit Thomas Metzinger, Michael Hampe, Spinoza und dem Kyotoer Mönch Shoukei Matsumoto einer Vermutung nach: Das Zweckdenken, das seit Aristoteles unsere Zivilisation trägt, hat einen blinden Fleck — das schiere, unerklärliche Dasein der Dinge. Und Freiheit beginnt vielleicht dort, wo wir aufhören, alles nützlich machen zu wollen.

Quelle: Die gefährlichste Frage unseres Lebens – scobel (3sat/scobel, 02.07.2026)

Wer spricht?

Gert Scobel (1959, Aachen) — Philosoph, Journalist und Moderator. Studium der Philosophie und Theologie in Frankfurt (Jesuiten-Hochschule St. Georgen) und Berkeley. Seit 2008 Moderator der 3sat-Sendung scobel, zweifacher Grimme-Preisträger, Professor für Philosophie & Interdisziplinarität an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Meditiert seit 40 Jahren — er spricht hier nicht als Beobachter, sondern als Praktizierender.

DenkerVita


Inhalt

Der Moment, in dem noch niemand zu Hause ist

▶ 0:00 — Scobel beginnt nicht mit einer These, sondern mit einer Erfahrung, die jeder kennt und über die kaum jemand spricht: das Aufwachen. Man hat sich nicht entschieden aufzuwachen — etwas erwacht, und erst hinterher kann man sagen: Jetzt bin ich wach. Im allerersten Moment, bevor die Erinnerung hochfährt, wer man gestern und all die Jahre davor gewesen ist, gibt es eine rudimentäre Wachheit „ohne Besitzer, ohne klar konturiertes Ich”.

Thomas Metzinger beschreibt diesen Übergang in Der Elefant und die Blinden als phänomenologisches Urereignis:

„Phänomenologisch gesehen ist der Übergang von der Bewusstlosigkeit in den Wachzustand durch eine intuitive, sehr subtile Vorahnung gekennzeichnet, die man vielleicht als die phänomenale Vorahnung des Ichgefühls bezeichnen könnte.” ▶ 2:17

Das Erstaunliche an diesem Zustand ist seine Offenheit: eine Erwartung von Selbsterkenntnis, bevor sie sich manifestiert. Erst danach zieht das Ego wieder ein — mit Plänen, Sorgen, To-do-Listen — und beschlagnahmt, wie Scobel es formuliert, „den gesamten Raum des Bewusstseins für sich”. Was Metzinger Minimal Phenomenal Experience nennt, reines Bewusstsein, ist in den buddhistischen Traditionen kein Randphänomen, sondern der Zustand, um den es beim Erwachen im großen Sinn geht. Die Sendung baut auf diesem Alltagsmoment ihre ganze Architektur: Was jeden Morgen für einen Sekundenbruchteil da ist, wäre ein Leben lang kultivierbar.

Weitergedacht

Wenn das Ich jeden Morgen neu „hochgeladen” wird — was genau ist dann kontinuierlich an uns? Die Erzählung, die sich täglich selbst wiederholt?

Die Rede: Wie die Sprache uns abrichtet

▶ 4:36 — Michael Hampes Buch Wozu? Eine Philosophie der Zwecklosigkeit liefert die Diagnose. Seine Antwort auf die Frage nach dem großen Zweck ist ernüchternd: Wir werden schlicht abgerichtet. Von dem Moment an, in dem wir sprechen lernen, setzt sich die Sprache in uns fest „wie ein Pilz” und beginnt uns zu bestimmen — und ihr dominantes Programm ist der Zweck. Der Wald ist für Holz, der Fluss für Strom, Stille ist gut für die Erholung, „damit man montags wieder produktiv sein kann”, Meditation ist für die Stressreduktion.

Hampe nennt das die Rede: den endlosen inneren Monolog, der bewertet, kategorisiert, plant, projiziert — und niemals einfach ruht. Der Kern der Rede ist das Unterscheiden, und zur wichtigsten Unterscheidung gehört die von Ursache und Wirkung, damit von Mittel und Zweck. Das Zweckdenken zwingt sich Menschen auf, weil sie als endliche Wesen permanent nach Ressourcen für ihre Selbsterhaltung suchen müssen — und kippt dann, mit Spinoza gesprochen, in die Verblendung, „die ganze Welt sei auf Menschen hingeordnet als eine mögliche Ressource ihrer Existenz” ▶ 6:06. Wohin das führt, muss Scobel nur andeuten: Ressourcen, Klimawandel und so weiter.

Aristoteles ist schuld — aber wir machen weiter

▶ 7:00 — Die Genealogie des Zweckdenkens führt zu Aristoteles. Ein großartiger Denker, kein Zweifel — aber einer, der auf die Welt schaute und überall Zwecke sah. Die Eichel hat den Zweck, Eiche zu werden; das Auge den Zweck zu sehen; der Mensch den Zweck zu gedeihen, sein Telos zu erreichen. Seit über zwei Jahrtausenden denkt vor allem der Westen in dieser Spur: Wissenschaft, Demokratie und Medizin sind darauf gebaut — aber auch Kolonialismus, Industrialisierung und „die systematische Verwandlung von allem Lebendigen in eine Ressource”.

Denn wer glaubt, das Universum sei um Zwecke herum organisiert, muss zwingend fragen: nützlich — wofür? Und dieses Wofür ordnet alles in Hierarchien der Nützlichkeit: höhere Zwecke, niedere Zwecke, wertvoller, weniger wertvoll. Dagegen setzt Scobel eine Notiz Darwins, der in sein Notizbuch kritzelte: „Benutze niemals wieder die Wörter höher und niedriger.” ▶ 8:24 Die Evolution hat keine Richtung, kein bevorzugtes Ergebnis. Der Mistkäfer ist nicht niedriger als der Philosoph. Er arbeitet auf nichts hin.

Weitergedacht

Scobel nennt Wissenschaft und Kolonialismus als Kinder desselben Zweckdenkens — lässt sich das eine behalten, ohne das andere mitzuschleppen? Oder braucht es dafür genau die Unterscheidung, die das Zweckdenken selbst liefert?

Spinoza: Zwecke sind Fiktionen

▶ 9:11 — Der Gegenentwurf kommt von Baruch de Spinoza (1632–1677), dem Amsterdamer Linsenschleifer, der wegen seiner Bibel- und Religionskritik aus der jüdischen Gemeinde ausgeschlossen wurde. Spinoza hielt Zwecke für menschliche Fiktionen — und zwar alle. Wir projizieren sie auf eine Natur, die selbst keinerlei Zwecke hat. Deus sive Natura, Gott oder die Natur: Diese Natur „will nichts, verfolgt nichts, bewegt sich auf nichts zu. Es ist reine zwecklose, absolut absichtslose Kreativität. Wie ein Tanz, der einfach tanzt. Wie ein Lied, das singt, weil es Lied ist.” ▶ 9:57

Hampe, der in seinem Garten sitzt und einen Vogel zwischen zwei Bäumen fliegen sieht, übersetzt Spinozas Intuition in ein eigenes Gedankenspiel: Alles, was existiert, sind Muster, die aus Mustern bestehen und zu neuen Mustern werden — eine Welt in ständiger Umbildung, ohne letztes kleines und letztes großes Muster als Ziel, ohne Hierarchien, gleichgültig, ob man auf der Ebene der Atome, der Menschen oder der Galaxien schaut. Und etwas löst sich in ihm — nicht weil das Leben bedeutungslos würde, sondern „weil die Frage nach dem letzten Sinn aufgehört hat, ihn zu verfolgen” ▶ 10:43.

„Die Erleichterung, die eintritt, wenn alle Zwecke verschwinden, ist eine völlig andere als die, die eintritt, wenn ein Zweck endlich erreicht ist.”

Aber, so Hampe ehrlich: Offenbar ertragen wir dieses Bild nicht. Wir wollen nicht einfach Teil einer fortlaufenden Transformation sein. Wir wollen irgendwo ankommen. Endlich.

Der blinde Fleck des Apparatus

▶ 13:01 — Hier wechselt die Sendung die Tradition und wird persönlich: Scobel erzählt von einem Abend bei Shoukei Matsumoto, einem buddhistischen Mönch in Kyoto, bei Essen und Sake. Gemeinsam kamen sie auf das „Gerüst des Wozu” — eine Art Maschine, ein Apparatus, der jeden Baum, jeden Menschen, jeden Moment der Stille in etwas verwandelt, das für etwas anderes nützlich ist. Der Apparatus ist außerordentlich kompetent: Antibiotika, Flugzeuge, das Internet. Man sollte ihn nicht unterschätzen.

Aber er hat einen riesigen blinden Fleck: „Von ihm aus kann die rohe, vibrierende, absolut unnötige Tatsache, dass überhaupt irgendetwas existiert, nicht verstanden werden.” ▶ 13:53 Der Apparatus schaut auf den Vogel und sieht Zugmuster, Territorialverhalten, Indikatoren für Ökosystemgesundheit — alles nicht falsch. Aber der wirkliche Vogel, sein schieres, unerklärliches Dasein, wird von all dem nicht berührt.

Die Pointe ist selbstbezüglich, und sie trifft auch dieses Wissenssystem hier: Sogar die Gegenbewegungen werden vom Apparatus verschluckt. Achtsamkeit wird eingespannt, „um mehr zu leisten, um entspannter zu leben” — manche meditieren nur, um ein besserer Leader zu werden. „Die Flucht aus der Falle wird dann zum neuesten und raffiniertesten Teil genau dieser Falle.” ▶ 16:11

Weitergedacht

Wenn selbst die Flucht aus der Falle Teil der Falle wird — kann man Zwecklosigkeit überhaupt anstreben, ohne sie damit schon wieder zu einem Zweck zu machen?

Yuge: In der Welt, aber nicht von der Welt

▶ 18:33 — Matsumotos Antwort ist keine Weltflucht. Die Japaner kennen den Ausdruck für die Dinge, die natürlich so sind, wie sie sind; Shinran, ein Mönch des 13. Jahrhunderts, zeigte darauf als den Grund der Existenz, „den kein Projekt je erreicht, aber auch kein Projekt je erschüttern kann”. In einem Essay, der auf das Gespräch mit Scobel zurückgeht, formuliert Matsumoto die Haltung so: in der Welt zu sein, aber nicht von der Welt. Wir haben Körper, Verpflichtungen, Arbeit, Hypotheken, Menschen, die sich auf uns verlassen — so zu tun, als hätten wir das alles nicht, wäre keine Spiritualität, sondern „reine Flucht, Blindheit vor der Wirklichkeit”.

Und dennoch: Wir sind nicht dieser Apparatus. All das ist wie ein Mantel — zuweilen durchaus nützlich, wenn es regnet. Aber wir sind nicht der Mantel. Matsumoto nennt das zu Kultivierende das innere Mönchtum: kein Rückzug in eine Höhle, nicht das Kündigen des Jobs, sondern —

„deine Rolle tragen, wie ein Schauspieler eine Figur trägt. Vollständig der Aufführung hingegeben und gleichzeitig im Wissen: Wenn der Vorhang fällt, sind wir immer noch da.” ▶ 20:04

Mit Georges Bataille spricht Matsumoto von einer Souveränität, die sich gänzlich von der Dimension des Nutzens unterscheidet — und mit dem japanischen Begriff Yuge von „ungehinderter Freiheit”: ein stilles Streben, das sich vom Wettstreit um das Erreichen wegbewegt, hin zum einfachen Beschreiten des eigenen Weges. Meisterschaft heißt hier nicht, Fähigkeiten zu verfeinern, um den eigenen Wert zu steigern, sondern ganz in die Handlung einzutauchen, ohne einen Nutzen daraus ziehen zu wollen. Das Leben als Fermentation: ein Prozess, in dem sich die harten Grenzen zu anderen und zur Umwelt allmählich verschieben — und der es aushält, „den Verlust von Sinn zu ertragen und einfach weiter gemeinsam in dieser Ganzheit zu existieren, ohne überhaupt zu wissen, wozu sie letztlich nützlich sein könnte” ▶ 22:22.

Wittgenstein: Wer die Frage nicht mehr braucht

▶ 23:36 — Der letzte Gedanke gehört Ludwig Wittgenstein, mit dem Hampe sein Buch eröffnet. Am 6. Juli 1916 notierte er in sein Tagebuch: „Der erfüllt den Zweck des Daseins, der keinen Zweck außer dem Leben mehr braucht.” Nicht, wer etwas erreicht hat. Nicht, wer etwas verstanden hat. Sondern wer die Frage nicht mehr braucht.

Das Universum hat keinen Zweck — es ist in diesem Sinne sinnlos, und gerade das ist für Scobel keine schlechte Nachricht, sondern befreiend: „Wir sind eine besondere, vorübergehende, schwindelerregend unwahrscheinliche Konfiguration aus Materie und Bewusstsein, und wir schwimmen — aber wir schwimmen nicht auf etwas zu, nicht von etwas weg.” Morgen, wenn der prächtige Zirkus des Ichs wieder anläuft, werden wir tun, was getan werden muss. Aber es gibt einen Moment, vielleicht nur einen kleinen, in dem sonnenklar ist, dass noch keine Geschichte begonnen hat — einfach nur Wachheit ohne Besitzer, wie der Atem, der schon ging, ehe wir da waren, und der uns trug, die ganze Zeit.


Einordnung

Die Stärke dieser Folge liegt darin, dass sie drei sehr verschiedene Register — analytische Bewusstseinsphilosophie (Metzinger), klassische Metaphysik-Kritik (Spinoza, Hampe) und buddhistische Praxis (Matsumoto, Shinran) — an einer Alltagserfahrung zusammenführt, statt sie nebeneinanderzustellen. Das Aufwachen ist dabei mehr als eine Illustration: Es ist das empirische Scharnier, das die These überprüfbar macht, denn diesen Zustand kennt jeder aus erster Hand.

Die ehrlichste Stelle ist zugleich die unbequemste: dass die Flucht aus der Zweck-Falle selbst zur Falle wird. Diese Selbstbezüglichkeit unterscheidet die Folge von der üblichen Achtsamkeits-Kritik, die es sich mit dem Feindbild „neoliberale Mindfulness-App” leicht macht — Scobel richtet den Verdacht auch gegen das eigene Projekt. Offen bleibt allerdings die soziale Flanke: Wer den Verlust von Sinn „ertragen” und zwecklos leben kann, ist meist jemand, dessen Selbsterhaltung bereits gesichert ist. Hampe benennt selbst, dass das Zweckdenken der Endlichkeit und dem Ressourcenzwang entspringt — dann ist Zwecklosigkeit als gelebte Haltung womöglich ein Privileg derer, die nicht mehr ums Überleben rechnen müssen. Die Folge streift das, löst es aber nicht ein.


Faktencheck

Bestätigt — Spinoza: Leben, Herem, Linsenschleifer

Baruch de Spinoza wurde 1632 in Amsterdam als Sohn portugiesisch-jüdischer Einwanderer geboren, 1656 mit dem Herem aus der Amsterdamer Gemeinde ausgeschlossen, verdiente seinen Lebensunterhalt als Linsenschleifer und starb 1677 in Den Haag. Quelle: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Spinoza

Vereinfacht — Spinoza „der beste Linsenschleifer Europas"

Spinozas optisches Können war unter den führenden Köpfen Europas hoch angesehen — Christiaan Huygens lobte den „bewundernswerten Schliff” seiner Mikroskoplinsen, Leibniz nannte ihn einen „hervorragenden Optiker”. Ein belegter Superlativ „der beste Linsenschleifer Europas” existiert aber nicht; das ist eine populäre Zuspitzung, kein zeitgenössisches Urteil. Für den Gedanken der Sendung ohne Belang. Quelle: Baruch Spinoza — Wikipedia (Optik)

Bestätigt — Wittgenstein-Tagebucheintrag vom 6.7.1916

Der Satz steht so datiert in Wittgensteins Tagebüchern 1914–1916 (Eintrag 6.7.16); im Original läuft er noch weiter: „Der erfüllt den Zweck des Daseins, der keinen Zweck außer dem Leben mehr braucht. D.h. der befriedigt ist.” Scobels/Hampes Zitat gibt den Kernsatz wörtlich wieder. Quelle: Wittgenstein, Tagebücher 1914–1916 — Ludwig Wittgenstein Project

Bestätigt — Darwin: „never use the words higher and lower"

Darwin notierte „Never use the words higher & lower” (um 1845) als Randbemerkung in seinem Exemplar von Robert Chambers’ Vestiges of the Natural History of Creation; schon 1837 hielt er im Notizbuch fest, es sei „absurd”, ein Tier höher als ein anderes zu nennen. Quelle: Genetic Literacy Project — Darwin on „higher” and „lower”

Vereinfacht — „Aristoteles ist schuld"

Aristoteles’ Teleologie ist immanent gedacht (das Telos liegt in der Natur des Dings), nicht als externe Nutzenhierarchie für den Menschen — die „Verwandlung von allem in Ressourcen” ist eher neuzeitlich (Bacon, Descartes, Industrialisierung). Scobel verkürzt hier bewusst rhetorisch; der Kapiteltitel ist augenzwinkernd gemeint. Hampe selbst führt das Zweckdenken auf Aristoteles zurück, benennt aber ebenfalls die neuzeitliche Zuspitzung. Quelle: SEP — Aristotle’s Biology (Teleology)

Bestätigt — Metzinger, Der Elefant und die Blinden (2023)

Thomas Metzinger, Der Elefant und die Blinden. Auf dem Weg zu einer Kultur der Bewusstheit (Berlin Verlag/Piper, 2023) — mit über 500 Erfahrungsberichten über das reine Bewusstsein von Meditierenden aus 57 Ländern. Titel, Jahr und die Zahl der Berichte stimmen. Quelle: Piper Verlag — Der Elefant und die Blinden

Bestätigt — Hampe, Wozu? Eine Philosophie der Zwecklosigkeit (2024)

Michael Hampe, Wozu? Eine Philosophie der Zwecklosigkeit, Carl Hanser Verlag, München 2024. Titel, Verlag, Ort und Jahr korrekt; das Buch eröffnet tatsächlich mit dem Wittgenstein-Zitat und führt das Zweckdenken auf Aristoteles zurück. Quelle: Hanser Literaturverlage — Wozu?

Bestätigt — Matsumoto: Kyotoer Mönch, Buch, Essay bei Substack

Shoukei Matsumoto ist buddhistischer Mönch in Kyoto und Autor der deutschen Ausgabe Die Kunst des achtsamen Miteinanders (Penguin, 2025). Der Essay The Great Unburdening: Beyond Utility and the Return to „Just Living” ist auf living-dharma.com erschienen — einer Substack-Publikation; Scobels „bei Substack erschienen” trifft zu. Quellen: Der Essay — living-dharma.com · Die Kunst des achtsamen Miteinanders — Penguin

Bestätigt — Shinran, Mönch des 13. Jahrhunderts

Shinran (1173–1263) war Begründer der Jōdo-Shinshū-Schule; sein Begriff jinen hōni meint das, was von selbst so ist, wie es ist — im Video als „die Dinge, die natürlich so sind, wie sie sind” wiedergegeben. Quelle: Britannica — Shinran

Bestätigt — Bataille: Souveränität jenseits des Nutzens

Georges Bataille entwickelt in La Souveraineté (Bd. III von Der verfemte Teil) Souveränität als Leben jenseits der Nützlichkeit — reine Verausgabung im gegenwärtigen Augenblick, losgelöst von Zweck und Dienstbarkeit. Matsumotos Berufung darauf ist korrekt zugeschrieben. Quelle: The Accursed Share — Wikipedia


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

Aus dem Faktencheck (Sherlock):


Verbindungen

Gert Scobel — Meditation kann gefaehrlich sein

Dieselbe Stimme, dieselbe 40-jährige Praxis, aber die Kehrseite: Wo diese Folge das befreiende „reine Bewusstsein” beim Aufwachen feiert, zeigt die Meditations-Folge die Schattenseite genau dieser Ich-Auflösung (Depersonalisation, dämpfbarer Parietallappen). Zusammen bilden sie Scobels Doppelblick: Das „ohne Besitzer” ist Erlösung und Gefahr — je nachdem, ob man darauf vorbereitet ist.

Hartmut Rosa — Resonanz und Unverfügbarkeit

Rosas Unverfügbarkeit ist die soziologische Übersetzung von Hampes Apparatus: Das Zweckdenken macht die Welt verfügbar, plan- und nutzbar — und tötet dabei genau das, was lebendig macht. Beide diagnostizieren dieselbe Falle (auch die Selbstoptimierungs-Meditation), und beide setzen etwas dagegen, das sich nicht herstellen lässt — bei Rosa Resonanz, bei Scobel das schiere, zwecklose Dasein des Vogels.

Erich Fromm — Haben oder Sein

Fromms Diagnose, der Mensch werde zum Mittel statt Zweck, ist der blinde Fleck des Apparatus — nur von der Kapitalismuskritik her gedacht statt von der Bewusstseinsphilosophie. Der Sein-Modus (Wachsen, sich verschenken, ohne Nutzen) ist strukturell Matsumotos Yuge und Spinozas zweckloser Kreativität. Wo Scobel Wittgenstein zitiert, zitiert Fromm die Propheten — dieselbe Absage an die Akkumulation als Lebenszweck.

Bewusstsein

Die Orientierungskarte zum „reinen Bewusstsein”, das Metzinger beim Aufwachen beschreibt: Die neue Note erlebt die Minimal Phenomenal Experience, die Bewusstseins-Note verortet sie zwischen den Lagern der Bewusstseinsphilosophie. Beide stoßen an dieselbe Grenze: Wenn das Ich jeden Morgen neu hochfährt — was genau ist dann kontinuierlich?

Markus Gabriel — KI als Resonanzfeld und Mu (scobel)

Gabriels Mu — der leere weiße Kreis, das Ent-Fragen einer falsch gestellten Frage — ist konzeptuell identisch mit Wittgensteins Schluss: Der erfüllt den Zweck des Daseins, der keinen Zweck außer dem Leben mehr braucht. Beide (gleicher scobel-Kontext) lösen das Problem nicht durch eine Antwort, sondern durch Auflösung der Frage.

Agnes Callard - Warum lohnt sich ein sokratisches Leben

Zwei „gefährliche Fragen” in Spannung: Callards Sokrates sucht die eine Frage, die unser Leben prüft — Scobels Hampe/Wittgenstein entlässt uns aus der Wozu-Frage. Prüfen oder Loslassen? Beide teilen die Einsicht, dass das entscheidende Fragen nicht im isolierten Ich geschieht.

Thich Nhat Hanh — Die Vier Edlen Wahrheiten

Der engagierte Buddhismus liefert die Praxis-Grundlage für Matsumotos „inneres Mönchtum”: in der Welt sein, aber nicht von der Welt — die Rolle tragen wie ein Schauspieler, ohne der Mantel zu sein. Beide widersprechen der Weltflucht und verankern die Befreiung im gewöhnlichen Tun, nicht im Rückzug.

Matthieu Ricard — Glück, Mitgefühl und die Transformation des Geistes

Ergänzung mit produktiver Reibung: Ricard teilt das Bild vom Selbst als fließendem Prozess ohne festes Ich — kultiviert Meditation aber explizit als trainierbare Fähigkeit zum Glück. Genau das ist der Verdacht, den Scobels Apparatus formuliert (Meditation, um ein besserer Leader zu werden). Die beiden Notes markieren die feine Grenze zwischen Übung und Selbstoptimierung.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte

  • Wenn Zwecke Fiktionen sind, wie Spinoza sagt — ist dann nicht auch die Behauptung, das Leben brauche keinen Zweck, nur eine weitere Geschichte, die wir uns erzählen, um zu ertragen, dass wir es nicht wissen?
  • Hampe sagt, das Zweckdenken entspringe dem Ressourcenzwang endlicher Wesen — ist gelebte Zwecklosigkeit dann ein Privileg der Abgesicherten, und was hieße sie für jemanden, der von Schicht zu Schicht rechnet?
  • Der Apparatus verschluckt jede Gegenbewegung, sogar die Achtsamkeit — woran würde man erkennen, dass das „innere Mönchtum” nicht längst die nächste, raffinierteste Selbstoptimierung ist?
  • Wittgenstein erfüllt den Zweck des Daseins, „wer keinen Zweck außer dem Leben mehr braucht” — aber kann eine Gesellschaft aus solchen Menschen Krankenhäuser bauen, Deiche erhöhen, Kinder erziehen? Oder braucht das Gemeinsame das Wozu, das der Einzelne loslassen darf?
  • Metzingers reines Bewusstsein beim Aufwachen ist „ohne Besitzer” — wenn es niemandem gehört: Wer genau soll es dann kultivieren?