Worum es geht
Im tropischen Pazifik baut sich 2026 mit hoher Wahrscheinlichkeit der stärkste El Niño seit den 1950er Jahren auf — ein Wärmestau, der das Wetter des halben Planeten verschiebt. Beautemps erklärt das Phänomen und seine möglichen Folgen. Doch der wertvollste Teil ist sein „großes Aber”: eine ruhige Lektion darüber, wie man eine wahrscheinliche Katastrophe benennt, ohne sie zur Gewissheit zu erklären — der schmale Grat zwischen Alarmismus und Verharmlosung.
Quelle: Neue Zahlen: Stärkster El Niño seit 70 Jahren kommt 2026!
Wer spricht?
Jacob Beautemps — Physiker, promovierter Wissenschaftsdidaktiker (Uni Köln, 2024) und seit 2018 das Gesicht des YouTube-Kanals Breaking Lab (~730.000 Abonnenten), gegründet mit Philip Häusser. Seine Doktorarbeit fragt, was ein gutes Lernvideo ausmacht — er erklärt also nicht nur Naturwissenschaft, er erforscht das Erklären selbst. Die Deutsche Physikalische Gesellschaft zieht ihn als Diskutanten heran. Kein Edutainment-Blingbling, sondern fachlich fundierte, quellenbelegte Aufklärung.
Inhalt
Die große pazifische Wippe
El Niño ist kein Sturm und kein einzelnes Ereignis, sondern eine Verschiebung im Gleichgewicht eines ganzen Ozeans. Normalerweise schieben die beständigen Passatwinde das warme Oberflächenwasser des Pazifiks nach Westen, Richtung Südostasien. Vor der Küste Südamerikas rückt dafür kaltes, nährstoffreiches Tiefenwasser aus dem Humboldtstrom nach. In einem El-Niño-Jahr flauen diese Winde ab oder kehren sich um — das warme Wasser bleibt vor Südamerika liegen, staut sich, und das kalte Tiefenwasser kommt nicht mehr hoch.
Beautemps nennt das im Schnelldurchlauf, aber die Bewegung dahinter ist die eigentliche Physik: eine Wippe. Der Pazifik kippt alle zwei bis sieben Jahre zwischen zwei Zuständen — El Niño (warm im Osten) und La Niña (kalt im Osten). Weil dieser Ozean ein Drittel des Planeten bedeckt, verschiebt jede Neigung der Wippe die Regen- und Dürregürtel der halben Welt mit. Was in Peru als warmes Wasser beginnt, endet als ausbleibender Monsun in Indonesien und als Flut in Kalifornien.
Weitergedacht
Wenn ein einziges verschobenes Windsystem das Wetter dreier Kontinente umschreibt — wie viel von dem, was wir „unser” Klima nennen, ist eigentlich anderswo entschieden?
Warum der Frühling blind macht
Der lehrreichste Begriff des Videos ist ein sperriger: die Spring Predictability Barrier. Im Frühjahr schwächen sich El Niño und La Niña typischerweise ab und gehen in eine neutrale Phase über — und genau in diesem Umbruch werden Vorhersagen unzuverlässig. Beautemps erklärt das über das Signal-Rausch-Verhältnis:
„Das Signal ist quasi das, was man mit einem perfekten Klimamodell gut vorhersagen kann […]. Das Rauschen spiegelt die chaotischen Bedingungen in dem System wieder.”
Im Frühjahr ist das Signal schwach und das Rauschen laut — das System steht auf der Kippe, und kleine Messungenauigkeiten verstärken sich. Erst ab Juni tritt es klarer hervor. Das ist mehr als eine Fußnote der Meteorologie: Es ist eine Lektion über die Grenze des Wissbaren. Nicht jede Unsicherheit ist ein Wissensdefizit, das man mit besseren Instrumenten beheben könnte — manche Unsicherheit ist im Chaos des Systems selbst angelegt. Wer das anerkennt, verspricht weniger, aber sagt Wahreres.
Die neuen Zahlen
Jetzt, mit den Juni-Zahlen der NOAA, ist das Bild scharf. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein El Niño begonnen hat, liegt bei 100 % — man steckt schon mittendrin. Im Winter 2026/27 sollen sich die Bedingungen auf der Nordhalbkugel verstärken; die NOAA hat eine El-Niño-Warnung ausgegeben. Und mit 81 % Wahrscheinlichkeit könnte es kein gewöhnliches, sondern ein sehr starkes Ereignis werden — der stärkste El Niño seit den 1950er Jahren.
Hier lohnt der Blick auf die Zahlen als Zahlen. „100 %” und „81 %” sind zwei völlig verschiedene Aussagen: Die erste ist eine Feststellung über die Gegenwart, die zweite eine Wette auf die Zukunft. Beautemps hält sie sauber auseinander — eine Disziplin, die in den Schlagzeilen darüber meist verlorengeht, wo aus „81 % sehr stark” schnell „der Monster-El-Niño kommt” wird.
Was er anrichten kann
Global könnte ein Super-El-Niño die Durchschnittstemperatur vorübergehend um bis zu 0,37 °C anheben — ein Sprung, der einzelne Jahre zu Rekordjahren macht, ohne dass sich der langfristige Trend geändert hätte. Im Süden der USA und an Südamerikas Westküste steigt die Gefahr von Starkregen und Fluten; in Südostasien die von Dürren, Waldbränden, Ernteausfällen. Die Fischerei vor Südamerika bricht ein, weil das nährstoffreiche Humboldt-Wasser ausbleibt und die Meerestiere nach Norden abwandern.
Für Europa — und das ist bemerkenswert ehrlich — sind die direkten Folgen gering und unsicher. Kältere, trockenere Winter im Norden, feuchtere im Süden, vielleicht kalte Spätwinter durch arktische Luft. Beautemps verweist auf die Super-El-Niños 1997/98 (Überflutungen) und 2015/16 (Dürren, Hitzewellen), setzt aber sofort die Bremse:
„Das könnte mit den El Niños zusammenhängen, aber ehrlich gesagt ist das nicht so richtig geklärt. […] Es ist halt tatsächlich eine komplexe Angelegenheit, deutlich komplexer, als das oft dargestellt wird.”
Dieser Satz — ehrlich gesagt ist das nicht so richtig geklärt — ist in der Wissenschaftskommunikation seltener, als er sein sollte. Er kostet Dramatik und gewinnt Vertrauen.
Der indirekte Schlag: Ernten, Preise, Billionen
Wo Europa am ehesten getroffen wird, ist nicht das Wetter, sondern der Markt. Ernteausfälle durch Extremwetter in Südamerika treiben die Preise für bestimmte Nahrungsmittel — und die Lieferketten sind global genug, dass ein Dürrejahr in Brasilien im Kölner Supermarkt ankommt. Beautemps zitiert eine Studie, die die weltweiten Einkommensverluste des El Niño von 1982/83 auf 4,1 Billionen US-Dollar schätzt, die des Ereignisses 1997/98 sogar auf 5,7 Billionen — mehr als das gesamte Bruttoinlandsprodukt Deutschlands.
Diese Zahlen stammen aus einer belastbaren Quelle (Callahan & Mankin, Science 2023) und tragen den entscheidenden Befund: El Niño ist kein Wetterphänomen mit vorübergehendem Ärgernis, sondern ein ökonomischer Schock mit jahrelangem Nachhall. Das Joint Research Center der EU-Kommission warnt entsprechend, der El Niño könne bestehende Krisen verstärken — globale Erwärmung wie geopolitische Spannungen. Er wirkt nicht isoliert, sondern als Brandbeschleuniger auf ohnehin brennende Systeme.
Das große Aber
Hier wird das Video zu mehr als einer Wettervorhersage. Beautemps setzt einen bewussten Kontrapunkt gegen die Panikmache, „die ja in manchen Medien durchaus stattfindet”:
„Auch ein sehr starker El Niño hat nicht immer und überall krasse Auswirkungen. Vielmehr bedeutet die Stärke des El Niño, dass die Wahrscheinlichkeit für krasse Auswirkungen steigt. Die Folgen werden also deutlich wahrscheinlicher, aber es steht nicht fest, dass sie tatsächlich eintreten.”
Das ist die schwierigste Kunst der Risikokommunikation, in zwei Sätzen: Eine steigende Wahrscheinlichkeit ist kein Schicksal. Man muss sie ernst nehmen, ohne sie zur Gewissheit zu machen — und darf die Folgen weder kleinreden noch zur Katastrophe erklären, die schon feststeht. Beautemps zitiert die NOAA mit dem Satz, der die ganze Haltung trägt: jeder El Niño ist einzigartig und hat einen eigenen Einfluss auf das Wetter. Es gibt keine Schablone, nur Wahrscheinlichkeiten und Vorbereitung.
Weitergedacht
Beautemps’ Regel — die Wahrscheinlichkeit steigt, aber es steht nicht fest — gilt für El Niño wie für jede große Bedrohung. Warum fällt es uns so viel leichter, zwischen „kommt sicher” und „kommt nicht” zu wählen, als in der ehrlichen Mitte des „wird wahrscheinlicher” auszuhalten?
Am Ende dreht er die Frage von der Prognose weg auf uns: Nicht nur, was passiert, beschäftigt ihn, sondern wie wir darüber reden — „ein Thema, wo ich das Gefühl habe, da sollten wir auch in der Gesellschaft mehr drüber reden.” Das ist die Fortsetzung seiner Forschung mit anderen Mitteln: Es geht ihm nicht ums Erschrecken, sondern ums Verstehen.
Faktencheck
Bestätigt — Wirtschaftsschäden in Billionenhöhe
Die Zahlen (4,1 Bio. nach 1997/98 globale Einkommensverluste) stammen aus einer peer-reviewten Studie: Callahan & Mankin, „Persistent effect of El Niño on global economic growth”, Science 2023, DOI 10.1126/science.adf2983 (Dartmouth; Primärstudie in einem Top-Journal, Open Access). Der Kern ist bestätigt und stärker als eine bloße Schadensbilanz: Die Studie modelliert einen jahrelangen Nachhall — das BIP betroffener Länder bleibt fünf Jahre und länger gedrückt (US-BIP 2003 rund 3 % niedriger als ohne Ereignis, tropische Küstenstaaten wie Peru und Indonesien über 10 %). Der Wert bündelt also verzögerte Verluste, keinen Einmalschaden. (Beautemps nennt im Ton „1987/98” — Versprecher für 1997/98, hier stillschweigend korrigiert.)
Bestätigt — 81 % „sehr stark", stärkster seit 1950
Der Wert ist keine Zuspitzung Beautemps’, sondern die offizielle Prognose-Sprache des US National Weather Service / NOAA: „an 81% chance that a very strong El Niño that would rank among the largest El Niño events in the historical record going back to 1950” — unabhängig belegt über Guardian, 09.07.2026 und weather.com, 09.07.2026. Die Prozentwerte (100 % laufendes Ereignis, ~81 % „sehr stark”) folgen dem etablierten CPC/ENSO-Verfahren. Wichtig bleibt Beautemps’ Unterscheidung: „100 %” ist eine Feststellung über die Gegenwart, „81 %” eine Wette auf die Zukunft. Quelle: NOAA CPC — ENSO Diagnostic Discussion
Bestätigt (als Obergrenze) — vorübergehender Temperatursprung „bis zu 0,37 °C"
Die Größenordnung ist plausibel und trägt als oberer Rand, nicht als Normalwert: Ein typischer El Niño hebt die globale Mitteltemperatur nur um 0,1–0,2 °C, ein Super-Ereignis liegt darüber. Der stärkste real beobachtete Fall stützt die Zahl direkt — der Super-El-Niño 2023/24 trieb einen Rekord-Jahressprung von rund 0,36 °C an: Nature Communications Earth & Environment 2025, DOI 10.1038/s43247-025-02971-1 (Primärstudie, Open Access). „Bis zu 0,37 °C” ist damit ein Spitzenwert für ein sehr starkes Ereignis, kein Durchschnitt — und wichtig: ein vorübergehender Ausschlag, der den langfristigen Erwärmungstrend nicht verschiebt.
Vereinfacht / Nicht eindeutig belegt — Europa-Folgen einzelner El Niños
Die Zuordnung konkreter Europa-Ereignisse (Fluten 1997/98, Hitze/Dürre 2015/16) zu den jeweiligen El Niños ist wissenschaftlich nicht eindeutig geklärt — Europa liegt am Rand der ENSO-Fernwirkung, viele Faktoren überlagern sich. Beautemps sagt das selbst ausdrücklich („nicht so richtig geklärt”, „deutlich komplexer”) und flaggt die Unsicherheit vorbildlich. Kein Fehler, sondern korrekt kommunizierte Ungewissheit.
Einordnung — Konsens (NOAA) vs. stärkere Einzelstimmen (Hansen)
Der offizielle Konsens (NOAA/NWS: 81 %, „unter den stärksten seit 1950”) ist eine Prognose mit Restunsicherheit, keine Feststellung. Einzelne Stimmen gehen weiter: James Hansen flankiert die Erwartung mit einer umstritteneren These beschleunigter Erwärmung (Hansen-Mailing, 20.03.2026). Der Konsens bleibt vorsichtiger als die stärksten Einzelstimmen — die im Video gewahrte Zurückhaltung ist angemessen.
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung (Auswahl der Primär- und Fachquellen):
- NOAA CPC — ENSO Diagnostic Discussion — die offizielle, wöchentlich aktualisierte US-Prognose
- NOAA — Pressemitteilung El-Niño-Bildung
- Callahan & Mankin: Persistent effect of El Niño on global economic growth — Science 2023, DOI 10.1126/science.adf2983 — Grundlage der Billionen-Schätzungen
- Joint Research Center der EU-Kommission — Risiko-Paper zum aktuellen El Niño
- Max-Planck-Gesellschaft — El-Niño-Vorhersage und Folgen
- climate.gov — Spring Predictability Barrier erklärt
- WMO — El Niño / La Niña Updates
- Deutschlandfunk — Klima: El Niño / La Niña
- Kang et al.: Atypical warming pattern of strong 2023-24 El Niño boosts global temperatures to new 1.5 °C record — Nature Comm. Earth & Environment 2025, DOI 10.1038/s43247-025-02971-1 — misst den Temperatur-Ausschlag des jüngsten Super-El-Niño (Anker für die 0,37-°C-Größenordnung)
- Guardian — Risiken eines historischen El Niño bis Frühjahr 2027 steigen (NWS) — unabhängige Bestätigung der 81 %-Prognose und der „größter seit 1950”-Einordnung
Verbindungen
→ Breaking Lab — CO2-Geothermie und Factor 2 Energy
Derselbe Sprecher, dasselbe Handwerk in anderem Feld: Dort sortiert Beautemps das Versprechen eines Energie-Startups von der belegten Wirkung, hier die Prognose eines Klimaphänomens von der Gewissheit. Beide Notes zeigen seine Kernkompetenz — einen Anspruch ehrlich halten, ohne ihn zu über- oder unterzeichnen.
→ Neitzel und Iltisberger — Hype Is a System
Der epistemische Zwilling: Beide handeln vom Lesen von Zukunftsaussagen. Dort der Hyperloop als „grand vision”, die nie einlöst, hier die 81-%-Prognose, aus der die Schlagzeile „der Monster-El-Niño kommt” wird. Hype-Immunität und Beautemps’ saubere Trennung von „100 % läuft” und „81 % könnte” sind dieselbe Disziplin gegen die Verwechslung von Narrativ mit Fakt.
→ ARTE — Forschung Fake und faule Tricks
Die ethische Umkehrung im selben Raum: Beide leben in der wissenschaftlichen Unsicherheit. Die Agnotologie fabriziert Zweifel, um Handeln zu lähmen („doubt is our product”), Beautemps’ ehrliches „das ist nicht so richtig geklärt” kommuniziert Unsicherheit in gutem Glauben. Die Spannung ist präzise: legitime, offengelegte Ungewissheit gegen strategisch bewaffnete Ungewissheit.
→ Maren Urner — Radikal hoffnungsvoll
Beide arbeiten gegen dieselbe falsche Gabelung in der Klimakommunikation: Urner verortet Hoffnung als drittes zwischen Optimismus und Weltuntergang, Beautemps die „ehrliche Mitte” zwischen Alarmismus und Verharmlosung. Und beide drehen die Frage vom Was passiert auf das Wie wir denken.
→ Mark Benecke — Umwelt-Messungen Sommer 2026
Zwei Wissenschaftskommunikatoren, die harte Klimadaten übersetzen und am gleichen Lese-Problem arbeiten: Beneckes Baseline Shift (wer nie eine Insektenwiese sah, weiß nicht, was fehlt) und Beautemps’ „Rekordjahr ≠ Trend geändert” sind beide Warnungen, das kurzfristige Signal nicht mit dem langfristigen Bezugsrahmen zu verwechseln.
→ Claudia Kemfert — Ist die Abhängigkeit vom Öl unser Untergang? (Der Standard)
Die ökonomische Fernwirkung als Brücke: Beautemps’ Callahan-&-Mankin-Befund (El Niño = Billionen-Schock mit jahrelangem Nachhall, Brandbeschleuniger bestehender Krisen) trifft Kemferts Analyse fossiler Abhängigkeit als systemische ökonomische Verwundbarkeit — Klima nicht als Wetter, sondern als Kraft auf Märkte und Preise.
Weiterdenken
Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
- Wenn die Spring Predictability Barrier zeigt, dass manche Unsicherheit im System selbst liegt und nicht in unseren Instrumenten — wo sonst verwechseln wir „noch nicht genug geforscht” mit „prinzipiell nicht vorhersagbar”?
- Beautemps’ Kernsatz lautet: die Wahrscheinlichkeit steigt, aber es steht nicht fest. Ist unsere öffentliche Debatte überhaupt fähig, in dieser Mitte zu denken — oder zwingt uns die Aufmerksamkeitsökonomie in „kommt sicher” oder „alles Panik”?
- Ein El Niño hebt die Jahrestemperatur vorübergehend — und wird trotzdem als Beleg im Klimastreit benutzt, von beiden Seiten. Wem nützt es, ein Schwankungssignal mit dem langfristigen Trend zu verwechseln?
- Wenn dieselbe Prognose bei den einen Panik und bei den anderen Achselzucken auslöst — liegt das an den Daten oder an dem, was wir hören wollen?
- Beautemps erforscht, wie man auf YouTube lernt, und macht zugleich Lernvideos. Verändert es die Aufklärung, wenn der Aufklärer sein eigenes Medium zum Gegenstand nimmt — oder droht dann die Optimierung auf Klicks die Sache zu fressen?












