Worum es geht

Weit draußen im Indischen Ozean, näher am Horn von Afrika als an Arabien, liegt eine Insel, die zum Jemen gehört und doch eine Welt für sich ist. Der Reiseradler Hans Maggi durchquert sie allein — von der lärmenden Hauptstadt über das wasserlose Hochland bis in die Höhle eines alten Mannes, der nie vorhatte, sie zu verlassen. Eine Geschichte von Staunen und Erschöpfung, von überwältigender Gastfreundschaft und dem Plastik an jedem Strand. Kein Urteil. Eine Wirkung — und die muss nicht immer schön sein.

Quelle: Hans Maggi, „Jemen mit dem Fahrrad” — Sokotra-Trilogie (Dez 2025 – Jan 2026) · #1 Kultur-Schock Jemen · #2 Allein auf einer Insel · #3 Ich treffe einen echten HöhlenmenschenDenkerVita


Die Insel

Sokotra — wo wir sind

Sokotra liegt im Indischen Ozean, rund 380 km südlich der Arabischen Halbinsel — und nur etwa 240 km vom Horn von Afrika. Sie ist also eher eine afrikanische Insel mit jemenitischem Pass: seit 2013 eigenes Gouvernement, völkerrechtlich Teil des Jemen, doch vom Bürgerkrieg, der das Festland seit 2014 zerreißt, durch ihre Abgeschiedenheit weitgehend verschont. Seit 2008 UNESCO-Welterbe. Rund 50.000 bis 60.000 Menschen leben hier, die meisten von Fischerei, Ziegen und Datteln; Strom gibt es fast nur in der Hauptstadt Hadibu.

Was Sokotra einzigartig macht, ist das Leben selbst: Etwa 37 % der Pflanzen wachsen nirgends sonst auf der Welt — allen voran der Drachenblutbaum, dessen Äste sich immer wieder gabeln, bis die Krone wie ein aufgespannter Schirm steht und dessen Harz, ritzt man die Rinde, dunkelrot hervortritt: „Drachenblut”. Man nennt die Insel das Galápagos des Indischen Ozeans. Und die Menschen sprechen Soqotri — eine alte semitische Sprache, die kaum je geschrieben wurde und nur hier lebt, von Mund zu Mund.


Erster Teil — Ankunft

Es gibt einen Ort im Indischen Ozean, der aussieht, als hätte ihn jemand aus einer anderen Welt vergessen. Hans Maggi war zwei Jahre mit dem Fahrrad um die Erde gefahren — Karakorum, Pamir, Himalaya, die ganz großen Dinge — und sagt trotzdem den Satz, mit dem jede ehrliche Reise beginnt: Auf das hier war ich nicht vorbereitet.

Was ihn unvorbereitet trifft, sind nicht die Berge. Es sind die Kinder.

In Hadibu, der einzigen größeren Stadt, ist er kaum vom Sattel, da haben sie ihn schon umringt — Schuljungen in Hemden, die Ranzen noch auf dem Rücken, und mittendrin einer, dessen Grinsen das halbe Gesicht einnimmt. Die meisten haben noch nie einen einzelnen Fremden gesehen, einen Mann, der allein und aus eigenem Willen an dieses Ende der bewohnten Welt gefahren ist. Sie rufen die einzigen Namen, die über die Meere bis hierher getragen wurden — Ronaldo, Messi, Bayern München —, und für einen Moment ist der Fußball die ganze gemeinsame Sprache zwischen einem deutschen Radfahrer und einer Bande barfüßiger Jungen. Den Rest sagen Hände und Gesichter; Mimik, sagt Hans, ist hier neunzig Prozent des Gesprächs. Nur bei den Frauen, verschleiert, bleibt ihm der Faden in der Hand: ein paar Lachfalten vielleicht, sonst weiß er nie ganz, woran er ist.

Und es hört nicht mehr auf. Alle fünf, zehn Kilometer ein Dorf, und aus jedem Dorf brechen die Kinder hervor und stürmen auf ihn zu, als wäre der Zirkus gekommen. Sie umkreisen das Rad, drehen an den Pedalen, prüfen jede Schraube; die Kleinen kommen nicht auf den hohen Sattel und sitzen lachend auf der Bambusstange. An der nächsten Bodenwelle warten sie schon, weil sie gelernt haben, dass er dort langsamer wird, und zwei Jungen auf klapprigen Rädern hängen sich an ihn und liefern sich mit ihm ein Rennen über die lange Gerade — links die dunklen Berge, rechts ein Streifen Meer, darüber ein Himmel voller aufgerissener Wolken.

Einmal holt er Bananen heraus, und das ist ein Fehler. Sofort fahren die Hände in die Tüte, mehr, als er zählen kann; es überfällt ihn ein wenig, und er denkt, das hätte er besser gelassen. Dann sieht er, wie ein Junge die Banane, die er schon in der Hand hält, hinter dem Rücken verschwinden lässt — um gleich noch eine zweite zu ergattern. Das hätte ich lieber nicht gemacht, murmelt Hans, und muss doch lachen.

Es ist herzöffnend und erschöpfend in einem, und Hans sagt beides offen: dass es Kraft kostet, immerzu der Fröhliche zu sein. Aber jeder hier, findet er, habe es verdient, einmal einen Fremden zu sehen, der sich Zeit nimmt — ein Lächeln, ein Händedruck, mehr braucht es nicht.

Es ist kein Zufall, dass es die Menschen sind, die ihn treffen, und nicht die Berge. Er hat die großen Landschaften der Welt gesehen und gesteht, dass sie ihn kaum noch reizen — sie seien, sagt er, mit der Zeit abgeflacht. Du kannst googeln, wie ein Berg aussieht. Aber du kannst nicht wissen, was gleich im nächsten Dorf passiert. Das ist der ganze Grund, warum er in solchen Ländern ist: nicht das Bild, das schon feststeht, sondern die Begegnung, die niemand vorhersehen kann. Von dem, was dabei wirklich passiert, sagt er, sehe man in der Kamera vielleicht ein Prozent. Den Rest muss man erzählen.

Er kauft, was haltbar ist — Reis, Nudeln, Haferflocken —, denn hinter der Stadt, sagt man ihm, gibt es keinen Laden mehr. Nur Dörfer ohne Strom. Sein Geld trägt er als Batzen in der Radtasche; der größte Schein ist sechzig Cent wert.

Dann, am Straßenrand, einfach so in der Landschaft: drei Panzer. Rostende Stahlleiber, in die man hineinklettern kann, mit kyrillischer Schrift an den Wänden. Sie stammen nicht aus dem heutigen Krieg, sondern aus einer älteren Zeit — als der Südjemen der einzige marxistische Staat der arabischen Welt war und Moskau ihm Waffen schickte. Es sind sowjetisch gebaute T-34, von der südjemenitischen Armee an der Küste eingegraben und nie zum Einsatz gekommen, soweit man weiß. Ein Junge ruft etwas, das klingt wie ein Fluch in einer Sprache, die Hans nicht kennt, und lacht.

Weitergedacht

Wenn ein Kind den fremden Reisenden anstrahlt, weil er der erste ist, den es je gesehen hat — wer von beiden lernt in diesem Moment mehr über die Welt?

Am ersten Abend, draußen vor der Stadt, biegt die Asphaltstraße um eine Kuppe, und mit einem Schlag ist alles voller Bäume — Flaschenbäume, bauchig wie tönerne Krüge, die ihre aufgeblähten Stämme ohne eine Handvoll Erde aus dem nackten Fels treiben, eine zerzauste Krone obenauf. Zweihundert Meter zuvor war noch keiner gewesen. Hier legt Hans sich schlafen, mit dem Wellenrauschen im Ohr, und freut sich auf den Morgen wie ein Kind. Es ist heiß, schwül, die Nacht kühlt kaum ab, Tigermücken im Zelt. Trotzdem: Es ist pure Freude, an so einem Fleck dieser Erde sein zu dürfen.

Die Küste, die ihn am nächsten Tag weiterträgt, hat eine Wucht, mit der er nicht gerechnet hat: blendend weiße Dünen, die sich an pechschwarze, fast senkrechte Klippen lehnen, davor das Meer in einem Türkis, das unwirklich leuchtet — und mittendrin er selbst, ein Punkt auf dem schmalen Band der einzigen Straße. Sein inneres Kind will jeden Sandberg erklimmen, den es sieht; die Vernunft mahnt das verletzte Knie. Das Kind gewinnt meistens.

Ein Tag später führt ihn ein Dorfbewohner zu einer riesigen Höhle — kilometertief, mit Tropfsteinen, und an den Wänden Zeichnungen und Inschriften, die zwei Jahrtausende alt sind: indische, südarabische, äthiopische, griechische Schriftzeichen, geritzt von Seefahrern und Händlern, die der Monsun hierher verschlug. Sokotra war einmal ein Knotenpunkt der Welt, lange bevor es ihr Rand wurde. Doch in der Höhle stimmt etwas mit der Luft nicht. Hans wird übel, dem Jungen, der ihn führt, noch mehr — er übergibt sich. Was es ist, weiß niemand zu sagen; Hans findet später nirgends ein Wort darüber. Was bleibt, ist nicht das Staunen über die alten Zeichen, sondern ein schlechtes Gewissen: dass dieser Junge Tag für Tag hier hineinmuss, damit Fremde die Höhle sehen können. Er verlässt den magischen Ort mit einem schlechten Gefühl, und er sagt es laut, weil Wegschauen keine Option ist.


Zweiter Teil — Die Querung

Dann kommt der Tag, vor dem er Angst hat. Die Insel hat eine einzige asphaltierte Straße, von West nach Ost an der Küste entlang; das Innere ist dünn besiedelt, und auf seiner Karte hört der Weg einfach in der Mitte auf. Dahinter: Satellitenbilder, verschwommen, ein paar Umrisse, die Dörfer sein könnten oder Ruinen. Er fährt trotzdem hinein.

Es wird die härteste Sache, die er je versucht hat. Der Asphalt endet, der Weg wird zu Geröll, zu trockenem Flussbett, zu reinem Schieben. Vier Stunden schiebt er sein vollbepacktes Rad — vierzig Kilo — einen einzigen Berg hinauf. Und über allem steht das eine, das wirklich gefährlich ist: das Wasser. Die Regenzeit ist ausgeblieben, die Flussbetten, die auf der Karte noch Wasser führen, sind ausgedörrt, die Dörfer, die er ansteuert, könnten tot sein. Mit eineinhalb Litern Notreserve schickt er die Drohne hoch — seine letzte Chance, von weitem etwas zu erspähen. Ihm ist schwindlig, der Kopf überhitzt. Hier gibt’s kein Wasser, hier gibt’s keine Hilfe, hier ist nichts. Das ist jetzt ohne Drama einfach Fakt.

Und dann, jedes Mal, wenn es kippt, rettet ihn ein Mensch. Ein Junge fragt seinen Vater, ob der Fremde etwas essen darf, und Hans bekommt Brot, Dattelpaste, Ziegenfett, gereicht mit dem vielleicht einzigen Löffel des Dorfes — auf einem Teller, in den die Familie mit bloßen Fingern greift, während es noch dampft. Abdulmalik, ein Junge im gelb-schwarz gestreiften Hemd, führt ihn in sein Heimatdorf: fünfzehn Häuser aus fugenlos geschichtetem Stein, ein grüner Wasserschlauch quer über den Hof, hundertfünfzig Seelen. Er zeigt ihm stolz die Moschee, in der Männer und Frauen gemeinsam beten, die Mango- und Papayabäume, den Gemüsegarten, dessen Ernte die Dürre in diesem Jahr verdorben hat — und bringt ihm bei, einen Stein über Kreuz zu fangen, was er nach drei Versuchen besser kann als der Reisende. Hans will zwei Stunden bleiben und bleibt länger, weil es zu schön ist. Beim Geben beginnt jedes Mal dasselbe Spiel: Sie wollen sein Geld nicht. Erst wenn er sagt, sie sollten es dem Ärmsten im Dorf geben, nehmen sie es nach dreimaligem Hin und Her an. Das ist mein Joker in muslimischen Ländern.

Weitergedacht

Menschen, die zwischen 50 und 150 Euro im Monat haben und deren Ernte gerade verdorrt, teilen ihr Brot mit einem Fremden, der reicher ist, als sie sich vorstellen können. Was ist das für eine Ökonomie — und warum kennt unsere sie nicht mehr?

Was ihm in diesen Tagen am meisten zu denken gibt, ist nicht die Armut, sondern ihr Gegenteil. Er hat Länder bereist, in denen man den Menschen die Not ansieht — eine stille, dauernde Traurigkeit in den Augen. Hier findet er sie nicht. Die Menschen, sagt er, machen einen wirklich zufriedenen Eindruck, und das freut ihn für sie. Im selben Atemzug ist er ehrlich genug zuzugeben, dass sein Bild verzerrt sein muss: Er ist der exotische Gast, über den sich hier alle freuen; er sieht das Lächeln, das ihm gilt, nicht den Alltag, der bleibt, wenn er weitergefahren ist.

Bei den Mahlzeiten sitzt man auf dem Boden, im Kreis um die Teller in der Mitte, und Hans lernt ein Ritual, das ihm fremd bleibt: Gegessen wird mit den Händen, aber nicht mit nackten Fingern aus dem gemeinsamen Teller — man nimmt ein Stück Brot und greift damit, was man will, so bleibt es für alle sauber. Er bekommt es nicht recht hin und gibt es offen zu, er könne sich einfach nicht daran gewöhnen. Probiert das mal selbst, sagt er in die Kamera, Nudeln mit Soße, mit den Fingern.

Und nach einem langen Tag im Geröll, den Kopf überhitzt, kommt das größte Geschenk in der kleinsten Form: ein Eimer Wasser, über dem Kopf ausgegossen. Es gibt nichts Besseres, sagt er, und man glaubt es ihm sofort.

Eine Nacht schlafen sie zu acht in einem Raum; in der nächsten lädt ihn eine Familie an den Strand, eine halbe Stunde durch tiefen Sand, bis sie sich einfach auf eine Düne legen, Decke an Decke, Nase an Nase begrüßt nach Sokotri-Art. Zum Frühstück: ein Hammerhai, am Morgen draußen gefangen. Wer kennt’s nicht, das gute alte Hammerhai-Frühstück. Die Männer fahren nachts zum Fischen, die Frauen kochen; ein Gastgeber ist dreiunddreißig, seine Frau fünfzehn. Hans erzählt es, wie er alles erzählt — ohne Wertung, weil es dazugehört, weil alles hereinmuss, wenn man ein Land zeigen will und nicht ein Postkartenbild.

Und mitten in der Erschöpfung kommt ihm ein Gedanke, der größer ist als die Reise. Er begegnet auf der Insel vielleicht zehntausend Menschen, von denen die meisten noch nie einen einzelnen Touristen gesehen haben. Wenn er sie alle anlächelt, ein paar Worte wechselt, die Hand gibt — wenn er einem Mann, der die letzten Tropfen aus weggeworfenen Plastikflaschen trinkt, sein Wasser anbietet —, dann erzählen sie das weiter, in Familien, unter Freunden. Am Ende, rechnet er, hat er vielleicht dreißig-, vierzigtausend Menschen ein kleines bisschen beeinflusst, wie sie über Fremde denken. Darum lächle ich auch in den Momenten, in denen ich eigentlich keinen Bock habe. Der Gast trägt eine Verantwortung.

Belohnt wird die Schinderei mit dem Ort, den ihm jeder empfohlen hat: ein Wald aus Drachenblutbäumen, Hunderte, über ein Plateau gestreut, das jäh in eine tiefe Felsschlucht abbricht. Von oben sehen sie aus wie grüne Pilze, wie aufgespannte Schirme, dicht an dicht bis an die Abbruchkante — jeder Baum ein eigenes kleines Dach, darunter Schatten und gesammelte Feuchtigkeit, die einzige Art, in dieser Trockenheit zu überleben. Hans sitzt zwei Stunden lang auf einem Stein und sieht zu. Es schaut aus wie ein anderer Planet, sagt er, Avatar, Star Wars. Die Schirmkronen stehen gegen den hellen Himmel, das Harz tritt rot aus den verletzten Stämmen — Drachenblut —, und ringsum eine Stille, die man erst begreift, wenn man so weit gefahren ist, um in ihr anzukommen. Dieser Ort ist sowas von magisch. Mehr sagt er nicht.

An diesem Abend braucht er, zum ersten Mal seit Tagen, das Alleinsein. So sehr ihn die Begegnungen nähren, so sehr zehren sie auch — immer zuhören, übersetzen, mitdenken, präsent sein, jedem Vorbeikommenden ein Lächeln geben, auch wenn das eigene Gesicht danach in sich zusammenfällt. Seine soziale Batterie ist leer, und er gesteht es sich ein, ohne Schuld. Allein, sagt er, sei er viel emotionaler als auf der gemeinsamen Weltreise mit Franzi; die Eindrücke treffen ungefilterter. Eine Nacht für sich — dann ist er wieder da.


Dritter Teil — Der Höhlenmensch

Das Ende der Insel ist ein Fischerdorf, niedrige Steinhäuser, zwischen ockerfarbene Felsen geduckt, Palmen dazwischen, eine Ziege auf dem Dach, davor das Meer ein türkises Band. Hans verliebt sich auf den ersten Blick. Ich weiß nicht, warum mich das gerade so trifft. Kaum erspäht ihn das erste Kind, schlägt es Alarm, und binnen Minuten will das halbe Dorf an dem Gespräch teilnehmen, ob sich ein Boot organisieren lässt; sein Gehirn schaltet auf Autopilot, um nicht durchzubrennen. Sie bringen ihn in der Schule unter — neun Klassenräume, mitgenommene Tafeln, kein Strom, fünfhundert Menschen am Ort —, und schleppen ihm einen Schreibtisch und einen Bürostuhl heran, damit er sitzen kann wie ein Präsident. Als er sein Zelt abbaut, verfolgen sie jede Handbewegung, jedes Einklipsen der Stangen, als zeige er ein Wunder — und Hans findet Freude gerade daran, ihnen das Banale zu zeigen, das für sie keines ist. Manchmal, sagt er, fühle er sich an solchen Orten zu Hause, obwohl er so weit weg ist von jeder Welt, die er kennt. Es sind die Menschen, die ihm das Gefühl geben, willkommen zu sein.

Am Morgen, eine Stunde früher als geplant, weil die Ebbe drängt, schieben sie das Boot gemeinsam ins Wasser, das Bambusrad mittendrin. Anderthalb Stunden über türkises Wasser an Klippen entlang, die keine Straße zulassen. Eine tote Meeresschildkröte, gegessen. Und dann, unter dem Kiel, dreißig Delfine, die im Zehn-Sekunden-Takt aus dem Wasser springen, eine Show, mit der niemand gerechnet hat.

In der Stadt fragt er sich durch. Es gibt da, am Ende einer Lagune, hinter einer Sandbank, einen Mann, von dem alle wissen: Cavem — der in einer Höhle aufgewachsen ist und noch immer dort wohnt. Es gab einmal mehrere; er ist der letzte. Hans läuft am Wasser entlang, unsicher, ob er hier überhaupt sein darf, er will den Mann nicht belästigen — und findet ihn schließlich beim Fischen vor der Höhle.

Abdullah, vierundsechzig Jahre alt. Er steht barfuß vor der Höhle, hager und sonnenverbrannt, das graumelierte Haar kraus, ein Tuch um die Hüften, eine abgewetzte Tasche über der Schulter — und neben ihm, an die Felswand gelehnt wie bleiche Schwertklingen, die Kieferknochen eines Blauwals, dazu zwei Schildkrötenpanzer. Seine Mutter hat ihn hier zur Welt gebracht, in dieser rußgeschwärzten Höhle über der Lagune, und er hat sich gegen die Stadt entschieden, gegen alles, was leichter wäre. Why did you stay here?Because I like it. An den Wänden hängt Trockenfleisch; Regenwasser fängt er mit Seilen, die das Wasser von oben in einen Kanister tropfen lassen, den er bei Regen vor die Höhle schiebt. Seine Zähne sind makellos — er spült sie jeden Abend mit Sand. Vor der Höhle fällt der Blick auf eine Lagune, so weit und so türkis, mit einer blassen Sandbank am Horizont. Stell dir vor, du wachst hier jeden Morgen auf. Er ist die ganze Zeit fröhlich, singt, wo immer er geht. Was für eine Lebensfreude, mit vierundsechzig.

Sie gehen zusammen jagen — in der Lagune, zwischen scharfkantigen Muscheln, fängt Abdullah mit bloßen Händen Krebse, Austern, eine Riesenmuschel. Hans isst, was er für eklig hielt, und es schmeckt wie die beste Jakobsmuschel seines Lebens. In den Siebzigern, erzählt der Alte, gab es hier kein Mehl, keinen Reis; man lebte von Fisch und Ziege, fast ohne Kohlenhydrate. Vor drei-, vierhundert Jahren lebten viele Menschen in diesen Höhlen — man weiß es von ihren Essensresten. Abdullah ist der letzte, der diese Fähigkeit, dieses Wissen, am Leben hält.

Weitergedacht

Ein Mann, der nichts besitzt, was wir Reichtum nennen, ist der zufriedenste Mensch der ganzen Reise. Liegt es an dem, was ihm fehlt — oder an dem, was uns fehlt?

Hans bleibt über Nacht — etwas, das die Touristen, die sonst auf einen Tee vorbeischauen, nie tun. Sie kochen über dem Feuer, eine Muschel als Schüssel, eigener Honig von den Bergbienen, kleine Brote. Cave life, sagt Abdullah und lacht. Dann, im Dunkeln, barfuß die Felsen hinunter zum Nachtfischen — denn nachts gibt es die meisten Fische, und das Frühstück für morgen muss gesichert sein. Abdullah jagt Rochen mit der Angelschnur; den giftigen Stachel entfernt er, bevor er zuschlägt, weil ihn die schlimmsten Schmerzen seines Lebens zweimal gelehrt haben, was passiert, wenn man es nicht tut. Zu wissen, dass diese Fähigkeiten seit Jahrhunderten in diese Lagune weitergegeben werden, macht etwas mit mir.

Am letzten Morgen köchelt der Rochen über dem Feuer, der Ausblick über die Lagune ist still und weit. Dieser Mann ist mir ein Vorbild in Sachen Lebensfreude, sagt Hans. Etwas verrückt, sehr liebenswürdig, das Herz am rechten Fleck. Dann packt er sein Rad und fährt zurück in die Welt, die er kennt — und nach Afrika, in das nächste, größere Abenteuer.


Zwischen den Zeilen

Sokotra ist kein Paradies — es gibt Dürre, Armut, Müll an jedem Strand, Verhältnisse, die uns fremd und manche hart vorkommen. Und es ist trotzdem ein Ort, an dem ein Fremder Brot bekommt, ohne zu bezahlen, und ein alter Mann in einer Höhle glücklicher ist als die meisten, die alles haben. Beides ist wahr. Das eine widerlegt das andere nicht.

Was bleibt, ist ein Schirm aus Blättern gegen einen weißen Himmel, das rote Harz an der Rinde, und unten am Wasser ein Mann, der singt.


Weiterdenken

Was Sokotra uns fragt

  • Abdullah hat sich gegen die Stadt entschieden, gegen das leichtere Leben. Wenn Fülle nicht im Mehr liegt — woran erkennen wir, wann wir genug haben?
  • Hans sagt, er präge mit jedem Lächeln das Bild, das die Menschen von Fremden haben. Welche Verantwortung tragen wir für das Bild, das wir hinterlassen — als Gäste, online, im Vorübergehen?
  • Die Gastfreundschaft der Ärmsten ist größer als die der Reichen. Was hat unser Wohlstand mit unserer Großzügigkeit gemacht?
  • Eine ungeschriebene Sprache, ein Wissen, das nur im letzten Höhlenbewohner weiterlebt: Was geht verloren, wenn das Einfache verschwindet — und ist sein Verschwinden Fortschritt oder Verlust?
  • Hans erzählt die harten Dinge so ruhig wie die schönen. Kann man eine Kultur überhaupt verstehen, wenn man sie schon beurteilt, bevor man sie gesehen hat?

Verbindungen