Gedankenraum
DenkerVita·15. Mai 2026

Achille Mbembe — DenkerVita

Achille Mbembe, Historiker aus Kamerun, gab der Macht über den Tod den Namen Nekropolitik — und sucht in afrikanischen Kosmogonien eine Ethik, die der ganzen Erde gilt.

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Australische Aboriginal-Dotmalerei — Tjukurpa/Dreamtime-Stil — Dunkler Ocker-Braun-Grund, Punkte in Weiß, Creme und Gold, konzentrische Kreise als heilige Punkte/Versammlungsorte, verbunden durch sinuöse Songlines. Koloniales Gitternetz als dünne gerade Linien sichtbar darunter — aber die ancestralen Pfade kreuzen es weiter, ungebrochen. Zentrum: dichter Kreiscluster in Warmgold als "Earthly Community"-Konvergenzpunkt. Aboriginal Dotmalerei, weil sie nicht Mbembes Theorie illustriert — sie ist sie: die Erde als lebendiges Netz ohne Hierarchie, Ahnen als gegenwärtige Kraft, die koloniale Grenzlinie als Oberflächen-Einschreibung die das Darunter nicht unterbricht.

Prompt: Aboriginal Australian dot painting style, traditional Western Desert art aesthetic, 1200x500px banner. Dark ochre-brown ground. White, cream, pale yellow, and terracotta-red dots forming intricate patterns across the entire surface. Aerial view of a vast landscape rendered as ancestral map: Multiple concentric circle clusters scattered across the field — each a sacred site or meeting point, connected by sinuous wavy lines (watercourses, songlines, ancestral paths). The lines branch and reconnect, forming a web without center or hierarchy. Faint thin straight lines (colonial grid map, borders) are visible beneath the dot-pattern — but the songlines cross through them continuously, uninterrupted. Where several songlines converge at the center: a dense cluster of concentric circles in warm gold and white, slightly brighter than the rest — the Earthly Community. At the far edges: very small dot-clusters in dark red, barely visible — the Deathworlds, at the margins, not at the center. No figures. No text. No photorealism. The pattern fills the entire banner edge to edge.

Wer spricht?

Achille Mbembe (geb. 1957 in Otélé, Kamerun) — Kamerunischer Historiker und Politiktheoretiker, Research Professor für Geschichte und Politik am Wits Institute for Social and Economic Research der University of the Witwatersrand (Johannesburg, Südafrika). Träger des Holberg Prize 2024 für sein Lebenswerk über Kolonialismus, Macht, Gedächtnis und die Möglichkeiten einer planetaren Ethik. Führender Vertreter der zeitgenössischen französischen Kritischen Theorie.

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Biografie

Joseph-Achille Mbembe wurde 1957 in Otélé, einer Gemeinde im französischen Kamerun, geboren. Seine akademische Ausbildung verband afrikanische Wurzeln mit europäischer Gelehrsamkeit: Er absolvierte ein D.E.A. (Diplôme d'études approfondies) in Politikwissenschaft an den Instituts d'études politiques in Paris und promovierte 1989 in Geschichte an der Universität Sorbonne. Seine Doktorarbeit beschäftigte sich mit afrikanischer Geschichte und Dekolonisation.

Mbembes akademischer Weg verlief hochmobil zwischen Kontinenten. Als Assistant Professor der Geschichte an der Columbia University (1988–1991) arbeitete er in direkter Nähe zu den amerikanischen Machtzentren. Er war dann Senior Research Fellow am Brookings Institution in Washington D.C. (1991–1992) — einer einflussreichen Policy-Institution — bevor er zu Associate Professor an der University of Pennsylvania aufstieg (1992–1996). Von 1996 bis 2000 leitete er das Council for the Development of Social Science Research in Africa (CODESRIA) in Dakar, Senegal — eine zentrale Institution für afrikanische Intellektualität. Danach kehrte er zu akademischen Visiting Positions zurück: UC Berkeley (2001), Yale (2003), Harvard (W.E.B. Du Bois Research Institute), Duke University (Franklin Humanities Institute) und Stanford (2020 Presidential Lecture in the Humanities).

Seit 2000 ist Mbembe Research Professor am Wits Institute for Social and Economic Research der University of the Witwatersrand in Johannesburg, wo er sich dauerhaft niedergelassen hat — nicht als Diaspora-Intellektueller, sondern als aktiver Südafrika-Denker. Er ist mit Sarah Nuttall verheiratet, die als Professorin für Literatur- und Kulturwissenschaften und Co-Direktorin von WISER tätig ist; sie haben zwei Kinder und schreiben teilweise gemeinsam.

Prägungen: Mbembes intellektuelle Genealogie verbindet Fanon (antikolonialer Humanismus), Foucault (Macht-Wissen-Komplexe), Arendt (Totalitarismus und Menschenrechte) und Stiegler (Gedächtnistechnologien). Seine eigene Arbeit überwindet den „postkolonialen" Label — es geht nicht um Rückkehr zur Ursprünglichkeit, sondern um die Transzendenz von Differenz als gleichberechtigte Bedingung eines neuen Planetarismus.


Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Les Jeunes et l'ordre politique en Afrique noire1985Frühe Untersuchung der Jugend und politischer Ordnung im subsaharischen Afrika
La naissance du maquis dans le Sud-Cameroun (1920–1960): histoire des usages de la raison en colonie1996Dissertation über antikolonialen Widerstand im südlichen Kamerun — die Geburt des Maquis (bewaffneter Guerilla-Kampf)
On the Postcolony — Essay on the Imagination of Politics in Contemporary Africa2001Klassisches Werk der Postkolonialtheorie: Afrika als psychisches, semiologisches und politisches Projektionsfeld des Westens; Entkräftung orientalistischer Klischees; Staat als Theatrum mundi
Sortir de la grande nuit – Essai sur l'Afrique décolonisée2010Out of the Dark Night: Essays on Decolonization (2021): Reflexion auf die scheiternde Dekolonisierungsprojekt Afrikas, Übergang zum Gedächtnistotale
Critique de la raison nègre2013Kritik der Schwarzen Vernunft (2017): Entzauberung der rassialisierten Episteme — wie Schwarz-Sein einer epistemologischen Gewalt unterworfen wurde; Dekonstruktion westlicher Rationalität
Necropolitics2019Zweite und erweiterte Buchversion des 2003 erschienenen Artikels: Souveränität als Macht über Tod und Leben; Deathworlds (Zonen des lebendig Toten); Biopolitik reicht nicht aus; Fallbeispiele: Palästina, Kosovo, Afrika
Brutalisme / Brutalism2024Diagnose: Der Neoliberalismus ist in seine brutalistische Phase eingetreten — Reduktion auf Rohheit, Geometrie, Kontrolle; Form der gegenwärtigen Herrschaft
The Earthly Community: Reflections on the Last Utopia2023Neuestes Hauptwerk (Holberg Prize 2024): Weg aus dem planetaren Agonismus zu einer Erde-Ethik; afrikanische Kosmogonien als Quelle einer neuen inklusiven Planetarität; Utopie nicht als zukünftig, sondern als gegenwärtiges Werden

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Kernthesen

  1. Necropolitics — Macht über den Tod: Foucaults Biopolitik (Macht über das Leben) ist unzureichend. Moderne Souveränität übt sich nicht nur als Kontrolle des Lebens, sondern als Recht zu entscheiden, wer lebt und wer sterben muss. Mbembe nennt diese Zonen „Deathworlds" — etwa das besetzte Palästina, Flüchtlingslager, Ghettoisierungszonen. Dort wird der Status der „Lebenden Toten" zementiert: biologisch am Leben, aber soziopolitisch als disposabel behandelt.

  2. Die Postkolonie als Spektral-Raum: Afrika ist nicht eine räumliche oder zeitliche Außenseite des Westens, sondern ein Ort, wo westliche unbewusste Fantasien, Schuld, Ekel und Begierden projizieret werden. Die Postkolonie ist daher auch eine psychische und semiotische Struktur — nicht nur eine Politische. Afrikanische Staaten replizieren nicht das „Import-Modell" Okzident, sondern entwickeln ihre eigene imaginary politics.

  3. Rassialismus als epistemische Gewalt: Die westliche Kategorie „Neger" / „Black" ist nicht eine Beschreibung, sondern eine Erfindung mit tiefgreifenden epistémologischen Folgen. Sie unterordnet Menschen einer getarnten Rationalität, die ihre Humanität negiert. Dekolonisierung muss auch eine Dekolonisierung der Vernunft selbst sein.

  4. Planetarische Ethik statt Universalismus: Der klassische westliche Universalismus ist imperialistisch — er zentralisiert Normen, die behaupten, für alle zu gelten, aber tatsächlich nur westliche Partikularen verallgemeinern. Mbembe sucht statt dessen nach einer Erde-Ethik, die von afrikanischen Kosmogonien lernt: Die Erde als lebend, relationales Netzwerk (nicht als Ressource), Ahnen-Gegenwart, Ganzheit ohne Einheit. Das ist sein Verständnis von „The Earthly Community".

  5. Brutalismus als gegenwärtige Regime-Form: Der Neoliberalismus hat seine „liberale" Maske fallen gelassen. Die gegenwärtige Herrschaft ist brutal, geometrisch, ent-humanisierend — sichtbar in Grenzbefestigungen, Drohnen, algorithmischen Sortierungen. Sie rationalisiert Gewalt.


Politische Einordnung

Kein einfach „links" oder „rechts" — Mbembe ist Universalist mit postkolonialer Selbstkritik:

Spektrum: Links-progressiv, emanzipativ, post-westlich. Aber nicht dogmatisch marxistisch — eher eine Synthese aus Fanon, Arendt, Foucault, afrikanischen Überlieferungen.


Verbindungen zu anderen Denkern

Michel Foucault — Der Ausgangspunkt, den Mbembe umdreht: Foucaults Biopolitik fragt, wie Macht das Leben verwaltet, Mbembes Nekropolitik, wer sterben muss. Und er verlegt den Ursprung dieser Macht aus der europäischen Klinik in die Plantage und die Kolonie.

Hannah Arendt — Die fruchtbarste Reibung. Mbembe baut auf Arendts Bumerang-These, nach der die Techniken totaler Herrschaft zuerst in den Kolonien erprobt wurden. Zugleich ist er der Maßstab, an dem ihr Afrika-Bild in denselben Kapiteln scheitert: Afrikaner als „Wilde ohne Welt", nach Conrad.

Felwine Sarr — Der Weggefährte. 2016 gründeten beide die Ateliers de la Pensée in Dakar. Sarr entwirft die Utopie kontinental (Afrotopia), Mbembe weitet sie zur planetaren Erdgemeinschaft; dieselbe Bewegung, Afrika vom Objekt fremder Entwürfe zum Subjekt eigener zu machen.

Souleymane Bachir Diagne — Der zweite große afrikanische Universalist im Bestand. Diagnes „laterales Universales", das aus Übersetzung entsteht, und Mbembes Erdgemeinschaft suchen dasselbe Ganze ohne Thron. Diagne kommt dabei über Sprache und Islam, Mbembe über Kosmogonie und Erde.

Silvia Rivera Cusicanqui — Dieselbe Wunde, ein anderer Maßstab der Heilung. Beide sehen die Kolonialität alle erfassen, nicht nur die Kolonisierten. Cusicanqui misstraut aber gerade der großen planetaren Synthese, auf die Mbembe zuläuft, und setzt auf kleine, vorläufige Gemeinschaften jenseits von Markt und Staat.

Tsitsi Dangarembga — Ubuntu als gemeinsames Zentrum, aber Entwurf gegen Übung. Mbembe nennt die Erdgemeinschaft ausdrücklich „die letzte Utopie", Dangarembga sagt: „Ich glaube nicht an Utopien." Sie setzt auf das Wohlsein im Hier und Jetzt.

Liya Yu — Zwei Erklärungen dafür, wie Menschen aus der Moral herausfallen. Yu zeigt den neurobiologischen Mechanismus der Dehumanisierung, Mbembe die politische Architektur, die ihn seit Kolonialkrieg und Sklaverei auf Dauer stellt. Die Frage bleibt offen, ob Gehirn oder Geschichte die tiefere Schicht ist.

Susan Neiman — Die deutsche Seite des Mbembe-Streits von 2020. Neiman lobte 2019 die deutsche Vergangenheitsaufarbeitung als Vorbild. Ein Jahr später kritisierte sie mit der Initiative GG 5.3 Weltoffenheit den BDS-Beschluss des Bundestags, der den Streit um Mbembe gerahmt hatte. Seither sieht sie dieselbe Erinnerungskultur kippen. Mbembe hielt Deutschland vor, sich damit in kolonialen Diskurs zu verstricken. Beide fragen, ob das Erinnern an ein Verbrechen das Hinsehen auf andere verstellen darf, und ihre Kritiker antworten mit der Singularität der Shoah.


Gedankenwelten-Notes


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
  • Wenn die „Erde-Ethik" tatsächlich eine Alternative zum westlichen Universalismus darstellt — heißt das, dass wir uns auch von Konzepten wie Menschenrechten, Demokratie und Aufklärung verabschieden müssen, oder können diese dekolonisiert werden?
  • Mbembe spricht von afrikanischen Kosmogonien als Quelle einer neuen Ethik — aber welche? Es gibt mindestens hundert verschiedene afrikanische Kosmologien. Wie entgeht er dem Risiko, selbst eine romantische oder essentialistische Afrika zu konstruieren?
  • Die Kategorie „Neger" wurde als epistemische Gewalt erfunden — aber bedeutet ihre Überwindung, dass wir sie vergessen, oder dass wir sie kritisch dekonstruieren und dabei präsent halten, um die Tiefe ihrer Wirkung sichtbar zu machen?
  • Ist die gegenwärtige Brutalität des Neoliberalismus ein Scheitern der liberalen Verheißung, oder ihre konsequente Logik?

Im Bestand

Achille MbembeThe Earthly CommunityFelwine SarrDenkerVitaSouleymane Bachir DiagneDenkerVitaTsitsi DangarembgaDenkerVitaMichel FoucaultDenkerVitaHannah ArendtDenkerVitaSilvia Rivera CusicanquiDenkerVitaLiya YuDenkerVitaSusan NeimanDenkerVitaAkalaDenkerVitaB.R. AmbedkarDenkerVitaIsabel WilkersonDenkerVitaJoan KinyuaDenkerVitaJok Madut JokDenkerVitaJulia KloiberDenkerVitaNgũgĩ wa Thiong'oDenkerVita

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