Wer spricht?
Achille Mbembe (geb. 1957 in Otélé, Kamerun) — Kamerunischer Historiker und Politiktheoretiker, Research Professor für Geschichte und Politik am Wits Institute for Social and Economic Research der University of the Witwatersrand (Johannesburg, Südafrika). Träger des Holberg Prize 2024 für sein Lebenswerk über Kolonialismus, Macht, Gedächtnis und die Möglichkeiten einer planetaren Ethik. Führender Vertreter der zeitgenössischen französischen Kritischen Theorie.
Biografie
Joseph-Achille Mbembe wurde 1957 in Otélé, einer Gemeinde im französischen Kamerun, geboren. Seine akademische Ausbildung verband afrikanische Wurzeln mit europäischer Gelehrsamkeit: Er absolvierte ein D.E.A. (Diplôme d’études approfondies) in Politikwissenschaft an den Instituts d’études politiques in Paris und promovierte 1989 in Geschichte an der Universität Sorbonne. Seine Doktorarbeit beschäftigte sich mit afrikanischer Geschichte und Dekolonisation.
Mbembes akademischer Weg verlief hochmobil zwischen Kontinenten. Als Assistant Professor der Geschichte an der Columbia University (1988–1991) arbeitete er in direkter Nähe zu den amerikanischen Machtzentren. Er war dann Senior Research Fellow am Brookings Institution in Washington D.C. (1991–1992) — einer einflussreichen Policy-Institution — bevor er zu Associate Professor an der University of Pennsylvania aufstieg (1992–1996). Von 1996 bis 2000 leitete er das Council for the Development of Social Science Research in Africa (CODESRIA) in Dakar, Senegal — eine zentrale Institution für afrikanische Intellektualität. Danach kehrte er zu akademischen Visiting Positions zurück: UC Berkeley (2001), Yale (2003), Harvard (W.E.B. Du Bois Research Institute), Duke University (Franklin Humanities Institute) und Stanford (2020 Presidential Lecture in the Humanities).
Seit 2000 ist Mbembe Research Professor am Wits Institute for Social and Economic Research der University of the Witwatersrand in Johannesburg, wo er sich dauerhaft niedergelassen hat — nicht als Diaspora-Intellektueller, sondern als aktiver Südafrika-Denker. Er ist mit Sarah Nuttall verheiratet, die als Professorin für Literatur- und Kulturwissenschaften und Co-Direktorin von WISER tätig ist; sie haben zwei Kinder und schreiben teilweise gemeinsam.
Prägungen: Mbembes intellektuelle Genealogie verbindet Fanon (antikolonialer Humanismus), Foucault (Macht-Wissen-Komplexe), Arendt (Totalitarismus und Menschenrechte) und Stiegler (Gedächtnistechnologien). Seine eigene Arbeit überwindet den „postkolonialen” Label — es geht nicht um Rückkehr zur Ursprünglichkeit, sondern um die Transzendenz von Differenz als gleichberechtigte Bedingung eines neuen Planetarismus.
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Les Jeunes et l’ordre politique en Afrique noire | 1985 | Frühe Untersuchung der Jugend und politischer Ordnung im subsaharischen Afrika |
| La naissance du maquis dans le Sud-Cameroun (1920–1960): histoire des usages de la raison en colonie | 1996 | Dissertation über antikolonialen Widerstand im südlichen Kamerun — die Geburt des Maquis (bewaffneter Guerilla-Kampf) |
| On the Postcolony — Essay on the Imagination of Politics in Contemporary Africa | 2001 | Klassisches Werk der Postkolonialtheorie: Afrika als psychisches, semiologisches und politisches Projektionsfeld des Westens; Entkräftung orientalistischer Klischees; Staat als Theatrum mundi |
| Sortir de la grande nuit – Essai sur l’Afrique décolonisée | 2010 | Out of the Dark Night: Essays on Decolonization (2021): Reflexion auf die scheiternde Dekolonisierungsprojekt Afrikas, Übergang zum Gedächtnistotale |
| Critique de la raison nègre | 2013 | Kritik der Schwarzen Vernunft (2017): Entzauberung der rassialisierten Episteme — wie Schwarz-Sein einer epistemologischen Gewalt unterworfen wurde; Dekonstruktion westlicher Rationalität |
| Necropolitics | 2019 | Zweite und erweiterte Buchversion des 2003 erschienenen Artikels: Souveränität als Macht über Tod und Leben; Deathworlds (Zonen des lebendig Toten); Biopolitik reicht nicht aus; Fallbeispiele: Palästina, Kosovo, Afrika |
| Brutalisme / Brutalism | 2024 | Diagnose: Der Neoliberalismus ist in seine brutalistische Phase eingetreten — Reduktion auf Rohheit, Geometrie, Kontrolle; Form der gegenwärtigen Herrschaft |
| The Earthly Community: Reflections on the Last Utopia | 2023 | Neuestes Hauptwerk (Holberg Prize 2024): Weg aus dem planetaren Agonismus zu einer Erde-Ethik; afrikanische Kosmogonien als Quelle einer neuen inklusiven Planetarität; Utopie nicht als zukünftig, sondern als gegenwärtiges Werden |
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
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The Holberg Lecture by Achille Mbembe: “The Earthly Community” — Kernrede, Juni 2024, University Aula Bergen. Fasst sein philosophisches Projekt zusammen: Von afrikanischen Kosmogonien zu einer neuen Planetarethik. 45 Min, hochkonzentriert.
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The 2024 Holberg Conversation: Achille Mbembe — Dialog-Format, tiefergehende Fragen zur Gegenwart, Kolonialismus und Dekolonisierung
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The Holberg Masterclass: “Thoughts on the Planetary” — Intensive 90-Min. Seminarsession: Konstruktion des Planetarischen, kosmische vs. erdliche Perspektiven, Fehler bisheriger Universalismen
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The Holberg Symposium: “Democracy under Scrutiny” — Mbembe im Kontext von Demokratietheoretikern; kritische Reflexion auf Demokratie in der Brutalismusphase
Kernthesen
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Necropolitics — Macht über den Tod: Foucaults Biopolitik (Macht über das Leben) ist unzureichend. Moderne Souveränität übt sich nicht nur als Kontrolle des Lebens, sondern als Recht zu entscheiden, wer lebt und wer sterben muss. Mbembe nennt diese Zonen „Deathworlds” — etwa das besetzte Palästina, Flüchtlingslager, Ghettoisierungszonen. Dort wird der Status der „Lebenden Toten” zementiert: biologisch am Leben, aber soziopolitisch als disposabel behandelt.
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Die Postkolonie als Spektral-Raum: Afrika ist nicht eine räumliche oder zeitliche Außenseite des Westens, sondern ein Ort, wo westliche unbewusste Fantasien, Schuld, Ekel und Begierden projizieret werden. Die Postkolonie ist daher auch eine psychische und semiotische Struktur — nicht nur eine Politische. Afrikanische Staaten replizieren nicht das „Import-Modell” Okzident, sondern entwickeln ihre eigene imaginary politics.
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Rassialismus als epistemische Gewalt: Die westliche Kategorie „Neger” / „Black” ist nicht eine Beschreibung, sondern eine Erfindung mit tiefgreifenden epistémologischen Folgen. Sie unterordnet Menschen einer getarnten Rationalität, die ihre Humanität negiert. Dekolonisierung muss auch eine Dekolonisierung der Vernunft selbst sein.
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Planetarische Ethik statt Universalismus: Der klassische westliche Universalismus ist imperialistisch — er zentralisiert Normen, die behaupten, für alle zu gelten, aber tatsächlich nur westliche Partikularen verallgemeinern. Mbembe sucht statt dessen nach einer Erde-Ethik, die von afrikanischen Kosmogonien lernt: Die Erde als lebend, relationales Netzwerk (nicht als Ressource), Ahnen-Gegenwart, Ganzheit ohne Einheit. Das ist sein Verständnis von „The Earthly Community”.
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Brutalismus als gegenwärtige Regime-Form: Der Neoliberalismus hat seine „liberale” Maske fallen gelassen. Die gegenwärtige Herrschaft ist brutal, geometrisch, ent-humanisierend — sichtbar in Grenzbefestigungen, Drohnen, algorithmischen Sortierungen. Sie rationalisiert Gewalt.
Politische Einordnung
Kein einfach „links” oder „rechts” — Mbembe ist Universalist mit postkolonialer Selbstkritik:
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Für: Afrikanische Autonomie, Entkolonialisierung (auch der Gedanken), Transzendenz des Western-Centric, planetare Gerechtigkeit, Ende des CFA-Franc (französische monetäre Kolonialität in Afrika), Ende französischer Militärbasis in Afrika, akademische Freiheit
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Kritisch gegenüber: Westlichem Universalismus, Imperialismus (besonders französischem), zionistischem Siedlerkolonialismus (unterstützt BDS — Boycott, Divestment, Sanctions; Kontroverse 2020: Ruhrtriennale-Rede in Deutschland storniert, weil Bundestagsbeschluss BDS als „antisemitisch” einstuft; Mbembe konterte, dass Deutschland sich damit in kolonialen Diskurs verstrickt)
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Ökologie: Menschliche Überlegenheit über andere Arten ist keine afrikanische Tradition — westlich konstruierte Episteme; lösen wir das Problem durch Rückkehr zu afrikanischen Archiven und relationalen Cosmologies
Spektrum: Links-progressiv, emanzipativ, post-westlich. Aber nicht dogmatisch marxistisch — eher eine Synthese aus Fanon, Arendt, Foucault, afrikanischen Überlieferungen.
Verbindungen zu anderen Denkern
(wird von Montaigne befüllt)
Gedankenwelten-Notes
Weiterdenken
Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
- Wenn die „Erde-Ethik” tatsächlich eine Alternative zum westlichen Universalismus darstellt — heißt das, dass wir uns auch von Konzepten wie Menschenrechten, Demokratie und Aufklärung verabschieden müssen, oder können diese dekolonisiert werden?
- Mbembe spricht von afrikanischen Kosmogonien als Quelle einer neuen Ethik — aber welche? Es gibt mindestens hundert verschiedene afrikanische Kosmologien. Wie entgeht er dem Risiko, selbst eine romantische oder essentialistische Afrika zu konstruieren?
- Die Kategorie „Neger” wurde als epistemische Gewalt erfunden — aber bedeutet ihre Überwindung, dass wir sie vergessen, oder dass wir sie kritisch dekonstruieren und dabei präsent halten, um die Tiefe ihrer Wirkung sichtbar zu machen?
- Ist die gegenwärtige Brutalität des Neoliberalismus ein Scheitern der liberalen Verheißung, oder ihre konsequente Logik?












