Quelle: The Holberg Lecture — “The Earthly Community”

Wer spricht?

Achille Mbembe (1957, Kamerun) — Einer der bedeutendsten afrikanischen Philosophen der Gegenwart. Research Professor für Geschichte und Politik am Wits Institute for Social and Economic Research (WISER), Universität Witwatersrand, Johannesburg. Holberg-Preisträger 2024 — der höchstdotierte Preis der Geistes- und Sozialwissenschaften weltweit.

Aufgewachsen in Kamerun, promoviert in Geschichte an der Sorbonne, seit 2001 in Südafrika tätig. Sein intellektueller Weg führt von der Analyse postkolonialer Staatsmacht (On the Postcolony, 2001) über Rassismus und Kapitalismus (Critique of Black Reason, 2017) zum Begriff der Nekropolitik (Necropolitics, 2019) und schließlich zu seiner Vision einer planetaren Erdgemeinschaft (The Earthly Community, 2022).

Wichtigste Werke: On the Postcolony (2001), Critique of Black Reason (2017), Necropolitics (2019), Brutalism (2024), The Earthly Community (2022) Kernkonzepte: Nekropolitik, Kritik der Schwarzen Vernunft, Ubuntu, Planetare Gemeinschaft

DenkerVita


Drei lebenslange Fragen

▶ 11:41

Mbembe beginnt seine Holberg-Lecture nicht mit einem akademischen Exposé, sondern mit einem Geständnis: Drei Jahrzehnte Schreiben liegen hinter ihm, und erst jetzt, im Rückblick, erkennt er den roten Faden. Alles, was er je geschrieben hat — über postkoloniale Staatsformen, rassistische Gewalt, Klimakrise — war letztlich von drei Fragen getrieben:

„The future is all I truly ever cared about — the futures of Life, the futures of reason, and the futures of the Earth.”

Diese Trias ist kein akademisches Programm, sondern ein existenzielles Bekenntnis. Mbembe hat diese Fragen nicht in einer westlichen Philosophiebibliothek entwickelt, sondern trägt sie aus seiner Kindheit in Kamerun mit sich. Eben dieser biografische Ausgangspunkt macht seinen Denkweg unverwechselbar — und die Holberg-Lecture zu einer Art philosophischem Rechenschaftsbericht.

Weitergedacht

Wenn “Zukunft” das eigentliche Lebensthema war — warum braucht es drei Jahrzehnte Rückblick, um das zu erkennen? Was verbirgt sich dahinter: bewusstes Nicht-Wissen, oder die Unmöglichkeit, das eigene Zentrum direkt zu sehen?


Das kamerunische Erbe: Sein-mit-anderen geht voran

▶ 13:12

Mbembe schildert, womit er in Kamerun aufwuchs: einem Weltbild, in dem menschliche Einzigartigkeit nicht das Fundament war. Was im Westen als philosophisches Grundproblem gilt — das Selbst, das Individuum, das Cogito — war dort schlicht nicht der Ausgangspunkt:

„Simply taken for granted that each living being came into being through its relations with its environment and the creatures with whom it shared that environment. To put it succinctly: being with others preceded being in and of itself.”

Das ist eine fundamentale Abweichung von Descartes und der gesamten westlichen Subjektphilosophie. Während dort das Subjekt sich selbst konstituiert und dann die Welt zu erkennen versucht, war in den Gemeinschaften seiner Kindheit das Mit-Sein die primäre Tatsache — nicht das Ich, sondern die Verflechtung.

▶ 17:04 Eine weitergehende Konsequenz: Der Begriff “Identität” im modernen westlichen Sinne spielte in diesen Traditionen keine Rolle. Stattdessen ging es um Singularität — darum, einen Menschen als einzigartiges Wesen in einem Netz von Beziehungen zu erkennen, zu stärken und zu aktivieren. Das ist kein Kollektivismus, sondern etwas Drittes: eine Ontologie der Verflechtung.

Noch radikaler: Ein “vollständiger Mensch” (full person) war jemand, der wusste, wie er disparate Materialien und Entitäten zusammenfügen konnte — Pflanzen, Geister, Objekte, andere Menschen. Nicht Autonomie, sondern die Fähigkeit zur Assemblage war das Leitbild. Mbembe bezeichnet das als “activation by assemblage” — eine Praxis, die er später als Schlüssel für eine zeitgemäße Erdphilosophie reaktivieren wird.

Weitergedacht

Könnte diese afrikanische Ontologie der Verflechtung helfen, aktuelle KI-Debatten neu zu rahmen? Wenn das Modell der vernetzten Assemblage besser beschreibt, wie Intelligenz entsteht, als das isolierte Subjekt — wofür genau brauchen wir dann noch das westliche Subjektkonzept?


Südafrika als intellektuelles Labor

▶ 25:51

2001 kommt Mbembe nach Südafrika — mitten in eine Gesellschaft, die gerade versucht, etwas historisch Einmaliges: den Übergang von systematischer Rassenherrschaft zu einer humanen Demokratie. Das post-apartheid Südafrika war für ihn ein Experiment in “kritischem Humanismus” — ein Begriff, den er von Paul Gilroy übernimmt. Nicht die Wiederherstellung eines vorkolonialen Zustands, sondern die Rekonstruktion des Menschlichen unter den Bedingungen von Jahrhunderten der Zerstörung.

Das Herzstück dieses Experiments war das Ubuntu-Prinzip, das die südafrikanische Verfassung fundierte:

„Freedom was indivisible. There couldn’t be freedom for whites separate from freedom for blacks. For freedom to be absolute, as Archbishop Desmond Tutu writes, it had to be shared as equally as possible among the nation.”

▶ 30:26 Und dann die bittere Bilanz: “Today this seems so long ago.” Die Apartheid hat Südafrika überlebt — nicht als offizielles System, aber als strukturelle Wirklichkeit. Vermögensverteilung, Raumordnung, Zugang zu Ressourcen: all das ist geblieben. Das Experiment des kritischen Humanismus ist vorerst gescheitert — und aus diesem Scheitern destilliert Mbembe die Frage: Was ist tiefer angelegt als politischer Wille? Was erzwingt Rassismus auch nach seiner formalen Abschaffung? Die Antwort, die er sucht, führt zum Kapitalismus.


Kritik der Schwarzen Vernunft: Kapitalismus als einzige Religion ohne Tabus

▶ 31:11

“Critique of Black Reason” ist Mbembes einflussreichstes Werk — und es behandelt nicht primär Südafrika, sondern die strukturelle Logik des Kapitalismus im Verhältnis zur Rasse. Die Kernthese: Kapitalismus ist nicht nur ein Wirtschaftssystem, sondern eine Praxis der Klassifizierung des Menschlichen:

„Capitalism is the only religion without taboos humans have ever invented.”

Ein grundlegendes Tabu, das der Kapitalismus bricht: die Idee, dass Menschen keine Dinge sind — dass Personalität die Antithese von Verdinglichung ist. Historisch wurde dieses Tabu zuerst gegenüber versklavten Afrikanern gebrochen, dann gegenüber kolonisierten Völkern. Mbembes Begriff für das Ergebnis ist “Abfall” (waste): Bevölkerungen, die der Marktmechanismus als unproduktiv klassifiziert und als töt-bar markiert.

▶ 34:16 Diese Dialektik von Unentbehrlichkeit und Entbehrlichkeit (indispensability and expendability) ist das Grundmuster des rassifizierten Kapitalismus. Besonders in Afrika: extractive enclaves, Raubbau-Akkumulation, Lohnarbeit als unerreichbares Ideal. Und zunehmend digital: Algorithmen und Big Data, die dasselbe Sortierprinzip auf globale Bevölkerungen anwenden — wer ist produktiv, wer ist Abfall? Die Logik ist alt, die Infrastruktur ist neu.


Nekropolitik: Wer darf sterben?

▶ 37:20

Das Konzept der Nekropolitik — Mbembes bekanntester Beitrag zur politischen Philosophie — entstand nach 9/11, im Kontext von Debatten über Souveränität und den “War on Terror”. Mbembe sah, wie das Politische zur Kriegsform wurde: nicht mehr Verwaltung des Lebens (Foucaults Biopolitik), sondern Verwaltung des Todes. Er radikalisiert Foucaults Frage “Wer darf leben?” zur Frage “Wer muss sterben?“.

Entscheidend ist Mbembes historische Herleitung: Diese nekropolitische Souveränität ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Sie wurde in kolonialen Kriegen erprobt, in der atlantischen Sklaverei perfektioniert, in Apartheid-Südafrika institutionalisiert. Das “War on Terror” ist für Mbembe kein Ausnahmezustand, sondern die Rückkehr dieser Techniken ins Zentrum der Weltpolitik.

▶ 42:42 Die eindringlichste Passage des Vortrags: Mbembe zieht eine direkte Linie von Frantz Fanons Topos des “Nicht-atmen-Könnens” zu George Floyd. Fanon analysierte koloniale Unterdrückung als systematische Entnahme des Atemraums — nicht als Metapher, sondern als physische Realität. Diese Kontinuität ist für Mbembe kein Zufall:

„One of the last words they were called upon to utter was: I cannot breathe.”

Im Vortrag (2024) verweist er auf die Zerstörung von Städten durch weißen Phosphor und Uranmunition, auf toxischen Staub, der den Boden sättigt. Mbembe nennt keine Namen — aber der Zeitpunkt (2024, ein Jahr nach dem Beginn des Gaza-Krieges) macht den Kontext unmissverständlich. Nekropolitik ist kein Konzept der Vergangenheit.

Weitergedacht

Wenn Nekropolitik ursprünglich als Analyse kolonialer Kontexte entstand — wie erklärt Mbembe, dass westliche Demokratien, die sich historisch als Anti-Apartheid-Kräfte definierten, dieselben Techniken anwenden? Ist das Heuchelei, strukturelle Logik — oder war die Anti-Apartheid-Rhetorik immer selektiv?


Das Zeitalter der Artefakte: KI als neues Schicksal

▶ 48:51

Mbembe schlägt einen unerwarteten Bogen von Nekropolitik zur Künstlichen Intelligenz. Wir leben in einer Zeit des “integralen Techno-Positivismus”: Materie, Leben und Erde werden als berechenbare Objekte behandelt. Algorithmen und Big Data sind nicht neutral — sie sind eingebettet in dieselbe Marktlogik, die Menschen zu Abfall sortiert. Nun wird diese Logik auf das Planetare ausgedehnt.

Die tiefere Konsequenz: Wir stehen vor einem “fast definitiven Triumph der Artefakte” — wir lagern die Kernfunktionen der Vernunft an Informationsmaschinen aus:

„We are about to outsource to information machines and technologies of calculation the bulk of the faculties reason was supposed to care for.”

Das ist kein dystopisches Raunen, sondern eine präzise Diagnose. Mbembe verbindet sie mit seiner afrikanischen Ausgangsperspektive: Schon in der Tradition seiner Kindheit hatten Objekte Handlungsmacht — sie waren “Fragmente des Denkens”. Aber die entscheidende Frage war immer: Wessen Denken? Welcher Gemeinschaft dienen diese Artefakte? Die gegenwärtige KI beantwortet diese Frage ohne Beteiligung derer, die am meisten von ihr betroffen sein werden.


Afrikas Archiv als planetare Ressource

▶ 51:57

Der Schlussakkord der Lecture ist der mutigste Teil. Mbembe schlägt vor, dass Afrika — „in seiner Vielgestaltigkeit, in seinem kontinentalen und diasporischen Archiv” — eines der Archive ist, zu dem wir zurückkehren müssen, um die planetaren Herausforderungen zu bestehen. Das “Zeitalter Europas” nähert sich seinem Ende; die Fragen, die uns bleiben, sind zu groß für eine einzige Bibliothek.

Er betont ausdrücklich, was er nicht meint — und diese Abgrenzung ist philosophisch präzise:

„I’m not advocating a return to any putative authenticity which in any case does not exist.”

Kein Ruf nach indigener Epistemologie, kein nativistischer Rückzug. Was er meint, ist subtiler: Afrikanische Traditionen haben über Jahrtausende Wissensformen entwickelt, die eine andere Ontologie kodieren als die westliche. Eine Ontologie, in der Menschlichkeit nicht von anderen Wesen getrennt ist, in der Materie nicht inert ist, in der das Irdische nicht das Überwundene, sondern das Konstitutive ist.

▶ 58:10 Die Objekte afrikanischer Kunst und Zeremonie sind für Mbembe keine dekorativen Artefakte, sondern “fragments of thought” — sie kodieren eine Erkenntnistheorie, die den Menschen als Erdbewohner begreift, nicht als Beherrscher der Erde.

▶ 59:44 Daraus folgt die letzte, utopische These: Die Klimakrise zwingt uns, die Erde als gemeinsamen Ort ernst zu nehmen. Das afrikanische Archiv hilft uns zu sehen, dass demokratische Zukunft und Erdzukunft untrennbar sind. Mbembes Vision:

„A democracy to come, whose name we still have to invent, which maybe for the first time in the very history of democracy will be delinked from the tragic histories of necropolitics.”

Das ist kein Reformprogramm — es ist eine Erfindungsaufgabe.


Faktencheck

Bestätigt — Holberg Prize 2024

Achille Mbembe ist der Holberg-Preisträger 2024. Quelle: Holberg Prize Website

Bestätigt — "I cannot breathe"

George Floyd sprach diese Worte am 25. Mai 2020 während seiner Festnahme in Minneapolis. Der Zusammenhang mit Fanons Analyse des Erstickens als koloniale Unterdrückungstechnik ist in der postkolonialen Theorie ausführlich dokumentiert. Quelle: The Guardian: George Floyd’s last words

Bestätigt — Ubuntu-Prinzip in der südafrikanischen Verfassung

Das Ubuntu-Prinzip (“Umuntu ngumuntu ngabantu” — ein Mensch ist ein Mensch durch andere Menschen) ist philosophisches Fundament der post-apartheid Verfassung und wurde im Urteil S v Makwanyane (1995) des Verfassungsgerichts ausdrücklich verankert. Quelle: Constitutional Court South Africa

Vereinfacht — "Kapitalismus als einzige Religion ohne Tabus"

Eine produktive Provokation, keine historische Tatsache. Andere Wirtschaftssysteme (Sklavenhaltergesellschaften, Feudalismus) brachen ebenfalls fundamentale moralische Normen gegenüber bestimmten Gruppen. Mbembes These trifft auf den modernen Kapitalismus zu, der als universelles System auftritt und gerade deshalb keine Außenperspektive kennt — aber die Absolutheit der Formulierung ist rhetorisch zugespitzt. Keine unabhängige Quelle gefunden.


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

  • Achille Mbembe: The Earthly Community (Duke University Press, 2022) — Genialokal
  • Achille Mbembe: La communauté terrestre (La Découverte, Paris, 2023) — französisches Original

Im Vortrag zitierte Werke und Denker:

  • Frantz Fanon — The Wretched of the Earth / Peau noire, masques blancs: Topos des Nicht-Atmen-Könnens als koloniale Unterdrückungstechnik
  • Paul Gilroy — “Critical Humanism” — Begriffsgeber für das post-apartheid Projekt
  • Desmond Tutu — No Future Without Forgiveness (1999): Ubuntu und die Unteilbarkeit von Freiheit — Genialokal
  • André Leroi-Gourhan (fr. Paläontologe) — Mbembe zitiert seinen Begriff der “Sprache/des Logos” als das, was durch Artefakte übernommen wird
  • Édouard Glissant — “Archives of the World at Large”: das Konzept der planetaren Bibliothek

Verbindungen

Jok Madut Jok — Elitenpakt ist kein Frieden

Joks Befund — Bombardierung der Nuer, Hunger als Ruhigstellung, ein Staat, der einen Teil seines Volkes abschreibt — ist Mbembes Nekropolitik im Konkreten; sein „Sind wir die Hüter unseres Bruders?” fordert genau das being with others ein, das Mbembe dem Sein voranstellt.

Liya Yu — Neuropolitik und die Grenzen der Moral

Beide analysieren den Mechanismus, durch den Menschen zu “töt-baren” oder aus der Moral ausgegrenzten Wesen werden — aber auf radikal verschiedenen Ebenen. Yu erklärt neurobiologisch, wie der präfrontale Kortex abschaltet und Dehumanisierung zur kognitiven Routine wird. Mbembe zeigt, dass dieselbe Dehumanisierung keine individuelle Fehlfunktion ist, sondern eine historisch gewachsene politische Infrastruktur — erprobt in Kolonialkriegen, perfektioniert in der atlantischen Sklaverei. Yus Neuropolitik liefert den Mechanismus, Mbembes Nekropolitik die Architektur: Beide brauchen einander, um das vollständige Bild zu erklären.

Anna-Verena Nosthoff — Kybernetik und die Macht der Tech-Eliten (scobel)

Nosthoff zeigt, wie kybernetische Steuerungslogik — Gesellschaft als optimierbares Feedback-System — in Silicon-Valley-Ideologie umgebaut wurde. Mbembe liefert die historische Tiefendimension: Die algorithmische Sortierung von Menschen in “produktiv” und “Abfall/waste” ist keine digitale Erfindung, sondern die Neuauflage der kolonialen Marktlogik, die versklavte Afrikaner zuerst als zurechenbare, dann als entbehrliche Waren klassifizierte. Beide fragen, wem die Artefakte der Vernunft dienen — und beide diagnostizieren eine Verschiebung von Souveränität weg von demokratischer Kontrolle.

Andreas Kemper — Faschismen im 21. Jahrhundert

Kempers Faschismus-Typen (völkisch, klerikalistisch, technofaschistisch) und Mbembes Nekropolitik konvergieren in einer zentralen Erkenntnis: Die politischen Techniken des 20. und 21. Jahrhunderts sind keine Anomalien, sondern Importe. Mbembe zeigt, dass Konzentrationslager, Ausnahmezustand und Bevölkerungsvernichtung zuerst in den Kolonien erprobt wurden, bevor sie nach Europa zurückkehrten — das ist Arendts “Boomerang-These” in konsequenter Ausarbeitung.

Nosthoff — Kybernetik und Tech-Eliten

Verbindung bereits oben beschrieben.

Isabell Lorey

Lorey und Mbembe gehen beide von Foucaults Biopolitik aus, schärfen sie aber in entgegengesetzte Richtungen. Lorey betont die Seite der Immunisierung: Wer wird durch gouvernementale Prekarisierung “geschützt” — und damit normiert? Mbembe betont die Seite der Tötbarkeit: Wessen Tod wird zur Bedingung des Schutzes der anderen? Zusammen bilden sie eine vollständige Karte der biopolitischen Sortierung: Prekarisierung ist die weiche Kontinuumsvariante dessen, was Mbembe als Nekropolitik beschreibt — der Unterschied ist graduell, nicht kategorial.


rp26 — KIs unsichtbare Arbeitskraefte

Die Visumsverweigering für Ephantus Kanyugi ist bei Mbembe strukturell lesbar: Deine Arbeit gehört uns — deine Stimme nicht. KI-Systeme lernen auf Kosten von Millionen Menschen aus dem Globalen Süden; ihre politische Teilhabe bleibt ausgesperrt. Colonialism with digital characteristics.


Silvia Rivera Cusicanqui — Dekolonisierung und lo Chixi

Cusicanqui teilt Mbembes Diagnose, dass Kolonialität alle erfasst, nicht nur die Kolonisierten — aber wo Mbembe eine planetarische Gemeinschaft des Lebendigen entwirft, misstraut sie jeder großen Synthese und setzt auf die kleine, temporäre Neocomunidad jenseits von Markt und Staat. Universalismus des Planeten gegen Universalismus von unten — dieselbe Wunde, zwei Maßstäbe der Heilung.

Tsitsi Dangarembga - Feministische Stimme Afrikas

Zwei afrikanische postkoloniale Stimmen mit Ubuntu als Zentralbegriff und dem Kolonialismus als fortlebender Infrastruktur — aber wie Entwurf zu Übung: Mbembe denkt die planetare Gemeinschaft als Vision, Dangarembga verweigert die Utopie („Ich glaube nicht an Utopien”) und setzt auf die Praxis des Wohlseins im Hier und Jetzt.

Das unsichtbare Netzwerk — Ubuntu

Eine Gedanken-Note über dasselbe Wort, eine Nummer kleiner gedacht: Wo Mbembe Ubuntu planetar entwirft, bleibt sie beim Blick auf die eine Person im Zimmer nebenan — und bei der Frage, wann das schöne Wort zur Waffe wird.

Felwine Sarr — Gehört Afrika die Zukunft?

Der Weggefährte: Sarr ist Mbembes Mitgründer der Ateliers de la Pensée in Dakar, beide denken vom selben Fundament aus. Wo Mbembe die Utopie zur planetaren Erdgemeinschaft weitet, entwirft Sarr sie kontinental — Afrotopia, Ubuntu, Wohlsein — dieselbe Bewegung vom Objekt zum Subjekt.

Ngugi wa Thiongo — Decolonizing the American University

Ngũgĩ trägt Mbembes Kernthese als Yale-Vorlesung vor: Kapitalismus und Rassismus „voneinander geboren”, belegt mit Smith, Marx und Eric Williams. Sein „großes Zelt”, unter dem Sprachen via Übersetzung gleichberechtigt sprechen, ist die sprachpolitische Fassung von Mbembes planetarer Erdgemeinschaft.


Vandana Shiva — Erd-Demokratie und die Freiheit des Saatguts

Shivas Earth Democracy verlängert Mbembes Earthly Community ins Konkrete — das Saatkorn als kleinster Ort, an dem sich Zugehörigkeit statt Besitz entscheidet; die extraktive Vernunft reicht bei ihr bis in die Zelle.

Akala — Die verlorenen Seiten der Menschheitsgeschichte

Akalas Fallstudie zur Hamiten-Theorie zeigt konkret, wie die Fabrikation „Rasse” hergestellt wurde, die Mbembe philosophisch seziert: nicht Irrtum, sondern Auftragsarbeit einer Ökonomie. Akalas menschenzentrierte Weltgeschichte und Mbembes Erdgemeinschaft sind zwei Wege aus derselben Wunde.

Isabel Wilkerson — Race Caste and Social Justice

Wilkersons „Rasse ist die brillante Ablenkung” und Mbembes Auflösung der Rassengrenzen greifen ineinander: Rasse als junge, gemachte Kategorie. Mbembe setzt fort, wo Wilkerson endet — nach der Diagnose der Teilung die Frage der Reparatur, des „being with others”.

Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte

  • Wenn das Sein-mit-anderen dem Sein-für-sich vorausgeht — was rechtfertigt dann noch die Idee individueller Menschenrechte? Brauchen sie ein neues Fundament — oder war das alte immer schon eine regionale Setzung?
  • Mbembe ruft zur Rückkehr zu Afrikas Archiv auf — aber wer entscheidet, welche Inhalte aus diesem Archiv für die planetare Gemeinschaft “nützlich” sind? Ist das nicht eine neue Form kultureller Aneignung, jetzt von der Klimabewegung statt von Kolonisatoren?
  • “Capitalism is the only religion without taboos” — gilt das noch, wenn Kapitalismus von KI administriert wird? Wird die Religion damit effizienter — oder wandelt sie sich in etwas ohne Präzedenz?
  • Mbembe fordert eine Demokratie “delinked from necropolitics” — aber kann eine Demokratie, die auf Nationalstaaten basiert, das leisten? Ist der Nationalstaat selbst eine nekropolitische Erfindung?
  • Welche lebendige politische Bewegung heute trägt Mbembes Projekt weiter — oder arbeitet jede etablierte Kraft strukturell gegen es?